AfD-Chef Chrupalla: Taktische Fehler kosten ihn Macht
Auf einen Blick
- AfD-Chef Tino Chrupalla verliert nach einem schwachen Ergebnis auf dem Parteitag an Macht.
- Ihm werden taktische Fehler vorgeworfen, die seine Position im Machtkampf mit Alice Weidel schwächen.
KI-generierte Zusammenfassung
Warum es wichtig ist
Tino Chrupalla, Malermeister und AfD-Chef, steht wegen taktischer Fehler im Machtkampf mit Alice Weidel unter Druck. Sein Wahlergebnis auf dem Parteitag war schlechter als erwartet.
Tino Chrupalla ist Malermeister. Das ist nicht nur sein Beruf, sondern auch sein Alleinstellungsmerkmal in der deutschen Spitzenpolitik. Es signalisiert Bodenständigkeit, einen Wesenszug, der Bürgern heute bei Politikern fehlt. Vielen erscheint Chrupallas Partei, die AfD, auch deshalb attraktiv, weil jemand wie er sie führt. So passte es, dass Chrupalla die Hauptstadtpresse am Dienstag nicht in einem hochglänzenden Sitzungssaal, sondern in einem Berliner Wirtshaus empfing, an der holzgetäfelten Wand hinter sich Hirschgeweihe, auf dem Tisch vor sich ein Jausenbrett und ein Buch. Seine Biographie: „Handwerk – Meister – Politik“.
Chrupalla habe die AfD von der Professoren- zur Volkspartei gemacht, pries der Publizist Max Otte (Selbstbeschreibung: „20 Bücher, 14 Bestseller“) den Autor an. Otte war früher Vorsitzender der Werteunion und 2022 parteiloser Kandidat der AfD für das Amt des Bundespräsidenten. Chrupalla selbst betonte, dass er sein Buch auch als „Lobbyarbeit für das Handwerk“ verstehe, es könne jungen Leuten zeigen, dass nicht allein akademische Bildung einen weit bringe. Ohne diese werde man heute ein „Stück weit belacht“.
Er selbst kann es bezeugen: ungeschickte Formulierungen in Talkshows, Anzüge, die von Herrenausstattern öffentlichkeitswirksam als provinziell beschrieben wurden, der ambivalente Spitzname „Pinsel“, den auch manche in der AfD für ihn verwenden. Trotzdem – und deswegen – hat Chrupalla es zum Vorsitzenden der Partei gebracht, die bundesweit in den Umfragen führt.
Agiert Chrupalla taktisch ungeschickt?
Allerdings muss Chrupalla um seine Macht kämpfen. Das zeigte der AfD-Parteitag am Wochenende. Der Sachse wurde zwar ohne Gegenkandidaten abermals zum Parteichef gewählt; in dem Amt hält er sich seit nun bald sieben Jahren, was eine lange Zeit ist, insbesondere angesichts der turbulenten Entwicklung der AfD. Doch sein Ergebnis – gerade 70 Prozent – war schlecht. Zwei Jahre zuvor hatte er noch 82 Prozent geholt.
Seine Ko-Chefin Alice Weidel, die damals knapp hinter ihm gelegen hatte, zog nun an ihm vorbei. Sie schnitt mehr als zehn Prozentpunkte besser ab als er. In der Partei kursiert vor allem eine Erklärung dafür: Chrupalla agiere immer wieder taktisch ungeschickt. Vier Fälle werden als Beispiele genannt.
Erstens hatte Chrupalla auf dem Parteitag Höcke attackiert. In seiner Rede hatte er auf dessen Aussage angespielt, dass Westdeutsche im Prinzip „deutschsprechende Amerikaner“ seien. Chrupalla hielt dem auf der Bühne entgegen, der Westdeutsche sei genauso ein Deutscher wie der Ostdeutsche. Die AfD stehe für eine „gesamtdeutsche Politik“ jenseits von Spaltung. Da stimmten ihm zwar viele zu; manche von denen, die sich über Höckes Aussage geärgert hatten, ärgerten sich jetzt aber darüber, dass Chrupalla offen widersprach, statt so zu tun, als hätte er nichts gehört. Das hätten viele loyal gefunden.
Ein Bruch mit der Wagenburgmentalität
Zweitens wird Chrupalla ein Auftritt bei Funktionären des NRW-Landesverbandes vorgehalten, bei dem er sich zusammen mit seinem Parteifreund Klaus Esser zeigte, dem die Fälschung seines Lebenslaufs vorgeworfen wird. Dieser bestreitet das. Manche legen Chrupalla den Auftritt als Versuch aus, sich in NRW auf Kosten von Weidel einen Vorteil zu verschaffen. Auf dem Erfurter Parteitag wurde Chrupalla von einer Delegierten abermals kritisch auf das Thema angesprochen. Er argumentierte, der Landesvorsitzende habe ihn eingeladen, also sei er gekommen.
Drittens halten manche dem AfD-Chef vor, den eigenen Leuten in den Rücken gefallen zu sein. Bei einem „Friedensfest“ genannten Wahlkampfauftritt auf Rügen unterstützte er den parteilosen Bürgermeister von Hiddensee – obwohl es auch einen AfD-Kandidaten gab. Der Landesvorstand warf daraufhin Chrupalla per Brief „bewusste Ignoranz“ vor. Die beiden Landesvorsitzenden, darunter der Spitzenkandidat zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, gingen zwar auf Distanz zu dem Schreiben, waren offenbar nicht eingebunden gewesen. Aber dass sie Chrupallas Auftritt unglücklich fanden, ließen sie gegenüber dem NDR schon durchblicken.
Und dann ist da noch, viertens, die Sache mit der Verwandtenaffäre der AfD. Chrupalla hatte sich dazu in einer ARD-Talkshow kritisch geäußert. „Es ist möglich und damit nicht rechtswidrig“, hatte er in Bezug auf Fälle in Sachsen-Anhalt gesagt. „Aber ja, ich sage Ihnen ganz ehrlich: Ich finde es trotzdem schwierig.“ Das hatten die Parteifreunde dort gar nicht gern gehört. In der AfD ist eine Wagenburgmentalität weit verbreitet. Wir gegen alle anderen, ist das Motto. Was dann hinter den Kulissen passiert, ist noch mal etwas anderes. Aber wer öffentlich AfD-Kollegen kritisiert, steht schon mindestens im Anfangsverdacht, ein Verräter zu sein.
Die einzelnen Fälle könnte man als Kleinigkeiten abtun; in der Summe aber lassen sie sich gegen Chrupalla verwenden. Zumal er sich in einem Machtkampf mit Alice Weidel befindet. Öffentlich loben beide einander immer wieder als verlässliche Partner. Aber in der Partei werden die Rufe nach einer Einzelspitze lauter. Und Weidel gilt als strahlkräftiger, auch aggressiver, was in der AfD mit Durchsetzungsstärke verbunden wird. Chrupalla seinerseits will nicht klein beigeben. Zugleich versucht Höcke, seinen Einfluss auszubauen. Weidel hat mit ihm einen Arbeitsmodus gefunden. Chrupallas Rolle in dem Dreieck ist derzeit die schwächste.
Ein Grund dafür, der von AfD-Leuten seltener benannt wird, ist die Veränderung der Partei. Hin zu mehr Professionalität, mehr Macht. In Erfurt war zu besichtigen, wie routiniert die Delegierten das Programm abarbeiteten. Das warf eine Frage auf: Braucht eine Funktionärspartei, die dauernd von Regieren spricht, noch einen Malermeister, der sich etwas auf seine Bodenständigkeit zugutehält? Die Antwort derzeit ist: ja. Offen bleibt, wie lange noch.
Worauf zu achten ist
KI-Ausblick — Möglichkeiten, keine Fakten
Chrupalla könnte seine Position als Parteichef verlieren.
Möglich · Innerhalb von Monaten
Offene Fragen
- Wie lange kann sich Chrupalla noch halten?
- Wird die AfD eine Einzelspitze bekommen?
- Wie wird sich die Partei weiter professionalisieren?


