Angehörige fordern Aufklärung zehn Jahre nach dem OEZ-Anschlag in München
Auf einen Blick
- Zehn Jahre nach dem rassistischen Anschlag am Münchner Olympia-Einkaufszentrum demonstrieren Angehörige der neun Todesopfer am Gärtnerplatz.
- Sie fordern einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss, Transparenz bei den Ermittlungen und die Umwandlung des Tatorts in einen Gedenkort, da viele Fragen ungeklärt bleiben.
KI-generierte Zusammenfassung
Warum es wichtig ist
Zehn Jahre nach dem rassistischen Anschlag am Münchner Olympia-Einkaufszentrum (OEZ), bei dem neun Menschen getötet wurden, demonstrieren die Angehörigen der Opfer. Sie kritisieren die mangelnde Aufklärung und Transparenz der Behörden und fordern einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss.
Angehörige der neun damals getöteten Menschen tragen ihre Fragen am Sonntag symbolisch zum Landtag. Etwa 1000 Personen, schätzt die Polizei, nehmen teil. Was am Gärtnerplatz beginnt, ist kein leises Gedenken, es ist eine wütende Demonstration. Kommenden Mittwoch jährt sich der Anschlag zum zehnten Mal. Am frühen Abend des 22. Juli 2016 tötete ein 18-jähriger Attentäter aus rassistischen Motiven acht jugendliche Menschen und eine erwachsene Frau, alle mit Migrationsgeschichte. Sie heißen Armela Segashi, Can Leyla, Dijamant Zabërgja, Guiliano Kollmann, Hüseyin Dayıcık, Roberto Rafael, Sabine S., Selçuk Kılıç und Sevda Dağ.
„Auch zehn Jahre danach sind noch viele Wunden nicht verheilt und viele Fragen ungeklärt“, heißt es im Aufruf zur Demo, veranstaltet von der Initiative „München OEZ erinnern“ der Angehörigen.
Am Abend des 22. Juli 2016 geriet die ganze Stadt in einen Ausnahmezustand, weil stundenlang weitere Attentate befürchtet wurden und der Polizei Dutzende sogenannte Phantomtatorte gemeldet wurden. Im kollektiven Gedächtnis der Stadt, schreibt die OEZ-Initiative, sei der Abend mit einem großen Aufatmen verbunden, „da der Ausnahmezustand überwunden war. Dieser begann für die Betroffenen jedoch erst.“
Und er dauert an. Das hört und spürt man, wenn man Angehörigen am Sonntagnachmittag zuhört, wenn sie zur Versammlung sprechen. Yasemin Kılıç, Mutter von Selçuk, sagt über den Tag, der für die Öffentlichkeit zu einem historischen Datum geworden sei: „Jeden einzelnen Tag durchlebe ich diesen Schmerz aufs Neue.“ Sie wolle eine „fundamentale Anklage“ erheben, sagt sie auf der Bühne vor dem Gärtnerplatztheater: „Eine Anklage gegen die Gleichgültigkeit, gegen das Vertuschen und gegen ein System, das sich bis heute weigert, die volle Wahrheit ans Licht zu bringen.“
„Bis heute werden Akten unter Verschluss gehalten“
Es gibt lauten Applaus, als sie sagt: „Bis heute blockieren Behörden die Transparenz. Bis heute werden Akten unter Verschluss gehalten. Wenn Ermittlungsbehörden zur Blackbox werden, verliert der Rechtsstaat seine Glaubwürdigkeit!“ Sie kritisiert die Arbeit der Polizei. Diese habe ihnen, den Eltern, die ganze Nacht des Attentats hindurch versichert, dass Selçuk weder tot noch verletzt sei. Deshalb hätten sie ihn stundenlang gesucht. Dies sei nicht bloß eine Kommunikationspanne, „für uns war das psychische Folter“.
Die Angehörigen kritisieren, dass die McDonald’s-Filiale, in der mehrere Menschen erschossen wurden, nach einer Renovierung wieder in Betrieb ging. „Wie schmecken Burger und Pommes an einem Tatort?“, fragt Sibel Leyla, Mutter von Can. Die Angehörigen fordern, aus diesem Haus einen Gedenkort zu machen.
Die zentrale politische Forderung ist die nach einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss, um offene Fragen zu klären und mögliche Ermittlungsfehler zu benennen. Yasemin Kılıç spricht die Verantwortlichen direkt an: „Eure betroffenen Gesichter vor den Kameras sind wertlos, solange ihr keine Konsequenzen zieht. Schluss mit den Ausflüchten!“
Besonders schmerzt die Angehörigen noch immer, dass Polizei und Staatsregierung damals schnell von einem Amoklauf sprachen, obwohl es von Anfang an viele Hinweise gegeben habe, dass der Täter aus rassistischen Motiven gehandelt habe. Gut drei Jahre dauerte es, bis die Staatsregierung die Tat als rechtsextrem einstufte. „Warum dauerte das so lange?“ Eine der Fragen zum zehnten Jahrestag.
Yasemin Kılıç sagt, sie werde nicht aufzuhören zu fragen und zu kämpfen: „Manche in den Behörden hoffen vielleicht, dass wir nach zehn Jahren müde werden.“ Dem hält sie entgegen: „Unsere Liebe zu unseren Kindern hat kein Verfallsdatum!“ Lauter Applaus auf dem Gärtnerplatz.
Offene Fragen
- Warum dauerte es gut drei Jahre, bis die Staatsregierung die Tat als rechtsextrem einstufte?
- Warum werden Akten zu den Ermittlungen bis heute unter Verschluss gehalten?
- Warum gab die Polizei den Eltern von Selçuk Kılıç stundenlang falsche Informationen über seinen Zustand?






