Auf der Schautafel des Kreml: Die Ächtung der Intellektuellen in Russland
Eine ehemalige Museumsleiterin entdeckt ihr Foto auf einer Website des russischen Justizministeriums – und beschreibt das System aus Zensur, stalinistischer Rhetorik und Auslöschung im heutigen Russland.
Auf einen Blick
Die ehemalige Kuratorin des Brodsky-Museums beschreibt, wie sie als „Einflussagentin“ auf einer Website des russischen Justizministeriums gelandet ist, und analysiert die stalinistische Rhetorik sowie die radikale Auslöschung oppositioneller Kulturschaffender im modernen Russland.
KI-generierte Zusammenfassung
Warum es wichtig ist
Das russische Justizministerium führt Online-Infotafeln zur angeblichen Bedrohung der Souveränität durch westliche Einflüsse. Emigranten und Regimekritiker werden systematisch sanktioniert und aus der Öffentlichkeit getilgt.
Kürzlich entdeckte ich ein Foto von mir auf der Website des russischen Justizministeriums. Es ist Teil der Online-Infotafel „Schutz der Souveränität des russischen Staates: Geschichte und Gegenwart“, eines Projektes, das mittels historischer Erklärungen, Foto- und Videomaterial belegen soll, dass Russlands Staatlichkeit stets durch die Heimtücke des Westens bedroht war. Wobei dieser Westen gern durch „Einflussagenten“ wie Journalisten, Schriftsteller, Kulturschaffende sowie durch eine „fünfte Kolonne“ agiert, welche Russlands Souveränität ideologisch zu untergraben versucht.
Zu den vom Ministerium als „Einflussagenten“ eingestuften Personen gehören der Leiter der inzwischen geschlossenen „Nowaja Gaseta“ und Friedensnobelpreisträger Dmitri Muratow, die Politologin Jekaterina Schulman, der Filmkritiker Anton Dolin, der orthodoxe Diakon Andrej Kurajew und viele weitere prominente Persönlichkeiten. Ich fühlte mich geschmeichelt, mein Foto in dieser Reihe von „Volksfeinden“ zu sehen.
Das Bild stammt aus dem Archiv der einflussreichen Zeitung „Kommersant“ und entstand in Iossif Brodskys Zimmer in St. Petersburg, aus dem der Dichter und spätere Nobelpreisträger 1972 ins Exil ging. Einige Jahre vor Beginn der Vollinvasion Russlands in die Ukraine wurde ich Hauptkuratorin des Brodsky-Museums, der Gedenkstätte in seiner ehemaligen Wohnung, und führte Besucher durch die Räume. Ich schilderte, wie der KGB den illoyalen Dichter zur Ausreise aus der UdSSR zwang, indem er ihn vor die Wahl stellte: entweder Emigration oder – wie die KGB-Leute es nannten – „heiße Tage“. Das konnte alles bedeuten, von Haft bis Zwangspsychiatrie; der Dichter wählte die Ausreise. In dieses Zimmer und überhaupt nach Russland kehrte er nie zurück.
Es ist vermessen, sich mit berühmten, von der Sowjetmacht verfolgten Künstlern – gar mit einem Nobelpreisträger – zu vergleichen. Doch heute ist es aufschlussreich. Denn zumindest rhetorisch steht die jetzige russische Führung der stalinistischen Ausdrucksweise näher als der „müden“ Sowjetunion der Siebzigerjahre, aus der Brodsky emigrierte.
Am 4. August hat Präsident Putin ein Gesetz unterzeichnet, das Emigranten, die die Politik Russlands öffentlich verurteilen, als Staatsbürger vernichtet. Ihre Bankkonten werden gesperrt, Immobilientransaktionen sind ihnen ebenso untersagt wie konsularische Dienstleistungen. Dies geschieht „automatisch“, ohne Gerichtsverfahren (solche Verfahren waren freilich früher schon eine Farce).
Kurz zuvor hatte die Staatsduma das Gesetz verabschiedet. Bei der Gelegenheit nannte der Duma-Vorsitzende Wjatscheslaw Wolodin das Gesetz einen Akt gegen „Degenerierte und Vaterlandsverräter“. In der kurzen Debatte wurden Dissidenten als „Schurken“, „Schädlinge“ und „fünfte Kolonne“ bezeichnet. Eine so geifernde Rhetorik war für die Reden der Stalin-Ära gegen „Volksfeinde“ typisch. Der Begriff „Schädling“ entstammt dem Vokabular der stalinistischen Schauprozesse.
Die Wortwahl verlegt den Konflikt mit der intellektuellen Opposition von einer juristischen oder ethischen auf die geistige Ebene. Das neue russische Gesetz bestraft nicht für Rechtsverstöße oder konkrete Handlungen, sondern für eine falsche innere Haltung, für mangelnde Treue zum Vaterland oder ein falsches Verständnis „traditioneller Werte“. Die Herzen der Andersdenkenden schlagen nicht im Gleichklang mit dem Volk – dafür müssen sie bestraft werden.
„All jenen, die sich auf diesen schlüpfrigen Pfad begeben, sage ich“, erklärte Wolodin von der Rednertribüne der Duma: „Man darf das Vaterland nicht verraten. Wer hier geboren wurde, wer hier seine Eltern und Wurzeln hat, dem muss klar sein: Wenn er sich gegen sein Land stellt, verrät er auch seine Eltern und Vorfahren.“ Die Erwähnung der Vorfahren ist bedeutsam. Die Treue zur Vergangenheit – in ihrer einzig richtigen Auslegung durch die russische Propaganda – bildet die wichtigste ideologische „Klammer“ des heutigen Regimes.
Auch die Fotos der „Mitglieder der fünften Kolonne“ auf der Website des Justizministeriums werden in einen historischen Kontext gestellt: Ihr „Verrat“ erscheint als Episode in einer langen Kette westlicher Versuche, Russland zu destabilisieren und seine Souveränität zu untergraben. Die Art, wie die Schaumaterialien auf der Website des Justizministeriums ausgewählt wurden, bezeichnet der oppositionelle Historiker (und „ausländische Agent“) Konstantin Pachaljuk als „historische Bricolage“. Es ist ein buntes Gemisch von Texten und Archivmaterial, das zeigen soll, dass Polen, Briten, Amerikaner und Franzosen Russlands ewige Feinde seien, die stets versucht hätten, die Einheit des Landes zu untergraben, es zu zerstückeln, während die Geheimdienste als wichtigste Verteidiger der Souveränität erscheinen.
Die ersten Wochen gehörte zur Sammlung ein Link zum Film „Hitler, der Befreier“, der während des Zweiten Weltkriegs von der NS-Propaganda für die Bevölkerung der besetzten sowjetischen Gebiete produziert wurde und Hitler als Kämpfer gegen das „Weltjudentum“ und gegen den Bolschewismus preist. Vielleicht weil Putin mehrfach gesagt hat, die Revolution von 1917 und die frühen Jahre der UdSSR seien – im Gegensatz zum Imperialismus der Stalin-Ära – eine gefährliche Abweichung in der Geschichte des Landes? Inzwischen wurde „Hitler, der Befreier“ von der Website entfernt.
Auf der Website wurde offensichtlich geschlampt. Doch die Mitgliederliste der „fünften Kolonne“ bedurfte einer theoretischen „Soße“ mit dem obligatorischen historischen Kontext der „tausendjährigen Geschichte Russlands“ und der permanenten Konfrontation mit dem Westen. Die auf der Website veröffentlichte Tafel unerwünschter Kulturschaffender vergegenwärtigt eine erfolgreiche Operation des Regimes. Aus dem russischen Kulturleben wurden Hunderte Menschen de facto ausradiert.
Diese „Feinde“ dürfen nicht nur nicht in ihrer Heimat auftreten; sie dürfen nicht mal mehr öffentlich erwähnt werden (allenfalls als „Verräter“ oder „Degenerierte“). Ihre Namen wurden von Theaterplänen entfernt, aus Vor- und Abspännen von Filmen getilgt; ihre Bücher sowie Bücher, in denen sie erwähnt werden, sind aus dem Handel verschwunden, ihre Texte wurden aus Websites gelöscht. Zensur kann innovativ sein: Auf einer Onlineplattform für antiquarische Bücher lassen sich die Werke von Boris Akunin oder Ljudmila Ulizkaja, die beide als „ausländische Agenten“ und Extremisten gelten, nicht mehr hochladen, weil die Website ihre Namen automatisch blockiert.
Zur Zensur kommt die Selbstzensur: Wer in der Kultursphäre oder im Bildungswesen tätig ist, entfernt – um die Reste nicht propagandistischer Projekte zu retten – alles, was als Anspielung auf unerwünschte Personen verstanden werden könnte. Auch davon bin ich selbst betroffen. Kürzlich wurde in Moskau ein Buch meines verstorbenen Vaters, des Dichters Anatoli Naiman, vorgestellt. Dabei verlas man einen von mir verfassten, ihm gewidmeten Text, ohne meinen Namen zu nennen; zur Tarnung war sogar das im Original weibliche grammatikalische Geschlecht durch das männliche ersetzt worden. Die Veranstalter teilten mir über Dritte mit, es sei besser, den Text auf solche Weise vorzutragen als gar nicht.
Noch vor Kurzem glaubten viele, die Versuche der Obrigkeit, unliebsame Namen und Inhalte zu tilgen, seien wenig wirksam, und die Selbstzensur unserer Kollegen erschien sogar geistreich. Als im Programmheft zum Ostrowski-Stück „Wald“ von Kirill Serebrennikow – das im ersten Kriegsjahr noch im Künstlertheater lief – als „Regisseur“ nicht dessen Name angegeben war, sondern bloß „Regisseur“, wirkte das wie ein Augenzwinkern an diejenigen, die ohnehin wussten, wer der „Regisseur“ war. Wir amüsierten uns, dass in einer Fernsehserie das Aussehen des Schauspielers Maxim Witorgan – der sich gegen den Krieg ausgesprochen hatte – mittels Computergrafik verändert (und sein Name natürlich aus dem Abspann gestrichen) wurde: Die digitale Maske des Schauspielers war stümperhaft, jedem musste auffallen, dass etwas nicht stimmte, dachten wir. Und wir verschickten Fotos neuer Bücher, bei denen die Verlage „unerwünschte“ Textteile, zumeist Passagen, die unter das LGBT-Verbot fallen, durch schwarze Balken unkenntlich gemacht hatten.
Wir dachten, in der modernen Welt des grenzenlosen Internets sei eine vollständige Ausgrenzung unliebsamer Inhalte unmöglich und verbotene Früchte würden umso verlockender. Doch die oft ineffiziente russische Staatsmacht war hier erfolgreich. Das liegt nicht nur an der immer ausgefeilteren Zensur-Firewall und den immer wirksameren Störmanövern gegen VPN-Dienste.
Wichtiger sind die altbewährten Methoden der Einschüchterung. Jede Zusammenarbeit mit „ausländischen Agenten“ und anderen unerwünschten Personen, ja deren bloße Erwähnung, ist heute gefährlich. Kulturschaffenden und Medienvertretern droht in dem Fall der Verlust der Arbeit oder gar die Aufnahme in schwarze Listen. Die Fotogalerie missliebiger Intellektueller auf der Website des Justizministeriums warnt: Mit den Abgebildeten darf man auf keinen Fall zu tun haben, die aufgelisteten Namen sind auf keinen Fall zu nennen.
Offene Fragen
- Welche langfristigen Folgen hat die Selbstzensur für das russische Bildungssystem?
- Wie reagieren verbleibende Künstler auf die totale Auslöschung ihrer Namen?







