Newsgather
BackBelgiens Triumph im Schatten des Balogun-Urteils
Belgiens Triumph im Schatten des Balogun-Urteils
In Entwicklung
Süddeutsche Zeitung8 sa önceSport5 dk okumaGermany

Belgiens Triumph im Schatten des Balogun-Urteils

Nach dem 4:1-Sieg gegen die USA im WM-Achtelfinale reagieren die Belgier mit Häme und einem Trump-Dance, während die US-Mannschaft mit der Kontroverse ringt.

Auf einen Blick

  • Belgien besiegt die USA im WM-Achtelfinale 4:1, ein Spiel überschattet von einem FIFA-Urteil gegen Folarin Balogun.
  • Die Belgier jubeln mit einem 'Trump-Dance' und spöttischen Social-Media-Posts, während die US-Mannschaft enttäuscht ist und die politische Debatte um das Spiel bedauert.

KI-generierte Zusammenfassung

Warum es wichtig ist

Das WM-Achtelfinale zwischen Belgien und den USA wurde durch ein skandalöses FIFA-Urteil gegen Folarin Balogun überschattet, das die Belgier als unfair empfanden. US-Präsident Trump hatte zuvor FIFA-Chef Infantino angerufen.

Schriftgröße

Es dauerte nicht lange, dann fiel der Name Balogun auch auf der kleineren der zwei Bühnen, dort, wo die belgischen Spieler nacheinander Rede und Antwort standen. Sie sprachen auf Niederländisch, Französisch und Englisch über das Spiel und den Fall, der es überschattet hatte. Aber stets so kühl und trocken, wie sie zuvor 90 Minuten lang Fußball gespielt hatten.

Von „einem glücklichen Gefühl“ berichtete Mittelfeldspieler Youri Tielemans nach einem „sehr fairen Spiel“. Belgiens Kapitän sah „den Job auf dem Feld“ als erledigt an, alles andere sei auch nicht die „Sache der Spieler“ gewesen. „Hätten wir das Spiel mit dem Gedanken bestritten, dass alles unfair ist, wären wir nicht so erfolgreich gewesen“, sagte Außenstürmer Dodi Lukebakio: „Wir haben einfach gezeigt, dass wir besser sind.“ Nur beim Sechser Nicolas Raskin schlug ein Hauch von trotzigem Stolz durch: „Ich glaube, dass es im Leben immer irgendwo Gerechtigkeit gibt, und dass so etwas passieren kann … da kann man sagen, was man will: Wir finden das nicht fair.“

Es war ein zweiter Blick nötig, um herauszubekommen, dass die Belgier bei dieser Weltmeisterschaft nicht irgendein Achtelfinale der Fußballgeschichte bestritten und 4:1 gewonnen hatten. Sondern eines unter außergewöhnlichen Umständen, unter denen vielleicht sogar ein bisschen Häme und Genugtuung erlaubt waren.

Ein Video von Belgiens Stürmer Romelu Lukaku machte am schnellsten die Runde. Sein Jubel über das vierte Tor, das er in der Nachspielzeit erzielt hatte, war im Stadion untergegangen: Zu sehr befasste sich die Weltöffentlichkeit zunächst mit den Verlierern aus den USA und deren Heimpublikum, das nach dem WM-Aus kollektiv das Gespür für den Moment vermissen ließ und eilig aus dem Stadion abwanderte. Währenddessen hatte Lukaku in einem Kreis aus Mitspielern den sogenannten Trump-Dance aufgeführt. Mit den Fäusten und den Hüften wackelte er, wie der US-Präsident es gerne bei seinen Wahlkampfauftritten tut. Videos davon verbreiteten sich rasend schnell im Internet.

Und dann war da noch dieser schlichte Beitrag auf der offiziellen Seite des Verbandes in den sozialen Medien. Ein Foto von Lukaku und Außenverteidiger Timothy Castagne beim Jubel war da zu sehen, mitsamt der Unterzeile: „Overturn this.“ Macht das mal rückgängig.

Es steht derzeit nicht fest, ob der Königlich Belgische Fußballverband (KBFV) sich weiterhin auf sportjuristischem Weg gegen das skandalöse Urteil der Fifa zur Wehr setzen wird, wie er es vor dem Spiel angekündigt hatte. Aber nach den Ereignissen in Seattle ist nicht auszuschließen, dass er auch vor Gericht 4:1 gewinnen würde – zumindest, wenn das belgische Anwaltsteam sich an Rudi Garcia und seiner Mannschaft orientiert.

Die Belgier hätten im Angesicht der Ungerechtigkeit, die ihnen widerfahren war, auf große Gesten setzen können. Garcia allerdings verstand dieses WM-Achtelfinale nicht als Möglichkeit, (sport)politische Zeichen zu setzen. Sondern, kaum zu glauben, als Fußballspiel.

Nach 45 Sekunden bereits schossen die Belgier zum ersten Mal auf das gegnerische Tor, den Distanzversuch von Castagne lenkte US-Torhüter Matt Freese gerade noch um den Pfosten. Belgiens Warnschuss schockte das zuvor noch euphorische Publikum. Und der Auftakt wurde zu einer taktischen Glanzleistung, die allein schon wegen ihrer Risiken nicht zu kurz kommen darf: Trainer Garcia hatte den eigentlich stets tief agierenden Aufbauspieler Tielemans auf die offensive Mittelfeldposition gestellt und den bis zu seiner Verletzung nach 20 Minuten brillanten Sechser Amadou Onana ins zentrale Mittelfeld gebracht. Das nationale Fußballmonument Kevin De Bruyne hatte er dafür auf die Bank gesetzt. „Wir haben Kevin heute nicht gebraucht, wir haben genug Tore geschossen“, sagte Garcia später.

Vier Treffer wurden es insgesamt, auch der Gegentreffer zum zwischenzeitlichen 1:1 durch einen abgefälschten Freistoß von Malik Tillman Mitte der ersten Halbzeit verunsicherte die Belgier nicht. Charles De Ketelaere, bereits Torschütze zum 1:0, antwortete 114 Sekunden später mit der erneuten Führung, die danach nicht mehr in Gefahr geriet.

Was wiederum die andere Perspektive ins Spiel brachte: Dieses WM-Achtelfinale ließ sich als die Meisterleistung einer belgischen Mannschaft ansehen, die sich im Turnierverlauf konstant gesteigert hat. Oder aber als eine recht schockierende Darbietung einer US-Mannschaft, die bislang einen konstant sehr guten Turnierverlauf hatte und nun, nach zwei Tagen voll kontroverser Debatten, auf den Rasen der Tatsachen zurückgeholt wurde. In den Worten von Tillman: „Ich finde, wir haben heute gesehen, dass es nicht genug war, um mit gewissen Topnationen mithalten zu können. Es liegt noch ein langer Weg mit harter Arbeit vor uns, bis wir auch solche Spiele gewinnen.“

Ob US-Trainer Mauricio Pochettino diesen Weg mitgestalten wird, blieb in Seattle erst einmal unklar. Jetzt sei „nicht der Moment, um darüber zu sprechen“, sagte der Argentinier, der die Partie selbst in gehöriger Frustration erlebt hatte. Es blieben drei Bilder von ihm in Erinnerung: Eines zeigte ihn nach dem ersten Gegentreffer, als er mit ausgebreiteten Handflächen und fragendem Blick auf den Fernsehbildschirm vor ihm starrte; ein anderes, wie er nach dem 1:2 eine Kiste mit Trinkflaschen durch seine Coachingzone trat. Und schließlich jenes nach dem 1:3, bei dem Torwart Freese schwer gepatzt hatte: Pochettino vergrub sein Gesicht in seinen Händen.

„Wir waren heute nicht das gleiche Team wie zuvor in diesem Turnier“, sagte er später. Nicht viel fiel ihm ein, womit er die Lethargie seiner Truppe hätte begründen können, außer: „Es gibt diese Tage, an denen nichts klappt, und heute war so ein Tag.“

Über den Elefanten im Presseraum, der US-Präsident Donald Trump heißt und vor einigen Tagen mit einem Anruf bei Fifa-Chef Gianni Infantino gewissermaßen auch eine unschuldige US-Mannschaft aus dem Tritt gebracht hatte, wollte niemand sprechen. Verständlich war das, aus Sicht dieses Teams, das weiterhin als „goldene Generation“ eingeschätzt wird, obwohl es erneut am ersten Viertelfinaleinzug seit 2002 scheiterte. Und dessen Mitglieder merklich keine Freude daran hatten, dass um sie herum eine politische Debatte entstanden war vor der vielleicht wichtigsten Partie ihrer jüngeren Geschichte.

Sie reagierten mit Selbstkritik auf das Aus. „Es ist enttäuschend, dass ich nicht ganz die Momente hatte, auf die ich gehofft hatte, und ich nicht dazu beitragen konnte, dass wir diesen nächsten Schritt schaffen und eine wirklich gute Mannschaft schlagen“, sagte Christian Pulisic, der in der zweiten Halbzeit verletzt ausgewechselt worden war. Sebastian Berhalter, für Pulisic eingewechselt, verwies mit mehr Pathos auf den „amerikanischen Weg“ mit einer mutigen Spielweise, den das Team weiterhin in aller Konsequenz erlernen müsse.

Und schließlich trat jener Spieler auf, um den sich diese Partie gedreht hatte – nicht fußballerisch, aber in jeder anderen Hinsicht. Folarin Balogun sprach mit gesenktem Kopf und sanfter Stimme, als er knapp eineinhalb Stunden nach Abpfiff durch den Presseraum schritt. „Ich habe die Entscheidung akzeptiert, als ich die rote Karte bekommen habe. Ich habe auch die Entscheidung akzeptiert, als mir gesagt wurde, dass ich spielen darf“, sagte Balogun über den Fall Balogun. Und stellte klar: „Ich war nicht an diesem Prozess beteiligt. Das hatte nichts mit mir persönlich zu tun.“

Dann widmete er sich einer Szene, die nach Spielende stattgefunden hatte und die angenehm frei von Politik, Häme und Genugtuung war: Balogun hatte sich auf dem Feld mit Belgiens Coach Garcia ausgetauscht. Garcia hatte den US-Angreifer in den Arm genommen und ihm aufmunternd die Wangen getätschelt. „Er sagte, dass er hoffe, dass diese Situation nicht die fantastische Weltmeisterschaft überschattet, die ich gespielt habe“, sagte Balogun. Es wirkte, als wären das die schönsten Worte gewesen, die er in den vergangenen Tagen gehört hatte.

Offene Fragen

  • Wird der KBFV die sportjuristischen Schritte gegen das FIFA-Urteil fortsetzen?
  • Wird Mauricio Pochettino US-Trainer bleiben?

Verwandte Themen

This article was originally published by Süddeutsche Zeitung.

Ähnliche Meldungen

Mehr zu diesem ThemaFußball-WM