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BackDer Hype um die „Tradwives“: Ein Rückfall in alte Rollenbilder?
Der Hype um die „Tradwives“: Ein Rückfall in alte Rollenbilder?
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Der Hype um die „Tradwives“: Ein Rückfall in alte Rollenbilder?

Auf einen Blick

  • Der Trend der „Tradwives“ propagiert ein rückwärtsgewandtes Frauenbild, das auf traditionellen Rollen als Hausfrau und Mutter basiert.
  • Influencerinnen nutzen moderne Plattformen, um eine vordigitale Welt zu inszenieren, die Frauen mit Schuldgefühlen und dem Versprechen einer einfachen Existenz lockt.
  • Kritikerinnen sehen darin eine Ideologie, die feministische Errungenschaften untergräbt und rechtsextremen Parteien wie der AfD in die Hände spielt.

KI-generierte Zusammenfassung

Warum es wichtig ist

Der Artikel thematisiert den wachsenden Trend der „Tradwives“, Frauen, die ein traditionelles Rollenbild als Hausfrau und Mutter propagieren. Er beleuchtet die Mechanismen hinter diesem Trend, insbesondere die Nutzung sozialer Medien, und vergleicht die inszenierte Perfektion der Influencerinnen mit der Realität von Frauen, die ein solches Leben authentisch führen.

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Noch vor ein paar Jahren hoffte ich, dass sich das Thema von selbst erledigt. Irgendwann gegen Ende der Pandemie tauchten im Netz plötzlich Hausfrauen auf, die in karierten Schürzen Butter schlugen oder mit Baby auf dem Arm Wäsche aufhängten. Optisch war alles drin: Von Retro-Sexyness der Fünfzigerjahre über die wallende Naturfaserweiblichkeit des 19. Jahrhunderts bis hin zur Mutterkreuzästhetik der Nazis.

Interessant daran war vor allem, dass die Tradwives ausgerechnet mit den Mitteln der Moderne die Moderne schlagen wollten: Influencerinnen, die ein vordigitales Leben predigen. Apfelkuchenrezepte auf den ersten Blick, eine neue alte Weltordnung auf den zweiten.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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Ich schrieb kurz darüber und wandte mich wieder anderem zu. Dann wurde ich selbst Mutter und war mit völlig neuen Fragen konfrontiert: Ist es normal, dass ein Neugeborenes nachts schnarcht und schmatzt wie ein Walross? Wie viele Mütter meiner Generation fand ich Antworten auf Instagram – und bekam bald auch wieder Tradwife-Videos in die Timeline gespült, diesmal gegen meinen Willen. Der Algorithmus war offenbar darauf trainiert, Millennial-Mütter im Wochenbett mit reaktionärem Content zu überhäufen. Ich merkte: Der Tradwife-Trend lebt mehr denn je.

Natürlich kündigen junge Mütter nicht reihenweise ihre Jobs. Aber sie folgen reihenweise Tradwife-Accounts – weil die eine essenzielle Frage aufwerfen. Manchen tun die schönen Bilder gut, sie sehnen sich nach einem entschleunigten Leben. Andere sind verstört und können gerade deshalb nicht wegschauen.

„Tradwives sind universal präsent geworden“, sagt die Journalistin und Schriftstellerin Hannah Lühmann, die 2024 den Roman „Heimat“ veröffentlicht hat – über die schleichende Radikalisierung einer jungen Mutter zur Tradwife. Sie spricht von einer „globalen weiblichen Bewegung“. Nicht in den Statistiken weiblicher Erwerbstätigkeit. Aber als Gespenst in unseren Köpfen.

Ballerinafarm ist die wohl berühmteste Tradwife. Zehn Millionen Follower schauen zu, wie sie auf ihrer Farm in Utah Teig ausrollt, die Küche stets in goldenes Licht getaucht. Mit der eisernen Disziplin einer gläubigen Mormonin trimmt sie ihren trotz neun Geburten perfekten Körper. Früher schaute man sich in der „Gala“ an, was die Royals so trieben. Heute schaut man Ballerinafarm beim Marmeladekochen zu – ähnlich entrückt, nur dass man sich den Traum vom perfekten Landleben zumindest theoretisch erfüllen könnte.

Von den Tradwives ist keine ehrliche Antwort zu erwarten

Ein einfaches Leben zwischen Kühen und Kindern, wo keine Rede ist von Marschflugkörpern und der Straße von Hormus, wo man morgens keine „Bettkantenentscheidung“ zur spontanen Krankschreibung treffen muss, weil man sowieso zu Hause bleibt: die Kaffeebohnen mahlt, die Erdbeeren aus dem Garten holt. Kein Stechen in der Brust, wenn das Kind morgens nicht in die Kita will. Keines am Nachmittag, wenn Abholzeit ist, aber das Projekt noch nicht fertig. Wäre das nicht schön?

Wahrscheinlich schwant jeder noch so überarbeiteten Großstädterin, dass die Sache wohl mindestens zehn Haken haben muss. Aber von den Tradwives ist natürlich keine ehrliche Antwort zu erwarten. Also frage ich nach bei jenen, die dieses Leben ganz unaufgeregt und ohne Kamera führen: den echten Landfrauen.

Katharina Leyschulte, 33, ist Chefin eines Vier-Generationen-Haushalts und eines Bauernhofs in Westerkappeln mit 170 Milchkühen. Um 5.15 Uhr wird die Melkmaschine gestartet, da hat ihr Tag längst begonnen. Den Stall ausmisten, Tiere verladen, Erntehelfer anweisen.

Während sie die Kühe versorgt, bringt ihr Mann die zwei Kinder zur Kita. „Wenn du den ganzen Morgen draußen warst und dann reinkommst – das ist ein ganz anderes Lebensgefühl“, schwärmt sie. Aber, und dann wird sie sachlich: „Niemand hält drei Kühe im Hinterhof und melkt die von Hand.“ Schon gar nicht in Blümchenkleidern. „Erstens herrscht in Deutschland Stahlkappenpflicht. Zweitens kann ich auch in meiner Engelbert-Strauss-Latzhose Marmelade einkochen.“

Dabei findet Leyschulte manches an dem Trend durchaus schön: das Bewusstsein für Lebensmittel, das saisonale Denken, das Kochen mit frischen Zutaten. „Aber darum geht es bei den Tradwives ja gar nicht“, sagt sie. „Das dient ihnen alles nur als Kulisse für ihre Ideologie.“

Ihre Mutter habe immer dasselbe gemacht wie ihr Vater, vom Trecker bis zu den Tieren. Und nun kämen diese Frauen daher, die selbst von den Errungenschaften des Feminismus profitiert haben – und träten ihn mit Füßen.

Tradwives trichtern Frauen ein, dass der Staat Kitas nur erfunden habe, um Kinder von ihren Müttern zu entfremden. „Dann fühlt man sich schlecht, weil man die Lasagne nicht selbst gekocht hat“, sagt Leyschulte. Wie alles, was den Gefühlshaushalt von Millennials betrifft, gibt es dafür einen englischen Fachterminus: „Mom guilt“. „Kenne ich zu 100 Prozent“, sagt Leyschulte.

Aber was ist mit den Schuldgefühlen der Väter? Nach wie vor scheinen die Frauen dafür zuständig zu sein, sich über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf den Kopf zu zerbrechen, mit allen unangenehmen Nebenwirkungen. „Schade“, nennt Leyschulte das. Bei ihnen ist das anders. Ihr Mann fühlt sich genauso zuständig.

Die Tradwives lächelten in die allgemeine Erschöpfung hinein

Doch Tradwives wissen, dass sich das schlechte Gewissen der Mütter gut instrumentalisieren lässt. „Uns wurde Freiheit verkauft“, schreibt etwa Tradwife Aline Klügel alias „Blaubeergeflüster“ über das Versprechen der Feministinnen. Nun ruft sie den leidenden Müttern zu: „Mädels, es ist in Ordnung, in die natürliche weibliche Rolle als Hausfrau und Mutter zu schlüpfen!“

„Das Gefühl eines abgerissenen Fortschrittsversprechens“, nennt es Autorin Hannah Lühmann. „Uns wurde versprochen, dass wir alles haben können: Familie und Beruf. Und nun merken viele Frauen: Das geht so nicht auf.“

Gerade als es so aussah, als könnten Frauen alles erreichen, kam MeToo und eine brutale Erinnerung an die Machtverhältnisse auf dieser Welt. Dann die Pandemie, als Mütter wie selbstverständlich die Lücken füllten, die geschlossene Kitas ließen. In die allgemeine Erschöpfung hinein lächelten die Tradwives – mit dem Rat, es sich endlich im Patriarchat gemütlich zu machen.

„Ich bringe ihm Kaffee, Wasser, Shakes“, erklärt etwa Yuyo Benz auf Instagram, die zwar auf die Insignien traditioneller Weiblichkeit verzichtet, aber im Look der durchschnittlichen Millennial-Mom nicht minder unterwürfig daherredet. Das Wichtigste: „Ob er den Müll vergisst oder seine Socken herumfliegen“, das Letzte, „was er nach einem stressigen Arbeitstag braucht, ist eine stressende alte Trulla“.

Wie immer, wenn ein Hype aus den USA nach Deutschland schwappt, sind die Kopien nicht ganz so schillernd wie das Original. Während das Mormonen-Korsett den amerikanischen Elite-Tradwives à la Ballerinafarm weder Verhütung noch sonst eine Alternative lässt, herrscht bei den deutschen Nachahmerinnen Laissez-faire, was Ideologie und Umsetzung angeht.

„Das ist ein Schlag ins Gesicht jeder Frau“

Da ist etwa „ZurückzurWurzel“, Mutter von vier Kindern und „Selbstversorgerin“, die im Stil einer Balkandisco-Besucherin ihre Ziegen melkt. Oder „Graceful Factory“, die das Tradwife-Leben vor allem als Ausweg aus dem stressigen Berufsleben zu sehen scheint. Ein früher Arzttermin wird für sie zum „Albtraum“: „Mein furchtbarer Reminder an meine Zeit als Berufstätige.“ Zu ihrer Fangemeinde zählen Boomer-Hausfrauen mit Blumenprofilbild genauso wie Barfuß-Hippiefrauen und Reichsbürgerinnen. Während sie ihr unter einem Post Herzen schenken, zerfleischen sie sie im nächsten, weil sie ihrem Baby die Flasche gibt statt der Brust.

Doch so unterschiedlich und widersprüchlich diese Frauen auch sind, die sich selbst als Tradwives definieren: Zusammen formieren sie sich zu einem perfekten Sturm gegen alles, was Frauen sich erkämpft haben. Etwa wenn Aline Klügel kokett erklärt, „wie mein Mann und ich die Finanzen aufteilen“. Er kümmert sich um Rechnungen und Finanzen. Sie „schenkt ihm süße, homemade Babys“. Und was, wenn etwas schiefgeht? Scheidung sei „unter keinen Umständen eine Option“, sekundiert Yuyo Benz.

Für solch magisches Denken hat Isabell Bohl nicht viel Verständnis. Sie hat den Landwirtschaftsbetrieb ihres Vaters übernommen, führt ihn mit ihrem Mann weiter, zusätzlich sind beide berufstätig. Um 4.30 Uhr klingelt der Wecker. Brotdosen richten, Stall, Papierkram, Hofladen, Logopädie- Termine. „Ohne Kita würde hier gar nichts gehen.“

Gerade ist Bohl mit dem dritten Kind schwanger. Zeit mit der Familie ist ihr wichtig, die eigenen Finanzen sind es ihr auch. Deshalb hat sie in ihrem Landfrauenverein in Hessen einen Finanzworkshop organisiert: Vom Haushaltsplan bis hin zu ETFs. Im Herbst steht ein Besuch im Hessischen Landtag an. Was Bohl gern mit den Abgeordneten besprechen würde: die Sache mit der Elternzeit. Immer wieder kriegt sie nämlich mit, wie Väter, die Elternzeit nehmen wollen, vom Betrieb unter Druck gesetzt werden. Wie sollen Mütter und Väter sich die Kinderarbeit fair aufteilen, wenn die Arbeitgeber nicht mitmachen? „Das ist ein Schlag ins Gesicht jeder Frau.“

Den Account Ballerinafarm hat sie früh entdeckt. Erst erkannte sie sich wieder: das morgendliche Eierholen, der große Garten. Dann konnte sie die romantische Inszenierung nicht mehr sehen. Als ob so ein Hof keine Arbeit wäre.

Kühe melken und Kartoffeln ernten ist nämlich deutlich anspruchsvoller, als es ein Instagram-Reel vermuten lässt. Und auch politischer, als es auf den ersten Blick scheint. Das gilt für Tradwives – und es gilt für die Landfrauen, die dabei allerdings eine ganz andere Politik im Sinn haben: „Unser Kuchen ist politisch“, sagt Petra Bentkämper, die Präsidentin des Verbands, und lacht.

Bentkämer ist 65, hat vier Kinder großgezogen. Es beunruhigt sie, zu sehen, wie reaktionäre Ideen plötzlich wieder verfangen. „Eine extreme Gefahr“ sieht sie da anwachsen, gerade auf dem Land, wo die AfD sich breitmacht und versucht, über die Lebensentwürfe von Frauen zu bestimmen.

Denn natürlich backen die Tradwives ihren rechten Kuchen nicht allein. So wie die amerikanischen Hausfrauen eng mit der MAGA-Bewegung verbunden sind, sind es die hiesigen mit der AfD. Manche machen ganz direkt Werbung, andere kriegen hier und da von ihr ein Like, einen Repost, etwas Reichweite geschenkt.

Die Reichweite kommt schließlich nicht von selbst. Filmen, schneiden, produzieren. Das ist ein Business. Im Falle von Ballerinafarm ein profitables, da wird die eigens designte Schürze genauso wie das Fleisch vermarktet und in die Welt verschifft. Sie ist keine traditionelle Ehefrau, sondern eine Unternehmerin mit einem Heer von Angestellten.

Offene Fragen

  • Wie stark wird der Trend die traditionellen Rollenbilder weiter verfestigen?
  • Welche langfristigen Auswirkungen hat die Ideologie der Tradwives auf die Gleichstellung der Geschlechter?
  • Wie können Gegenbewegungen dem reaktionären Frauenbild effektiv entgegentreten?

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This article was originally published by FAZ.

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