Erinnerungskultur in Japan: Reißwolf statt Recherche-Tool
Viele Deutsche erforschen derzeit das Leben ihrer Vorfahren während der Nazizeit. Auch in Japan, einst mit Hitlerdeutschland verbündet, ist die Debatte angekommen. Doch viele Japaner ziehen daraus ganz eigene Schlüsse.
Auf einen Blick
Während in Deutschland das Interesse an der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit wächst, stößt die Suche nach familiärer Verwicklung in Japans Kriegsverbrechen auf bürokratische Hürden und eine Kultur, die das Land eher als Kriegsopfer denn als Täter sieht.
KI-generierte Zusammenfassung
Warum es wichtig ist
Deutschland und Japan waren im Zweiten Weltkrieg als Achsenmächte verbündet. Während Deutschland eine intensive Aufarbeitung der NS-Vergangenheit betreibt, unterscheidet sich die japanische Erinnerungskultur grundlegend.
Dass Millionen Deutsche dieser Tage angefangen haben, über die Nazivergangenheit ihrer Vorfahren zu recherchieren, ist auch in Japan bemerkt worden. Nachdem zunächst die japanischsprachigen Websites von BBC und CNN darüber berichteten, wird das Thema nun auch in sozialen Medien diskutiert. Doch es sind in erster Linie Experten, die sich ihre Gedanken darüber machen. Für die meisten Landsleute ist die kriegerische Vergangenheit weit weg von ihrem Alltag. Und das hat auch damit zu tun, dass Japan eine vollkommen andere Erinnerungskultur pflegt als Deutschland, mit dem es einst verbündet war.
Deutschland und Japan bildeten damals die sogenannte Achse Berlin–Tokio; sie wurde 1940 mit dem Dreimächtepakt besiegelt, dem sich auch das faschistische Italien anschloss. Doch die verbündeten Regime unterschieden sich. In Japan gab es keine Bewegung wie die NSDAP, der Millionen Mitglieder angehörten. Wollten heutige Japanerinnen und Japaner recherchieren, was ihre Vorfahren damals taten, könnten sie höchstens versuchen, in den Registern der damaligen Kaiserlichen Armee und Marine nachzuschauen. Im Namen des damals noch göttlichen Kaisers zogen Millionen Untertanen in den »Großostasiatischen Krieg«, wie der Zweite Weltkrieg in Japan genannt wurde. Viele Soldaten waren an Kriegsverbrechen beteiligt, wie dem Massaker von Nanjing. In der chinesischen Stadt wurden 1937 Hunderttausende Zivilisten niedergemetzelt.
Schattenseiten der Vergangenheit
Doch wer in Japan konkret herausfinden möchte, ob und wie die eigenen Vorfahren in den Krieg verwickelt waren, stößt auf erhebliche Hindernisse. Bereits im August 1945, am Ende des Zweiten Weltkrieges, nutzten die Ministerien in Tokio die Tage bis zur Ankunft der amerikanischen Besatzer, um rasch noch Tausende Akten zu verbrennen. Und noch bis in jüngste Zeit überantworteten Behörden immer wieder historisch wertvolle Archivbestände dem Reißwolf, darunter Listen gefallener Soldaten, beispielsweise in Chiba, einer Nachbarpräfektur von Tokio. Zwar unterhält das Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt in Tokio eine Website, über die Landsleute Einsicht in Listen ehemaliger Militärangehöriger beantragen können. Doch dafür müssen sie Formulare ausfüllen und familiäre Nachweise erbringen.
Dass Japan kaum Interesse zeigt, die Schattenseiten seiner Vergangenheit aufzuarbeiten, lässt sich nicht nur der Bürokratie anlasten. Viele Japanerinnen und Japaner sehen ihr Land weniger als Verursacher des Krieges, sondern als Opfer. »Tief im Inneren glauben sie, dass im Krieg begangene Taten weniger ›Verbrechen‹ sind als vielmehr spontane Begleiterscheinungen des Krieges«, sagt der japanische Historiker und Deutschlandexperte Toru Takenaka in Tokio.
Offene Fragen
- Wie genau unterscheiden sich die Archivgesetze in Japan von denen in Deutschland?
- Gibt es politische Bestrebungen in Japan, die Archivierung zu verbessern?



