Ex-Soldat fordert Putin zu Live-Audienz auf und kritisiert Folter und Korruption in der Armee
Aleksandr Lunins Video-Appell löst millionenfache Aufrufe aus – Polizei durchsucht sein Haus und nimmt ihn in Ordnungshaft
Auf einen Blick
- Der ehemalige russische Soldat Aleksandr Lunin hat in einem Video Präsident Putin zu einer live übertragenen Audienz aufgefordert und massive Missstände in der Armee angeprangert.
- Statt einer Antwort kam eine Polizeirazzia, Lunin wurde in Ordnungshaft genommen.
KI-generierte Zusammenfassung
Warum es wichtig ist
Nicht erst seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine gibt es Berichte über menschenunwürdige Zustände, Folter, Korruption und willkürliche Strafen in der russischen Armee. Der Aufstand der Wagner-Gruppe unter Jewgenij Prigoschin im Juni 2023 hatte bereits ähnliche Spannungen offenbart.
In seinem Video vom 25. Juni steht Aleksandr Lunin im olivgrünen Tarnanzug und mit mehr als einem halben Dutzend Orden an der Brust vor der Kamera. Hinter ihm ist ein bescheidenes Wohnhaus zu sehen, die Aufnahme ist mutmaßlich in dem Dorf Lisinowka in der Region Woronesch entstanden, wo der ehemalige russische Frontsoldat lebt.
»Mitteilung an W.W. Putin« ist das Video überschrieben – und sein Appell an den russischen Präsidenten hat es in sich. Wenn Putin ihm nicht zeitnah eine live übertragene Audienz gewähre, werde er »die volle Wahrheit darüber sagen, was bei uns im Land passiert«, sagt Lunin.
»Dutzende, Hunderte, Tausende Soldaten« würden in der russischen Armee im Arrest sitzen und von ihren Kommandeuren bestraft, mit Folter und Gewalt überzogen, »weil sie sich geweigert haben, dumme, selbstmörderische Befehle zu befolgen, weil sie sich geweigert haben, ihre finanziellen Mittel abzugeben«.
Nicht erst seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine gibt es massive Kritik an den teils menschenunwürdigen Zuständen in den russischen Streitkräften, die schlecht ausgerüstet sind und in denen die Offiziere traditionell hart durchgreifen. Immer wieder berichten russische Exilmedien über Hunger, Krankheiten, Misshandlungen, Drohungen, willkürliche Strafen und Korruption. Die Zahl der Deserteure, die versuchen, dem Elend zu entkommen, steigt Schätzungen zufolge. Verlässliche Zahlen oder Erhebungen gibt es allerdings nicht.
Das Echo auf den aktuellen Videoappell war gewaltig. Innerhalb kürzester Zeit wurde das Video etwa zehn Millionen Mal aufgerufen und erhielt Hunderttausende Likes. Geteilt wurde es unter anderem via Telegram, wo Lunin über 12.000 Abonnenten hat. Auch auf Instagram, das in Russland verboten und nur über VPN-Verbindungen abrufbar ist.
Zuletzt hatte der Aufstand der Söldnertruppe Wagner um Jewgenij Prigoschin im Juni 2023 für Aufruhr gesorgt. Prigoschin hatte versucht, Putin mit einem bewaffneten Marsch auf Moskau unter Druck zu setzen, und gefordert, die Militärführung abzusetzen. Der Versuch verebbte, Prigoschin starb am 23. August 2023 beim Absturz seines Privatjets in der Region Twer.
Lunin handelt angeblich im Namen »der ehrlichen Menschen in Russland«.
Noch ist völlig unklar, ob hinter Lunins Aufruf eine Gruppe Gleichgesinnter oder armeeintern organisierter Regierungskritiker steht oder ob er allein handelt. Er sei nur der Überbringer der Botschaft, betonte der Ex-Soldat selbst. In einem älteren Video erklärte Lunin, er handele im Namen des Volkes, »der ehrlichen Menschen in Russland«.
Doch statt eines Gesprächs mit Putin vor laufenden Kameras, wurde zunächst die Polizei zum Wohnhaus des Kritikers entsandt. Wie Lunins Ehefrau Tatjana in einem Video mitteilte, verschaffte sich die Polizei bei einer nächtlichen Durchsuchung Zugang zu der Wohnung in Lisinowka und konfiszierte sämtliche elektronischen Geräte sowie Speichermedien im Haus.
Lunin selbst sei zum Zeitpunkt der Razzia nicht vor Ort gewesen, berichtete unter anderem die Oppositions-Website »Medusa«. Seine Frau erklärte, er sei mit einem Bekannten im Auto nach Moskau gefahren. Sie habe ihn seit seiner Abfahrt nicht mehr erreichen können.
Nun gibt es erste Berichte über die Ursache: Unter Berufung auf die Ehefrau teilte ein »guter Bekannter« via Telegram mit, dass Lunin lebe und gesund sei, aber für elf Tage in Ordnungshaft genommen worden sei.
Ungewöhnlich ist, dass der Kreml zeitnah auf Lunins Botschaft reagierte. Von der Forderung nach einer Audienz bei Putin habe man gehört, sagte Kremlsprecher Dmitrij Peskow. »Man muss sich das erst einmal anschauen«, gab er sich angesichts zunehmender Kritik an der Kriegsführung Russlands – auch bei der eigenen Truppe – zunächst zurückhaltend.
Worauf zu achten ist
KI-Ausblick — Möglichkeiten, keine Fakten
Weitere Videos oder Aussagen von Lunin oder Unterstützern könnten folgen, falls er nach der Ordnungshaft wieder frei ist.
Wahrscheinlich · Innerhalb von Wochen
Der Kreml wird versuchen, weitere öffentliche Kritik an der Armee durch Zensur und Einschüchterung zu unterbinden.
Sehr wahrscheinlich · Innerhalb von Tagen
Offene Fragen
- Steht eine organisierte Gruppe hinter Lunins Appell oder handelt er allein?
- Wird Lunin nach den elf Tagen Ordnungshaft freigelassen oder folgen weitere Strafen?
- Wie viele Soldaten sitzen tatsächlich wegen Befehlsverweigerung im Arrest?
- Wie wird die russische Öffentlichkeit langfristig auf solche Kritik reagieren?



