Florian Taitsch: Wie die „Fighter Show“ die Rüstungs-PR revolutioniert
Auf einen Blick
- Florian Taitsch, Marketingchef von Eurofighter, hat mit seiner "Fighter Show" auf Social Media Millionen erreicht.
- Er nutzt Influencer-Marketing, um die Rüstungsindustrie moderner und zugänglicher zu präsentieren und junge Zielgruppen anzusprechen.
KI-generierte Zusammenfassung
Warum es wichtig ist
Florian Taitsch, Marketingchef von Eurofighter, hat die "Fighter Show" ins Leben gerufen, um die Rüstungsindustrie durch Social Media moderner zu präsentieren. Die Show hat Millionenaufrufe erzielt und wird als wegweisend für die Branche angesehen.
Lange wurde Europas Kampfjet „wie ein Staubsauger“ vermarktet. Heute hat Florian Taitsch mit seiner „Fighter Show“ Millionenreichweiten. Das zeugt von einer neuen Logik von Verteidigungs-PR. Markus Fasse, Christian Wermke 19.06.2026 - 04:00 Uhr Artikel anhören
München, Hallbergmoos. Der Influencer, der sonst mit grauer Fliegerjacke oder olivgrünem Overall auf Militärbasen und Rollfeldern herumspringt, tritt in anderer Umgebung plötzlich ungewohnt seriös auf: in weißem Hemd und Anzugshose. Florian Taitsch, der sich in seinen Videos nur „Flo“ nennt, ist im Hauptberuf Kommunikations- und Marketingchef der Eurofighter Jagdflugzeug GmbH.
Die Vermarktungseinheit sitzt in Hallbergmoos, in einem Gewerbegebiet im Münchener Norden, nicht weit vom Flughafen. Eine Produktion gibt es hier nicht, gebaut werden Eurofighter und Typhoon (wie das Kampfflugzeug im EU-Ausland heißt) bei Airbus, BAE Systems und Leonardo.
Als er vor gut vier Jahren seinen Job hier antrat, fand Taitsch alles ganz schön angestaubt, wollte von Anfang an moderner sein. „Wir haben ein geileres Produkt als Ferrari – aber es wurde jahrelang wie ein Staubsauger vermarktet“, sagt er. Social Media biete so viele Möglichkeiten. Viele Unternehmen würden aber noch immer „hölzern eine Pressemitteilung auf Instagram hochladen“.
Overall und Fliegerjacke von Florian Taitsch: Im Nebenjob Influencer. Foto: Christian Wermke
Taitsch wagte etwas vollkommen Neues in einer Branche, die er selbst als die konservativste Deutschlands beschreibt: Er fing an, auf Messen und Airshows zu filmen, stellte sich selbst vor die Kamera. Mittlerweile ist seine „Fighter Show“ das erfolgreichste Social-Media-Format der europäischen Rüstungsindustrie: mehr als 23.000 Abonnenten bei Youtube, knapp 67.000 Follower bei Instagram. Das meistgeklickte Video, in dem Taitsch im Eurofighter mitfliegt, hat 1,8 Millionen Aufrufe.
Wie ist dem Marketingmann dieses Kunststück gelungen? Warum kommen die Videoclips des Eurofighters so gut beim jungen Publikum an? Und was erzählt das alles über die sich rasant verändernde deutsche Rüstungsindustrie?
Als Taitsch 2004 bei Airbus als Praktikant anfing, musste er an seinem ersten Arbeitstag alle Artikel über den Eurofighter aus den Zeitungen ausschneiden. Der hat ihn seitdem in all den Berufsjahren nie wieder losgelassen, obwohl die Maschine vor einigen Jahren bereits als Auslaufmodell galt – und neue Bestellungen ausblieben.
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Denn mit der F-35 von Lockheed Martin hat die US-Industrie einen Kampfjet der nächsten Generation im Angebot, den unter anderem die deutsche Luftwaffe bestellt hat. Doch mit dem Ukraine-Krieg änderte sich die Lage auch für den Eurofighter, der schneller und wendiger als die F-35 ist.
Die gut 140 Eurofighter der Luftwaffe sichern mittlerweile in Rumänien, Estland oder Polen den Luftraum. Das Hersteller-Konsortium hofft auf weiteres Geschäft: Die jüngste Version bekommt neue Radare, Bordrechner und soll schwere Waffen wie den „Taurus“ aufnehmen können. Neben Deutschland wollen auch Spanien, die Türkei und Saudi-Arabien neue Maschinen. Der Preis für die Luftwaffe soll bei 187 Millionen Euro liegen – pro Stück.
Auf der ILA 2022 in Berlin, Deutschlands größter Luftfahrtmesse, kam Taitsch die Idee zur „Fighter Show“ – gut drei Monate nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine. „Damals war die US-Konkurrenz stark vertreten. Ich wollte ein Videoformat machen, wo jemand als Karla Kolumna, als rasende Reporterin, über die Messe läuft“, erinnert sich Taitsch.
Der Rest der Industrie wird lockerer, ist aber noch weit von dem entfernt, was sie machen könnten. Florian TaitschPR-Chef der Eurofighter Jagdflugzeug GmbH
Als sich niemand fand, wurde ihm gesagt: „Dann mach’s halt du.“ Damals zog er sich erstmals die graue Fliegerjacke über, interviewte die Vertreter der Industrie auf der Messe. „Die dachten, ich komme von einem anderen Planeten.“
Vier Jahre später ist die „Fighter Show“ für die gesamte Branche ein Lehrstück: Viele Unternehmen versuchen, die Ansätze zu kopieren. Bei Airbus stehen mittlerweile Leute vor der Kamera, auch Rheinmetall macht Video-Berichterstattung von den Messen. „Der Rest der Industrie wird lockerer, ist aber noch weit von dem entfernt, was sie machen könnten“, sagt Taitsch.
Demonstration von Spezialeinsatzkräften beim „Tag der Bundeswehr“ in Neubiberg: „Die Industrie rechts überholt.“ Foto: IMAGO/Sven Simon
Besonders schnell verändert hat sich die deutsche Armee: „Die Bundeswehr hat die Industrie rechts überholt“, sagt Taitsch. Das zeigt sich auch in der persönlichen Ansprache, auf Werbeplakaten, bei Aktionen wie dem „Tag der Bundeswehr“ vergangene Woche.
Taitschs erstes Messe-Format klickte sich gut bei Youtube, er spann die Idee weiter. Damals kam gerade der zweite „Top Gun“-Film heraus. Im Hochglanz-Trailer ist Taitsch in einem Hangar zu sehen: Wie Tom Cruise im Film schraubt er dort an einem alten Flieger herum, rückt seine Uhr zurecht, schwelgt in Erinnerungen.
„Ich wollte von Anfang an eine Kreuzung aus Top Gun und Top Gear“, sagt Taitsch. Jeremy Clarkson, den Moderator der britischen Autoshow „Top Gear“, habe er mittlerweile schon getroffen. Tom Cruise fehle noch.
Anfangs überlegten sie, einen externen Moderator zu engagieren. „Aber das war uns dann nicht authentisch genug.“ Eigentlich war ein Moderationsduo geplant: Vicky und Flo. „Aber die Kollegin wechselte dann den Arbeitgeber, und plötzlich war ich allein.“ Mit der Zeit rutschte Taitsch immer mehr in die Rolle rein, ist neben seinem Hauptjob zum Defence-Influencer geworden.
Taitsch mit Fan beim „Royal International Air Tattoo“ im englischen Fairford: Auf Social Media nennt er sich nur Flo. Foto: FighterShow
Er wird auf Messen erkannt, selbst auf einem Tanzfest seines 16-jährigen Sohnes wollten ein paar Jungs ein Foto mit ihm, dem Youtuber. Aber Taitsch nimmt sich selbst nicht allzu ernst, dieses leichte Augenzwinkern, es ist seit der ersten Folge sein Begleiter.
Millionenfach geklickte Videos bei Youtube
„Die ganze Kommunikation in der Industrie war bisher immer bierernst“, sagt Taitsch. „Wir mussten uns gegen viele ‚So was kann man nicht machen‘ und ‚Das funktioniert nicht‘ durchsetzen.“ Ihm wurde geraten, lieber in Anzug und Krawatte aufzutreten. „Es war kein einfacher Weg. Aber der Eurofighter verdient’s. Er ist eines der faszinierendsten Produkte, die es gibt.“
Taitsch mit Pilot Matt Brighty bei einer Airshow in Polen: Tom Cruise hat er noch nicht getroffen. Foto: FighterShow
Eine Zeitungsanzeige koste zwischen 15.000 und 35.000 Euro. „Da kann ich aber nahezu unmöglich nachweisen, wie viele Menschen das wirklich erreicht hat.“ Bei Social Media bekomme er sofort Zahlen und Statistiken, die er dem Management vorlegen kann. „Was haben wir gefeiert, als wir das erste Mal 1000 Views bei einem Video hatten“, erinnert sich Taitsch. „Da haben wir gemerkt: Das sind nicht nur wir, die so verrückt sind.“
Mittlerweile gibt es 36 Episoden der Fighter Show. Gedreht wurde an 27 Locations in elf Ländern – von der Nato-Ostflanke in Polen und Rumänien bis nach Alaska.
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Die älteren Videos bewegen sich zwischen 20.000 und 80.000 Klicks. Bei den neueren Folgen schauen Hunderttausende zu. Drei Videos haben sogar die Million geknackt.
Die Folge, in der Taitsch hinter einem Piloten im Eurofighter-Cockpit Platz nahm, hat bisher 1,8 Millionen Views. „Das ist doch Wahnsinn, das ist 24 Mal die ausverkaufte Allianz-Arena.“
Kleines Team mit großer Wirkung
Auch wenn die Bilder mitunter wie im Hollywood-Film wirken: Hinter der „Fighter Show“ steckt kein Studioapparat, sondern ein eingespieltes Mini-Team: Kamera und Postproduktion macht Lucas Westphal, der selbst Ultraleichtflieger ist und mit seiner Agentur im selben Gebäude in Hallbergmoos sitzt. Schon sein Vater filmte für den Eurofighter.
Produzent ist Tom Clarke. Taitschs Kollegin Victoria Gatty kümmert sich um die Hochformatvideos für Instagram und Tiktok, wo alle paar Tage kleine Clips veröffentlicht werden.
Dreharbeiten für die Fighter Show: Sie sind ein kleines, eingespieltes Team. Foto: FighterShow
„Pro Folge investieren wir 4000 bis 5000 Euro“, sagt Taitsch. „Wenn es nach Alaska oder weiter weg geht, sind die Reisekosten schon etwas höher. Aber in der Regel bewegen wir uns in dieser Range.“ Sie drehen auch am Wochenende. Aber die Mehrarbeit ist bei ihm als Führungskraft im Arbeitsvertrag abgegolten. „Budgetär ist das ein No-Brainer.“
Piloten sind die wahren Helden der Show
Taitsch flog schon in einem Tankflugzeug mit, schaute sich die Schleudersitzfertigung an, setzte sich der neunfachen Körperbelastung in der Zentrifuge aus, absolvierte ein Überlebenstraining auf hoher See.
Doch auch wenn er der Host der Show ist, sind die wahren Protagonisten für ihn die Piloten und das Wartungspersonal. „Die kriegen sonst nie eine Bühne“, sagt Taitsch. Bei der Bundeswehr säßen permanent Eurofighterpiloten 24 Stunden in Bereitschaft, „um im Zweifel das abzudrängen oder abzuschießen, was in den deutschen Luftraum eindringt“.
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Für ihn sei es Ehre und Privileg, so nah an diesen Menschen sein zu können. „Das ist unser Flugzeug, deutsche Ingenieurskunst. Wir sollten stolz darauf sein, auch auf die Piloten, für die das Fliegen Nebensache ist“, sagt Taitsch.
Das Entscheidende für sie sei die Mission. Solch eine mit dem Eurofighter zu fliegen, sei so komplex wie Formel-1-Fahren – „nur dass man nebenbei noch Mathe-Abituraufgaben lösen muss“.
Taitsch vor der Zentrifuge in Königsbrück: Er hat ein 9G-Training absolviert. Foto: FighterShow
Taitsch will die Anstrengungen und Entbehrungen zeigen, die dieser Beruf mit sich bringt. Ein Aha-Erlebnis war für ihn der Besuch einer Übung in Polen: Ein Pilot sah das Filmteam, kletterte schnell aus dem Cockpit und lief ihnen entgegen. „Er sagte: ,Danke, dass ihr die Fighter Show macht. Jetzt können wir unseren Familien endlich zeigen, was wir tun.'“ Es ist dieser Blick hinter das Kasernentor, hinter die Flughafenabsperrung, der die Produktion so besonders macht.
Anfangs bekamen sie noch viele Absagen, wenn sie auf einem Airfield drehen wollten. „Heute fragen uns die Armeen, ob wir bei einem Manöver dabei sein wollen“, sagt Taitsch. Bei den Kunden, bei den verschiedenen Luftwaffen, werden sie mittlerweile als Partner gesehen. „Es wird wahrscheinlich kein Eurofighter mehr verkauft wegen der Fighter Show“, sagt Taitsch. „Aber wir können ein positives Bauchgefühl erzeugen. Und auch politische Entscheidungen sind meist emotional.“
Zeitenwende in der Kommunikation
Früher lief der Vertrieb von Rüstungsgütern über den Verteidigungsausschuss, die Generäle, die Politiker. „Aber man muss auch die Gesellschaft auf seine Seite ziehen, durch Emotionen, durch Infotainment, dazu mit Wissensvermittlung in homöopathischen Dosen“, sagt Taitsch. „To win hearts and minds“, Herzen und Köpfe gewinnen, das ist sein Leitspruch, der ihm bisher immer zu kurz kam. Die Industrie sei viel zu ingenieursgetrieben. „Wir müssen komplexe Dinge einfach besser erklären“, findet Taitsch.
Taitsch im Airbus A330 MRTT: Wissensvermittlung in homöopathischen Dosen. Foto: FighterShow
20 bis 30 Jahre habe sich die Verteidigungsindustrie im Dornröschenschlaf befunden. Durch den Ukraine-Krieg habe sich das schlagartig geändert. „Mittlerweile rennst du offene Türen ein, wenn es um Verteidigung geht“, sagt Taitsch.
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Zeitenwende, selbst in der Kommunikation. Ihm geht es auch darum, die Verteidigungsindustrie als attraktiven Arbeitgeber zu präsentieren, Begeisterung zu entfachen. „Ob es bei den Herstellern oder bei der Luftwaffe ist: Alle suchen händeringend nach Personal.“ Man müsse weg von: Das ist alles böse. „Wenn Waffensysteme in die richtige Richtung schießen, dann sind sie gut.“
In der Branche ist das längst angekommen
Mittlerweile wirbt der Rüstungskonzern Rheinmetall auf den Werbebanden von Borussia Dortmund, und der schwedische Rüstungskonzern Saab wird „Premium-Sponsor“ des Zweitligisten 1. FC Nürnberg. Besonders eifrig setzen sich die Newcomer in Szene, etwa die Drohnen-Start-ups Helsing oder Quantum Systems.
Medienethiker sehen Formate wie die „Fighter Show“ jedoch kritisch: Inhaltlich gehe es um Technikbegeisterung, Kameradschaft und gut ausgebildete Profis, die Freude an ihrem Job haben, sagt Christian Schicha von der Universität Erlangen-Nürnberg. „Dieser Feel-good-Faktor blendet aber aus, dass es sich um technische Instrumente handelt, die im Krieg eingesetzt werden können und auch über ein hohes Zerstörungspotenzial verfügen.“
Insofern handele es sich bei den Filmen um „strategische PR-Instrumente“, die Jugendliche für den Militärdienst begeistern sollen. „Beim Blick auf die hohen Klickquoten und die positiven Kommentare scheint dies ja auch zu funktionieren“, sagt Schicha, der in Erlangen am Institut für Theater- und Medienwissenschaft lehrt.
Mitflug von Taitsch (hinten) im Eurofighter: Mehr als 1,8 Millionen Klicks für ein Video. Foto: FighterShow
Taitsch kann diese Kritik nicht ganz nachvollziehen. Jeder, der sich für Kampfflugzeuge nur im Ansatz interessiere, wisse schließlich, dass sie für kriegerische Auseinandersetzungen gebaut sind: „Ich schätze, seine Beurteilung würde für Top Gun und Top Gear ebenso zutreffen – und damit sind wir ja genau da, wo wir hinwollen.“
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„Es war für mich ein kalkulierbares Risiko“, sagt Taitsch. Heute liegen in seinem Büro die Belege dafür, dass es aufgegangen ist: gerahmte Urkunden für Marketingpreise, Erinnerungsstücke von Airshows und Drehs – und Dutzende Patches aus aller Welt.
Patches und Urkunden in Taitschs Büro: Begehrtes Sammlerobjekt. Foto: Christian Wermke
Das Tauschen der Abzeichen ist unter Soldaten sehr beliebt. Der Patch der „Fighter Show“ ist mittlerweile zu einem der begehrtesten unter Piloten geworden. Ihn bekommt nur, wer in einer Folge vor der Kamera mitgewirkt hat.
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