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Indiens Jugend: Arbeitslosigkeit und Prüfungsbetrug führen zu Protesten
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FAZvor 7 StundenPolitik5 Min. LesezeitGermany

Indiens Jugend: Arbeitslosigkeit und Prüfungsbetrug führen zu Protesten

Der 28-jährige Satyam Chaubey ist ein Beispiel für die schwierige Lage vieler junger Inder, die trotz guter Ausbildung keine feste Anstellung finden und gegen Korruption im Prüfungssystem protestieren.

Auf einen Blick

  • Satyam Chaubey, 28, steht stellvertretend für Indiens junge Arbeitslose, die trotz Studium kaum feste Jobs finden.
  • Korruption im öffentlichen Dienst und Prüfungsbetrug verschärfen die Lage.
  • Eine Protestbewegung, die "Kakerlaken-Bewegung", fordert Reformen und erreichte bereits den Rücktritt des Bildungsministers.

KI-generierte Zusammenfassung

Warum es wichtig ist

Indiens schnell wachsende Wirtschaft kann nicht genügend Arbeitsplätze für die jährlich Millionen neuen Jobsuchenden schaffen, besonders für Hochschulabsolventen, was zu weit verbreiteter Unzufriedenheit führt.

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Der 28 Jahre alte Inder Satyam Chaubey hatte zuerst Ingenieurwesen studiert. In erster Linie tat er es, weil seine Eltern es wollten. Besonders gefallen hat ihm das Studium nicht. Doch nach dem Bachelor schien es kurz so, als habe er das große Los gezogen. Im Jahr 2020 bestand er eine Prüfung, die ihn für eine Stelle im begehrten öffentlichen Dienst qualifizierte. Die Ergebnisse wurden aufgrund von Unregelmäßigkeiten allerdings widerrufen, und bei der Wiederholung der Prüfung fiel Chaubey durch, wie er der F.A.S. telefonisch aus Azamgarh im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh berichtet.

Weil sich keine Alternative auftat, begann Chaubey ein neues Studium. Im Jahr 2023 machte er seinen Master in Betriebswirtschaft, ohne dabei allerdings einen bestimmten Plan zu verfolgen. „Hier machen die meisten ein Studium, ohne einen spezifischen Beruf anzustreben“, sagt er. „Es geht einfach um irgendeine Stelle.“ Auch mit seinem Master versuchte Chaubey es zunächst wieder im öffentlichen Dienst. In Indien hat ein Arbeitsplatz in diesem Sektor fast den Wert eines Sechsers im Lotto.

Inzwischen hat Chaubey es allerdings aufgegeben, einen der begehrten Staatsjobs zu bekommen. „Von Stellen im öffentlichen Dienst kann man nicht einmal träumen“, sagt er. Mehr als vierzig Prozent der Arbeitsplätze würden praktisch im Voraus „verkauft“. Es gebe darüber hinaus Quoten für die Mitglieder benachteiligter Kasten. Irgendwann gebe man einfach auf. „Es gibt ein Alter, in dem man es immer wieder versucht – dieses Alter habe ich hinter mir“, sagt Chaubey.

Jedes Jahr kommen zehn Millionen Jobsuchende hinzu

Nun konzentriert er die Jobsuche auf die Privatwirtschaft, aber auch dort ist er bisher erfolglos. Viele Arbeitsplätze würden über persönliche Verbindungen vergeben, sagt Chaubey. Seit seinem Abschluss hält er sich deshalb mit Gelegenheits- und Nebenjobs über Wasser. Er verkauft Souvenirs online, jobbt in Callcentern und gibt Kindern Nachhilfe. Vor Kurzem habe er eine Stelle bei einem Versicherungsmakler ausgeschlagen, erzählt er. Dort habe das Gehalt 18.000 Rupien betragen. „Das ist weniger, als ich mit der Nachhilfe verdiene.“

Chaubeys Lebenslauf ist typisch für die Lage vieler junger Menschen in Indien. Die südasiatische Großmacht ist zwar unter den bedeutenden Volkswirtschaften diejenige mit dem stärksten Wachstum. Bisher ist es Indien aber nicht gelungen, seine gute Konjunktur in einen florierenden Arbeitsmarkt umzumünzen.

Jedes Jahr suchen etwa zehn bis zwölf Millionen Menschen zum ersten Mal einen Job. Gerade Berufsanfänger finden aber kaum freie Stellen. Besonders schwierig ist die Lage für Universitätsabsolventen. Sie stellen mehr als sechzig Prozent der jungen Arbeitslosen. Da zwei von drei Indern jünger als 35 Jahre sind, handelt es sich um ein gigantisches Problem. Mehr als 900 Millionen Menschen sind in dieser Alterskohorte.

Bisher gab es trotzdem keine Anzeichen, dass die Misere am Arbeitsmarkt zu sozialer Instabilität führen würde. Nun hat sich unter jungen Indern zwar Protest formiert, aber anders als in den Nachbarländern Nepal, Bangladesch und Sri Lanka strebt die Bewegung keinen Sturz der Regierung an. Einen ersten Sieg hat die indische Protestjugend, die sich wegen einer abfälligen Bemerkung eines Richters „Kakerlaken-Bewegung“ nennt, schon errungen. Ministerpräsident Narendra Modi gab den Forderungen nach einem Rücktritt des Bildungsministers und einer Reform des Prüfungssystems nach.

Die Entscheidung der „Kakerlaken“, sich in ihrem Protest auf die Aufnahmeprüfungen für medizinische Hochschulen (NEET) zu konzentrieren, hat sich damit als geschickter Zug erwiesen. Die im Mai abgehaltenen Prüfungen mit mehr als 2,3 Millionen Teilnehmern mussten wiederholt werden, weil einige der Aufgaben in einem vorab zirkulierten Papier aufgetaucht waren.

Das Thema beschäftigt längst nicht nur die jungen Inder. Mehr als zwanzig Studenten nahmen sich nach Angaben indischer Medien in der Folge das Leben. Sie sollen 16 oder 17 Jahre alt gewesen sein und teils Jahre in die Vorbereitung gesteckt haben. Die Aussicht, den Prüfungsstress noch einmal durchmachen zu müssen, überforderte sie offenbar.

Eine ganze Industrie lebt vom Nachhilfeunterricht

Wie das Beispiel von Chaubey zeigt, beschränkt sich das Problem der Prüfungsleaks nicht auf das Zulassungssystem für das Medizinstudium. Allein in den vergangenen zehn Jahren sollen der indischen Presse zufolge in insgesamt 150 Fällen die Fragebögen bedeutender Prüfungsverfahren durchgestochen worden sein. Die Rede ist von einer Prüfungsmafia, der unter anderem korrupte Beamte und unseriöse Nachhilfeinstitute angehören sollen.

In Indien operiert eine ganze Industrie von Nachhilfe- und Fortbildungseinrichtungen, die sich darauf spezialisiert hat, die jungen Menschen auf Prüfungen vorzubereiten. Allein in die Stadt Kota im Bundesstaat Rajasthan kommen jedes Jahr 150.000 bis 300.000 Inder, um sich in Privatschulen coachen zu lassen. Dort hat einst alles begonnen, als der ehemalige Ingenieur Vinod Kumar Bansal Anfang der Neunzigerjahre einen kleinen Studienkreis zum ersten Trainingsinstitut ausbaute. Mittlerweile gibt es sogar eine Netflix-Serie mit dem Titel „Kota Factory“, die zeigt, wie brutal der Wettbewerb und der Leistungsdruck sind, die in mittlerweile Dutzenden Coaching-Einrichtungen dort herrschen.

Dabei ist selbst eine bestandene Prüfung keine Garantie für einen Studien- oder gar einen Arbeitsplatz. Allein in den NEET-Prüfungen qualifizieren sich jedes Jahr mehr als eine Million Personen für die Aufnahme eines Medizinstudiums. Die Zahl der verfügbaren Studienplätze liegt aber bei nur etwa 140.000. In Relation zu dem Aufwand, den viele Studienanwärter betreiben, ist die Wahrscheinlichkeit, am Ende einen Platz zu bekommen, also niederschmetternd gering.

Um nicht allein zu sein, gibt er kostenlos Nachhilfe

Satyam Chaubey sagt, dass die fehlende Aussicht auf einen ordentlichen Arbeitsplatz für ihn zu einer großen Belastung geworden ist. „Mit 28 Jahren fühlt man sich hoffnungslos. Es scheint, als sei das Leben wertlos, als habe es keinen Sinn“, sagt er. Der junge Inder, der sich selbst als introvertiert bezeichnet, leidet unter Schlaflosigkeit. Besonders schwer sei es, wenn er allein zu Hause sitze. „In der Einsamkeit fühle ich mich immer deprimiert.“ Einigen Kindern aus der Nachbarschaft gebe er deshalb sogar kostenlos Nachhilfe. „Denn untätig herumzusitzen, belastet mich seelisch sehr.“

Die Sache quält ihn so sehr, dass er sich nicht traut, seine Familie zu besuchen, die ebenfalls im Bundesstaat Uttar Pradesh lebt, in der Stadt Varanasi. „Ich schäme mich vor der Familie, arbeitslos zu sein“, sagt er. Die Vorstellung, nach vielen Jahren des Studiums ohne einen festen Arbeitsplatz der Verwandtschaft gegenübertreten zu müssen, erfüllt ihn mit Grauen. „Für Eltern oder enge Familienangehörige ist man nur von Wert, wenn man ab einem bestimmten Alter als Angestellter ein festes Einkommen erzielt.“ Zu schaffen mache ihm außerdem, dass ihn seine Eltern immer stärker zur Heirat drängten.

Chaubey ist in einem Alter, in dem viele andere Inder schon verheiratet sind. Ihn hält aber nicht zuletzt die ungeklärte Jobsituation davon ab. „Derzeit ist es schon sehr schwierig, meine eigenen Ausgaben zu bestreiten – wie soll ich da für eine Familie sorgen?“, fragt er. Chaubey geht davon aus, dass er mindestens 40.000 Rupien verdienen müsste (umgerechnet etwa 370 Euro), um eine Familie zu ernähren. Das wäre in etwa das Doppelte seines jetzigen Verdienstes. Selbst wenn er einen Job in seinem Ausbildungsbereich finden würde, so schätzt er, würde er aber höchstens 30.000 Rupien verdienen.

Auf einer Demonstration bekam er Schläge ab

Wie Tausende andere hat sich Chaubey in den vergangenen Wochen den Protesten der „Kakerlaken“ angeschlossen. „Wenn wir Gebildeten unsere Stimme nicht erheben, dann sind wir selbst dafür verantwortlich, was in Zukunft geschieht“, sagt er. Das positive Gefühl, in Gemeinschaft mit anderen Veränderungen herbeiführen zu wollen, wurde allerdings durch die harte Reaktion der Behörden getrübt.

Am 20. Juli ging die Polizei mit Schlagstöcken und Tränengas gegen die Demonstranten vor, um sie an einem Marsch auf das Parlament in Neu Delhi zu hindern. Dabei hat auch Chaubey Schläge abbekommen. „Als die Polizei am Ort der Demonstration vorrückte, rannte ich zunächst davon, trat dann aber fünf Schritte zurück, um ein Mädchen zu retten, das von der Menschenmenge überrannt worden wäre“, berichtet er. Dabei sei er zweimal von den Schlagstöcken der Polizisten getroffen worden.

Von dem harten Vorgehen der Sicherheitskräfte hat sich die Protestjugend nicht aufhalten lassen. Sie setzte ihre Kundgebungen fort, bis die Regierung schließlich einlenkte. Zwar erklärten die „Kakerlaken“ ihren Protest nach dem Rücktritt des Bildungsministers für beendet, viele Demonstranten betonen aber, dass der Aufruhr der vergangenen Tage nur „ein Anfang“ gewesen sei. In den vergangenen Wochen hat sich eine tiefe Unzufriedenheit der indischen Jugend offenbart, die zuvor unter der Oberfläche geblieben war. Es erscheint unwahrscheinlich, dass die daraus entstandene Bewegung nun einfach wieder verschwindet.

Worauf zu achten ist

KI-Ausblick — Möglichkeiten, keine Fakten

  • Die "Kakerlaken-Bewegung" wird ihren Protest fortsetzen oder sich neu formieren.

    Sehr wahrscheinlich · Innerhalb von Monaten

Offene Fragen

  • Wie wird die Regierung die Korruption im Prüfungssystem bekämpfen?
  • Welche konkreten Reformen des Bildungssystems sind geplant?
  • Wie wird sich die "Kakerlaken-Bewegung" weiterentwickeln?

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This article was originally published by FAZ.

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