Krise in Amerikas Nationalparks: Zensur, Personalabbau und Kommerzialisierung unter Trump
Trumps Dekrete verändern Amerikas Schutzgebiete massiv: Historische Fakten werden getilgt, Budgets gekürzt, Ranger entlassen und Naturflächen für die Ausbeutung freigegeben.
Auf einen Blick
- Amerikas Nationalparks leiden unter drastischen Einschnitten der Regierung Trump.
- Neben Zensur historischer Fakten, massiven Entlassungen und höheren Eintrittspreisen droht geschützten Naturgebieten die kommerzielle Ausbeutung durch Bergbau und Energiekonzerne.
KI-generierte Zusammenfassung
Warum es wichtig ist
Trumps Dekret verfügte die Entfernung unliebsamer historischer Fakten aus Nationalparks. Zudem wurden Budgets gekürzt und Ranger entlassen.
Der Blick an der Kante des Grand Canyon stürzt schwindelerregende 900 Meter hinab auf eine kleine grüne Oase inmitten einer gewaltigen Landschaft aus Klippen und Fels. Dort unten auf der Tonto-Plattform, einer weitläufigen geologischen Terrasse auf halbem Weg zum Colorado River, liegt im Schatten ausladender Pappeln an einem Bach ein idyllischer Campground namens Havasupai Gardens. Hier bauten einst die Havasupai Mais, Kürbis und Bohnen an. Doch in den späten Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts wurden sie von dort vertrieben, damit Besucher des 1919 gegründeten Nationalparks ungestört von den Ureinwohnern die Natur genießen konnten.
Bis vor Kurzem war diese Information auf Tafeln des Nationalparks zu finden. Seit im März 2025 Trumps Dekret zur „Wiederherstellung von Wahrheit und Vernunft in der amerikanischen Geschichtsschreibung“ die Entfernung von unbequemen Tatsachen verfügte, erfahren die Besucher nichts mehr davon. Hinweise auf Verlust und Leid der indigenen Bevölkerung – elf Stämme sind kulturell eng mit dem Grand Canyon verbunden – wurden als „unangebracht“ gebrandmarkt und entfernt, ebenso wie Informationen im Visitor Center, die auf die Ausbeutung des Landes durch Bergleute und Viehzüchter oder auf die Auswirkungen des Klimawandels hinwiesen.
Weil nicht sein kann, was im Weltbild Trumps nicht sein darf, vergriff man sich auch anderswo in „Amerikas Klassenzimmern unter freiem Himmel“ an den Tatsachen. Im Glacier-Nationalpark in Montana wurden Hinweise auf die katastrophalen Folgen des Klimawandels entfernt, obwohl von den 150 Gletschern, die Mitte des 19. Jahrhunderts dort noch existierten, nur noch 26 übrig sind und Wissenschaftlern zufolge in den kommenden zwanzig Jahren wohl auch diese verschwinden werden. In Philadelphias Independence National Park wurde die Geschichte von neun Sklaven aus dem Haushalt George Washingtons getilgt, am Stonewall National Monument in New York die Regenbogenflagge entfernt.
Es geht der Regierung nicht um historische Fakten
Mehrere Klagen gegen die Maßnahmen zur Geschichtsbereinigung sind anhängig, einige der demontierten Objekte mussten vorerst wieder aufgestellt werden. Mindestens 35 Standorte des National Park Service (NPS) seien bislang zensiert, in mehr als 100 Informationen als beanstandet markiert und 90 Schilder entfernt worden, sagt Michael Corey von Save Our Signs, einer Crowdsourcing-Initiative aus Minnesota, die seit knapp einem Jahr den Geisteswandel in den Nationalparks dokumentiert. „Es geht ja hier gar nicht um historische Fakten“, so Corey, „sondern darum, für wen welche Informationen bequem sind und für wen nicht.“ Im Fadenkreuz der Trump-Regierung stünden besonders Schwarze, Frauen, Indigene, die LGBTQ-Community und der Klimawandel.
Bei den Parkbesuchern, die von der Regierung aufgefordert wurden, „abwertende“ oder „unamerikanische“ Informationen in Broschüren, Besucherzentren oder auf Schildern anzuzeigen, kam Trumps Dekret gar nicht gut an. „Lasst den NPS in Ruhe“, heißt es in ihren Kommentaren auf der Website des National Park Service, oder: „Hey Donald Trump, der Versuch, Geschichte zu löschen, bringt sie nicht zum Verschwinden“. „Zensur und das Ausradieren von Geschichte sind die unamerikanischsten Dinge, die ich mir vorstellen kann“, schrieb ein anderer Besucher. Zahlreiche Kommentare verlangten, man möge sich lieber auf Personalnot und Instandhaltung konzentrieren als auf die Demontage von Informationstafeln.
Die Ranger haben noch weitere Gründe, frustriert zu sein: Seit Januar müssen ausländische Besucher über 15 Jahre in den elf beliebtesten Nationalparks ein erhöhtes Eintrittsgeld von 100 Dollar pro Kopf zahlen statt wie bisher wie alle anderen 35 Dollar pro Auto. Und die Ranger sind gehalten, die Menschen an den Eingangstoren nach ihren Papieren zu fragen. „Ich habe diesen Job angetreten, weil ich die Natur liebe und bewahren möchte“, sagt ein Ranger an der Südpforte des Grand-Canyon-Nationalparks. „Ich arbeite doch nicht für die Einwanderungsbehörde ICE.“ Die freundlichen Parkangestellten müssen plötzlich die Wut erboster Touristen aus dem Ausland ertragen. Manche drehten entrüstet um, sagt eine junge Rangerin, andere zahlten zähneknirschend. „Angenehm ist das nicht.“
Die erhöhten Eintrittspreise kommen noch nicht einmal den Nationalparks zugute, wie kürzlich bekannt wurde, sondern Trumps Verschönerungsprojekten in Washington. Das Innenministerium zweigte der „Washington Post“ zufolge mindestens neunzig Millionen Dollar an Eintrittsgeldern ab, darunter für die Installation von afrikanischem Granit auf dem Weg zwischen der präsidialen Residenz im Weißen Haus und dem Oval Office, für die peinlich fehlgeschlagene Verschönerung des Reflecting Pool und für ein Feuerwerk am 4. Juli. „Damit die Projekte des Präsidenten finanziert werden können, mussten die Parks auf notwendige Reparaturen verzichten, ihre Budgets verkleinern und mit weniger Mitarbeitern auskommen“, schrieb der „Atlantic“ und verwies unter anderem auf fehlende Gelder für einen öffentlichen Bus zwischen dem Acadia National Park in Maine und den umliegenden Städten und die geplante Erneuerung eines Geländers an der Klippe des Black Canyon im Gunnison-Nationalpark in Colorado.
Willkürliches Wüten mit der Kettensäge
Dabei sind die Parks und ihre Mitarbeiter schon schwer gestresst, seit im Februar 2025 das Department of Government Efficiency unter Elon Musk in der amerikanischen Bürokratie mit der sprichwörtlichen Kettensäge wütete, etwa 1000 Parkangestellte offenbar willkürlich entließ und Budgets radikal beschnitt. „Offenbar war das dazu gedacht, uns alle in Panik zu versetzen“, sagt Michael, der als Ranger im Saguaro National Park in Arizona arbeitet und nur mit Vornamen genannt werden möchte. Mehrere Ranger im dortigen Visitor Center erhielten die Kündigung, das Geld für die Ausbesserung eines behindertengerechten Wanderwegs wurde gestrichen. Zwar mussten im Rahmen von Klagen zahlreiche Mitarbeiter des NPS und anderer Bundesbehörden wieder eingestellt werden. Aber viele hatten sich da bereits andere Jobs gesucht. Nichts sei mehr wie vorher, sagt Michael. „Man hat unser Budget gekürzt, deswegen haben wir zu wenig Personal.“ Die Auswirkungen für Besucher, meint er, könnten sich nicht nur in den Besucherzentren zeigen, sondern auch in verwildernden Pfaden und in mangelnden Warnhinweisen an leichtsinnige Besucher durch patrouillierende Ranger.
John, der bei der amerikanischen Forstbehörde arbeitet und ebenfalls nur mit Vornamen genannt werden möchte, erhielt die Kündigung, obwohl er gerade befördert worden war. Er zog vor Gericht. „Auf den öffentlichen Dienst sind zahllose Menschen angewiesen. Hier wird doch kein Social-Media-Dienst verschlankt, hier geht es um Arbeit für das Gemeinwohl.“ Am Grand Canyon wurden zehn sogenannte Fee Ranger entlassen, die an den Eingangstoren den Eintritt kassieren und Informationen verteilen. „Und wir sind ohnehin schon unterbesetzt“, sagt ein Ranger mit Blick auf die langen Schlangen, die sich vor dem Parkeingang besonders an Wochenenden, Feiertagen und in Ferienzeiten bilden. Von den fünf Eingangsstationen des Grand Canyon National Park sind seither meist nur drei geöffnet.
Die Auswirkungen der Personal- und Budgetbeschneidungen zeigen sich an allen Ecken und Enden. Am Desert View, dem östlichsten Aussichtspunkt des Grand Canyon National Park, ist die Haupttoilette geschlossen, ein Schild weist zu einem anderen, viel kleineren WC neben dem Trading Post, vor dem eine Schlange steht. Denn im Namen der „Effizienz“ wurde auch das Personal reduziert, das für die Reinigung und Instandhaltung der Park-Einrichtungen zuständig ist, etwa Toiletten, Wanderwege und Campingplätze.
Die Präsenz der Ranger ist zudem beklagenswert schmal, mit fatalen Folgen: Am Duck on the Rock, einem Aussichtspunkt einige Kilometer östlich des Grand Canyon Village, ist die Steinmauer mit Graffiti beschmiert, was niemand verhindert hat. Entlang des South Kaibab Trail schaben Besucher ungerührt Fossilien aus den Gesteinsschichten, die Maultier-Wrangler müssen selbst die Trails ausbessern, auf denen sie bei ihren täglichen Verpflegungstransporten zur Phantom Ranch am Colorado River unterwegs sind. Und an manchen Stellen sieht der Grand Canyon inzwischen wie eine Müllhalde aus. Gleichwohl sind für 2027 im Budget der Regierung Trump weitere Einschnitte geplant. 2920 Vollzeitmitarbeiter des National Park Service sollen gehen, das ist mehr als ein Fünftel der 12.600 NPS-Angestellten.
Die großartigsten Wildnisabenteuer auf Erden
323 Millionen Besucher zählte der National Park Service im vergangenen Jahr in den 63 amerikanischen Nationalparks und den mehr als 400 weiteren Schutzgebieten, die der NPS verwaltet. Seine Aufgabe ist es, Amerikas kostbarste Naturschönheiten zu schützen und Menschen egal welcher Provenienz zugänglich zu machen. Und bisher gelingt das noch: Die legendären Schlauchbootfahrten durch den Grand Canyon zählen zu den großartigsten Wildnisabenteuern auf dem Planeten. Am El Capitan und Half Dome im Yosemite-Nationalpark treffen sich die weltbesten Kletterer. Der White-Sands-Nationalpark in Neumexiko ist berühmt für seine Vollmondwanderungen durch die schneeweißen Sanddünen. Aber auch, wer einfach nur am Wegesrand ein Picknick machen oder still auf einem Stein sitzen möchte, kann die Schönheit und Unberührtheit der Wildnis auf berückende Weise erleben. Für viele indigene Gruppen ist sie zudem geheiligtes Land, das ihnen zwar entrissen wurde, dank des NPS aber zumindest vor der Zerstörung bewahrt wird.
Insgesamt stehen in den USA eine Million Quadratkilometer unter Schutz, das entspricht mehr als einem Zehntel der Landesfläche. Doch der Regierung Trump gilt dieses Land in erster Linie als ausbeutbare Ressource. Weite Teile von derzeit geschützten Gebieten könnten, wenn es nach dem Präsidenten geht, bald in die Hände von Energie-, Bergbau- und Holzkonzernen übergehen. „Es handelt sich um den größten Angriff auf den Naturschutz, den unsere Nation je erlebt hat“, sagt Beau Kiklis von der National Parks Conservation Association (NPCA) über die Versuche, den Naturschutz in Amerika drastisch einzuschränken, Behörden wie den NPS und den US Forest Service kaputtzuschrumpfen und das Mitspracherecht der Öffentlichkeit in Bezug auf öffentliche Schutzgebiete abzuschaffen. Die NPCA wurde 1919 als unabhängige Watchdog-Organisation von Stephen Mather, dem ersten Direktor des National Park Service, mitbegründet, um darüber zu wachen, dass die Nationalparks ihre Mission erfüllen: „Kultur- und Naturschätze zu erhalten und vor Beeinträchtigungen zu bewahren, zur Erholung, Bildung und Inspiration für diese und künftige Generationen“.
Nichts aber scheint bei dieser Regierung mehr Gültigkeit zu haben. Trumps Innenminister Doug Burgum hat alle seinem Ministerium unterstellten Behörden – darunter auch den NPS – angewiesen, öffentliche Schutzgebiete auf die Möglichkeiten des Bohrens, Schürfens und Frackens zu überprüfen. Am Grand Canyon wird jetzt wieder Uran abgebaut, was das Grundwasser und den Colorado River, von dem vierzig Millionen Menschen im amerikanischen Westen abhängen, kontaminieren könnte. Trumps Leute arbeiten außerdem daran, das Ancestral Footprints National Monument, das Joe Biden einrichten ließ, wieder zu streichen. Im Superior National Forest hob Trump kürzlich ein zwanzigjähriges Schürfverbot auf; Umweltorganisationen befürchten, dass der Abbau von Kupfer die 4000 Quadratkilometer große Boundary Waters Canoe Area Wilderness zwischen Minnesota und Kanada mit ihren Gletscherseen, Wäldern und Flüssen verseuchen wird. Und das Papahānaumokuākea Marine National Monument in Hawaii, eines der größten ozeanischen Schutzgebiete der Welt und als UNESCO-Weltnaturerbe geschützt, machte Trump soeben für den kommerziellen Fischfang zugänglich.
Der gemeinnützigen Outdoor Alliance zufolge sind landesweit 121 Millionen Hektar geschützter Gebiete mit 160.000 Kilometern Wanderwegen und fast 4500 Flusskilometern für eine potentielle Kommerzialisierung vorgesehen. Für 35 Millionen Hektar Schutzfläche hat Trump bereits Umweltschutzbestimmungen mit dem Ziel der Ressourcengewinnung aufgehoben und in den bisherigen 18 Monaten seiner Amtszeit nahezu halb so viele Schutzgebiete einer möglichen Ausbeutung preisgegeben, wie Teddy Roosevelt während seiner Präsidentschaft von 1901 bis 1909 dem Umweltschutz unterstellte. Roosevelt etablierte einst den Forest Service und designierte fünf Nationalparks mit insgesamt 93 Millionen Hektar Fläche. „Hier ist euer Land“, sagte er damals. „Hütet diese Naturwunder, hegt und pflegt die Naturschätze und bewahrt die Geschichte und Romantik dieses Landes als heiliges Erbe für eure Kinder und Kindeskinder. Lasst nicht zu, dass selbstsüchtige Männer oder gierige Interessen euer Land um seine Schönheit, seinen Reichtum oder seinen Zauber bringen.“
Worauf zu achten ist
KI-Ausblick — Möglichkeiten, keine Fakten
Weitere Entlassungen von NPS-Mitarbeitern bis 2027
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Offene Fragen
- Wie viele weitere Schilder werden endgültig entfernt?
- Welche konkreten Konzernvorhaben werden genehmigt?




