Nvidia gibt Anleihen über 25 Milliarden Dollar aus – Warum das Tech-Schwergewicht trotz Rekordgewinnen Geld leiht
Auf einen Blick
- Trotz Rekordgewinnen und hoher Liquidität hat Nvidia Anleihen über 25 Milliarden Dollar ausgegeben.
- Analysten zufolge übersteigen geplante Ausgaben für Beteiligungen und Investitionen den freien Cashflow, und die Aufnahme von Fremdkapital ist derzeit günstiger.
- Die Nachfrage nach den Anleihen war riesig, was Nvidias starke Marktposition und das gute Bonitätsrating widerspiegelt.
KI-generierte Zusammenfassung
Warum es wichtig ist
Nvidia hat trotz Rekordgewinnen und hoher Liquidität Anleihen über 25 Milliarden Dollar ausgegeben. Analysten zufolge übersteigen geplante Ausgaben für Beteiligungen und Investitionen den freien Cashflow, und die Aufnahme von Fremdkapital ist derzeit günstiger.
Wenn man Nvidia etwas nicht unterstellen kann, dann ist es, zu wenig Geld zu verdienen. Allein im vergangenen Quartal machte der Chipdesigner einen Rekordumsatz von 81,6 Milliarden Dollar bei einem Nettogewinn von 58,3 Milliarden Dollar – und das bei liquiden Mitteln in Höhe von mehr als 13 Milliarden Dollar. Dazu kommt ein freier Mittelzufluss (Cashflow) in Höhe von 200 Milliarden Dollar für das laufende Geschäftsjahr, wie Analysten schätzen. Und trotzdem hat das Techschwergewicht diese Woche neue Anleihen in Höhe von 25 Milliarden Dollar ausgegeben – die drittgrößte Emission aller Zeiten. Warum eigentlich?
Die einfache Antwort ist: Weil selbst der freie Cashflow von 50 Milliarden Dollar im Quartal nicht ausreicht. Die geplanten Ausgaben für Beteiligungen, Aktienrückkäufe oder Investitionen übersteigen diesen Betrag. Und für Nvidia ist es aktuell günstiger, bei der Nachfrage nach den eigenen Anleihen Fremdkapital aufzunehmen, als die eigene Liquidität aufzubrauchen.
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Riesige Nachfrage nach der Anleihe
Das sieht man deutlich an der aktuellen Anleihe: Laut der auf Finanznachrichten spezialisierten Agentur Bloomberg überstieg dabei das Interesse bei Weitem das Angebot. So sollen Bestellungen in Höhe von 85 Milliarden Dollar vorgelegen haben, mehr als das Dreifache des Emissionsvolumens, erklärt Moritz Krohn, Anleihefachmann bei Union Investment. Deswegen wurde die Anleihe auch aufgestockt, ursprünglich lag das Ziel bei 20 Milliarden Dollar.
Der Konzern verkaufte sieben Tranchen mit Laufzeiten zwischen zwei und dreißig Jahren. Die Rendite der Anleihe mit der längsten Laufzeit liegt über 30 Jahre bei 5,588 Prozent. Nvidia dürfte dabei auch von niedrigeren Finanzierungskosten profitieren. Da die USA und Iran in der Nacht zum Donnerstag eine Rahmenvereinbarung zum Ende ihres Konflikts unterzeichneten, hat sich auch der Anleihemarkt wieder beruhigt.
Sehr gutes Rating für Nvidia
Als Eckpfeiler des KI-Ökosystems brauchte Nvidia nicht einmal die sonst übliche Investorenkonferenz – die Geldgeber rissen Nvidia die Anleihe auch so aus den Händen. Andy Li, Analyst bei Credit Sights, war davon nicht überrascht: „Nvidia verfügt über eine so dominante Markt- und Finanzposition, dass das Unternehmen sich gegenüber Anlegern nicht besonders intensiv vermarkten muss“, sagte er gegenüber Bloomberg.
Die Anleihe war besonders attraktiv, da Nvidia über ein starkes Bonitätsrating verfügt. Moody’s gibt dem Chipgiganten etwa mit Aa1 das zweithöchste Rating bei einem positiven Ausblick und begründet das explizit mit Nvidias dominanter Stellung im KI-Infrastrukturmarkt, der Innovationsführerschaft und der Entwickler-Community von fast sechs Millionen Nutzern – die eine Art wirtschaftlichen Burggraben bildet. „Die Anleihen sind kein Warnsignal, sondern eine Opportunität, auch als Anleiheninvestor an Nvidias Erfolg zu partizipieren“, sagt Anleihespezialist Krohn.
Nvidia investiert in das eigene Ökosystem
Dazu kommt, dass Nvidia das Baurisiko umgeht, das sonst mit solchen Finanzierungen einhergeht. Da Nvidia keine Rechenzentren kauft, die erst noch gebaut werden müssen, verzichtet der Konzern auf sämtliche Risiken wie Bauverzögerungen oder steigende Preise. Stattdessen investiert der Chiphersteller in Unternehmen, die Infrastruktur schon betreiben. Damit finanziert der Konzern also seine Ökosystembeteiligungen und die Chipproduktion, nicht aber den Bau von Rechenzentren auf der grünen Wiese.
Konkret: Nvidia investiert große Summen, um Firmen zu unterstützen, die dazu beitragen, die Nachfrage nach KI zu steigern. Nvidia investierte fünf Milliarden Dollar in Intel. Aber ebenso sorgten zehn Milliarden Dollar für Anthropic, bekannt durch sein KI-Modell Claude, für Schlagzeilen. Dazu wurden aber auch 30 Milliarden Dollar zu einer Finanzierungsrunde für Open AI beigesteuert. „Mit den Investitionen in Anthropic und investiert Nvidia in seine ‚besten Kunden‘ und unterstützt das KI-Ökosystem“, erklärt Krohn dazu. Die Investitionen führten zwar zu einer erhöhten Konzentration der Risiken bei wenigen Unternehmen, machten aber aus Sicht von Nvidia Sinn, da sie eine hohe erwartete Kapitalrendite aufweisen, sagt der Fachmann. Daneben erhöht das Unternehmen die Ausschüttungen an die Aktionäre, auch wurde ein 80 Milliarden Dollar schweres Aktienrückkaufprogramm angekündigt.
Viele Techschwergewichte geben Anleihen aus
Der Verkauf relativ günstiger, langlaufender Anleihen könnte dazu beitragen, die durchschnittlichen Kapitalkosten von Nvidia zu senken und die Finanzierung strategischer KI-Partnerschaften, unter anderem mit Open AI, zu verbessern, ohne das sehr gute Rating des Unternehmens zu schwächen, schrieb Robert Schiffman, Analyst bei Bloomberg Intelligence, in einer Mail. Moritz Krohn stimmt dem zu: „Nvidias Fremdkapitalkosten sind sehr niedrig, und es macht aus Sicht des Unternehmens Sinn, einen Teil der Kapitalstruktur mit Schulden abzudecken, auch wenn man einen hohen freien Cashflow hat.“ Diese Praxis sei nicht ungewöhnlich für große US-Technologiekonzerne. Apple zum Beispiel emittiert ebenfalls regelmäßig Anleihen, obwohl man hohe freie Cashflows generiert.
Somit schloss sich Nvidia einer ganzen Reihe von Techschwergewichten an, die die Anleihemärkte mit ihren Emissionen geradezu überfluten. Alphabet, Amazon, Meta, Microsoft und Oracle haben allein bis Anfang Juni 2026 zusammen 159 Milliarden Dollar an Anleihen emittiert – ein Anstieg von 47 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Nvidia kommt jetzt noch hinzu. Morgan Stanley schätzt, dass KI-bezogene Anleiheemissionen bis Ende 2026 auf gigantische 570 Milliarden Dollar anwachsen könnten – viermal so viel wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Trotzdem erklärt Krohn: „Der Markt für Unternehmensanleihen hat eine enorme Tiefe, und wir sehen zurzeit keine Anzeichen für eine Überhitzung“, so der Fachmann.
Sind die Investitionen profitabel?
Die fünf größten Techkonzerne planen für das Jahr 2026 zusammen kombinierte Investitionsausgaben von 725 Milliarden Dollar. Das übersteigt jeden operativen Cashflow bei Weitem. Der Anleihemarkt ist nun für die Techkonzerne zum primären Instrument geworden, diesen Bedarf zu decken. Pimco warnt bereits in einem Fachbeitrag vor einem „Überinvestitionsrisiko“, bei dem es „Gewinner und Verlierer“ geben werde. Pimco wirft damit die Frage auf, ob die Investitionsausgaben der Techkonzerne profitabel genug sind, um den enormen Anstieg im Fremdkapital und bei den ausstehenden Anleihen zu finanzieren. „Das Risiko besteht darin, dass mehr Kapital in den KI-Ausbau gelenkt wird, als sich am Ende durch Erträge rechtfertigen lässt“, sagt dazu Jan Tachtler, Leiter der Fonds- und Managerselektion bei HQ Trust.
Das Risiko der Investitionen tragen im ersten Schritt die emittierenden Konzerne und deren Aktionäre, sagt dazu Moritz Krohn. Anleihezeichner trügen zwar ebenfalls einen Teil des Risikos, dieser sei aber geringer, da die Hyperscaler neben KI andere Geschäftsbereiche hätten, die viel freien Cashflow abwerfen. „Die steigende Konzentration und Größe des Technologiesektors im Anleihenmarkt ist dennoch neu und sollte von Investoren genau beobachtet werden“, so Krohn.
Für Privatanleger ist der Handel nur schwer möglich
Was heißt das nun für Privatanleger? Zuvorderst schauten sie bei der Emission in die Röhre: Die Ausgabe war eine reine Institutionentransaktion, Privatanleger konnten nicht direkt zeichnen. Zugang gibt es nun über den Sekundärmarkt, sobald die Anleihen handelbar sind, etwa über den außerbörslichen Handel (OTC) oder entsprechende Börsen oder den indirekten Handel mit Fonds oder ETF. Die Mindeststückelung betrug 2000 Dollar, weitere Schritte in 1000-Dollar-Einheiten.
Doch auch dann war eine Anlage nicht einfach, wie Tachtler erklärt: „Die Anleihe enthält eine ‚Make-Whole-Kündigungsklausel‘. Solche Papiere werden in der EU regelmäßig als strukturierte Produkte eingestuft und benötigen dann ein Basisinformationsblatt.“ Liegt ein solches Basisinformationsblatt vor, versehen die Banken die Anleihe dann mit einer Kaufsperre für Privatanleger. Damit sind die Anleihen faktisch für deutsche Privatanleger nicht handelbar.
Doch Union Investment warnt auch vor zu viel Euphorie bei der Anlage, denn Unternehmensanleihen sind nicht risikofrei, auch wenn sie weniger volatil sind als Aktien. Das sagt Christian Kopf, der den Bereich Anleihen bei der Investmentgesellschaft verantwortet. „Privatanlegerinnen und Privatanleger sollten sich solche Einzeltitel nur dann ins Portfolio legen, wenn sie bereit sind, die Entwicklung der Kreditqualität laufend zu verfolgen“, empfiehlt Kopf. Anderenfalls seien sie mit einem Investmentfonds besser beraten.
Auch weist Kopf auf einen zweiten Aspekt hin: Die Anleihen werden in Dollar begeben. „Privatanlegerinnen und Privatanleger, die solche Dollaranleihen ohne Währungssicherung erwerben, sollten sich bewusst sein, dass sie bei einer Abwertung des US-Dollar gegen den Euro leicht zehn oder zwanzig Prozent ihrer Anlage verlieren können.“ Davor warnt auch Tachtler. Zwar erwerbe ein Privatanleger für drei Jahrzehnte eine Rendite von rund 5,6 Prozent bei AA-Bonität. „Das ist solide, aber man kauft sich ein erhebliches Zinsänderungsrisiko ein“. Er hat dazu eine Faustregel: „Bei einer rund dreißigjährigen Anleihe führt ein Renditeanstieg um einen Prozentpunkt grob zu einem Kursverlust in der Größenordnung von 13 bis 15 Prozent. Das bedeutet: Attraktiv für Buy-and-hold-orientierte Anleger mit langem Horizont, riskant für alle, die vor Fälligkeit verkaufen müssen.
Offene Fragen
- Sind die KI-Investitionen profitabel genug?
- Wie wird sich die Konzentration im Anleihenmarkt entwickeln?




