Strompreise: Zwei Institute schlagen Milliardenentlastung vor
Auf einen Blick
- Zwei Institute schlagen Wege vor, um die Strompreise in Deutschland zu senken.
- Das IMK plädiert für eine befristete Entkopplung des Gaspreises, das EWI für die temporäre Rückkehr von Reservekraftwerken an den Markt.
- Beide Ansätze könnten Milliarden einsparen.
KI-generierte Zusammenfassung
Warum es wichtig ist
The article discusses concerns about persistently high electricity prices in Germany and presents two independent proposals from the EWI and IMK to mitigate these costs. Both proposals address the current electricity market's reliance on gas prices, which drives up overall costs even when renewables form a larger share of the energy mix.
Die Sorge vor einem dauerhaft hohen Strompreisniveau wächst. Das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität Köln (EWI) und das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung rechnen – exklusiv und unabhängig voneinander – vor, wie sich das Strompreisniveau jährlich um Milliardenbeträge dämpfen ließe.
EWI und IMK fokussieren sich auf ein Kernelement des europäischen Strommarkts: das Merit-Order-Prinzip. Der Preis an der Strombörse für alle Stromerzeuger richtet sich nach dem teuersten Kraftwerk, das noch benötigt wird, um die Nachfrage zu decken – und das sind während vieler Stunden des Jahres Gaskraftwerke.
Steigen die Gaspreise, zieht das daher automatisch den gesamten Strompreis nach oben, selbst wenn nur wenig Gas tatsächlich verstromt wird und ein großer Teil des Stroms aus günstigeren erneuerbaren Energien kommt.
Das IMK plädiert für eine befristete Entkopplung nach dem „iberischen Modell“, das Spanien und Portugal 2022 eingeführt hatten. Die Idee: Für Erdgas, das in Kraftwerken zur Stromerzeugung eingesetzt wird, gilt bei der Kalkulation der Stromgebote nicht der aktuelle Gaspreis, sondern ein politisch festgelegter Referenzpreis. Dadurch sinken die Kosten der Stromerzeugung in Gaskraftwerken – und damit der Preis, den Gaskraftwerke im Strommarkt aufrufen.
Den Unterschied zwischen tatsächlichem Einkaufspreis und Referenzpreis erhalten Betreiber als Ausgleich; finanziert wird das über eine Umlage, die Versorger und große Industriekunden tragen und üblicherweise an Endkunden weiterreichen. Anders gesagt: Ein Bruchteil der Stromerzeugung wird subventioniert, während die Kosten für den gesamten Strom gesenkt werden.
Trotz dieser Umlage wäre der Nettoeffekt laut Simulation der IMK-Forscher positiv: Für 2026 rechnen sie mit im Schnitt 17 Euro je Megawattstunde niedrigeren Strompreisen. Zur Einordnung: Der durchschnittliche Börsenpreis betrug im vergangenen Jahr etwa 85 Euro je Megawattstunde.
Bei einem Jahresverbrauch von rund 500 Terawattstunden Strom in Deutschland ergäbe das 8,5 Milliarden Euro Bruttoentlastung, abzüglich etwa 1,2 Milliarden Euro Umlagekosten – unterm Strich rund 7,3 Milliarden Euro pro Jahr. Je höher der Anteil erneuerbarer Energien, desto günstiger wird der Mechanismus, weil dann weniger Gas kompensiert werden muss.
Wichtig ist den Ökonomen aber auch die Konstruktion: Der Eingriff soll vorübergehend bleiben, um keine Dauersubvention einer Kraftwerksart zu verankern. Und idealerweise sollte er europaweit gelten. Würde nur ein Land den Gaspreis für Kraftwerke deckeln, könnten Nachbarn mehr günstigen Strom importieren; die Kosten trügen dann indirekt die Kunden in dem Land, das den Preisdeckel einführt.
Das EWI setzt in seinen Berechnungen an der Angebotsknappheit in kritischen Stunden an. Das Institut untersucht, was passiert, wenn Steinkohlekraftwerke aus der Netzreserve zeitweise wieder am Strommarkt teilnehmen. Diese Anlagen werden bislang als Sicherheitsnetz vorgehalten, dürfen aber nicht am Strommarkt teilnehmen.
Laut EWI würde eine temporäre „Marktrückkehr“ vor allem in den Wintermonaten Preisspitzen kappen: Im Winter 2026/2027 sinkt der gewichtete Großhandelspreis demnach um gut vier Euro je Megawattstunde, im folgenden Winter um knapp drei Euro. In Summe beziffert das Institut die Entlastung für Stromabnehmer auf 750 Millionen bis 1,25 Milliarden Euro pro Jahr, über drei Jahre kumuliert rund 3,2 Milliarden Euro.
In Auftrag gegeben hat die EWI-Studie der Kraftwerksbetreiber Steag. Mehrere Steinkohlekraftwerke des Unternehmens gehören der Reserve an. Auch Unternehmen wie EnBW oder Uniper haben Kraftwerke in der Reserve.
Neben dem Preiseffekt auf dem Strommarkt nennt das EWI weitere Effekte: Durch zusätzliche Kohleverstromung würde Gas verdrängt. Für 2026 kalkuliert das Institut mit knapp 13 Terawattstunden weniger Gasverstromung in Deutschland; zugleich würden die Nettoimporte von Strom sinken, wodurch auch im Ausland weniger Gas verstromt werden müsste. Allerdings hat die Preisdämpfung ihren Preis: Die CO₂-Emissionen im europäischen Verbund steigen in dem betrachteten Winter um mehrere Millionen Tonnen.
Gundolf Schweppe, seit Anfang Mai Chef der Steag Iqony Group, sagte dem Handelsblatt, es müssten jetzt die nötigen Vorkehrungen getroffen werden, damit eine ernste Energiekrise im Herbst unwahrscheinlich bleibe. „Dafür braucht es die Reserve – als Anti-Krisen-Kraftwerke, die Strompreise senken und knappes Gas einsparen“, sagte Schweppe.
Die Studien zeigen einen Zielkonflikt, den die Politik auflösen muss: Wer Strompreise schnell glätten will, kann entweder an der Preisbildung ansetzen – etwa über einen begrenzten Gas-Deckel nach iberischem Vorbild – oder das Angebot in Knappheitszeiten ausweiten, etwa über Reservekraftwerke. In beiden Fällen geht es um Milliarden. Und in beiden Fällen entscheidet die genaue Ausgestaltung darüber, ob aus einer Krisenmaßnahme ein dauerhafter Markteingriff wird.
Die Marktrückkehr von Reservekraftwerken ist nicht allein eine Idee der Betreiber solcher Kraftwerke. Sie hat vielmehr auch ihren Niederschlag im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD gefunden. Dort heißt es, Reservekraftwerke sollten künftig „nicht nur zur Vermeidung von Versorgungsengpässen, sondern auch zur Stabilisierung der Strompreise zum Einsatz kommen“.
Allerdings scheint die Bundesregierung im Moment noch nicht dazu entschlossen zu sein, diese Vereinbarung aus dem Koalitionsvertrag auch umzusetzen. Das Bundeswirtschaftsministerium hatte vor wenigen Wochen mitgeteilt, bei der Umsetzung der entsprechenden Passage aus dem Koalitionsvertrag sei „eine Reihe fachlicher, ökonomischer und europarechtlicher Rahmenbedingungen zu berücksichtigen“.
Kritisch sieht das Bundeswirtschaftsministerium das iberische Modell: „Subventionen von Gas zur Stromerzeugung oder Markteingriffe zur Deckelung des Gaspreises lehnen wir ab“, sagte eine Ministeriumssprecherin. Das Strommarktdesign habe sich grundsätzlich bewährt. Es sei wichtig, das Preissignal als Indikator für Knappheiten aufrechtzuerhalten.
Worauf zu achten ist
KI-Ausblick — Möglichkeiten, keine Fakten
The German government will face pressure to implement measures to stabilize electricity prices.
Sehr wahrscheinlich · Innerhalb von Monaten
The debate on the EU electricity market design will intensify.
Wahrscheinlich · Innerhalb von Monaten
Increased CO2 emissions in the European grid if reserve coal power plants are utilized.
Wahrscheinlich
Offene Fragen
- Will the German government adopt either of the proposed measures?
- What will be the precise economic and environmental impact of implementing the IMK or EWI proposals?
- How will other EU member states react to Germany's potential market interventions?
- What are the long-term implications of these interventions for the EU's energy market design?




