USA und Europa im Wettlauf um Stablecoins
Auf einen Blick
- Die USA fördern Stablecoins zur Stärkung des Dollars und zur Neugestaltung der Finanzwelt.
- Europa, mit einem Marktanteil von unter einem Prozent bei Euro-Stablecoins, will aufholen und die Abhängigkeit von den USA reduzieren.
- Initiativen wie die Tokenisierungs-Offensive der SEC und Investitionen der Wall Street unterstreichen die strategische Bedeutung.
KI-generierte Zusammenfassung
Warum es wichtig ist
Stablecoins, digitale Tokens, die an Währungen gekoppelt sind, werden als Schlüsselbausteine für neue Zahlungsinfrastrukturen und die Tokenisierung von Vermögenswerten gesehen. Die USA dominieren den aktuellen Markt mit Dollar-Stablecoins, während Europa versucht, aufzuholen.
Die USA sehen in Stablecoins ein Instrument, um die Finanzwelt neu zu gestalten und um die Nachfrage nach Dollar zu erhöhen. Europa will dringend aufholen. Astrid Dörner 20.05.2026 - 07:44 Uhr Artikel anhören
KI-Entwurf eines Eurocoin: Debatte in der EU. Foto: Gemini [M]
Cannes. Die Statistiken, die Ernesto Olmedo für seinen Vortrag mitgebracht hat, sehen nicht gerade ermutigend aus: „20 Prozent der weltweiten Zahlungsströme laufen in Euro. Doch der Marktanteil von Euro-Stablecoins liegt bei weniger als einem Prozent“, sagt der Strategiechef des Konsortiums Qivalis, das angetreten ist, diese Diskrepanz abzubauen.
Stablecoins sind digitale Tokens, die im Verhältnis eins zu eins an eine Währung gekoppelt und in der Regel mit Bankeinlagen und kurzfristigen Staatsanleihen hinterlegt sind. Sie laufen auf öffentlichen Blockchains und verbinden so die Stabilität staatlichen Geldes mit der Geschwindigkeit der Krypto-Infrastruktur: Überweisungen lassen sich rund um die Uhr abwickeln, grenzüberschreitend, in Sekunden und meist zu deutlich niedrigeren Kosten als im klassischen Bankensystem.
Genau deshalb gelten sie inzwischen als Schlüsselbaustein einer neuen Zahlungsinfrastruktur – und als Grundlage für die Tokenisierung von Aktien, Anleihen und Fondsanteilen, die derzeit an der Wall Street vorbereitet wird.
In den allermeisten Fällen ist die Ankerwährung der Dollar: Mehr als 99 Prozent des mittlerweile gut 300 Milliarden Dollar schweren Stablecoin-Marktes sind Dollar-Stablecoins. Alles andere „ist ein Rundungsfehler“, so Olmedo, der Ende März auf der großen Kryptokonferenz für mehr Euro-Stablecoins wirbt.
Das Konsortium Qivalis, ein Zusammenschluss aus zwölf europäischen Banken, will in der zweiten Jahreshälfte genau einen solchen Stablecoin auf den Markt bringen. Ziel sei, die „Abhängigkeit von der Macht der USA“ zu reduzieren. „Wir haben natürlich nichts gegen die USA“, stellt Olmedo klar, „aber wir wollen ein starkes Europa sehen“ – und dazu gehöre auch ein besseres Angebot an Stablecoins.
Europa ist der Dominanz der Amerikaner ausgesetzt
Es ist eine Mission, die in diesem Frühjahr erstaunlich häufig auf Europas Kryptokonferenzen thematisiert wird. Frankreichs Finanzminister, Roland Lescure, hat sich im April ebenfalls für mehr Euro-Stablecoins ausgesprochen. Der derzeitige Marktanteil sei „nicht zufriedenstellend“, sagte er auf der Paris Blockchain Week.
Europa hat erkannt: Die wertstabilen Währungen sind gerade dabei, zu einem zentralen Instrument an den internationalen Finanzmärkten zu werden – und Europa ist auch hier der Dominanz der Amerikaner ausgesetzt. „Stablecoins sind zur neuesten Ausprägung geopolitischer Konkurrenz geworden“, heißt es in einem Bericht der Denkfabrik Atlantic Council.
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Lange waren Stablecoins vor allem ein Instrument für Kryptotrader, um über Nacht ihre Gelder in einem stabilen Token zu parken, ohne die Gelder aufwendig aus dem Krypto-Finanzsystem abziehen zu müssen. Doch das hat sich längst gewandelt. US-Präsident Donald Trump hat im vergangenen Jahr eine ganze Reihe von Initiativen ins Leben gerufen, um Stablecoins zu stärken. Davon soll die US-Regierung auf gleich mehrere Arten profitieren.
Da wäre zum einen die große Tokenisierungs-Offensive, die die Börsenaufsicht SEC vorantreibt. Unter dem von Trump ernannten SEC-Chef Paul Atkins sei „ein neuer Tag angebrochen“, bei dem die Aufsicht neue Technologien vorantreibt und alle wichtigen Rahmenbedingungen schafft, erklärte Atkins im Dezember im US-Börsensender „Fox Business“, die Mission für 2026. Atkins will „digitale Vermögenswerte und die Tokenisierung der Märkte“ vorantreiben, und zwar schnell. „So wird die Welt funktionieren. Vielleicht schon in ein paar Jahren, nicht erst in zehn.“
SEC-Chef Paul Atkins: Er gilt als großer Befürworter der Tokenisierung. Foto: REUTERS
Die Wall Street ist darauf vorbereitet. Vermögensverwalter, Börsenbetreiber und Banken investieren Milliarden, um Teile der Finanzmarktinfrastruktur auf Blockchain‑Technologie umzustellen. Ihr Ziel: Handels- und Abwicklungsprozesse deutlich zu beschleunigen, effizienter zu machen und Kapital freizusetzen, das heute durch mehrtägige Settlement‑Zyklen als Sicherheit gebunden ist. Larry Fink, CEO des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock, schwärmte schon im vergangenen Herbst: die Finanzbranche stehe „am Anfang der Tokenisierung aller Vermögenswerte“.
Die Botschaft ist vielen Akteuren in Europa klar: Amerikaner zementieren damit ihre Vormachtstellung im digitalen Finanzsystem. Sie schaffen die Infrastruktur, sie definieren die Standards – und der Rest der Welt muss sich anpassen.
Für Banken, Broker und Vermögensverwalter wird der Stablecoin damit zu einem zentralen Baustein der neuen Marktinfrastruktur. Tokenisierte Wertpapiere lassen sich nur dann effizient handeln und abwickeln, wenn auch das benötigte Geld digital auf der gleichen Blockchain verfügbar ist.
Die Transaktionsvolumina von Stablecoins sind im Jahr 2025 auf ein Rekordniveau gestiegen. So schnellten die gesamten Stablecoin-Transaktionen um 72 Prozent auf 33 Billionen Dollar nach oben, wie aus Daten des Analysehauses Artemis hervorgeht. Angeführt wurde der Markt von USDC, dem von Circle entwickelten digitalen Dollar, der Transaktionen im Wert von 18,3 Billionen Dollar verzeichnete. USDT, der Stablecoin des Unternehmens Tether, kam auf 13,3 Billionen Dollar. Laut einer Analyse von Bloomberg Intelligence könnten die gesamten Zahlungsströme von Stablecoins bis 2030 auf 56 Billionen Dollar steigen. Die Trump-Familie ist an der Kryptofirma World Liberty Financial beteiligt, die ebenfalls einen Stablecoin herausgibt.
US-Präsident Donald Trump: Trump hat sich bereits im Wahlkampf als „Krypto-Präsident“ inszeniert. Foto: dpa
Der Stablecoin-Boom führt zum anderen auch dazu, dass der Dollar an Bedeutung im weltweiten Finanzsystem gewinnt und die Nachfrage nach US-Staatsanleihen angekurbelt wird – in einer Zeit, in der das Interesse an Treasuries von Investoren zurückgegangen ist. Schließlich müssen Stablecoin-Unternehmen aus den USA die Dollar, die sie von ihren Kunden bekommen, in kurzfristige Staatsanleihen und ähnlich liquide Papiere investieren.
Der größte Stablecoin-Emittent Tether gehört inzwischen zu den größten Haltern kurzfristiger US‑Staatsanleihen weltweit – größer als viele Staaten, wie aus Daten von Bloomberg hervorgeht.
Der Internationale Währungsfonds (IWF), die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) warnen schon länger vor den Risiken, wenn immer mehr Stablecoin-Anbieter als Käufer von Staatsanleihen auftreten – besonders dann, wenn es zu einem Run auf Stablecoins kommen würde und Nutzer gleichzeitig im großen Stil ihre Stablecoins zurück in Dollar tauschen wollen.
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Dann könnten diese Notverkäufe die „Märkte für Staatsanleihen und für Repo‑Geschäfte überschwemmen“, warnten Experten des IWF im Oktober in ihrem halbjährlichen Finanzstabilitätsbericht. „Dies könnte die Volatilität erhöhen und eine Intervention der Zentralbanken erforderlich machen.“
Die US-Regierung schaut unterdessen auf andere Prioritäten. Stablecoins würden dabei helfen, „die Vorherrschaft des Dollars als Reservewährung zu sichern“, sagte Finanzminister Scott Bessent im April bei einer Kongressanhörung. Er ist überzeugt, dass Stablecoins auch im digitalen Zahlungsverkehr eine immer stärkere Rolle spielen werden. Und da ist die Schlussfolgerung einfach: „Die USA sind der technologische Anführer der Welt, und wir sollten auch im Payments-Bereich weltweit führend sein.“
Erstpublikation: 15.05.2026, 04:00 Uhr.
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KI-Ausblick — Möglichkeiten, keine Fakten
Die USA werden ihre technologische Führerschaft im Bereich digitale Zahlungen weiter ausbauen.
Hohe Wahrscheinlichkeit · Mittelfristig
Europa wird versuchen, den Marktanteil von Euro-Stablecoins signifikant zu erhöhen.
Wahrscheinlich · Mittelfristig
Die Nachfrage nach kurzfristigen US-Staatsanleihen wird durch die Investitionen von Stablecoin-Emittenten weiter angekurbelt.
Sehr wahrscheinlich · Mittelfristig
Offene Fragen
- Wie erfolgreich wird Qivalis bei der Einführung seines Euro-Stablecoins sein?
- Welche regulatorischen Hürden werden die USA und Europa bei der Weiterentwicklung von Stablecoins überwinden müssen?
- Wie wird sich die Nachfrage nach US-Staatsanleihen entwickeln, wenn Stablecoins weiter wachsen?
- Können europäische Stablecoins eine signifikante globale Akzeptanz erreichen?






