Volksbühne Berlin: Ende einer Ära, Beginn einer neuen
Auf einen Blick
- Die Berliner Volksbühne unter Matthias Lilienthal beginnt mit einem Freibad und setzt auf Gegenwartskunst, was das Ende der Ära von Frank Castorf markiert.
- Mit Jürgen Kuttners "Videoschnipselvorträgen" verschwindet auch die letzte Erinnerung an die ost-westliche Systemauseinandersetzung.
KI-generierte Zusammenfassung
Warum es wichtig ist
Die Berliner Volksbühne steht vor einem Neuanfang unter der Intendanz von Matthias Lilienthal, der die Ära von Frank Castorf beendet. Lilienthal, der bereits in den Neunzigerjahren an der Volksbühne tätig war, setzt auf eine programmatische Neuausrichtung mit Fokus auf aktuelle Kunstformen.
Dass die neue Berliner Volksbühne unter Matthias Lilienthal im August mit einem Freibad eröffnen wird, ist nicht nur ein Gag. Es löst mit einem gewissermaßen vitalistischen Platscher die Verheißung ein, dass nun etwas ganz und gar Neues beginnen werde. Es ist eine dialektische Pointe, dass der Intendant, der die Castorf-Ära nun endgültig abschließt, als Dramaturg in den Neunzigerjahren schon an deren Anfang stand. Anders geht ein solcher Bruch wahrscheinlich gar nicht, wie man bei dem Kurator Chris Dercon sah, der von außen kam.
Lilienthal dagegen kommt von innen, und dass er alle Nostalgie abschütteln will und stattdessen auf absolute Gegenwart setzt (Florentina Holzinger, Rimini Protokoll, Satoko Ichihara, Nachdenken über das Ende der Demokratie und so weiter), kann er mit Recht als Tradition des Hauses beanspruchen. Kein Wunder auf den ersten Blick also, dass eines der letzten verbliebenen Formate der alten Zeit an diesem Theater nicht überleben soll: die „Videoschnipselvorträge“, die der Regisseur und Alleinunterhalter Jürgen Kuttner dort seit knapp dreißig Jahren auf die große Bühne bringt.
F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen
F.A.Z. bei Google bevorzugen
Fast jeden Monat reißt er zusammen mit seinem Sidekick André Meier Fundstücke aus den Tiefen der Fernseharchive in einen überwiegend improvisierten Diskursstrudel, dass kein Stein konventioneller Welt- und Mediendeutung auf dem anderen bleibt. Oft verstärkt der zeitliche Abstand die Komik der gezeigten Szenen, etwa bei dem zum Abschluss jedes Abends präsentierten Video von 1982, in dem Joseph Beuys im Auftrag der Grünen „Sonne statt Reagan“ singt. Da ist der Anachronismus also schon Teil der Sache selbst, was es offenbar erleichtert hat, auf diese zu verzichten.
Der Haken ist nur: Mit Kuttner verschwindet auch der letzte Rest der ost-westlichen Systemauseinandersetzung, die die castorfsche Volksbühne mal latent, mal offen im Nachwende-Berlin wachhielt. Bei aller Lust an Albernheit und berlinernder Bonhomie war das auch ein Fluchtpunkt der Videoschnipsel: Der Witz, den Kuttner in den gezeigten Szenen freilegt, stammt oft aus dem Zusammenprall einer östlich geprägten Ironie mit dem sich vermeintlich von selbst verstehenden gesamtdeutschen Gegenwartsbewusstsein.
Wenn etwa im Video einer Moskauer Feier für den Weltraumpionier Juri Gagarin die enthusiasmierten Massen anlasslos rufen: „Hoch leben die sowjetischen Frauen!“, spekuliert der Conferencier darüber, ob die List der Geschichte da womöglich ein emanzipatorisches Kuckucksei in der Propaganda untergebracht habe. Die Differenzen zwischen Ost und West bestehen weiter in Berlin, aber sie werden fortan nicht mehr durch derartige anarchische Spiele repräsentiert sein. Die neue Volksbühne will sich nur noch zwischen Kinshasa und Lichtenberg situieren, zwischen Welt und Kiez – oder einfach in die Mitte der Strömung springen.
Offene Fragen
- Wie wird das neue Programm der Volksbühne von der Öffentlichkeit und der Kunstszene aufgenommen werden?
- Welche neuen Formate werden neben dem Freibad-Eröffnungs-Gag etabliert?
- Inwieweit wird die neue Ausrichtung die traditionelle Rolle der Volksbühne als Ort der gesellschaftlichen Debatte verändern?

