Boualem Sansal's "La Légende": A Furious Account of Imprisonment and Betrayal
Jetzt ist es also da: das Buch, über das in Frankreich seit März alle reden und das im Zentrum einer Debatte steht, die nicht nur die französische Literaturwelt in Aufruhr versetzt hat. Es heißt „La Légende“, „Die Legende“, und ist der Gefängnisbericht des algerisch-französischen Schriftstellers Boualem Sansal, der sagt, es „in vierzig Tagen“ geschrieben zu haben. Am Dienstag ist es erschienen – die deutsche Übersetzung soll noch im Sommer im Merlin Verlag folgen. Und wenn Sansal darin ganz am Ende festhält, dass er nicht schreibe, „um Rechnungen zu begleichen“, dann ist man sich nicht sicher, wie ernst er das meint: Sein Buch ist wütend, liest sich durchaus als Anklage derer, von denen der Schriftsteller sich im Stich gelassen fühlt, und spart dabei nicht mit enttäuscht-bitteren Anschuldigungen. Im Gegenteil, Boualem Sansal teilt kräftig aus.
Streit um das Manuskript
Das Erscheinungsdatum war Teil des Eklats, als bekannt wurde, dass Sansal, nachdem er im November 2024 durch die Vermittlung des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier nach einem Jahr Haft im algerischen Gefängnis Koléa von Abdelmadjid Tebboune, dem algerischen Staatspräsidenten, begnadigt worden war, sein Buch über diese Haft nicht bei Gallimard herausbringen würde, dem französischen Verlag, dem Sansal seit 27 Jahren verbunden war. Vielmehr war er für angeblich eine Million Euro Vorschuss zu dem zur Hachette-Gruppe und zum Medienimperium des Unternehmers Vincent Bolloré gehörenden Verlag Grasset gewechselt.
Dort soll der renommierte Verleger Olivier Nora Sansal zur Überarbeitung des Manuskripts geraten haben, Bolloré aber wollte das Buch sofort. Er kündigte Nora, ersetzte ihn durch einen Vertrauten – wobei der Streit um Sansals Manuskript dabei, wenn überhaupt, nur ein Vorwand gewesen zu sein scheint. Bolloré, der politisch der extremen Rechten nahesteht und auch schon beim Verlag Fayard eine Verlegerin installiert hatte, die Jordan Bardella oder Éric Zemmour zu ihren Autoren zählte, verfolgt schon länger die Strategie, sein Imperium komplett auf rechts zu drehen. Seit Jahren kauft Bolloré systematisch Zeitungen, Radio- und Fernsehsender sowie Verlage auf und stellt sein Imperium offen in den Dienst einer „union des droites“ – einer Vereinigung aller politischen Parteien rechts der Mitte, zuletzt betraf das Canal+. Der Protest blieb bei Grasset nicht aus: Mehr als 200 Autorinnen und Autoren kündigten nach der Entlassung Noras an, den Verlag zu verlassen, darunter Laurent Binet, Frédéric Beigbeder und Virginie Despentes. Sansal war da gerade erst angekommen. Dass er zu denen gehört, die behaupten, Frankreich würde „islamisiert“, nährte für manche den Verdacht, er sei dort genau richtig.
„Boualem, pass auf dich auf … pass auf!“
„Die Legende“, so nannten im Gefängnis von Koléa die anderen Häftlinge den bekannten Schriftsteller, der wegen angeblicher Gefährdung der nationalen Einheit, Spionage und Terrorismusvorwürfen verurteilt worden war. Sansal beginnt mit seiner Erzählung noch vor der Verhaftung, zitiert die Stimmen derer, die ihn in Paris gewarnt hatten, nicht nach Algerien zu fahren: „Boualem, pass auf dich auf … pass auf!“. Und die recht behielten: „Die Maschinerie begann an jenem Tag mit einer Abfolge einfacher Handlungen: Man nahm mich fest, legte mir Handschellen an, zog mir eine Kapuze über, warf mich in ein Auto und brachte mich an einen geheimen Ort, wo man mir sechs Tage lang dieselben Fragen stellte – kurze, unterschwellige und furchtbar zermürbende Fragen.“ Er berichtet, wie man ihm in fünf Minuten den Prozess machte, ohne ihm einen Anwalt zur Verfügung zu stellen; wie im Hof ein Gefangenentransporter und zwei Land Rover als Eskorte schon warteten und sein Leben als Gefangener begann.
Sansal verbindet diese Schilderungen dabei mit einer grundsätzlichen Kritik der autoritären Strukturen jenes Landes, in dem er 1944 in der Provinz Tissemsilt geboren wurde, Ingenieurswesen und Ökonomie studierte, in Volkswirtschaftslehre promovierte und zunächst als Beamter im algerischen Industrieministerium arbeitete, nach der Veröffentlichung seines ersten Romans dort aber entlassen wurde: „In diesem Land des Lichts, Algerien, wird alles stets als ein fortwährendes Wunder dargestellt. Das Schlimmste wird erträglich, das Unannehmbare erklärbar, das Absurde vernünftig“, heißt es in „Die Legende“. „Man nimmt dir deine Freiheit, und man erklärt dir, es geschehe zu deinem Besten. Man beraubt dich eines Rechts, und man versichert dir, es diene deinem Schutz. Man sperrt dich ein, und man spricht von Notwendigkeit. Und nach und nach, ohne dass du es überhaupt bemerkst, beginnst du, an dir selbst zu zweifeln. Ist es wirklich ungerecht? Ist es wirklich so schlimm? Gibt es nicht anderswo Schlimmeres? Und eines Tages, ohne genau zu wissen, wann es geschehen ist, entdeckt man, dass man in einer verkehrten Welt lebt – einer Welt, in der die Wahrheit stört, die Gerechtigkeit beunruhigt und die Freiheit Angst macht. Einer Welt, in der man einem mit ernster Miene erklärt, dass all dies völlig normal sei.“
Häftlingsnummer 46611
Es sind oft nur kurze Absätze, die sich in seinem Buch aneinanderreihen und dem Ganzen etwas Atemloses geben, was beim Lesen aber keinesfalls unfertig wirkt, sondern, im Gegenteil, eine Unmittelbarkeit hat, die viele Beschreibungen – vor allem die des Gefängnisalltags – umso eindringlicher wirken lassen. Sansal kommt mit der Häftlingsnummer 46611 in den Hochsicherheitstrakt, wo er sich mit einem Zellengenossen die wenigen Quadratmeter teilt, gegen die Langeweile kämpft, und gegen die Schlaflosigkeit, hin- und herrennt und Übungen macht, sein Gedächtnis mit dem Rezitieren von Gedichten trainiert. Er beantragt beim Gefängnisdirektor, sein Wissen zur Verfügung zu stellen und den anderen Häftlingen Unterricht zu geben. Er dichtet mit ihnen. Er erkrankt an Prostatakrebs und kommt ins Krankenhaus und wieder zurück in die Zelle.
Und er bekommt Besuch, dienstags, von seiner Frau, der Sansal in diesem Buch ein Denkmal setzt, voller Dankbarkeit („Ich klammerte mich an ein einziges Wort, einen Vornamen: Naziha“). Dass das Gefängnis nicht an seinen Mauern endet, sondern auch in das Haus derer einzieht, die nicht inhaftiert sind, sich mit an den Familientisch setzt, in die Betten und Träume auch der anderen kriecht, sie in Albträume verwandelt und den Geliebten gleichermaßen ein Leben im Mangel, in der Angst, in der Ungewissheit aufzwingt – diese erzählten Erfahrungen gehören zum Eindringlichsten in Sansals Buch, weil es das detailreich beschriebene System des Gefängnisses in seiner umfassenden Verlängerung im Außen weiter verfolgt.
„Verlang, was du willst, geht aufs Haus“
Auch die „Legende“ gibt es innerhalb der Mauern von Koléa, und es gibt sie außerhalb. Allerdings mit unterschiedlicher Bedeutung. Für seine Mithäftlinge ist Sansal eine „Legende“, nicht zuletzt auch deshalb, weil ein Schriftsteller nie als einzelner Mensch wahrgenommen wird, jedenfalls nicht in einem Land wie Algerien. Vielmehr werde dieser zwangsläufig verdächtigt, viele zu sein, mit Netzwerken, Einflüssen, Plänen: „Das Wort wird zu einem Code, der Satz zu einer Verschwörung, das Buch zur Waffe, der Schriftsteller zur Armee“, notiert Sansal. Auf diese Weise umgibt ihn im Gefängnis eine Aura, die andere hoffen lässt, dass er ihnen helfen könnte: „He, Legende, ich hab was über dich erfahren“, zitiert er einen Häftling, der ihn aufsucht. „Deine französischen Freunde stürzen Teb, den Verfluchten, und befreien dich. Wenn du mich mit nach Frankreich nimmst, wenn du rauskommst: Verlang, was du willst, geht aufs Haus.“
Hier wird es sehr bitter
Zugleich verbreitet sich die Legende draußen weiter: „Sie trug mich, wie eine Welle einen Körper trägt. Manchmal rettet sie ihn, manchmal verschlingt sie ihn. Und es dauerte lange, bis ich begriff, dass eine Legende, selbst wenn sie uns schützt, uns etwas nimmt: das Recht, einfach nur ein Mensch zu sein.“ Boualem Sansal, davon handelt die zweite Hälfte seines Buchs, hat zunehmend das Gefühl, die Kontrolle auch dort zu verlieren, wo es um seine Befreiung geht, und um die Menschen, die sich für ihn einsetzen. Er fürchtet sich davor, dass die Stimmung kippen könnte, hat Angst vor dem, was er die „Gegenlegende“ nennt: „Sie werden dich anlächeln und dir dann den Rücken zuwenden. Deine Freunde werden die Ersten sein, die mit Steinen nach dir werfen.“ Hier wird es sehr bitter.
Dabei zeigt er sich im Buch zunächst voller Dankbarkeit, gerade was die Rolle Deutschlands bei seiner Begnadigung angeht. Die deutsche Beteiligung an seiner Befreiung aus der Haft sei „keine diplomatische Laune“ gewesen, schreibt er. In Deutschland sei er nicht irgendwer, man kenne ihn schon lange. Schließlich habe er 2011 dort den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen und sei auch vom Bundespräsidenten in Schloss Bellevue empfangen worden. Er schildert den Flug, die Ankunft in Deutschland, die wartenden Paparazzi, das Bundeswehrkrankenhaus, das Wiedersehen mit seiner Frau. Und auch für Frankreichs Präsident Macron findet er Dankesworte, doch reist er misstrauisch von Berlin nach Paris: „In Frankreich bin ich ein Gefangener meines Images als französisch-algerische Geisel der algerischen Macht.“
Sein Verlag, das ist hier noch Gallimard, mietet bei seiner Rückkehr eine Wohnung für den Schriftsteller und seine Frau, „ein elegantes Refugium“ in der Rue de l’Université, worin diese „eine wunderschöne zarte Geste“ sehen. Drei Monate später werden sie dann aufgefordert, diese Wohnung zurückzugeben und innerhalb von 8 Tagen auszuziehen. Das, so schildert es Boualem Sansal, habe Antoine Gallimard, sein Freund und Verleger, ihm im Hof des Verlags noch mal persönlich mitgeteilt, ohne es zu erklären. Die Enttäuschung ist groß, und sie wird noch größer, als Sansals Lektor, Jean-Marie Laclavetine, der Mann, der ihn zu dem Autor gemacht hat, der er ist und dem er sich anvertraut, ihn zwar mit traurigen Augen ansieht, aber nichts unternimmt.
Ein paar Tage später, Sansal und seine Frau waren bereits abgereist, veröffentlichte der Lektor in „Libération“ einen Meinungsbeitrag, in dem er „den plötzlichen Rauswurf verschwieg“, wie sein Autor beklagt, Sansal aber beschuldigte, undankbar zu sein gegenüber Gallimard, der alles für dessen Befreiung getan habe, und sich profitgierig der Bollo-Sphäre angeschlossen habe – dem Lager von Vincent Bolloré. Dieser Meinungsbeitrag, so Sansal, habe in der Folge in anderen Medienberichten dann den Ton angegeben, in denen man ihn auch politisch in die Nähe von Bolloré gerückt habe. Wobei Sansal die Gelegenheit dabei nicht nutzt, sich ausdrücklich von dessen Agenda zu distanzieren, was er hätte tun können.
Für ihn ist genau das die Gegenlegende: Man habe ihm erklärt, dass es sich nicht gehöre, Gallimard zu verlassen, obwohl er doch von Gallimard rausgeworfen worden sei – aus seiner Wohnung, schreibt er. Siebenundzwanzig Jahre ungetrübter Freundschaft habe ihn mit Antoine Gallimard verbunden. „Eine Loyalität, die ich niemals gebrochen habe. Ich habe meinen Verleger nicht verlassen. Man muss es denen deutlich sagen, die nur das hören, was sie sagen wollen.“
Gerade der letzte Teil des Buchs, der mehr will, als Zeugnis ablegen, liest sich wie ein wütend-verzweifelter Versuch, die Hoheit über die eigene Geschichte zurückzugewinnen, die, so Sansals Formulierung, „ihm nicht mehr gehörte“, die ohne sein Zutun kursierte. Er tut dies auch, indem er austeilt: „Ich schreibe, damit diesmal die Lüge nicht zur Regel wird. Die Schuldigen wagten es, uns an ihrer Stelle schuldig zu machen und sich eine Ehrenurkunde zu verleihen.“ Und endet raunend: „Dieses Buch endet hier nicht, weil alles gesagt wäre, sondern weil es unanständig wäre fortzufahren. Bevor weitere Kapitel geschrieben würden, müssten Zeit und Mühen vergehen. Der Rest gehöre dem Schweigen. Und Schweigen ist manchmal die anspruchsvollere Form der Wahrheit.“
So dokumentiert Sansal in „La Légende“ seine Wahrheit, um mit der Legende wie der Gegenlegende aufzuräumen. Dass er das so schnell wie möglich tun wollte, kann, wer das Buch liest, nachvollziehen. Es geht um nichts Geringeres als um eine Frage des Überlebens. Dass die Wahrheiten derer, die er in einer anonymisierten Liste am Ende an den Pranger stellt, andere sind, ist zu vermuten. Wir werden sicher von ihnen hören.





