Brexit: Wie Frankfurt zum Gewinner wurde
En resumen
- Zehn Jahre nach dem Brexit-Votum hat sich Frankfurt als Gewinner etabliert.
- Die Stadt zog Tausende Arbeitsplätze und Milliarden an Gewerbesteuereinnahmen an, während andere Regionen litten.
- Dennoch warnen Experten vor Selbstzufriedenheit.
Resumen generado por IA
Por qué importa
Zehn Jahre nach dem Brexit-Votum analysiert die F.A.Z. die wirtschaftlichen Folgen für Frankfurt und die Rhein-Main-Region. Die Stadt entwickelte sich trotz anfänglichen Schocks zum Gewinner.
Am Morgen danach herrschte auch in der Redaktion der F.A.Z. geschäftiges Treiben. Auf aktuelle Ereignisse zu reagieren, das ist Alltag in Zeitungshäusern, aber mit diesem Ergebnis hatten dann doch die wenigsten gerechnet. Vorbereitet war man trotzdem, und kurz darauf waren die ersten Texte darüber, welche Folgen der Brexit für Frankfurt und die Rhein-Main-Region haben würde, recherchiert und geschrieben.
Schon damals, so viel Selbstlob sei erlaubt, schauten die Kollegen auf die Themen, die sich auch im Rückblick als die wichtigsten Konsequenzen des Brexits erwiesen: auf die Folgen des EU-Austritts der Briten für den Wohnungsmarkt, für den Handel hessischer Unternehmen mit jenen auf der Insel oder für die Menschen, die in Frankfurts Partnerstadt Birmingham nun mit dem Brexit leben mussten (und es bis heute müssen). Natürlich schauten wir auch, was britische Bewohner Frankfurts und regionale Politiker zu sagen hatten (nichts Gutes) und was der Brexit für die Börsenfusion bedeuten könnte, die der damalige Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter seinerzeit auf Biegen und Brechen durchdrücken wollte – und die schließlich scheiterte, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch wegen des Brexits (siehe Seite 20).
Auch die Banken waren ein großes Thema. Nur der Tenor des Textes unter der Überschrift „Frankfurt bringt sich in Stellung“ unterschied sich von den anderen Analysen: Er war positiver. Denn bei allem Schock und bei aller Traurigkeit, die sich durch die überwältigende Zahl der Kommentare zum Brexit-Entscheid zogen, war schon wenige Stunden nach der Veröffentlichung seines Ergebnisses klar, dass es auch Gewinner geben könnte. Und dass Frankfurt dazugehören könnte.
Nach dem Brexit: Frankfurt war vorbereitet
Um genau zu sein, gab es einige in Frankfurt, die schon vorher genau darüber nachgedacht hatten. Also über die Frage, was eigentlich passieren würde, wenn sich am 23. Juni 2016 die „Leave“- gegen die „Remain“-Fraktion durchsetzen würde und die Briten die Europäische Union verlassen würden. Zum Beispiel in den Reihen von Frankfurt Main Finance. Was wäre eigentlich, wenn ...? Diese Frage wurde von Vertretern der Finanzplatzinitiative gemeinsam mit Wirtschaftsförderern und Standortvermarktern bereits Wochen vorher besprochen.
Oliver Behrens erinnert sich noch gut an jene Nacht, in der die meisten Europäer beim Schlafengehen noch dachten, der Brexit würde wohl kaum Realität werden – und beim Aufwachen feststellen mussten, dass sie sich geirrt hatten. Behrens, heute Vorstandsvorsitzender des Onlinebrokers Flatex, war damals Deutschlandchef der amerikanischen Bank Morgan Stanley und vom Brexitvotum ziemlich geschockt, wie er zehn Jahre später erzählt. Doch anstatt in Schockstarre zu verfallen, sei in Frankfurt bereits um sechs Uhr morgens eine vorbereitete Website und kurz darauf eine Telefonhotline live geschaltet worden, die sich an Vertreter internationaler Banken mit Sitz in London richtete. Denn eines war klar: Würden die Briten die EU verlassen, würden viele Finanzhäuser stattliche Teile ihres Geschäfts und ihrer Stellen in ein EU-Land verlegen müssen, um in der Union weiterhin auch Geschäft machen zu dürfen.
Dieser Text entstammt der aktuellen Ausgabe des F.A.Z.-Wirtschaftsmagazins „Metropol“.
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Behrens ist heute Präsident von Frankfurt Main Finance und sagt, man habe damals bei dem schnellen Buhlen um die Brexitbanker nicht zu forsch auftreten wollen. „Wir wollten deutlich machen, dass die Menschen in Frankfurt traurig sind über den Austritt der Briten, und doch als Alternative für Banken bereitstehen, die sich wegen des Brexits ein neues Hauptquartier innerhalb der EU suchen mussten.“
In Frankfurt liefen die Telefone heiß
Von einem Tag auf den anderen gab es in Frankfurt die Hoffnung, dass der Brexit dem Finanzplatz sogar nutzen könnte. Das hatte Folgen, zum Beispiel für Eric Menges. Kurz nach dem Referendum klingelten bei dem Chef der Frankfurt/Rhein-Main GmbH, die für die internationale Vermarktung der Region zuständig ist, die Telefone, weil britische Zeitungen wissen wollten, wie es so sei, in Frankfurt zu leben und zu arbeiten. Seitdem reihten sich bei ihm und anderen Vertretern des Finanzplatzes die Interviewanfragen, laut Behrens sind in zehn Jahren mehr als 5000 Artikel in ausländischen Medien über den Wirtschaftsstandort am Main veröffentlicht worden.
Menges nutzte die Chance und erzählte seine Geschichte vom Gesamtpaket Frankfurt, und die ging so: In der Stadt sitzt die Europäische Zentralbank, die auf Geldhäuser eine große Anziehungskraft ausübt; sie ist gut erreichbar, der Flughafen liegt zentral, die Mieten sind im Vergleich zu anderen Metropolen relativ niedrig; im Umland lässt es sich schick wohnen, das Bildungs- und das Gesundheitssystem funktionieren, die Wirtschaft boomt; und es gibt Kultur, Bars, Fußball sowie Nachtleben, zwar alles kleiner als in London oder Paris, aber vorhanden. Und das Wichtigste: Fast alle großen ausländischen Banken haben schon Dependancen hier.
Doch während Menges die Story Vertretern ausländischer Banken in jenen Tagen des Jahres 2016 x-mal erzählte, wurde er bisweilen auch von kritischen Fragen unterbrochen – und sah sich aufgefordert, mit Mythen aufzuräumen, die über Frankfurt erzählt wurden. Dass in der Stadt niemand Englisch spreche, zum Beispiel. Dass es nicht genügend Büroflächen gebe und internationale Schulen fehlten.
15.000 Stellen in zehn Jahren – allein bei Banken
Der Plan ging auf, wie man zehn Jahre später weiß. Schon früh entschieden sich große Namen dafür, ihre Präsenz in der Stadt auf- oder ihre Büros dort auszubauen, wie Tobias Vogel hervorhebt, der als Europachef der Schweizer Bank UBS auch Vorstandsvorsitzender des Verbands der Auslandsbanken ist: etwa die Citibank, Goldman Sachs, Standard Chartered, die UBS, J. P. Morgan oder Institute aus Asien. Das habe auch damit zu tun gehabt, dass die Finanzinfrastruktur in Frankfurt jener in London ähnelte, so Vogel, unter anderem mit einem stabilen politischen System und einer verlässlichen Aufsicht.
Insgesamt wurden laut Zahlen der Wirtschaftsförderung Frankfurt rund 15.000 Stellen seit 2016 in Frankfurter Banken allein durch den Brexit geschaffen. Hinzu kommen, so hat es eine Studie der Wirtschaftsuni WHU errechnet, rund weitere 30.000 Arbeitsplätze in Kanzleien, Beratungen, im Handel, der Gastronomie oder im Gesundheitssektor.
Der Boom nutzt der ganzen Stadt. Seit 2016 sind die Gewerbesteuereinnahmen aus dem Finanzsektor um 420 Millionen Euro gestiegen, 2025 führten die Institute rund 1,8 Milliarden Euro ab. Jedes Jahr werden derzeit hochwertige Büroflächen fertiggestellt, zuletzt waren es laut Daten des Immobiliendienstleisters CBRE 2025 rund 100.000, 2024 sogar fast 200.000 Quadratmeter.
Natürlich hat der Brexit auch vielen Unternehmen der Region geschadet, das belegen schon Zahlen des Statistischen Landesamtes. Demnach gingen 2015, also im letzten Jahr vor dem Referendum, rund 7,5 Prozent aller hessischen Ausfuhren in das Vereinigte Königreich, im vergangenen Jahr waren es lediglich 3,5 Prozent.
Trotzdem gilt Frankfurt in Summe als Gewinner. Ausruhen dürfe sich die Stadt darauf allerdings nicht, warnen Behrens und Vogel. Man habe in den vergangenen Jahren vieles liegen lassen, findet Behrens, und Tobias Vogel ergänzt, man habe gerade wichtige Entscheider nicht nach Frankfurt holen können, sondern eher an den Mitbewerber Paris verloren. Sowieso müsse man langfristig dahin kommen, dass Banken nicht deshalb Arbeitsplätze nach Frankfurt verlagerten, weil sie es müssten, so wie im Zuge des Brexits, so Vogel. „Sondern weil sie es wollen.“
Qué observar
Perspectiva de IA — posibilidades, no hechos
Frankfurt muss langfristig seine Attraktivität steigern, um Banken anzuziehen, nicht nur wegen regulatorischer Notwendigkeit.
Probable · Largo plazo
Preguntas abiertas
- Wie wird sich die langfristige Attraktivität Frankfurts halten?
- Welche weiteren Verlagerungen sind zu erwarten?






