China: Staatsdienst als Risikostrategie in unsicherer Ökonomie
En resumen
- Der Staatsdienst in China wird immer beliebter, da die wirtschaftliche Unsicherheit und die Automatisierung die Arbeitsplätze im Privatsektor reduzieren.
- Mit 3,7 Millionen Bewerbern für 38.100 Stellen erreicht die Beamtenprüfung einen neuen Höchststand.
Resumen generado por IA
Shanghai. Als in der südchinesischen Stadt Ruili vor ein paar Monaten die Bewerbungslisten für eine Stelle bei der staatlichen Einwanderungsbehörde geschlossen wurden, standen darauf die Namen von mehr als 6400 Kandidaten. Wohlgemerkt: für einen einzigen Job, vergleichbar mit dem eines Polizeiinspektors. Und dies ist kein Einzelfall.
Der Wettbewerb um eine sichere Stelle beim Staat wird immer härter in China. Das zeigte zuletzt auch die nationale Beamtenprüfung 2026: Rund 3,7 Millionen Bewerberinnen und Bewerber schlossen die formale Vorauswahl erfolgreich ab, während nur etwa 38.100 Positionen ausgeschrieben waren.
Das ergibt ein Verhältnis von rund 98 Bewerbern pro Stelle – ein neuer Höchstwert. Noch 2023 lag die Quote nach offiziellen Angaben bei etwa 70 zu eins, 2024 bei 77 zu eins und 2025 bei 86 zu eins. Innerhalb von nur drei Jahren ist der Zugang zum Staatsdienst damit kontinuierlich enger geworden.
Dabei kann er die Sicherheit, die sich die Bewerber von ihm erhoffen, kaum mehr bieten. Viele Bewerber wissen das – doch die Faktoren, die sie von der Privatwirtschaft wegtreiben, sind stärker.
Ein Grund für den Run auf den Staatsdienst ist die staatliche Anpassung der Altersgrenzen. Allgemein dürfen sich Jobsuchende nun bewerben, wenn sie mindestens 18 Jahre alt sind und das 38. Lebensjahr noch nicht vollendet haben; für Master- und Promotionsabsolventen reicht die Altersgrenze bis zur Vollendung des 43. Lebensjahres. Gegenüber den bisherigen Obergrenzen von 35 beziehungsweise 40 Jahren ist das jeweils ein Plus von drei Jahren.
Das erhöht die Attraktivität erheblich, insbesondere für Personen mit Berufserfahrung, die sich neu orientieren. Das ist eine relevante Änderung in einem Land, in dem die Menschen darüber klagen, dass man nach 40 kaum noch Chancen auf einen neuen Job hat. Zugleich passt die Lockerung in eine Phase, in der Chinas Bevölkerung rasant altert und der Staat zunehmend versucht, die Erwerbsbiografien flexibler zu halten.
Gravierender sind jedoch andere Gründe: die wirtschaftliche Schwäche und die Automatisierung in den Fabriken. Chinas Wirtschaft wächst langsamer, für das laufende Jahr erwartet die Regierung nur noch ein Wachstum von 4,5 bis fünf Prozent nach zuletzt fünf Prozent 2025.
Die Robotik gilt als zentrale Schlüsselindustrie im neuen Fünfjahresplan, der in diesem März verabschiedet worden ist. Diese technologische Modernisierung senkt in vielen Branchen das Angebot an klassischen Einstiegsjobs für Graduierte oder verschiebt es in spezialisierte Nischen.
Zugleich drängt eine historisch hohe Zahl von Hochschulabsolventen auf den Arbeitsmarkt. 2025 waren es 12,2 Millionen Absolventen – so viele wie nie zuvor. Die Beschäftigungslage für junge Menschen ist daher angespannt.
Die Jugendarbeitslosigkeit ist bereits seit Jahren hoch, weil Unternehmen im privaten Sektor vorsichtiger einstellen. Im März lag sie bei 16,9 Prozent in der Altersgruppe der 16- bis 24-Jährigen. Die Tatsache, dass Privatunternehmen die Löhne häufig drücken – oder unbezahlte Überstunden und ständige Erreichbarkeit verlangen –, senkt die Attraktivität einer Tätigkeit in der Privatwirtschaft weiter.
Das stille Versprechen hinter Chinas Aufstieg – wer lernt, sich anstrengt und studiert, findet einen verlässlichen Platz in der wachsenden Mittelschicht – gilt deshalb nicht mehr.
In diesem Umfeld gilt Chinas öffentlicher Dienst als Hort der Sicherheit. Er bietet planbare Einkommen, bessere soziale Absicherung – und eine höhere Beschäftigungssicherheit. Er reaktiviert das Bild der „eisernen Reisschüssel“ (铁饭碗/tiě fànwǎn) aus der Ära von Staatsgründer Mao Zedong, als vor allem Staatsbetriebe Chinas Wirtschaft stützten.
Der Staatsdienst ist also weniger begeisternde Karriereoption denn Risikostrategie in einer zunehmend unsicheren Ökonomie. „In vielen Familien sind die Pensionen der Großeltern, die im öffentlichen Sektor gearbeitet haben, höher als die Gehälter der Enkel mit Doktortitel“, sagt der chinesische Sozialanthropologe Xiang Biao, der am Max-Planck-Institut in Halle lehrt, dem Handelsblatt. Das verändere die „Erwartungen an Arbeit grundlegend“.
Im Durchschnitt verdienen Beschäftigte im chinesischen Staatsdienst mehr als Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft, vor allem wenn Sozialleistungen, Boni und der staatliche Wohnungsfonds mitgerechnet werden. Allerdings gilt das Bild nicht durchgängig: Im aufstrebenden Technologie- oder Finanzsektor in Städten wie Shanghai, Shenzhen, Peking, Hangzhou oder Hefei liegen die Spitzengehälter klar über denen im Staatsdienst.
Gleichzeitig gerät auch der öffentliche Sektor immer mehr unter Druck. „Pekings fiskalische und finanzielle Handlungsfähigkeit in absoluten Zahlen nimmt ab“, schreiben die Experten der Beratungsgruppe Rhodium Group in einer Analyse von März. 2025 sanken Chinas Einnahmen erstmals seit der Coronapandemie wieder – um 1,7 Prozent. Zwar legten die Steuereinnahmen noch leicht um 0,8 Prozent zu, doch die nichtsteuerlichen Einnahmen – Gebühren, Abgaben oder Erlöse aus staatlichem Besitz – brachen um 11,3 Prozent ein.
Besonders problematisch ist die Lage auf lokaler Ebene. Die Einnahmen aus Landverkäufen, lange eine zentrale Finanzierungsquelle der Lokalregierungen, sind im Zuge der anhaltenden Immobilienkrise eingebrochen. 2025 fielen sie im Vergleich zum Vorjahr um fast 15 Prozent auf etwa 4,2 Billionen Yuan (rund eine halbe Billion Euro).
Während ihrer Hochzeiten 2021 nahmen die Lokalregierungen auf diesem Wege mehr als das Doppelte ein. Für viele Städte und Kreise bedeutet das: weniger Spielraum für neue Stellen, strengere Budgets und wachsende finanzielle Unsicherheit.
Das erzeugt einen doppelten Druck. Einerseits steigt die Nachfrage nach staatlichen Jobs rapide. Andererseits stehen die staatlichen Behörden unter wirtschaftlichem Stress. Die gesellschaftspolitische Sprengkraft dieser Situation ist hoch: Wenn selbst der Staat, der als Garant von Stabilität gilt, nur begrenzt Sicherheit anbieten kann, wird die in China ohnehin stark ausgeprägte Konkurrenz untereinander zur zentralen Erfahrung.
Für die Bewerberinnen und Bewerber bedeutet das eine hohe psychische Belastung. Einerseits verlangt das System maximale Anstrengung – sichtbar in der intensiven Vorbereitung auf die Beamtenprüfung, die für Millionen zum zentralen Karriereprojekt geworden ist.




