Chinas Stabilitätsnarrativ: Belastbar oder nur ein Vergleichseffekt?
En resumen
- China nutzt Trumps Besuch, um sich als stabiler Gegenpol darzustellen.
- Forscher Xiang Biao erklärt, dass dies weniger auf Chinas Attraktivität als auf die Instabilität anderer Länder zurückzuführen ist.
- Innere Repression und wirtschaftliche Anspannung stehen im Kontrast zum äußeren Bild.
Resumen generado por IA
Por qué importa
China is using the state visit of US President Donald Trump to reinforce its image as a stable power in a chaotic world. This narrative contrasts with political polarization in the US, economic uncertainty in Europe, and the rise of the AfD in Germany. The article explores the credibility of this image through an interview with Chinese social anthropologist Xiang Biao.
Peking nutzt den Trump-Besuch, um China als stabilen Gegenpol darzustellen. Doch wie belastbar ist dieses Bild? Der chinesische Forscher Xiang Biao über den neuen Blick auf China. Martin Benninghoff 18.05.2026 - 04:08 Uhr Artikel anhören
Präsidenten Xi Jinping (r.) und Donald Trump: „In einer solchen Situation wird Stabilität schnell selbst zu einem politischen Wert.“ Foto: REUTERS
Shanghai. Während des Staatsbesuchs von US-Präsident Donald Trump in Peking nutzt China die weltweite Aufmerksamkeit, um ein vertrautes Narrativ zu stärken: China als stabiler Gegenpol in einer zunehmend chaotischen Welt.
In den USA prägen politische Polarisierung, Blockaden und der Irankrieg die Debatte, in Europa wirtschaftliche Unsicherheit und Reformstau, in Deutschland dazu der Aufstieg der AfD. Im Vergleich erscheint China vielen Beobachtern als ruhiger und innovativer Fixpunkt (lesen Sie hierzu auch das Feature über die Frage, wie Technologie die Weltmächte neu ordnet – und welche Rolle China dabei spielt).
Doch wie belastbar ist dieses Bild? Der chinesische Sozialanthropologe Xiang Biao spricht im Interview mit dem Handelsblatt über neue globale Vergleichsmaßstäbe, den schwindenden Anspruch westlicher Leitbilder – und über die innere Realität eines Landes, das nach außen Stabilität ausstrahlt, nach innen aber unter Druck steht.
Lesen Sie hier das vollständige Interview mit Xiang Biao:
Herr Xiang, während des Staatsbesuchs von Donald Trump in Peking hat sich China als selbstbewusste und zugleich stabile Macht präsentiert. Wie glaubwürdig ist dieses Bild?
Der entscheidende Faktor ist der verwendete Vergleichsmaßstab. China gilt heute nur selten als Vorbild, sondern eher als relativ stabil im Vergleich zu anderen Systemen. Das ist die eigentliche Verschiebung. Die Wirkung entsteht weniger aus einer positiven Bewertung Chinas als aus der wahrgenommenen Instabilität anderswo. Wenn Menschen in den Vereinigten Staaten oder in Europa Polarisierung, politische Blockaden, wirtschaftliche Unsicherheit und soziale Spannungen erleben, erscheint China im Kontrast dazu geordnet und berechenbar.
Also gewinnt China nicht unbedingt an Attraktivität, sondern andere verlieren sie?
Genau. Es handelt sich nicht um eine klassische Aufwertung des Chinabildes, sondern um eine relative Verschiebung. China muss keine umfassende ideologische Alternative mehr anbieten. Es reicht, weniger chaotisch zu wirken als andere. Diese Logik ist neu: Es geht weniger um Überzeugung als um Vergleich. China wirkt nicht unbedingt besser – andere wirken instabiler.
Vita Xiang Biao
Xiang Biao wurde 1972 in Wenzhou in der chinesischen Provinz Zhejiang geboren, ist Gewinner des „Anthony Leeds Prize“ 2008 für sein Buch „Global Bodyshopping“ und des „William L. Holland Prize“ 2012 für seinen Artikel „Predatory Princes“. Einige seiner Bücher und Aufsätze wurden auch ins Deutsche, Italienische, Französische, Koreanische, Spanische und Japanische übersetzt.
Seit 2020 ist Xiang Biao Direktor des Max-Planck-Instituts für Sozialanthropologie an der Universität Halle. Zuvor war er Professor an der Universität Oxford. Studiert hat er in Peking, promoviert wurde er in Oxford. Xiangs Forschungsarbeiten befassen sich vor allem mit Migration und den „zurückgelassenen“ Orten in China, Indien und anderen Teilen Asiens. Seine Thesen werden auch in China diskutiert, soweit es die Zensur zulässt.
Ist dieses Stabilitätsnarrativ in erster Linie chinesische Propaganda – oder Ergebnis globaler Entwicklungen?
Beides. Die chinesische Führung präsentiert sich selbstverständlich als stabil und verantwortungsvoll. Aber dieses Narrativ wäre weit weniger wirksam, wenn sich das internationale Umfeld nicht massiv verändert hätte. Nach dem Ende des Kalten Krieges gab es die Erwartung einer fortschreitenden globalen Liberalisierung. Diese Erwartung hat sich deutlich abgeschwächt. Dadurch entsteht Raum für alternative Deutungen – auch ohne eine neue globale Leitideologie.
Der Westen selbst hat zu diesem desaströsen Bild einiges beigetragen …
Viele westliche Gesellschaften erleben eine wachsende Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Liberalismus, Demokratie und Pluralismus bleiben als Werte bestehen – verlieren für viele Menschen aber an Überzeugungskraft als Zukunftsversprechen. Das erzeugt Frustration und politische Fragmentierung. In einer solchen Situation wird Stabilität schnell selbst zu einem politischen Wert.
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Wie stark prägt dieser internationale Vergleich die Wahrnehmung Chinas durch die chinesische Bevölkerung selbst?
Sehr stark. Mehr Informationen über die Welt führen eben nicht automatisch zu mehr Kritik am chinesischen System. Oft passiert das Gegenteil: Systeme werden nach ihrer Krisenfestigkeit neu bewertet. Menschen vergleichen weniger entlang von Idealen, sondern stärker entlang funktionaler Leistungsfähigkeit unter Druck. In dieser Wahrnehmung steht Europa für strukturelle Belastungen – Energiepreise, Demografie, politische Fragmentierung. Die USA für ausgeprägte Polarisierung. Das verschiebt die Wahrnehmung erheblich.
Gleichzeitig ist China im Inneren repressiv, die persönliche wirtschaftliche Lage ist für viele Chinesinnen und Chinesen sehr angespannt. Wie passt das zusammen?
Stabilität und Einschränkung schließen sich in der Wahrnehmung vieler Menschen nicht aus. Entscheidend ist die Alltagserfahrung. Wenn Unsicherheit zunimmt, tritt die Frage politischer Freiheit für manche in den Hintergrund. Viele sehen die Probleme des Systems sehr wohl – und nehmen gleichzeitig institutionelle Kontinuität wahr. Diese Kombination ist entscheidend.
Xiang Biao wurde in China geboren, lehrt und forscht mittlerweile aber in Deutschland. Foto: Universität Halle
Aber ist das in Stein gemeißelt? Viele junge, gut ausgebildete Chinesen orientieren sich zunehmend in Richtung öffentlicher Dienst, weil der Jobmarkt so schwierig geworden ist.
Der Haupttreiber ist Pragmatismus. Der öffentliche Sektor gilt als berechenbarer als der private. Besonders die Kombination aus Arbeitsplatzsicherheit und Sozialleistungen spielt eine große Rolle. In vielen Familien sind die Pensionen der Großeltern, die im öffentlichen Sektor gearbeitet haben, höher als die Gehälter der Enkel mit Doktortitel. Das verändert die Erwartungen an Arbeit grundlegend.
Das klingt nicht mehr nach dem klassischen chinesischen Aufstiegsversprechen früherer Jahrzehnte.
Genau. Der Privatsektor war lange der Motor für sozialen Aufstieg und Dynamik. Heute wird er zunehmend als Risiko wahrgenommen. Der öffentliche Sektor hingegen steht für Planbarkeit. Das ist weniger eine ideologische Entscheidung als eine Reaktion auf Unsicherheit.
Auch in China wird über Work-Life-Balance gesprochen.
Ja. In vielen Branchen herrscht weiterhin die „996-Kultur“ – zwölf Stunden Arbeit am Tag, sechs Tage die Woche. Hinzu kommen hoher Leistungsdruck, ständige Bewertung durch die Vorgesetzten und Unsicherheit über die eigene Karriere. Das verändert auch soziale Beziehungen im Arbeitsumfeld. Kollegiale Solidarität wird leichter durch Konkurrenz ersetzt.
Ist der öffentliche Sektor also einfach die sichere Alternative?
Vor allem ist er die berechenbare Alternative. Viele beschreiben ihn nicht als besonders erfüllend, sondern als weniger stressig. Es geht weniger um Sinn als um Kontrolle über Zeit und Lebensplanung.
Sehen Sie darin einen grundlegenden Wertewandel? China will ja eigentlich Innovation und Risikobereitschaft fördern – und nicht zur Beamtenstube werden.
Ich sehe da eher Anpassung als einen Wertewandel. Sicherheit, Berechenbarkeit und Stabilität gewinnen an Gewicht – aber nicht als neue große Vision. Es ist eine Verschiebung der Prioritäten, ausgelöst durch Unsicherheit.
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Der chinesische Staat galt lange Zeit aber auch als anfällig für Korruption – wandelt sich das Bild in China selbst?
Der Staat wirkt vor allem über Kontinuität und Durchsetzungskraft. Antikorruptionskampagnen haben die Wahrnehmung gestärkt, dass Regeln konsistent angewendet werden. Das erzeugt weniger emotionales Vertrauen als vielmehr ein Gefühl von Berechenbarkeit – also die Gewissheit zu wissen, woran man ist.
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Preguntas abiertas
- How sustainable is China's stability narrative if internal pressures increase?
- To what extent will the 'comparison effect' continue to bolster China's image?
- What are the long-term implications of young Chinese professionals prioritizing public sector jobs for stability over private sector dynamism?
- How will China's internal realities eventually challenge its projected external image of stability?


