Deutschlands Gesundheitswesen: Hohe Kosten, Personalmangel und Sparpotenziale
En resumen
- Ein Fall an der Charité verdeutlicht die hohen Kosten moderner Therapien.
- Deutschland gibt viel für Gesundheit aus, hat aber eine durchschnittliche Lebenserwartung.
- Das Gesundheitswesen steht vor Herausforderungen durch alternde Gesellschaft und Personalmangel, mit Sparpotenzialen durch Digitalisierung und Prävention.
Resumen generado por IA
Por qué importa
Das deutsche Gesundheitswesen ist mit hohen Ausgaben und einer alternden Gesellschaft konfrontiert, was zu Personalmangel und finanziellen Engpässen führt, trotz hoher Pro-Kopf-Ausgaben im internationalen Vergleich.
Die Geschichte geht so: Ein 18 Monate altes Mädchen kam mit 40,4 Grad Fieber in die Charité. Der Hämoglobinwert fiel plötzlich ab, in der Milz sammelte sich Blut. Akute Lebensgefahr. Das Mädchen litt an einer Sichelzellanämie. Ihre roten Blutkörperchen waren nicht rund, sondern sichelförmig. Ein lebensbedrohlicher Gendefekt. Doch dem Mädchen konnte mit einer speziellen Gentherapie geholfen werden. Dabei tauschten die Ärzte eine einzelne Aminosäure in der DNA aus. Das Mädchen war geheilt. Das ist die gute Nachricht.
Die weniger gute Nachricht ist, dass die Therapie rund zwei Millionen Euro gekostet hat. Und das Mädchen sei kein Einzelfall, erzählt Kroemer. In der Ambulanz der Charité würden derzeit 220 Kinder mit Sichelzellanämie behandelt. Man dürfe das ruhig mal ausrechnen. Und damit war der Charité-Chef unmittelbar bei den „Herausforderungen für die Gesundheitsversorgung von morgen“, so das Thema an diesem Abend bei den Munich Economic Debates, die das Ifo-Institut und die Süddeutsche Zeitung gemeinsam veranstalten.
Der Pharmakologe Kroemer, der nach dem Willen seines Vaters eigentlich Landapotheker in Ostfriesland hätte werden sollen, hat ein paar eindrückliche Zahlen mitgebracht. Deutschland gab 2023 insgesamt 501 Milliarden Euro für Gesundheit aus. So viel wie kaum ein anderes Industrieland, bei der Lebenserwartung liegt das Land aber nur im Durchschnitt. In Italien oder Spanien, die deutlich weniger pro Kopf ausgeben, leben die Menschen fast drei Jahre länger. Deutschland hat knapp 1900 Krankenhäuser, mehr als fast jedes andere Land. Gesünder sind die Menschen hier aber nicht.
Mit Digitalisierung ließen sich 42 Milliarden Euro einsparen
Hinzu kommt die alternde Gesellschaft, die den Gesundheitssektor gleich mit doppelter Wucht trifft: Denn wenn die Menschen älter werden, brauchen sie mehr Versorgung, gleichzeitig gibt es aber immer weniger Menschen, die diese Versorgung leisten können. Kroemer, in dessen Klinik mehr als 25 000 Menschen arbeiten, wirft jetzt mal kurz einen Blick in die nahe Zukunft: „2035 könnten bis zu 1,8 Millionen Stellen im Gesundheitswesen unbesetzt sein“, sagt er. Das ist eine Stadt größer als München. Jeder sechste Beschäftigte im Gesundheitswesen ist laut Statistischem Bundesamt älter als 60 Jahre. Bei den Hausärztinnen und Hausärzten sind es sogar 40 Prozent. Da braucht es nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, welche Lücken das mal reißen wird.
Was die Kosten angeht, gibt es jetzt ja immerhin das Sparpaket für die gesetzliche Krankenversicherung, das verhindern soll, dass die Krankenkassenbeiträge immer weiter steigen. In der anschließenden Diskussionsrunde mit Ifo-Präsident Clemens Fuest zeigt sich Kroemer zwar „überrascht“, dass Gesundheitsministerin Nina Warken das Gesetz überhaupt durchgebracht hat. Aber ob es ausreicht? Da haben Fuest und Kroemer dann doch ein paar Zweifel. Dabei ist Kroemers Haus von der Reform unmittelbar betroffen: 80 Millionen Euro weniger Einnahmen erwartet er im kommenden Jahr. Wie er das Loch stopfen will? „Das weiß ich auch noch nicht“, sagt Kroemer.
Wenn also viel Geld im Gesundheitswesen nicht unbedingt viel hilft, stellt sich natürlich die Frage: Was hilft denn dann? Und da haben Kroemer und Fuest dann glücklicherweise doch ein paar Antworten parat: künstliche Intelligenz und Digitalisierung etwa. Mit der Digitalisierung von Leistungen allein ließen sich 42 Milliarden Euro einsparen, also etwa mit der elektronischen Patientenakte, mit Telekonsultationen oder der Fernüberwachung chronisch erkrankter Menschen. Von diesem 42-Milliarden-Potenzial seien bislang allerdings „nur rund 1,4 Milliarden Euro realisiert“ worden, sagt der Charité-Chef. Deutschland, eine „Digitalwüste“.
Und dann natürlich Prävention. Ein unterschätztes Thema mit enormem Potenzial, die Krankheitslast und damit auch die Kosten zu senken, so Kroemer. Nun könnte man einwenden, dass eine Klinik wie die Charité dann ja auch weniger verdient, wenn die Menschen seltener erkranken. Aber der Chef sieht das völlig anders: Ohne Prävention drohe dem Gesundheitssystem schlicht der Kollaps.
Ganz zum Schluss geht es dann noch um den ewigen Vorwurf, die Deutschen seien zu häufig krank. Die Bundesregierung will deshalb eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag einführen und die telefonische Krankschreibung abschaffen. Von beiden Maßnahmen halten die beiden Professoren auf der Bühne wenig. Viel effektiver sei, darin sind sich der Mediziner Kroemer und der Ökonom Fuest einig, die Einführung eines Karenztages, bei dem Arbeitnehmer die Kosten für den ersten Krankheitstag selbst tragen müssten. Eines allerdings ist sicher: Beliebt wäre auch diese Maßnahme nicht.
Qué observar
Perspectiva de IA — posibilidades, no hechos
Bis 2035 könnten bis zu 1,8 Millionen Stellen im Gesundheitswesen unbesetzt bleiben.
Probable · En años
Preguntas abiertas
- Wie wird die Charité das 80-Millionen-Euro-Defizit im kommenden Jahr ausgleichen?
- Werden die aktuellen Sparmaßnahmen der gesetzlichen Krankenversicherung ausreichen?
- Wie wird die Einführung eines Karenztages von Arbeitnehmern aufgenommen werden?




