Elternschaft: Warum wir uns das Kinderkriegen zu schwer machen
En resumen
- Die Autorin kritisiert, dass Elternschaft in der öffentlichen Wahrnehmung und in den Medien oft als extrem anstrengend dargestellt wird.
- Dies trage zum Geburtenrückgang bei, da viele Paare ihren Kinderwunsch aufschieben oder ganz darauf verzichten.
- Sie plädiert für ein positiveres Narrativ.
Resumen generado por IA
Por qué importa
Die Geburtenrate in Deutschland ist auf einem historischen Tiefstand. Die Autorin hinterfragt die gesellschaftliche Darstellung von Elternschaft als extrem anstrengend und sieht darin einen Grund für den Rückgang der Geburten.
Neulich haben wir auf Netflix dem Extremsportler Alex Honnold dabei zugeschaut, wie er einen Wolkenkratzer in Taipeh hinaufkletterte – ohne Absicherung. Er ist Free-Solo-Kletterer, das Spektakel wurde live übertragen und von gespannten Moderatoren sowie Honnolds Frau verfolgt und kommentiert. Zwischendurch war in einem Einspieler zu sehen, dass Honnold täglich viele Stunden trainiert, unter extremen Bedingungen Cardio- und Kraftsport betreibt. Dann wurde er zu Hause mit seinen beiden kleinen Töchtern gezeigt, die spielten, lärmten, Kinder waren. Honnold schaute matt in die Kamera und erklärte, Elternschaft sei ermüdend. In diesem Moment musste ich laut auflachen – und fragte mich, wo wir falsch abgebogen sind in unserer Erzählung übers Kinderhaben.
Ich kann gar nicht genau sagen, wann es angefangen hat, dass ich Elternschaft grundsätzlich mit den Attributen anstrengend, aufreibend, erschöpfend in Verbindung bringe. Aber ich glaube, es summieren sich viele Eindrücke und Schilderungen anderer Eltern und „Betroffener“ zu einem großen Unbehagen: Da ist die Mutter, die mir auf dem Spielplatz mit traurigem Lächeln erklärt, ich solle die Schwangerschaft bloß genießen, denn „danach ist es dann vorbei mit dem Leben“. Da ist die Bekannte, die selbst keine Kinder hat, aber nebenbei erklärt, sie würde die Vorstellung stören, nie wieder richtig schlafen zu können, so sei das doch mit Kindern, das habe sie schon oft gehört. Da ist der Vater, der erklärt, mit einem zweiten Kind werde es einfach nur krass; ich könne mir das gar nicht vorstellen.
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Nicht zuletzt haben wir Medienschaffenden hart an dem Bild der anstrengenden Elternschaft gearbeitet, ich kann mich selbst da gar nicht ausnehmen. Ich habe oft über die Erschöpfung von Müttern geschrieben, über die ungleiche Rollenverteilung in Beziehungen nach dem Kinderkriegen, über Frauen, die sich gefangen fühlen als Mutter und im Halbtagsjob. Ich habe viele dieser Texte verfasst, als ich selbst noch keine Mutter war. Und habe lange gezögert, selbst ein Kind zu bekommen. Auch weil ich Sätze las wie diesen, den neulich ein „Zeit“-Kollege schrieb: Wer ein Kind bekomme, den erwarteten „richtig, richtig harte Zeiten“.
Ist wirklich alles so furchtbar anstrengend?
Und dann sind da noch die vielen, vielen Influencer und Onlinemenschen, über die ich mich einst freute, weil sie nicht wie die klassischen Momfluencerinnen perfekt gekleidete Babys im Arm hielten, während sie komplizierte Kochrezepte in die Kamera plapperten, sondern weil sie real talk machen. Mit dicken Ringen unter den Augen erklären sie, wie unschön Elternschaft eben auch sein kann, wie furchtbar anstrengend, wie auslaugend. Wie ihre Beziehung darunter gelitten habe, auch ihre Beziehung zu sich selbst. Dass sie seit Jahren keinen schönen Urlaub mehr hatten wegen der kleinen Monster in ihrem Leben, die ihnen Kraft und Energie aussaugen, ständig gefüttert werden wollen und zu den unmöglichsten Zeiten schlafen.
Zunächst sei gesagt: Vieles daran stimmt. Manchmal fühlt es sich an, als raubten Kinder einem die Lebensgeister, vor allem in Phasen schlechter Nächte. Und die gibt es immer mal wieder, gerade in den ersten Monaten und Jahren. Auf das Stillen folgt das Zahnen, auf das Zahnen das Abstillen, aufs Abstillen die Albträume. Und trotzdem: Für mich war eine der größten Überraschungen in der Elternzeit, wie – sorry! – einfach ich alles fand. Wie entspannt-entschleunigt. Und wie wunderwunderschön. Die Zeit mit meinem Baby war einfach großartig, fand ich, und fühlte mich zwischendurch richtiggehend verarscht. Das war also das, was angeblich so schrecklich sein sollte? Wovor ich mich irgendwie auch gefürchtet hatte? Klar war ich dauermüde und fertig, und es war auch anstrengend. Aber es war doch auch so toll? Warum nur, fragten mein Mann und ich uns manchmal, hatten wir das nicht schon vor ein paar Jahren gemacht?
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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Seit Wochen debattieren wir in Deutschland über die dramatischen Zahlen, die das Statistische Bundesamt gerade wieder vorgestellt hat: Die Geburtenrate ist, gelinde gesagt, eine Katastrophe. 2025 waren es so wenige Geburten wie zuletzt 1946. Gründe für den übrigens weltweit zu beobachtenden Rückgang der Geburten gibt es viele, und sie wurden ausgiebig diskutiert und analysiert (nur nicht beseitigt). Je mehr ich über Kriege und Krisen lese, desto mehr frage ich mich aber: Sollten wir nicht auch mal darüber nachdenken, was wir gesellschaftlich falsch machen? In unserem Reden über Kinder, in unserem Niedermachen von Elternschaft, unserem allgemeinen Gemecker, sobald ein Kind es auch nur wagt, sich in die Nähe eines Ruheabteils im ICE zu begeben?
Über die Jahre ist der Kinderwunsch der Deutschen weitgehend stabil geblieben. Die neuesten Daten zeigen allerdings, dass er leicht rückläufig ist. „Männer und Frauen wünschen sich aber immer noch mehr Kinder, als sie tatsächlich bekommen“, sagt Katharina Spieß, Wirtschaftswissenschaftlerin und Direktorin des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung.
Der sogenannte Fertility Gap ist also wieder größer geworden, die Lücke zwischen Kinderwunsch und geborenen Kindern. Es hadert an der Verwirklichung des durchaus vorhandenen Kinderwunsches. Das liegt auch daran, dass viele Paare ihren Wunsch immer weiter aufschieben. Und sowohl Frauen als auch Männer sind mit voranschreitendem Alter weniger fertil.
Die Forschung zeigt auch für das Aufschieben die viel besprochenen Gründe: die multiplen Krisen unserer Zeit. Seit 2021, dem zweiten Jahr der Pandemie, sinkt die Geburtenrate. In den Zehnerjahren hatte sie sich zwischenzeitlich erholt und stieg an, was laut Spieß am Ausbau der Kitaplätze lag, aber auch an der Einführung des Elterngelds im Jahr 2007. „Die wirtschaftliche Situation war damals so, dass familienpolitische Instrumente auch zur Geltung kommen konnten“, erklärt Spieß. Das ist seit einigen Jahren nicht mehr so – dafür sorgen Kriege, Weltlage und wirtschaftliche Probleme.
Eigentlich überwiegt das Positive
Ich erzähle Katharina Spieß von meiner Beobachtung, dass Elternschaft ein Imageproblem hat. Schieben wir sie nicht auch deswegen oft auf? Weil es so anstrengend wirkt? Und wir ein gutes Leben behalten wollen? Auch Spieß findet, dass wir zu schlecht übers Elternsein reden. „Wir müssen ein anderes Narrativ in unserer Gesellschaft stricken“, meint sie. „Als Ökonomin würde ich sagen: Wir müssen mehr über die Benefits sprechen, nicht nur über die Kosten.“ Der Nutzen übersteigt in ihren Augen bei Weitem die Kosten – „das ist jetzt als zweifache Mutter auch ein sehr persönliches Statement“. Einige Frauen ohne Kinder bereuten die Entscheidung dagegen im höheren Alter, sagt Spieß: „Die Einsamkeit von Kinderlosen ist im Alter viel, viel höher, die mentale Gesundheit leidet darunter.“ Sie selbst, erklärt Spieß, habe nie darüber nachgedacht; es sei klar gewesen, dass sie Kinder wollte.
Als Forscherin in renommierter Position wird sie immer mal wieder zu Panels über Familie und Vereinbarkeit eingeladen, eines ihrer Forschungsthemen. „Es gibt in meinem Alter nicht so viele andere Ökonominnen mit Kindern, die dieses Thema auch wissenschaftlich bearbeitet haben.“ Familie und Wissenschaft zu vereinbaren, sei durchaus auch mal stressig gewesen. „Aber das Positive hat für mich stark überwogen.“
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Das erinnert mich an ein Gespräch, das ich neulich mit meiner Mutter führte. Ich machte mir Gedanken darüber, ob mein Mann und ich mit künftig drei Kindern genug Zeit füreinander finden würden. „Wir haben über sowas früher gar nicht so viel nachgedacht“, erklärte meine Mutter mir. „Man hat immer nur zugesehen, dass man irgendwie klarkommt.“ Das ist sehr viel pragmatischer als die kleinlich gegeneinander aufgerechneten Zeitfenster für Sport und Freunde, die ich bei uns und auch anderen Eltern immer mal wieder wahrnehme. Gleichzeitig denke ich: Wir leben so vielleicht egoistischer, aber auch gesünder. Und das liegt auch daran, wie wir groß wurden: Wir wurden antiautoritär erzogen. Natürlich legen wir Wert auf eigene Befindlichkeiten. Und das ist für unsere Kinder nicht nur von Nachteil.
„Wir wollten euch eben auch vor den negativen Seiten warnen“, sagt mir eine Kollegin mit fast erwachsenen Kindern, als ich ihr von meinem Schock über die schönen Seiten der Elternschaft erzähle. Ich bin ihr und den anderen trotzdem dankbar für ihre Ehrlichkeit. Was zum real talk übers Elternsein noch hinzukommt: In den vergangenen Jahrzehnten haben wir immer mehr erfahren über aufwendige und teure Kinderwunschbehandlungen, auch im eigenen Umfeld. Ich habe selbst mitbekommen, wie schmerzhaft ein unerfüllter Kinderwunsch sein kann; etwa jedes zehnte Paar in Deutschland ist ungewollt kinderlos. Auch darum sind viele Eltern vorsichtig damit geworden, hinauszuposaunen, wie wunderbar es mit Kindern doch ist. Es gibt genug Leute, die gern welche hätten, aber nicht können.
Gleichzeitig kann ich jede Frau verstehen, die ganz bewusst auf Kinder verzichtet – selbst wenn sie vielleicht sogar den Wunsch danach gehabt hätte. Viele Frauen meiner Generation haben keine Lust mehr, auf ein erfülltes Berufsleben zu verzichten und ihrem Partner dabei zuzuschauen, wie er die Karriereleiter weiter emporklettert. Viele haben auch einfach nicht den richtigen Partner gefunden, mit dem sie ein Kind gleichberechtigt aufziehen könnten. Oder überhaupt einen Partner.
„Vielleicht haben wir zu viel über das Negative gesprochen“, meint meine Kollegin mit den älteren Kindern. „Vielleicht haben wir vergessen, euch zu erzählen, wie schön Elternschaft auch ist.“ Ich glaube nicht, dass die Generation meiner Kollegin schuld ist am negativen Narrativ über Elternschaft. Ich glaube, es ist meine eigene Generation. Wir Millennials sind ein gutes, konsum- und lustbetontes Leben gewohnt. Wir gehen viel und gern ins Café, zum Sport, in Restaurants und Bars, in Klubs. Wir kennen keinen Krieg vor der eigenen Haustür, und wir verreisen ständig, um dann von fremden Orten Bilder von Aperol-Spritz und instatauglich aufbereiteten Speisen zu teilen. Wir sind es gewohnt, dass die Dinge laufen, leichtfüßig laufen; und wir wollen nicht verzichten. Ich kenne viele Leute in meinem Alter, die sich auch deswegen ums Verrecken keine Kinder vorstellen können.
Vergleichen kann sich negativ auf die Geburtenrate auswirken
In der Diskussion über die sinkende Geburtenrate übersehen wir ausgerechnet diese eine Sache: Natürlich geht es auch um die Weltlage, gerade hinsichtlich der eigenen Finanzen. Aber wir Menschen sind auch soziale Wesen, die sich aneinander orientieren und sich miteinander vergleichen. Viele Trends bilden sich unbewusst oder ohne Intentionen heraus; wir nehmen Dinge wahr und auf und können am Ende vielleicht gar keine rationalen Gründe mehr für gefühlte oder auch tatsächliche Wahrheiten nennen. So ist es auch mit dem Kinderkriegen. Wenn wir sehen, was Eltern alles stemmen müssen, stößt uns das im ersten Moment ab. Und wenn wir sehen, welche Form von Elternschaft angeblich besser funktioniert – das sind meist Paare, die eine traditionelle Rollenaufteilung leben –, ist das gleich noch weniger attraktiv.
Michèle Tertilt von der Universität Mannheim ist ebenfalls Ökonomin. Die Professorin für Makro- und Entwicklungsökonomie hat viel zum Thema Geburtenrate geforscht, zum Beispiel in Südkorea; mit 0,75 Kindern pro Frau hat das Land die niedrigste Geburtenrate weltweit. Tertilt und ihre Kollegen fanden heraus: Wenn Eltern sich zu stark mit anderen Eltern vergleichen, kann sich das negativ auf die Geburtenrate auswirken. Für die USA schaute Tertilt sich Facebook-Daten an und wertete, Landkreis für Landkreis, die Facebook-Freunde der Einwohner aus: Wie hoch ist der Prozentsatz an Freunden, die ein höheres Einkommen und eine bessere Bildung hatten? Anhand dieser Daten konnte sie einen klaren negativen Zusammenhang zur Geburtenrate im jeweiligen County nachweisen: „Wo Leute sich besonders viel vergleichen mit Leuten mit einem höheren Status, da ist die Geburtenrate geringer.“
Eine Hypothese Tertilts: Die sozialen Medien verstärken dieses Phänomen. „Auch in Deutschland vergleichen sich die Leute ja viel miteinander“, meint sie. „Zum Beispiel hinsichtlich der Frage, wie viel Zeit man mit seinen Kindern verbringen sollte.“ Da geht es dann auch um Dinge wie: Backt man den Kuchen für die Kita selbst, möglichst zuckerfrei und ohne Backmischung – oder kauft man einen? „Ich kann mir vorstellen, dass der soziale Stress des Vergleichens auch in Deutschland eine Rolle für Fertilitätsentscheidungen spielt“, meint Tertilt. „Das kann auch dazu führen, dass Eltern sich gegen ein zweites oder drittes Kind entscheiden.“ Weil sie nicht glauben, dass sie das hohe Care-Niveau mit selbst gemachtem Bananenbrot und stundenlangen Spielplatzaufenthalten aufrechterhalten können.
Eine Gesellschaft ohne Kinder ist keine schöne Vorstellung
Je mehr wir uns also miteinander vergleichen – und das machen wir im Zeitalter von Instagram und Tiktok oft automatisch –, desto stressiger erscheint uns Elternschaft. Dafür braucht es nicht einmal das Gemecker der anderen Eltern. Die, die es uns vorleben, üben schon genug Druck aus, damit wir uns überlegen: Den Stress tu’ ich mir nicht an.
Gerade erst haben weitere Forscher Smartphones und die sozialen Medien als mögliche Ursache für den Geburtenrückgang in den Blick genommen. Nachdem zwei Wissenschaftler der University of Cincinnati untersucht hatten, wie die Ausbreitung schnelleren Internets fürs Handy in den USA und Großbritannien mit dem Rückgang der Geburten korrelierte, wertete die „Financial Times“ entsprechende Daten für viele weitere Länder aus. Mit eindeutigen Ergebnissen: Selbst in Ghana oder Senegal fiel die Ankunft des Smartphones in der breiten Masse mit einem raschen Abfall der Geburtenrate zusammen.
Weil junge Leute so viel Zeit am Handy verbringen, finden sie sich nicht mehr zu Paaren zusammen, so die These. Das betrifft insbesondere auch Nichtakademiker, also Milieus, in denen sich sonst eher früher Paare und Familien bildeten. Statt sich am realen Leben zu orientieren, richten sich junge Menschen nach dem Leben, das auf Social Media inszeniert wird. Diese künstlich geschaffenen Maßstäbe erschweren Beziehungen in der Realität.
Ich denke, unser kultureller und gesellschaftlicher Umgang (eben auch in den sozialen Medien) mit den Themen Elternschaft und Kinderkriegen wird immer mehr zum Problem. Wir prangern – oft auch zu Recht – Ungerechtigkeiten an und arbeiten jahrelang versäumte Diskurse über Elternschaft auf. Dabei aber problematisieren wir eine der schönsten Sachen, die es im Leben geben kann: für einen anderen Menschen zu sorgen. Und eine Gesellschaft ohne
Preguntas abiertas
- Wie kann ein positiveres Narrativ über Elternschaft gefördert werden?
- Welche Rolle spielen spezifische soziale Medien bei der Beeinflussung von Fertilitätsentscheidungen?
- Wie können familienpolitische Instrumente effektiver gestaltet werden?




