Film über Thomas Geisel: Wenn der Wechsel zum BSW die Familie zerreißt
Wenn der Wechsel zum BSW die Familie zerreißt
04.06.2026, 10:43Lesezeit: 4 Min.
Thomas Geisel im Europawahlkampf 2024 bei einer BSW-Veranstaltung in Kölndpa
Nach 40 Jahren in der SPD wechselte Thomas Geisel zum BSW. Seine Tochter Indira Geisel hat einen Film über ihn gedreht – und den Streit, den das in ihrer politischen Familie auslöst.
„Politik ist persönlich“ – so heißt Ihr Film über Ihren Vater, den Politiker Thomas Geisel, und Ihre politische Familie. Ihr Vater ist nach 40 Jahren in der SPD aus der Partei ausgetreten und hat sich dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) angeschlossen. Wieso haben Sie darüber einen Dokumentarfilm gedreht?
Es ist ein Film über die Krise der Sozialdemokratie, beobachtet am Beispiel meiner Familie. Ich wollte schon immer einen Film über die SPD machen. Und vor zwei Jahren fiel mir die Krise der SPD direkt vor die Nase. Ich wusste, dass mich dieser Konflikt in meiner Familie über lange Zeit sehr beschäftigen wird. Ganz allgemein finde ich Wahlkampf spannend. Und mich hat auch interessiert, wer die Leute sind, die zum BSW kamen. Also habe ich die Kamera rausgeholt.
Ihr Großvater Alfred Geisel, heute 94 Jahre alt, ist 60 Jahre in der SPD, war 16 Jahre Vizepräsident des Landtags von Baden-Württemberg. Er wirft im Film seinem Sohn Parteiverrat vor, spricht von einem „Akt der Unanständigkeit“. Wie hat das die familiäre Situation geprägt?
Sehr. Der Film handelt von den unterschiedlichen Vorstellungen von Politik, die mein Großvater und mein Vater haben – und davon, wie wir Jüngeren abwägen, was wir daraus machen. Was bedeutet Unanständigkeit in der Politik, bedeutet sie heute noch was? Das sind die Fragen, mit denen wir Enkel uns auseinandersetzen müssen. Für meinen Großvater hat der Politiker ausgleichend und vorbildhaft zu sein, zusammen mit seiner Partei. Für meinen Vater hat der Politiker zu einem guten Ergebnis zu kommen, mit oder ohne seine Partei.
Fast die ganze Familie ist in der SPD engagiert, mindestens die Älteren. Ihre Tante trat gegen Boris Palmer in der Oberbürgermeisterwahl in Tübingen an. Alle verurteilen Ihren Vater, werfen ihm Karrierismus vor oder dass er zum BSW gewechselt sei, weil er seine Wahlniederlage als Oberbürgermeister von Düsseldorf nicht verkraftet habe. Hatten Sie Angst, dass der Konflikt Ihre Familie zerreißt?
Ja, große Angst. Und das hat mich geärgert – weil das so ein Klischee ist, dass Familien über Politik zerbrechen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das wirklich so ist. Und plötzlich passierte es in meiner Familie. Das habe ich und, wie man sieht, auch meine Familie nicht zugelassen. Uns geht es ganz gut, gerade weil wir miteinander streiten.
Sie haben Ihren Vater für den Film anderthalb Jahre immer wieder begleitet und versucht, ihn zu verstehen. Die übrige Familie hat Sie als „Loyalitätsopfer“ betrachtet.
Für viele in meiner Familie war der Parteiwechsel meines Vaters persönlich begründet – also war für sie auch meine unverständliche Loyalität persönlich begründet. Aber gerade in einer SPD-Familie hat Loyalität ja auch was sehr Politisches, also einer Partei treu bleiben zu wollen trotz vieler Unzufriedenheiten. Oder auch einem Programm treu bleiben zu wollen oder eben seinen ureigenen, sich entwickelnden Positionen. Der Begriff „Loyalitätsopfer“ steht zu Beginn des Films, in dem sich alle die Frage stellen müssen, zu wem und wozu man loyal sein will.
An einer Stelle sagen Sie, als Ihr Vater nicht mehr weiterreden will, dass Eltern Ihren Kindern fremd werden. Ist Ihr Vater Ihnen fremder geworden in der Zeit?
Das ist keine persönliche Klage. Das ist eine allgemeine Wahrheit über Eltern und Kinder – darüber, dass die Eltern so viel Einfluss haben und die Kinder am Ende doch ihre eigenen Leute werden, egal wie sehr sie versuchen, ihren Eltern zu folgen. Mein Großvater spürt den schwindenden Einfluss auf seinen Sohn, und ich werde im Film erwachsen.
Sie sind selbst mit 20 Jahren in die SPD eingetreten. In einer Szene machen die Jusos in Thüringen Wahlkampf. Ihre Cousine und Ihr Cousin unterstützen die Jusos dabei, obwohl beide nicht in der SPD sind. Und sind dann sehr erstaunt, als sie erfahren, dass Sie SPD-Mitglied sind.
Ich bin als Einzige von den Enkeln von Alfred in der SPD. Ich bin damals, nachdem Martin Schulz als Kanzlerkandidat so abgestürzt ist, eingetreten. Ich dachte, da muss man doch jetzt was machen. Und dann war ich in Berlin bei den Jusos und habe gemerkt, dass ich da irgendwie nicht richtig dazu gehöre und viele Sachen anders sehe. Diese Filmszene steht für mich dafür, wie viele Leute sich in der SPD nicht zu Hause fühlen. Aber auch für die Frage, seit wann man in eine Volkspartei „reinpassen“ muss.
Am Ende des Films sagen Sie: „Ich bin immer noch in der SPD, weil ich glaube, dass man die SPD nicht den Leuten in der SPD überlassen darf.“ Das klingt nach großer Distanz.
Ich habe Geschichte studiert und auch ganz viel die Geschichte der SPD. Die Sozialdemokratie hatte einmal die große Ambition, diese Welt historisch zu verändern. Aus dieser Partei will ich nicht raus. Die SPD schuldet uns noch was.
Was schuldet sie noch?
Eine gerechte Welt.
Wenn Sie sagen, dass man die SPD nicht den Mitgliedern überlassen darf, heißt das doch, dass viele nicht das vertreten, was die Partei vertreten sollte.
Ich würde eher sagen, sie vertreten es nicht genug. Eine Thematik im Film ist der Neubeginn der SPD nach Godesberg, der Eintritt der linken Bürgerlichen in die Partei. Das war eine erfolgreiche Sache, hat sie zur regierenden Volkspartei gemacht – und dann ist die SPD immer pragmatischer geworden. Das manchmal unschön Pragmatische will sie heute lieber verschweigen, aber das Bürgerlich-Moralische bleibt. Die SPD hat starke Werte – und keine Ahnung, was sie damit anfangen soll. Für meine Generation bedeutet das: Die Partei, die für Gerechtigkeit steht, hat keine Antwort auf unsere Zukunft. Das ist das eigentliche Problem.
Der Film von Indira Geisel „Politik ist persönlich“ ist in der ZDF-Mediathek verfügbar.
Quelle: F.A.Z.Artikelrechte erwerben
Markus Wehner
Politischer Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Erfurt.
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