Kolumbiens neuer Konflikt: Illegale Minen verdrängen Kaffee und Frieden
En resumen
- Illegale Gold- und Coltan-Minen bedrohen den mühsam errungenen Frieden in Kolumbien.
- Gewalt, Entführungen und Erpressungen nehmen zu, während Kaffeeplantagen verwaist werden.
- Farc-Dissidenten und kriminelle Gruppen kontrollieren die Gebiete und nutzen globale Nachfrage.
Resumen generado por IA
Por qué importa
Kolumbien kämpft nach Jahrzehnten des Konflikts mit Guerillas und Paramilitärs um nachhaltigen Frieden. Illegale Rohstoffförderung, insbesondere Gold und Coltan, stellt eine neue Bedrohung dar, die von kriminellen Gruppen und Farc-Dissidenten ausgeht.
Ibagué/Manizales. Andrés Enciso war noch ein Schuljunge, als seine Eltern ihn zusammen mit seinen sieben Geschwistern in die Provinzhauptstadt Ibagué schickten. „Es war zu gefährlich auf dem Land geworden“, erzählt der heute 28-Jährige. „Damals gehörten Entführungen und Anschläge zum Alltag.“ Zunehmend wurden Unbeteiligte in die Auseinandersetzungen zwischen der Guerilla, der Farc, den staatlichen Sicherheitskräften sowie den privaten Paramilitärs hineingezogen.
Der Süden des Bundesstaats Tolima war politisch schon lange unruhig geworden. Die Farc hatte sich dort ursprünglich als Bauernliga in den 1960er-Jahren gegründet. Als die einstmals linken Aufständischen verstärkt auf Kokain als Hauptverdienstquelle setzten, verschärften sich die Konflikte.
Zu dieser Zeit sah Enciso, der eigentlich Pilot werden wollte, keine Zukunft mehr in seinem Land. Vor zehn Jahren wanderte er nach Australien aus, kehrte aber zurück, als er vom Friedensabkommen in Kolumbien hörte. Auf dem Land sei es ruhig geworden, berichteten ihm seine Eltern. Die Bauern würden Kaffee pflanzen, 60.000 Familien lebten davon. Heute gewinnen Tolimas Pflanzer weltweit Preise für ihren qualitativ hochwertigen Kaffee. Aber Stabilität und Wohlstand sind wieder bedroht – in der Region gibt es Gold. „Die illegalen Minen breiten sich aus wie ein Krebsgeschwür“, sagt Enciso. Die Gewalt kehrt zurück.
Die Aussicht auf den schnellen Reichtum zieht Menschen von auswärts an, gewaltsame Konflikte nehmen zu. „Noch nicht wie früher, aber nachts kann man nicht mehr durch die Gegend fahren“, beschreibt Enciso die aktuelle Entwicklung.
Nach seiner Rückkehr in seinen Heimatort hatte er begonnen, für die neue Generation der Kaffeepflanzer zu arbeiten. Er belegte Kurse als „Coffeetaster“. „Die Aufbruchstimmung in der plötzlich stabilen Region war faszinierend“, sagt er heute. Es gab ein Projekt der Vereinten Nationen, bei dem ehemalige Kämpfer der Farc, Indigene und Kleinbauern zusammen Kaffee auf ihren kleinen Parzellen anbauten. „Das Erstaunliche war: Es funktionierte.“
Enciso übersetzte für ausländische Investoren aus der Kaffeebranche, die dort investieren wollten. Bald leitete er Kaffeeverkostungen. In der Hauptstadt Ibagué haben die Kaffeepflanzer nahe dem Flughafen ihre avantgardistische Verbandszentrale errichtet. In der bäuerlich geprägten Stadt gibt es schicke Kaffeeboutiquen mit Baristas wie in Bogotá.
Nun aber, so berichtet Encisco, wechselten die ersten Kaffeearbeiter von den Plantagen in die Goldminen. Entführungen und Erpressungen nähmen zu. Wer eine feste Arbeit hat oder ein Stück Land besitzt, muss befürchten, dass Banditen von ihm Schutzgeld fordern. Sonst, so drohen sie, werde ein Kind oder die Frau erschossen. „Die ganze Erfolgsgeschichte der Region ist heute bedroht“, räumt Enciso ein.
Im Gouverneurspalast in Ibagué wird die Sicherheitslage ganz ähnlich eingeschätzt. Zwar bekommen Besucher zunächst eine dampfende Tasse Kaffee serviert, „vom besten der Welt“, dann aber verliert sich Gouverneurin Adriana Magali Matiz nicht in Höflichkeitsfloskeln, sondern wird deutlich. „Es ist nicht so, dass wir uns sorgen, dass die Gewalt zurückkommen könnte“, sagt die Juristin und Verwaltungsexpertin. „Sie ist schon wieder da.“ Die Menschen empfänden wieder die gleiche Bedrohung wie vor zwanzig Jahren.
Auf einer Landkarte an der Wand weist sie auf die Region Tolima. Die Provinz mit 1,3 Millionen Einwohnern liegt im Zentrum Kolumbiens, ist etwa halb so groß wie die Schweiz. Im Norden verlaufe ein wichtiger Drogenkorridor für Kokain zu den Häfen am Pazifik, im Zentrum um die Hauptstadt finde die übliche Geldwäsche in Immobilien statt. Zudem gebe es den Drogeneinzelhandel und etwas Bandenkriminalität.
Dann fährt sie mit dem Finger über die Landkarte und betont: „Doch hier im Süden befindet sich unser größtes Problem. Der illegale Goldbergbau nimmt rasant zu.“ Farc-Dissidenten und illegale Gruppen würden die Gegend kontrollieren. „Für jede Maschine, die die Goldsucher dort hinbringen, verlangen sie einen Wegezoll und dann 15 Prozent der Goldproduktion“, sagt sie.
Nach Angaben der Gouverneurin seien in der 20.000-Einwohner Stadt Ataco, das neue Zentrum der Goldsucher im Süden, bis Mitte Mai bereits 17 Menschen bei Gewalttaten gestorben. Prostitution, Auftragsmorde und Drogenhandel nehmen zu. „Der Kaffeeanbau dort war das landesweite positive Beispiel für den Frieden – das ist vorbei“, zieht die 50-Jährige ein trauriges Fazit. In der Bevölkerung ist sie populär, gilt als unerschrocken. Regelmäßig besucht sie die von der neuen Welle der Gewalt betroffenen Regionen.
Vom illegalen Bergbauzentrum in Ataco ist es nicht weit bis Gaitania, wo im Jahr 1964 die Farc gegründet wurde, die einstmals größte Guerillaorganisation Lateinamerikas. Nun ist der dort mühsam erreichte Frieden in Gefahr. Gouverneurin Matiz sieht die Verantwortung bei der Zentralregierung unter Präsident Gustavo Petro und erklärt den Zusammenhang. „Die legale Förderung der Bergbauunternehmen wurde gestoppt“, sagt sie unter Verweis auf die Landespolitik. „Dieses Vakuum nutzen nun die Illegalen aus.“
In Bogotá ist Juan Camilo Nariño besonders schlecht auf Petro zu sprechen. Nariño ist Chef des nationalen Bergbauverbandes Asociación Colombiana de Minería (ACM). „Während die ganze Welt steuerliche Anreize schafft, um Bergbauinvestitionen anzuziehen, macht die Regierung genau das Gegenteil“, empört er sich. Die illegalen Gruppen würden deswegen den Abbau der Bodenschätze dominieren. Die Folge sei eine Umweltkatastrophe, die es so ungebremst noch nie gegeben hätte.
Auf dem goldhaltigen Río Nechí im Nordosten des Landes hätte es früher zwei Dutzend Schwimmbagger gegeben. Heute seien es 180. „Jedes Gerät kostet rund eine Million Dollar“, sagt Nariño. „Alles illegal.“ Zudem gäbe es sicherlich kein anderes Land weltweit außer Kolumbien, in dem Minenarbeiter mit kugelsicheren Schutzwesten in die Bergwerke unter Tage gingen. „Kriminelle bohren die Tunnel an“, erklärt er. „Dann schießen sie auf die Bergarbeiter oder werfen Sprengsätze.“
Angesichts der bevorstehenden Wahlen am 21. Juni hofft Nariño auf einen Wechsel in der Regierung. Denn der Rechtskandidat Abelardo de la Espriella will Kolumbien zu einer Bergbaunation machen. Sein linker Gegenkandidat Iván Cepeda plant dagegen, den investorenfeindlichen Kurs Petros fortzusetzen. Nariño sagt: „Ich bin optimistisch für die Zukunft – nicht für die Gegenwart.“
Politologe Carlos Augusto Chacón weitet den Blick für das aktuelle Geschehen: „Wegen der steigenden Weltmarktpreise ist Gold heute zur zentralen Einnahmequelle krimineller Gruppen geworden.“ Doch es gehe nicht nur um das Edelmetall. Auch Coltan verschaffe der Organisierten Kriminalität steigende Gewinne. Denn das Mineralerz ist entscheidender Rohstoff für die digitale Wirtschaft, Medizintechnik sowie die Luft- und Raumfahrttechnik.
Farc-Dissidenten und die Guerilleros der ELN bauen in der Amazonasregion Kolumbiens das Mineral ab und behandeln „Indigene wie Sklaven“, sagt Chacón, Präsident des Instituto de Ciencia Política Hernán Echavarría Olózaga. Landesweit würden sich die Dissidenten der einst größten Guerilla Farc und die der ELN brutal bekämpfen. „Doch im Amazonas kooperieren sie.“
Der Problematik des illegalen Bergbaus in Kolumbien fügt er noch eine geopolitische Komponente hinzu. Nach seinen Recherchen gelangt das Coltan über den Pazifikhafen Buenaventura oder über Ecuador ins Ausland. „Doch am Ende landet das gesamte Coltan in China“, weiß Chacón, der lange Zeit zu den illegalen Bergbauaktivitäten recherchierte.
Die Volksrepublik spielt eine zentrale Rolle in der illegalen Wertschöpfungskette. „China liefert die meisten Vorprodukte für die Kokainverarbeitung“, sagt er. „Die kommen oft legal ins Land und werden dann in den illegalen Kreislauf eingespeist.“ Coltan, Gold und Kokain würden dann in den gleichen Logistikkorridoren wieder aus dem Land geschaffen. Führend sei die Organisierte Kriminalität Chinas auch bei der Geldwäsche. Ihre Banden schmuggelten Elektronikartikel oder Zigaretten ins Land, die mit Einkünften aus den illegalen Geschäften bezahlt werden.
Sicherheitsexperte Andrés Cajiao beurteilt im Gespräch in Bogotá das Geschehen: „Was wir heute sehen, ist kein klassischer bewaffneter Konflikt mehr.“ Die bewaffneten Gruppen wollten nicht mehr den Staat stürzen oder die Macht im Land übernehmen. „Ihr Ziel ist es vielmehr, lokale Machtstrukturen zu beeinflussen und Territorien zu kontrollieren, um die dortige illegale Wirtschaft zu beherrschen.“
Auch organisatorisch funktionierten die bewaffneten Gruppen völlig anders als früher, sagt Cajiao. Es gebe keine hierarchischen Kommandostrukturen mehr, es seien vielmehr autonome Gruppen. Das mache sie widerstandsfähiger gegenüber staatlicher Repression. „Wenn heute der untergetauchte Iván Mordisco als Anführer der größten Farc-Dissidentengruppe getötet würde, hätte das kaum Auswirkungen auf das Funktionieren seiner Gruppe“, sagt er.
Gouverneurin Matiz sagt, dass die Regierung Petro sich nicht um die Sicherheitslage in den Provinzen kümmere. Alle paar Tage besucht sie die von der Gewalt betroffenen Gebiete im Süden. „Wenn wir dort als Staat nicht mehr präsent sind, dann überlassen wir die Region den Illegalen“, sagt sie und macht routiniert ein paar Selfies vom Interview für die sozialen Kanäle der Regionalregierung. „Ohne Sicherheit sind die ganzen wirtschaftlichen Fortschritte der letzten Jahre nichts mehr wert."
Qué observar
Perspectiva de IA — posibilidades, no hechos
Zunahme von Gewalt und Entführungen in den betroffenen Regionen.
Muy probable · En meses
Weitere Abwanderung von Arbeitskräften aus dem Kaffeeanbau in den illegalen Bergbau.
Probable · En meses
Preguntas abiertas
- Wie wird die Zentralregierung auf die Eskalation reagieren?
- Können legale Bergbauinvestitionen trotz der Unsicherheit angezogen werden?
- Welche Rolle spielt China bei der Geldwäsche und dem Schmuggel?

