Vatikan: Papst Leo XIV. ernennt erstmals Laiin zur Leiterin eines Dikasteriums
Es ist ein bedeutsamer Schritt für den Vatikan, eine kleine Revolution gar. Papst Leo XIV. hat erstmals eine Laiin an die Spitze eines Dikasteriums berufen. Von November an wird die aus Mexiko stammende US-Bürgerin María Montserrat Alvarado als Präfektin das Dikasterium für die Kommunikation führen. Die Berufung gilt zunächst für die Dauer von fünf Jahren.
Ein Dikasterium – ehedem Kongregation genannt – ist im Vatikan so etwas wie ein Ministerium. Und das „Ministerium“ für Kommunikation ist für die Außenwirkung des Vatikans von großer Bedeutung. Die übrigen der insgesamt 16 Dikasterien – für den Klerus oder die Bischöfe, das Ordenswesen oder die Sakramentenordnung, die Glaubenslehre oder Heiligsprechungsprozesse – sind eher auf die innere Ordnung der Weltkirche gerichtet.
Schon Franziskus hatte die Führungsebene des Vatikans für Frauen geöffnet. Das Dikasterium für das Ordenswesen und das Governatorat der Vatikanstadt – so etwas wie das Innenministerium des kleinsten Staates der Welt – leiten seit Anfang 2025 zwei Ordensschwestern. Die künftige Kommunikationschefin María Montserrat Alvarado ist zwar gläubige und praktizierende Katholikin, sie gehört aber keinem religiösen Orden an. Mit 39 Jahren wird sie zudem die jüngste Führungsgestalt des Vatikans sein.
María Montserrat Alvarado, von aller Welt „Montse“ gerufen, stammt aus Mexiko-Stadt. Sie absolvierte ihr Studium der Kommunikation und der Politikwissenschaften an der Florida International University in Miami und an der George Washington University in der US-Hauptstadt. 2008 nahm sie die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Neben ihren Muttersprachen Spanisch und Englisch spricht sie fließend Französisch, absolvierte zudem eine Ausbildung in Jazz- und klassischem Gesang.
Von 2009 bis 2023 war Alvarado für den Becket Fund for Religious Liberty in Washington tätig. Die konservative Stiftung und Anwaltskanzlei setzt sich für die Verteidigung der Religionsfreiheit in den USA ein, namentlich mit Verfahren vor dem Obersten Gericht, aber auch durch Lobby- und Bildungsarbeit. 2021 begann Alvarado ihren beruflichen Übergang zu katholischen Medien. Beim Sender „Eternal Word Television Network“ (EWTN) übernahm sie Moderationen, entwickelte neue Sendeformate und stieg 2023 zur Programmchefin auf.
Der Sender EWTN wurde 1981 von der Schwester des Klarissenordens, Angelica Rizzo (1923 bis 2016), in einer Garage ihres Klosters in Birmingham im US-Bundesstaat Alabama mit einem Startkapital von 200 Dollar gegründet. Über die Jahrzehnte stieg der Sender zum wichtigsten Sprachrohr des (erz)konservativen Katholizismus in den USA sowie später auch in anderen Ländern auf.
Hauptstadt. Heute ist das noch immer in Alabama ansässige Unternehmen die weltweit größte katholische Medienorganisation. Sie verfügt über elf verschiedene Fernsehsender und Dutzende Radiokanäle, die in 400 Millionen Haushalten in 160 Ländern empfangen werden können. Die wichtigsten Sendesprachen sind Englisch, Spanisch, Deutsch, Französisch, Portugiesisch, Italienisch und Arabisch. Zu dem Medienimperium gehören außerdem die Nachrichtenagentur CNA, ein Verlagshaus sowie die Zeitung und Website „National Catholic Register“. Allein über den Vatikan berichten rund 30 EWTN-Mitarbeiter.
Papst Franziskus ist während seines Pontifikats von 2013 bis 2025 oft mit EWTN aneinandergeraten. Er hat den Sender gar als „Werk des Teufels“ bezeichnet, weil dort regelmäßig Stimmen – zumal aus den USA – zu Wort kamen, die den argentinischen Papst als woken Linken mit katholischer Tarnkappe zu schmähen pflegten. Präsident Donald Trump war mehrfach Gast bei Sendungen von EWTN, einer der Hauptmoderatoren des katholischen Senders liefert auch Beiträge für Fox News.
Und nun beruft Leo XIV. ausgerechnet die Programmchefin von EWTN auf einen Schlüsselposten in den Vatikan. Mit der Personalentscheidung schlägt Leo viele Fliegen mit einer Klappe. Er streckt die Hand abermals zu den konservativen Katholiken in den USA aus, auf deren großzügige Spenden der Vatikan angewiesen bleibt. Auch an die liberalen Katholiken sendet er ein Signal aus, das auf Wohlwollen stoßen muss: Er holt eine Latina aus den USA auf den zurzeit höchsten für Frauen verfügbaren Posten im Vatikan. Zudem kann er beim mächtigen Imperium EWTN mit sympathetischer Berichterstattung rechnen, statt sich mit einem vermeintlichen „Feindsender“ einen Kleinkrieg zu liefern.
Zudem dürfte ein Medienprofi wie Montse Alvarado den verschlafenen Kommunikationsapparat des Vatikans in Schwung bringen. Dieser kann einen kräftigen Schuss „Amerikanisierung“ und „Entitalianisierung“ gut vertragen, um von Rom aus mit einem globalen Publikum angemessen zu kommunizieren.
Schließlich kann die neue Präfektin eine Altlast ihres 69 Jahre alten Vorgängers Paolo Ruffini beseitigen. Der italienische Journalist, 2018 von Papst Franziskus berufen, hatte bis zuletzt den slowenischen Mosaikkünstler Marko Rupnik und dessen Werke verteidigt, obschon dieser wegen Vorwürfen des jahrzehntelangen sexuellen Missbrauchs von Novizinnen und Ordensschwestern aus dem Jesuitenorden ausgeschlossen worden war und sich in der Sache vor einem Kirchengericht verantworten muss.
Mit der Berufung von María Montserrat Alvarado setzt Leo XIV. die medien- und kirchenpolitische Linie fort, die er seit seiner Papstwahl vom Mai 2025 konsequent verfolgt hat. Er versucht, unterschiedliche Strömungen und Weltanschauungen zu einen. Er schüttet die Gräben zu, die sein zu Polarisierung und Zuspitzung neigender Vorgänger Franziskus vertieft hatte. Wenn nicht alles täuscht, hat der erste US-Amerikaner auf dem Stuhl Petri, der während fast zwei Jahrzehnten seelsorgerischer Tätigkeit in Peru zum „Ehren-Latino“ wurde, mit der Latina aus den USA eine kongeniale Kommunikationschefin gefunden.






