Die deutsche Trinkkultur und ihre verheerenden Folgen
Caroline Wahls Romane lenkten den Blick auf Kinder alkoholsüchtiger Eltern. Doch die Gesellschaft blendet das Ausmass des Alkoholismus in Deutschland weiter aus.
L'essentiel
Betrachtung über die Verharmlosung von Alkoholkonsum in Deutschland, das Schicksal von Kindern alkoholischer Eltern und die gesellschaftliche Verdrängung der Suchtproblematik trotz sinkender Rauschtrinker-Zahlen bei Jugendlichen.
Résumé généré par IA
Pourquoi c'est important
Etwa eine Million Kinder und Jugendliche in Deutschland wachsen mit einem alkoholabhängigen Elternteil auf. 2024 konsumierten 8,6 Millionen Menschen riskante Mengen Alkohol.
Die Schriftstellerin Caroline Wahl ist in den vergangenen Jahren mit Romanen über zwei Schwestern berühmt geworden, die bei einer alkoholkranken Mutter aufwachsen. Danach wurde viel über die Bücher diskutiert. Allerdings ging es dabei vor allem um literarische Geschmacksfragen – und fast nie um die Themen der zwei Romane: Was für ein brutales Schicksal es ist, als Kind von alkoholsüchtigen Eltern aufzuwachsen.
Für viele Kinder in Deutschland ist aber genau das Realität. Laut einer eher konservativen Schätzung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wachsen etwa eine Million Kinder und Jugendliche mit einem alkoholabhängigen Elternteil auf. Etwa zwei Drittel dieser Kinder entwickeln später psychische Störungen oder werden selbst alkoholabhängig.
Auch das trägt zu den verheerenden Gesamtzahlen bei: 2024 konsumierten laut dem Bundesgesundheitsministerium 8,6 Millionen Menschen der 18 bis 64 Jahre alten Bevölkerung riskante Mengen Alkohol, 2,2 Millionen erfüllten die medizinischen Kriterien einer Abhängigkeit. Suchtforscher sprechen von einer „gestörten Trinkkultur“ in Deutschland: Der Rausch gelte hier als etwas Cooles, während es in anderen Ländern peinlich sei, die Kontrolle zu verlieren.
„Komm, ein Glas geht schon!“
Wer heute etwa 40 Jahre alt ist, kann sich tatsächlich an eine Jugend erinnern, in der es wenig Cooleres gab als den kompletten Alkohol-Absturz. Am besten drei-, viermal die Woche. Zwanzig Jahre später kann man die Folgen davon deutlich sehen. Viele haben die Hochkonsum-Jahre vorerst gut überstanden, aber einige sind auf der Strecke geblieben, kämpfen sich bis heute von Entzug zu Entzug, leben auf der Straße, manche haben sich sogar das Leben genommen.
Oft war das Rauschtrinken der Beginn einer Drogenkarriere. Marihuana wird gerne als Einstiegsdroge bezeichnet, tatsächlich kommen aber die wenigsten auf die Idee, härtere Drogen zu konsumieren, während sie bekifft auf der Couch sitzen. Solche Grenzen überschreitet man eher, wenn man im Alkohol-Vollrausch im Klub etwas angeboten bekommt. Auch solche Exzess-Geschichten galten erst mal als cool, erst wenn der Rest des Lebens zusammenbrach, wendete sich das Umfeld ab. Bis dahin wurde Druck eher auf Menschen ausgeübt, die nicht mittrinken wollten: „Komm, ein Glas geht schon!“
Es ist beeindruckend, wie gut eine Gesellschaft solch ein Riesenproblem ausblenden kann, selbst wenn Bestseller dazu erscheinen. Man müsste auch sonst nur mit offenen Augen durch Innenstädte gehen, um zu sehen, was Alkohol anrichtet. Stadtbilddebatten lösen die Opfer der „gestörten Trinkkultur“ aber nicht aus, obwohl das Sicherheitsgefühl immer dann besonders stark sinkt, wenn alkoholisierte Männer auftauchen. Und die eigentlichen Dramen spielen sich hinter geschlossenen Türen ab. Wer will, kann sich die Geschichten in Frauenhäusern anhören. Aber wer will das schon.
Schicksale von Süchtigen werden zu Fußnoten
Stattdessen drehen sich Debatten darum, ob man lieber ein oder gar kein Glas Wein am Abend trinken sollte. Selten kommen dabei die Menschen vor, die es nicht schaffen, bei einem Glas zu bleiben. Niemand nimmt sich vor, klinisch abhängig zu werden. Die wenigsten starten mit einer Flasche Wodka am Abend. Bei Erwachsenen geht es eher mit dem Feierabendbier los, aus dem zwei werden und so weiter. Sucht schleicht sich ein. Schwellenwerte wie „ein Glas am Abend“ vermitteln den irreführenden Eindruck, dass dieser Konsum sicher sei.
Natürlich kann jeder für sich entscheiden, wie viel er trinkt. Aber es sollte wenigstens Teil der öffentlichen Wahrnehmung sein, was für einen Preis die Normalisierung des Konsums hat. Schwache werden stattdessen aussortiert, Schicksale von Süchtigen als Fußnoten in Statistiken verbucht: Die Wahrscheinlichkeit sei doch sehr gering, dass es einen selbst trifft. Und sind die Süchtigen nicht irgendwie selbst schuld, weil sie es nicht einfach bei dem einen leckeren Glas Wein belassen?
In Wirklichkeit kann man nie wissen, auf welchen Weg einen eine Substanz bringt. Ein Schicksalsschlag kann reichen, damit aus kontrolliertem unkontrollierter Konsum wird. Ein Stück weit ist es auch Glückssache, wie anfällig man ist: Manche Leute können einmal im Jahr noch härtere Drogen konsumieren als Alkohol, ohne süchtig zu werden. Bei anderen folgt auf den Erstkonsum schnell der tägliche Konsum.
Das Schöne an freien Gesellschaften ist, dass sich manche Missstände ohne staatliche Eingriffe verbessern. Heute ist Rauschtrinken eher uncool: Nach Krankenkassen-Daten wurden 2024 bundesweit 6550 Jugendliche zwischen zwölf und 18 Jahren wegen einer Alkoholvergiftung behandelt, 2012 waren es mehr als 20.000 Fälle. Als Vertreter der Generation Vollrausch kann man das nur begrüßen: So cool war das alles gar nicht. Vor allem mit Blick auf die Freunde, die nicht mehr da sind. Sie haben es verdient, wenigstens mal vorzukommen.
Questions ouvertes
- Welche konkreten Massnahmen plant die Politik gegen die gestörte Trinkkultur?
- Wie lässt sich die Stigmatisierung von Alkoholikern in der Gesellschaft verringern?






