G7-Gipfel: Trump will dominieren, doch die Staatschefs wehren sich
L'essentiel
- Beim G7-Gipfel in Évian versucht US-Präsident Trump, die Agenda mit seinem Friedensdeal mit dem Iran zu bestimmen.
- Doch die Staats- und Regierungschefs zeigen mehr Selbstbewusstsein und widersetzen sich Trumps Dominanzversuchen, auch wenn die Abhängigkeit von den USA bleibt.
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Der US-Präsident will das Gipfeltreffen nach seinen Regeln dominieren. Aber in Évian zeigen die Staats- und Regierungschefs, dass sie Trump nicht mehr allein die Richtung vorgeben lassen. Martin Greive, Dana Heide, Friederike Hofmann 16.06.2026 - 10:01 Uhr Artikel anhören
US-Präsident Donald Trump bei seiner Ankunft in Évian: Inszenierung als Friedensstifter. Foto: Michael Kappeler/dpa-Pool/dpa
Évian-les-Bains, Washington, Berlin. Als US-Präsident Donald Trump am Montag aus dem Auto vor dem „Hotel Royal“ in Évian-les-Bains steigt, steht er allein auf dem roten Teppich. „Ich freue mich, hier zu sein“, ruft Trump den Journalisten zu. Anders als geplant wird er draußen nicht von Emmanuel Macron empfangen. Der französische Präsident ist noch mit Brasiliens Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva im Gespräch. Der Protokollchef des Élysée eilt an Trumps Seite.
Schon vor seiner Ankunft hat Trump dafür gesorgt, dass beim G7-Gipfel vor allem ein Thema alle anderen überlagert: sein am Vortag angekündigter Friedensdeal zwischen den USA und dem Iran. Nur 40 Kilometer entfernt, in Genf, soll am Freitag das Rahmenabkommen mit dem Iran offiziell unterzeichnet werden.
Frankreichs Präsident Macron lobte das Abkommen zu Beginn des Gipfels als „wichtigen Schritt für den Frieden und unsere Wirtschaft“. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gratulierte.
Wieder einmal ist es Trump damit gelungen, die Agenda eines internationalen Gipfels zu bestimmen. Beim G7-Treffen im vergangenen Jahr in Kanada reiste er – offiziell wegen der Militärschläge gegen Iran – vorzeitig ab. Den G20-Gipfel im November sprengte er politisch, als er kurz vor Beginn einen Friedensplan für die Ukraine präsentierte. Auch in Évian setzt Trump alles daran, sich auf der Weltbühne als großer Friedensstifter zu inszenieren.
Mehr Selbstbewusstsein
Doch anders als bei früheren Gipfeltreffen trifft er damit diesmal auf mehr Skepsis. Trump nimmt in Évian an einer Runde teil, die seine Muster kennt und sich nicht mehr so leicht überraschen lässt. Ob Iran, Ukraine oder Wirtschaftspolitik: Die G7 tritt gegenüber Trump weniger unterwürfig auf als noch vor einem Jahr und will sich stärker emanzipieren. Die Abhängigkeiten bleiben jedoch groß, weshalb die Beteiligten versuchen, den US-Präsidenten weiter bei Laune zu halten.
Schon vor seiner Ankunft in Évian richtete Donald Trump eine Drohung an den Gastgeber. Frankreich müsse seine drei Prozent hohe Digitalsteuer auf Technologiekonzerne abschaffen, forderte der US-Präsident. Andernfalls würden die USA einen Strafzoll von 100 Prozent auf Champagner und Wein aus Frankreich verhängen.
Schon beim letzten G7-Gipfel in Frankreich 2019 hatte Trump mit ähnlichen Maßnahmen gedroht. Doch diesmal hält sich der Protest in Grenzen. In einem Fernsehinterview kündigte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ein „respektvolles, aber entschlossenes Gespräch“ mit Trump an. Macron ist der einzige amtierende G7-Regierungschef, der Trump bereits aus dessen erster Amtszeit kennt. Die Devise lautet nun: Besonnenheit statt Panik.
Gastkommentar – Global Challenges
Die USA und die EU müssen den globalen Handel neu ordnen
Der Umgang der Staats- und Regierungschefs mit Trump hat sich verändert. Mit seinen Annexionsdrohungen gegen Grönland und dem Krieg gegen Iran ist die Bereitschaft gewachsen, ihm offener zu widersprechen.
So hatte Trumps Drohung, die US-Beteiligung an der Nato infrage zu stellen und Truppen aus Deutschland abzuziehen, die Europäer nicht zum Einlenken gebracht: Berlin, Paris und London lehnten eine Beteiligung am Krieg gegen Iran ab – und nahmen Trumps Zorn in Kauf. Aus deutschen Regierungskreisen hatte es sogar geheißen, man verfolge die Onlinebotschaften des Präsidenten inzwischen „mit einiger Gelassenheit“.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) kritisierte, Washington sei „ganz offensichtlich ohne jede Strategie“ in den Krieg mit Iran gezogen. Auch Frankreichs Präsident Macron kritisierte, die amerikanischen und israelischen Angriffe seien „unter Missachtung des Völkerrechts durchgeführt“ worden.
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, einst selbst ernannte Brückenbauerin zwischen Trump und der EU, ging sogar noch stärker auf Distanz. Italien verweigerte US-Militärflugzeugen die Landung auf dem Stützpunkt Sigonella auf Sizilien.
Großbritanniens Premierminister Keir Starmer sagte Anfang April, er habe es satt, „dass die Energiekosten von Unternehmen auf der ganzen Welt steigen und fallen aufgrund der Handlungen von Putin oder Trump“.
Bessere Verhandlungsposition
Zunehmend wird auch bei den übrigen G7-Staaten deutlich, dass sie Trump nicht hilflos ausgeliefert sind.
So ist der US-Präsident etwa bei der Sicherung der Straße von Hormus auf die Unterstützung seiner Partner angewiesen, auch wenn Trump dem am Anfang des Gipfels widersprach. „Aber es wäre nicht schlecht, ein bis zwei Boote aus einigen Ländern zu haben“, sagte Trump. Genau diese Unterstützung wird nun im Zuge des Friedensdeals zum politischen Druckmittel.
Auch Kanadas Premierminister Mark Carney kann sich einen schärferen Ton gegenüber Trump leisten. Das Land verfügt über gewaltige Reserven kritischer Mineralien, auf die die USA für ihre Rüstungs- und Tech-Industrie angewiesen sind. Bereits beim Weltwirtschaftsforum in Davos beschwor Carney einen „Bruch“ mit der von den USA dominierten westlichen Nachkriegsordnung und kündigte „neue strategische Partnerschaften“ an.
Trump ist auch nach Évian gereist, um die anderen Industrieländer hinter sich zu versammeln. Schon im Februar hatte er begonnen, für eine US-geführte Allianz zur Sicherung der Lieferketten von Metallen und seltenen Erden zu werben.
Handelsblatt-Redakteur Martin Greive berichtet vom G7-Gipfel:
Ziel dieser Initiative ist es, die Abhängigkeit von China bei kritischen Rohstoffen wie seltenen Erden, Lithium und Kobalt zu verringern. Doch ausgerechnet bei engen Partnern stößt der Vorstoß auf Widerstand.
Japan, Frankreich und Kanada prüfen Alternativen zu einem von den USA dominierten Block. Kanadas Premier Carney warb stattdessen dafür, dass sich die Mittelmächte als eigenständige Kraft formieren. Beim Gipfel am Mittwoch steht das Thema auf der Tagesordnung.
Für die Staats- und Regierungschefs bleibt die zunehmende Distanzierung dennoch ein Drahtseilakt. Wie abhängig Europa von Entscheidungen in Washington ist, zeigte sich am Wochenende, als die US-Regierung den Zugang zum jüngsten KI-Modell der Firma Anthropic für Ausländer sperren ließ.
Mischung aus Charme, Inszenierung und Kalkül
In Évian wird daher alles unternommen, um die Stimmungsschwankungen des amerikanischen Präsidenten frühzeitig abzufedern. In der Stadt witzeln Bewohner schon, man habe immerhin einen besonders schönen Golfplatz, auf dem sich Trump zwischendurch ablenken könne.
Damit der US-Präsident nicht wie beim letzten G7-Treffen vorzeitig abreist, setzt Gastgeber Emmanuel Macron auf eine Mischung aus Charme, Inszenierung und Kalkül. Für den Abend des letzten Gipfeltags hat er Trump zu einem prunkvollen Abendessen anlässlich des Jubiläums der amerikanischen Unabhängigkeit ins Schloss von Versailles eingeladen – eine Form von Pomp, für die Trump als besonders empfänglich gilt.
Diesmal, sagte Macron am Rande des Gipfels, müsse Trump „bis zum Ende bleiben, um die Vereinbarungen auszuarbeiten“, zumal am Mittwoch noch wichtige Gespräche über Digitalisierung und Künstliche Intelligenz anstünden.
Wie weit die Rücksichtnahme auf Trump reicht, zeigt auch die Agenda. Heikle Themen wie der Kampf gegen die Folgen des Klimawandels tauchen dort nicht auf. „Das Thema Klimawandel wurde stillschweigend aus den Umweltgesprächen gestrichen, um die USA bei der Stange zu halten“, sagt Agathe Demarais, Senior Policy Fellow beim European Council on Foreign Relations (ECFR).
„Die französische Präsidentschaft musste kreative Ausweichmöglichkeiten finden, um das Thema zu diskutieren – wie zum Beispiel ‚Energieüberfluss‘, ein Schlagwort aus den USA.“
Auch der Termin des Gipfels gilt als Zugeständnis: Ursprünglich sollte das Treffen am 14. Juni beginnen, wegen der Geburtstagsfeier von Trump wurde es um einen Tag verschoben. Zwischenzeitlich kam sogar der Verdacht auf, dass Frankreich Südafrika auf Wunsch der USA wieder ausgeladen hatte.
All das zeigt, wie sehr sich dieser Gipfel um Trump dreht. Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung des Gipfels: ihn dort in die Pflicht zu nehmen, wo die G7-Staaten politische Ergebnisse benötigen. Vor allem bei der Ukraine dürfte sich zeigen, ob das gelingt.
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Eine Arbeitssitzung mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj ist geplant, auch ein bilaterales Treffen mit Trump ist möglich. Ziel ist, die USA wieder zur Aufnahme der Friedensverhandlungen zu bewegen und nicht zu große Zugeständnisse an Russland zu machen. Aber bei der Ukraine hat sich der Westen ein Stück weit von den USA unabhängiger gemacht, Europa trägt die Waffenlieferungen inzwischen größtenteils allein.
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