Katholikentag: Debatten über Panzer, Drohnen und die Weltordnung
L'essentiel
- Katholikentag in Würzburg diskutieren Zehntausende Christen über Demokratie, Resilienz und die Weltordnung.
- Generalinspekteur Breuer mahnt Verteidigungsbereitschaft bis 2029 an, betont aber auch Fortschritte.
- Diplomat Heusgen verweist auf Finnlands Resilienz und schlägt einen Sozialdienst vor.
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Pourquoi c'est important
Der 104. Katholikentag in Würzburg dient als Plattform für Diskussionen über aktuelle gesellschaftliche und politische Themen, darunter die Verteidigungsbereitschaft Deutschlands angesichts der Bedrohung durch Russland und die Krise der Demokratie. Militärs, Politiker und Kirchenvertreter tauschen sich über Resilienz und die Rolle der Kirche in der modernen Gesellschaft aus.
Über Panzer, Drohnen und Verteidigungsbereitschaft wird wieder viel debattiert in Deutschland, natürlich auch beim 104. Katholikentag. Zehntausende Christinnen und Christen aus dem ganzen Land sind nach Würzburg gekommen, sie feiern Gottesdienste, lassen sich mit dem Papp-Leo fotografieren, sie singen und verbrennen Fürbitten im übergroßen Weihrauchfass („Schreib auf, schick Fürbitt' nauf!“). Und vor allem diskutieren sie. Die Themen greifen ineinander: die Krise der Demokratie, gesellschaftliche Resilienz, der Krieg, die wankende Weltordnung.
Von der Zeitenwende zeugt, dass mit Carsten Breuer der Generalinspekteur der Bundeswehr inzwischen ein selbstverständlicher Gast auf den Podien von Katholiken- und Kirchentagen ist. Über der Uniform trägt Breuer in Würzburg den gelben Katholikentag-Schal mit dem Motto „Hab Mut, steh auf!“ Mut ist auch angesichts der Bedrohung durch Russland nötig. Breuer erzählt von der Begegnung mit einer Frau, die ihm bei einem Bürgerdialog entgegengeschleudert habe: „Herr General, Sie machen mir Angst!“ Kurzer Szenenapplaus im Saal. „Das ist eigentlich Putin, der Ihnen Angst machen müsste“, habe er erwidert. „Aber dann“, fährt der General fort, „habe ich gemerkt, dass diese Frau etwas anderes von mir wollte. Sie wollte von mir wissen, welche Schritte wir gehen können, um resilient zu werden.“
Ich glaube, ein Sozialdienst für alle würde den Zusammenhalt auch in unserer Bevölkerung wieder stärken.
Christoph Heusgen, ehemaliger Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz
Liegt es am Katholikentag, dass Breuer heute ausnahmsweise nicht nur der Mahner ist, sondern auch Mut zuspricht? Ja, die Lage sei ernst, die Bedrohung real und „Worst-Case-Szenarien“ zu entwerfen, sei sein Job als Soldat. Bis 2029 müsse Deutschland verteidigungsbereit sein. Aber: „Wir neigen immer dazu, das Fernlicht anzumachen und nur die Probleme vor uns zu sehen“, sagt Breuer. „Manchmal täte auch ein Blick in den Rückspiegel gut, um zu sehen, welche Strecke wir schon zurückgelegt haben.“ Das Land sei auf einem guten Weg.
Russland bedroht Europa nicht nur von außen, es nutzt auch das Auseinanderdriften der Gesellschaft im Inneren für seine Zwecke. Diplomat Christoph Heusgen, der frühere außenpolitische Berater von Angela Merkel, nennt als Gegenbeispiel Finnland: In dem Land gebe es ein hohes Maß an Engagement der Bevölkerung gegen die Bedrohung von außen, „das Land hat mit die höchste Resilienz“, sagt Heusgen. „Und gleichzeitig steht es im World Happiness Index an erster Stelle.“ Sinn und Zufriedenheit durch ein gemeinsames Ziel. „Ich glaube, ein Sozialdienst für alle würde den Zusammenhalt auch in unserer Bevölkerung wieder stärken“, so Heusgen. Die Münchner Politologin Gerlinde Groitl sagt auf einem anderen Podium: „Willst du eine wehrhafte Gesellschaft, so stärke das Verbindende und die Eigenverantwortung des Einzelnen für das Ganze.“
Georg Bätzing, der Bischof von Limburg, fordert mehr selbstloses Handeln. „Selbstlosigkeit sollte oberste Maxime sein: Bring dich ein und schau nicht zuerst, was du selbst davon hast“, sagt Bätzing in der restlos überfüllten Johanniskirche. Auch vor vielen anderen Sälen drängen sich die Menschen, immer wieder prallen Zuspätkommende an den gefürchteten „Gebäude überfüllt“-Schildern ab. Es sind Menschen, die Ermutigung tanken wollen und Zuversicht.
Zur Bibelarbeit von Würzburgs Bischof Franz Jung und der Grünen-Abgeordneten Ricarda Lang drängen 1200 Besucher in die Posthalle. „So viele Menschen sind vielleicht an Heiligabend im Würzburger Dom“, staunt die Moderatorin. „Viele schauen gerade mit Furcht auf die Welt“, sagt dann Ricarda Lang. „Furcht darf aber nicht in Ohnmacht umschlagen. Mut erkennt an, dass es Furcht gibt, aber entwickelt daraus Verantwortung und Handlungskraft.“
Da ist auch die Kirche gefragt. Kardinal Reinhard Marx, der Erzbischof von München und Freising, stellt nicht ohne Belustigung fest, dass die Kirche jetzt eine der Vorkämpferinnen für die Moderne und die freiheitliche Demokratie sei. „Über Jahrhunderte hat sich die Kirche mühsam daran abgearbeitet“, sagt Marx. „Und jetzt sind wir auf der Seite derer, die die westliche Moderne verteidigen. Aber wir bleiben an der richtigen Stelle.“ Wie viele Christen es noch gebe, sei dabei gar nicht so wichtig: „Entscheidend ist, wir sind da und wir haben was zu sagen.“
Kirchen haben im Unterschied zur Politik meist einen längeren Atem.
Carlo Masala, Militärexperte
Nicht in Jammern und Hysterie zu verfallen, sich nicht von Angst lähmen zu lassen, sondern „den Rücken geradezumachen, vor allem wenn Minderheiten bedrängt werden“, darum gehe es den Kirchen, sagt an anderer Stelle der Chef der Bischofskonferenz, Heiner Wilmer. Die Dichte von Unionspolitikern ist diesmal hoch, nachdem sie ein paar Jahre lang zu wünschen übrig gelassen hatte. Die Differenzen mit den C-Parteien, zum Beispiel in der Migrationspolitik, sind zwar nicht ausgeräumt, aber man redet wieder.
Auf einem anderen Podium lobt der Militärexperte Carlo Masala die Friedensbemühungen der Kirche. „Kirchen haben im Unterschied zur Politik meist einen längeren Atem“, sagt der Politikwissenschaftler. Sie seien oft bis in die entlegensten Regionen aktiv und könnten vor Ort für Versöhnung sorgen. Und er ruft die berühmte spöttische Frage Josef Stalins in Erinnerung, der gesagt habe, wie viele Divisionen hat der Papst? „Darauf kann man heute sagen, hinter ihm stehen 1,4 Milliarden Katholiken weltweit.“ Papst Leo XIV. spiele mit seinen Friedensappellen eine wichtige Rolle. Kritik übte Masala am Zustand des deutschen Pazifismus. „Ich würde gerne einen modernen Pazifismus sehen, aber das stelle ich derzeit nicht einmal im Ansatz fest.“
Es ist die Stärke von Katholikentagen, dass die Diskussionen hier nicht nur hitzig-realpolitisch sind, sondern auch eine zweite Ebene einbeziehen. Nach dem Warum fragen und nach dem Wie. Bevor Bundeskanzler Friedrich Merz in einem Halbsatz sagen wird, er würde seine Kinder derzeit nicht in die USA schicken, und damit kurzzeitig die Nachrichtenticker glühen lässt, spricht er über seinen liebsten Bibelvers aus dem Hebräerbrief: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir suchen die zukünftige.“ Es sei ein Vers, der zur Demut aufrufe, denn er mache klar, dass es auf dieser Welt immer nur „um vorletzte Dinge“ gehe, so der Bundeskanzler. Und dass es sich trotzdem lohne, für diese Gesellschaft und die freiheitliche Demokratie einzutreten.
Münchens Erzbischof Kardinal Marx wird nur wenige Stunden später in demselben Saal Ähnliches sagen. Das sei die befreiende Botschaft des Evangeliums: keine letztgültigen Antworten haben zu müssen, auch mal Fehler machen, den Ausgleich und den Kompromiss suchen zu dürfen. „Wir müssen keine vollkommene Welt schaffen. Dieses Denken hat uns schon einmal in die Katastrophe geführt.“
Questions ouvertes
- Welche konkreten Schritte kann Deutschland unternehmen, um resilienter zu werden?
- Wie kann die Kirche ihre Rolle als Vorkämpferin für die Moderne und freiheitliche Demokratie effektiv ausfüllen?
- Wie kann der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland gestärkt werden, um Russlands Einfluss entgegenzuwirken?
- Welche Rolle spielen die Friedensbemühungen der Kirche in der aktuellen geopolitischen Lage?

