KI-Wandel trifft Frauen in Deutschland stärker als Männer
L'essentiel
- Eine Analyse zeigt, dass Frauen in Deutschland häufiger in Berufen arbeiten, die durch KI automatisierbar sind.
- Dies liegt an der ungleichen Verteilung auf dem Arbeitsmarkt und einer Nutzungs- und Risikolücke bei neuen Technologien.
Résumé généré par IA
Eine exklusive Analyse zeigt, dass Frauen in Deutschland häufiger in Jobs arbeiten, die durch KI automatisierbar sind. Und es gibt ein Problem, das diese Ungleichheit weiter zementieren könnte. Lina Knees 23.06.2026 - 10:24 Uhr Artikel anhören
Frauen auf dem Arbeitsmarkt (Illustration): Die KI-Transformation betrifft sie mehr als Männer. Foto: Lina Knees
Berlin. Die große KI-Transformation am Arbeitsmarkt hat gerade erst begonnen. Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) werden in den nächsten 15 Jahren rund 1,6 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland davon betroffen sein – also wegfallen oder neu entstehen. Ein genauer Blick in die IAB-Daten zeigt: Von dieser Revolution am Jobmarkt sind Männer und Frauen unterschiedlich stark betroffen.
Das Handelsblatt hat zusätzlich Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA), des Kiel-Instituts für Weltwirtschaft und der Online-Stellenbörse Indeed ausgewertet. Sie zeigen, welches Geschlecht der KI-Wandel stärker trifft, welche Berufe noch KI-sicher sind – und welche neuen Jobs im KI-Zeitalter besonders gefragt sind.
In Deutschland gibt es rund 35 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. 46 Prozent davon sind Frauen, knapp 54 Prozent Männer. Das zeigen Daten der BA. Auf die verschiedenen Berufe verteilen sich Frauen und Männer ungleich. In Handwerksberufen etwa arbeiten laut den Daten mehr als fünfmal so viele Männer wie Frauen. In der Pflege sind es viermal so viele Frauen wie Männer.
Die ungleiche Verteilung führt auch dazu, dass KI die Geschlechter unterschiedlich stark trifft. Um darzustellen, wie stark sich einzelne Berufe durch die Technologie verändern werden, hat das Kiel-Institut für Weltwirtschaft in einer Studie einen Messwert entwickelt. Er gibt an, wie gut KI die Tätigkeiten ausüben kann, die in den jeweiligen Berufen anfallen.
KI kann etwa Daten für Entscheidungen auswerten, mit Kameras Produktionsfehler erkennen oder Texte verstehen und erzeugen. Diese Fähigkeiten verglichen die Fachleute mit den Anforderungsprofilen einzelner Jobs und bewerteten die Berufe anschließend: Je automatisierbarer die Tätigkeiten, desto höher der Wert – das sogenannte Transformationspotenzial.
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„Das ist erst mal nichts Negatives“, sagt Holger Görg, Co-Autor der Studie. „Es geht wirklich nur darum, wie stark eine Berufsgruppe der KI ausgesetzt ist.“ Doch bevor sich Chancen analysieren lassen, lohnt ein Blick darauf, wen der Wandel trifft.
Klassische Frauenberufe sind KI-gefährdeter
Dass Frauen insgesamt stärker von der KI-Disruption betroffen sind, zeigt sich, wenn man die Daten des Kiel-Instituts mit den Arbeitsmarktdaten der BA zusammenführt.
Vergleicht man die zehn Berufe, die jeweils zu 95 Prozent von Frauen oder Männern besetzt sind, zeigt sich: Vor allem klassische „Männerberufe“ sind schwer automatisierbar. „Frauenberufe“ stehen dagegen deutlich häufiger unter Transformationsdruck. Am deutlichsten wird das bei Schreib- und Diktierkräften. Dieser Beruf wird zu 96 Prozent von Frauen ausgeübt und hat einen der höchsten Automatisierungswerte.
Virginia Sondergeld ist Ökonomin und Arbeitsmarktexpertin bei der Jobplattform Indeed. Sie warnt davor, einen pauschalen Zusammenhang zwischen Frauenanteil und Automatisierbarkeit anzunehmen. Sowohl Care- als auch Handwerksberufe seien insgesamt relativ KI-resistent, sagt Sondergeld. „Das größte Transformationspotenzial liegt in den Mischberufen.“ Also in jenen Jobs, in denen die Männer- und Frauenanteile ausgeglichener sind, etwa in der Buchhaltung, im Marketing oder im Rechnungswesen.
Frauen arbeiten mit höherer Wahrscheinlichkeit in automatisierbaren Berufen
Um zu verstehen, wen der Wandel stärker trifft, hilft auch ein Blick auf die Berufe, in denen laut BA aktuell in absoluten Zahlen die meisten Frauen arbeiten – und die, in denen die meisten Männer tätig sind.
Demnach sind beide Geschlechter von der KI-Transformation besonders stark in administrativen Bürojobs betroffen. Die transformationssichersten „Männerberufe“ sind Industriejobs (etwa Maschinenbau), bei den Frauen sind es die Care-Berufe (Kranken- oder Altenpflege).
Der gewichtete Durchschnitt – berechnet über alle Beschäftigten hinweg auf Basis ihrer Verteilung auf dem Jobmarkt – zeigt aber einen Unterschied, was die Automatisierbarkeit angeht: Für Frauen liegt das KI-Transformationspotenzial bei 51 Prozent, für Männer bei 42 Prozent. Frauen sind in Deutschland also – gemessen in absoluten Zahlen – stärker vom KI-Wandel betroffen als Männer.
Ein niedriger Wert beim Transformationspotenzial – und damit „KI-Sicherheit“ – ist laut Virginia Sondergeld aber nicht per se erstrebenswert. „Wir haben Fachkräftemangel in der Pflege. Es wäre super, wenn KI da helfen könnte. Denn ein KI-sicherer Job hilft der überarbeiteten Pflegekraft wenig.“ Zudem seien es meist die schlechter bezahlten Jobs, die als KI-sicher gälten.
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Trotz der unterschiedlichen Durchschnittswerte gilt: Hinweise auf einen statistischen Zusammenhang zwischen Frauenanteil und Automatisierbarkeit geben die Daten nicht. Betrachtet man allerdings nicht den Job an sich, sondern die genauen Tätigkeiten, die darin anfallen, fällt auf: Frauen übernehmen häufiger leicht automatisierbare Tätigkeiten als Männer. Zu diesem Ergebnis kam das IAB schon im Jahr 2022 in einer Auswertung.
Zu solchen leicht zu automatisierenden Aufgaben zählen vor allem Verwaltung, Sachbearbeitung und andere Routinetätigkeiten. Selbst Kreditvergabeverfahren könnten beispielsweise relativ leicht automatisiert werden. „Je komplexer eine Tätigkeit, desto weniger kann die KI sie ersetzen“, sagt Virginia Sondergeld.
Die große KI-Nutzungslücke zwischen Männern und Frauen
Diese Auswertungen zeigen die Potenziale. Ob der KI-Wandel in der Praxis tatsächlich in dem Ausmaß geschieht, hängt laut Holger Görg von vielen anderen Faktoren ab, etwa den Kosten der KI-Implementierung im Vergleich zu den Lohnkosten, der Akzeptanz durch die Belegschaft und der Innovationsbereitschaft der Unternehmensführung. „Regulatorische Hürden, der Stand der technischen Implementierung und kulturelle Faktoren können die tatsächliche Umsetzung zusätzlich verzögern“, sagt auch Virginia Sondergeld von Indeed.
Frauen wie Männer sollten das Potenzial der Technologie deshalb zum Anlass nehmen, sich auf den Wandel vorzubereiten und sich mit der neuen Technologie vertraut zu machen. Doch auch hier zeigen sich Unterschiede zwischen den Geschlechtern.
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Sandy Jahn hat für die Initiative D21 gemeinsam mit dem IAB erhoben, ob berufstätige Männer oder Frauen KI häufiger nutzen. Sie kommt auf eine Nutzungslücke von 16 Prozent: 53 Prozent der Männer im erwerbsfähigen Alter nutzen KI, aber nur 37 Prozent der Frauen.
„Wir sehen bei Frauen eine gewisse Zurückhaltung“, sagt Jahn. Generell gebe es eine Lücke zwischen den Geschlechtern, was die Nutzung neuer Technologien angehe. Doch bei KI seien ausgerechnet resilientere Frauen – also solche, die sich schnell an Veränderungen anpassen – zurückhaltend. „Das hat uns überrascht, weil Resilienz normalerweise ein positiver Prädiktor für digitale Teilhabe ist“, sagt Jahn.
Ein Grund könne das in der Forschung viel diskutierte höhere Risikobewusstsein von Frauen sein. Sie meiden Risiken eher, was sie auch hemmen könne, mehr KI einzusetzen.
16ProzentSo groß ist die KI-Nutzungslücke zwischen Männern und Frauen.
Hinzu kommt: KI wird in den meisten Unternehmen bisher nicht flächendeckend eingeführt, oft gibt es zunächst Pilotprojekte. „Unternehmen müssen entscheiden, wer den Zugang zu der Technologie bekommt“, sagt Jahn. „Teilzeit- und Assistenzkräfte bekommen ihn seltener.“ Das führe dazu, dass Frauen im Schnitt häufiger von der KI-Nutzung ausgeschlossen würden.
Jahn sieht deshalb vorrangig die Unternehmen in der Verantwortung, Zugänge herzustellen und die Nutzungslücke zu schließen: „Unternehmen und Organisationen mit einer Innovationskultur, in der digitale Anwendungen systematisch getestet, KI eingeführt und Weiterbildungsmöglichkeiten angeboten werden, haben deutlich geringere Geschlechterunterschiede.“
Auf höheren Hierarchieebenen verkleinere sich die Nutzungslücke zwischen den Geschlechtern, da Führungskräfte häufiger Zugänge zur Technologie hätten. Allerdings sind weibliche Führungskräfte in deutschen Unternehmen noch immer in der Unterzahl.
Wo jetzt schon nach KI-Kompetenzen gesucht wird
Frauen sind stärker betroffen und nutzen KI im Durchschnitt seltener. Doch abgehängt sind sie noch nicht. In gerade einmal fünf Prozent der Stellenanzeigen bei Indeed fragen Arbeitgeber aktuell nach KI-Fähigkeiten, Tendenz steigend. Vor einem Jahr waren es noch weniger als drei Prozent.
Besonders in der Datenanalyse und Softwareentwicklung sind KI-Kenntnisse gefragt. Entsprechende Stellen besetzen in Deutschland derzeit vor allem Männer. „Das Potenzial für die ganz großen Produktivitätseffekte ist in der Softwareentwicklung am größten“, sagt Holger Görg vom Kiel-Institut für Weltwirtschaft.
Ökonomin Virginia Sondergeld erkennt in den Indeed-Stellenanzeigen ein weiteres Muster. „Es werden vor allem Menschen im ‚KI-Transformationsmanagement‘ gesucht oder Menschen, die die Effizienz- und Produktivitätsgewinne durch KI identifizieren können“, sagt sie. Das spreche dafür, dass viele Unternehmen noch relativ am Anfang seien, was die Nutzung der Technologie betreffe.
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Erstpublikation: 19.06.2026, 04:00 Uhr.
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