Meloni nutzt Trump-Streit für innenpolitische Profilierung
L'essentiel
- Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni nutzt einen Streit mit Donald Trump für innenpolitische Zwecke.
- Sie wehrt sich gegen dessen verbale Attacken und inszeniert sich als starke Nationalistin, um Wähler zurückzugewinnen und Konkurrenten am rechten Rand abzuwehren.
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Scharfe Worte aus Washington – und eine überraschend harte Reaktion aus Rom. Italiens Ministerpräsidentin Meloni versucht, den Konflikt mit Trump innenpolitisch zu nutzen. Virginia Kirst 23.06.2026 - 07:41 Uhr Artikel anhören
Giorgia Meloni beobachtet ein Gespräch zwischen Donald Trump und Bundeskanzler Friedrich Merz beim G7-Gipfel: Von ihrer einstigen Freundschaft zum US-Präsidenten ist nicht mehr viel übrig. Foto: AFP
Rom. Ein Streit mit US-Präsident Donald Trump war sicherlich nicht das Szenario, das sich Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni für ihr Wochenende vorgestellt hatte. Aber als es dann so weit war, stieg sie ohne Zögern darauf ein: Meloni verteidigte sich in einem scharfen Ton gegen Trumps verbale Attacken und ließ symbolische Taten folgen.
Es ist bereits die zweite öffentlich ausgetragene Auseinandersetzung zwischen Meloni und dem US-Präsidenten innerhalb von weniger als drei Monaten. Damit scheinen die Zeiten, in denen Meloni als Trumps bevorzugte Ansprechpartnerin in der EU galt, erst einmal vorbei.
Wie Melonis Reaktion auf Trumps Angriffe zeigt, ist ihr der Bruch offenbar nur recht: Sie nutzt den Streit gar, um sich innenpolitisch zu profilieren. Andere EU-Regierungschefs – und solche in spe – dürften die Auseinandersetzung indes aufmerksam verfolgen, weil sich daraus Lehren für den eigenen Umgang mit Trump ziehen lassen.
Schon der zweite Streit innerhalb weniger Monate
Es begann mit einer Äußerung Trumps im Nachgang des G7-Gipfels in Frankreich: Meloni habe ihn dort um ein gemeinsames Foto „angefleht“, sagte Trump in einem telefonischen Interview mit einer italienischen TV-Sendung. Er habe ihrer Bitte entsprochen, da sie ihm leidgetan habe.
Versicherungen aus Melonis Team widersprachen dieser Darstellung. Demzufolge hätten sich die beiden beim G7-Treffen nach ihrer Auseinandersetzung im April wieder gut verstanden. Damals hatte es einen ersten öffentlichen Streit gegeben, bei dem Trump sich aufgrund Italiens mangelnder Unterstützung im Irankrieg enttäuscht von Meloni gezeigt hatte.
Donald Trump und Giorgia Meloni beim G7-Gipfel in Frankreich: Unterschiedliche Darstellungen eines Gesprächs. Foto: REUTERS
Damals hatte Meloni nicht groß auf die Anfeindungen reagiert, weil sie Geradlinigkeit als eine ihrer wichtigsten Eigenschaften als Politikerin darstellt. Und in dieses Bild passte es nicht, sich mit dem Regierungschef zu streiten, mit dem sie zuvor aufgrund ihrer ideologisch ähnlichen Ausrichtung bemüht gewesen war, eine besondere Beziehung zu pflegen.
Doch Trumps Attacke nach dem G7-Gipfel konnte Meloni nicht auf sich sitzen lassen. Dafür war sie zu direkt und zu heftig. Daher entschied sich Meloni für einen Strategiewechsel: Sie nutzte den Streit, um davon innenpolitisch zu profitieren.
Öffentliche Meinung in Italien gegen Trump
Denn schon seit Beginn des Jahres, als Trump sich Grönland einverleiben wollte und auch in Italiens Straßen gegen das brutale Vorgehen der US-Migrationsbehörde ICE protestiert wurde, begann die öffentliche Meinung zuungunsten von Trump zu kippen. Das galt auch für Melonis Wähler, die noch länger zu Trump gehalten hatten.
Mit dem Beginn des Irankriegs war Trump für Meloni dann endgültig von einem Prestige-Alliierten zum Problem geworden, weil die Italiener den Krieg durch alle politischen Lager hinweg ablehnen. Daher positionierte Meloni sich mehrfach öffentlich gegen den Krieg und untersagte den US-Flugzeugen unter einem verwaltungstechnischen Vorwand, die Nato-Basis Sigonella auf Sizilien zu nutzen.
USA – Italien
Trump kündigt Meloni die Freundschaft: „Ich bin schockiert von ihr“
Auf den neuen Angriff am Freitag reagierte Meloni postwendend und nannte die Aussagen von Trump „völlig erfunden“: „Ich und Italien flehen niemals“, sagt sie. Italiens Außenminister Antonio Tajani sagte als Reaktion auf die „schweren und beleidigenden“ Worte Trumps einen geplanten Besuch in den USA ab.
Am Samstag führte Trump den Streit dann auf Truth Social fort und warf Meloni mangelnde Unterstützung im Irankrieg vor. Außerdem unterstellte er ihr, seine Freundschaft zu suchen, um ihre Umfragewerte zu verbessern. Meloni konterte: „Meine Beliebtheit hängt von meiner Fähigkeit ab, Italiens nationale Interessen zu verteidigen, und genau das habe ich immer getan.“ Trump solle sich lieber auf seine eigene konzentrieren.
Ein „bisschen gesunder Nationalstolz“ für Meloni
Am Sonntag erschien Meloni dann überraschend bei einer Veranstaltung der italienischen Gebirgsjäger in der Region Friaul-Julisch Venetien und begründete die Teilnahme damit, dass sie ein „bisschen gesunden Nationalstolz“ nötig gehabt habe.
„Meloni hat die Angriffe von Trump genutzt, um ihre nationalistische Rhetorik zu unterstreichen und sich als starke Anführerin zu präsentieren, die vor niemandem Angst hat – auch nicht vor dem Präsidenten der USA“, sagt der Politologe Lorenzo Castellani von der Luiss-Universität in Rom.
Diese Haltung kommt offenbar gut an: Italienische Medien berichten, dass Meloni am Wochenende mehr als 100.000 neue Follower gesammelt hat. Meloni kehrt damit zu ihren Wurzeln als rechtsnationalistische Politikerin zurück, die ihre Partei Fratelli d’Italia – Brüder Italiens – nach den ersten Worten der italienischen Nationalhymne benannt hat.
Insofern kommt ihr der Streit mit Trump in just diesem Moment auch innenpolitisch gelegen, denn Anfang vergangener Woche zeigten Umfrageergebnisse, dass die neugegründete Partei Futuro Nazionale starke Zuwächse verzeichnet. Die Partei versucht, Meloni am rechten Rand zu überholen, und setzt dafür auf Motive wie Italiens Souveränität und Nationalstolz, auf denen Meloni einst ihren eigenen Erfolg begründet hat.
Lehre für andere Rechtsnationalisten in der EU
Der Konflikt gab Meloni nun die Gelegenheit, ihre Wähler daran zu erinnern, dass ihre Partei diese Motive schon vor Jahren besetzt hatte. Denn bei einigen von ihnen dürfte das dank Melonis EU- und Trump-freundlicher Vorgehensweise der Vergangenheit in Vergessenheit geraten sein.
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Die Auseinandersetzung zwischen Trump und Meloni dürfte auch in anderen europäischen Hauptstädten mit viel Aufmerksamkeit verfolgt worden sein. Denn sie ist ein Lehrstück darüber, dass eine vermeintliche Freundschaft mit Trump nicht vor Angriffen schützt – unabhängig davon, ob man aus dem gleichen ideologischen Lager stammt.
„Wer nicht tut, was Trump will, wird auf einem persönlichen Niveau angegriffen“, sagt Castellani. Dabei sei es egal, wie die Beziehung vorher ausgesehen habe.
Daher dürften sich auch die Politiker von der AfD in Deutschland oder dem Rassemblement National in Frankreich überlegen, ob sie künftig noch die Nähe von Trump suchen möchten, wenn ihnen diese Beziehung letztlich mehr schaden als nützen könnte. Schließlich sei auch deren wichtigstes politisches Versprechen, die nationalen Interessen zu verteidigen.
Mehr: Wie die G7-Staaten Trump die Stirn bieten wollen
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