Mercedes-Aufsichtsratschef Brudermüller warnt vor Deutschlands Reformresistenz
L'essentiel
- Mercedes-Benz Aufsichtsratschef Martin Brudermüller sieht die deutsche Wirtschaft am Kipppunkt und fordert tiefgreifende Reformen.
- Er kritisiert die Reformresistenz und die sich beschleunigende Erosion der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und schlägt konkrete Maßnahmen vor.
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Der Mercedes-Aufsichtsratschef Martin Brudermüller äußert sich besorgt über die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und fordert tiefgreifende Reformen von der Bundesregierung. Er kritisiert die Reformresistenz und die sich beschleunigende Erosion der Wettbewerbsfähigkeit.
Mit eindringlichen Worten warnt der Mercedes-Aufsichtsratschef im Interview vor der Reformresistenz Deutschlands – und macht konkrete Vorschläge, wie der Aufschwung gelingen könnte. Jürgen Flauger, Michael Scheppe 22.06.2026 - 03:55 Uhr Artikel anhören
Mercedes-Aufsichtsratschef Martin Brudermüller: Der Manager macht sich Sorgen um den Wirtschaftsstandort Deutschland. Foto: PR, AFP [M]
Stuttgart. Der Aufsichtsratsvorsitzende von Mercedes-Benz, Martin Brudermüller, sieht die deutsche Wirtschaft am Kipppunkt – und fordert von der Bundesregierung tiefgreifende Reformen.
„Das historisch bewährte Geschäftsmodell Deutschlands funktioniert so nicht mehr und kann unseren Wohlstand auf Dauer nicht mehr halten“, sagte der frühere BASF-Chef im Interview mit dem Handelsblatt. Er beobachte eine sich beschleunigende Erosion der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.
„Die Reformresistenz in Deutschland macht mir große Sorgen“, sagte Brudermüller. „Wir sind als Land genau an dem Punkt, wo sich ein Unternehmen in Schieflage aus eigener Kraft knallhart restrukturieren und neu ausrichten würde.“ Deutschland müsse sich jetzt neu erfinden und das volkswirtschaftliche Betriebssystem fundamental überarbeiten, „auch wenn das wehtun wird“.
Im großen Interview spricht Brudermüller auch über den Aufstieg der AfD, den europäischen Wettstreit mit China, über seine Rolle als branchenfremder Chefaufseher des Dax-Konzerns – und die Strategieschwenks von Mercedes-Chef Ola Källenius.
Lesen Sie hier das Interview mit Martin Brudermüller
Herr Brudermüller, Mercedes-Benz wird dieses Jahr 140 Jahre alt – in einer Zeit, in der Konzern und Industrie in der Krise sind. Würden Carl Benz und Gottlieb Daimler heute noch mal in Deutschland gründen?
Dass Mercedes-Benz seit 140 Jahren ganz oben mitspielt, ist eine beeindruckende Leistung. Heute würden sich die beiden vielleicht Asien oder auch die USA aussuchen. Früher waren die Vorteile in Deutschland gegenüber anderen Standorten definitiv überzeugender. Wir haben hier noch immer unheimlich viel Erfahrung und viele tolle Leute. Das Potenzial auf Unternehmensebene ist noch groß, aber leider stimmen die Rahmenbedingungen nicht mehr.
Wie blicken Sie aktuell auf Deutschland?
Die Situation in Deutschland ist viel ernster, als die meisten denken. Wir erleben seit Jahren eine sich beschleunigende Erosion der Wettbewerbsfähigkeit unseres Heimatlandes. Unsere industrielle Basis verliert international an Gewicht, auf breiter Front Marktanteile und leider auch häufig die technologische Führung. Ein wichtiger Grund dafür ist eine von der industriellen Realität zunehmend entrückte Regulierungsphilosophie in Europa, von der die Industrienation Deutschland massiv betroffen ist.
Die Politik schaut tatenlos zu?
Das Dramatische ist: Das historisch bewährte Geschäftsmodell Deutschlands funktioniert so nicht mehr und kann unseren Wohlstand auf Dauer nicht mehr erhalten. Doch die Mehrzahl der Bürger und die Politik halten die Luft an und warten hoffend, dass es irgendwie wiederkommt.
Sind wir zu bequem geworden?
Deutschland hat über lange Zeit eine einmalige Friedens-, Innovations- und Wachstumsdividende eingefahren – und die bequem nach vorne extrapoliert. Man hat den Bürgern nie den Spiegel vorgehalten und gesagt: Es ist kein Naturgesetz, dass Deutschland immer ganz oben steht. Die Politik hat es sich vielfach zu einfach gemacht und parteipolitische Ideologien priorisiert, statt den Standort an neuen globalen Realitäten auszurichten. Bei der Infrastruktur oder der Digitalisierung etwa haben wir über Dekaden nicht viel gemacht.
Und Sie haben keine Hoffnung, dass sich das ändert?
Die Reformresistenz in Deutschland macht mir große Sorgen. Wir sind als Land genau an dem Punkt, wo sich ein Unternehmen in Schieflage aus eigener Kraft knallhart restrukturieren und neu ausrichten würde. Genauso muss Deutschland sich jetzt neu erfinden und das volkswirtschaftliche Betriebssystem fundamental überarbeiten – auch wenn das wehtun wird. In unserem mittlerweile hochkomplexen gesellschaftlichen System sind sehr viele Menschen in Prozessen involviert, aber kaum einer übernimmt tatsächlich Verantwortung. Wenn wir den Mut haben, das zu ändern, wird sich auch wieder mehr bewegen.
Wird dann auch die Wirtschaft wieder wachsen?
In den vergangenen Jahren gab es nur noch einen dominierenden Wachstumstreiber: Staatsausgaben. Die Staatsquote liegt inzwischen bei fast 50 Prozent, während private Investitionen rückläufig sind. Zugespitzt gesagt: Deutschland ist auf dem Weg in eine Planwirtschaft – und das wird nicht klappen. Ich bin fest überzeugt, dass die große Ernüchterung kommen wird, wenn die Weltwirtschaft anzieht und wir feststellen, dass das Wachstum weitgehend an Deutschland vorbeigeht.
In Reden deutscher Politiker klingt das optimistischer.
Natürlich werden überall Sonntagsreden gehalten, dann muss man ja auch nichts ändern! Ich habe Zweifel, dass die besten Zeiten noch vor uns liegen, wenn wir so weitermachen.
Lassen Sie uns auf die Bundespolitik schauen. Wie bewerten Sie Schwarz-Rot?
In aller Ehrlichkeit: Ich habe mir nach der großen Ankündigungswelle am Anfang von Schwarz-Rot mehr versprochen. Ich vermisse bei der Bundesregierung noch immer einen strategischen Plan für Deutschland und ein klares Zukunftsbild, wo wir in zehn bis 15 Jahren sein wollen. Es gibt keinen Mut, große Veränderungen anzustoßen. Es wird zwar über die richtigen Themen gesprochen, aber es gibt unendlich viele Diskussionen – und am Ende einen Minimalkonsens, der niemandem wehtut.
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Wie bewerten Sie die Diskussionen über Krankenkassenreform, Bafög oder die gescheiterte Entlastungsprämie?
Ich sehe bisher leider keinen großen Wurf. Mit der Anpassung der Beitragsbemessungsgrenzen bei der Gesundheitsreform werden wieder die Leistungsträger getroffen. Eine Bafög-Reform wäre sinnvoll angelegtes Geld, um junge Menschen gut auszubilden, die wir in der Zukunft brauchen. Bei der Entlastungsprämie bin ich sprachlos: Da wollte man den Unternehmen tief in die Tasche greifen, obwohl sich deren Wettbewerbsfähigkeit durch die höheren Energiekosten bereits deutlich verschlechtert hat.
Das ist eine drastische Analyse. Aber: Sind wir Deutschen nicht besonders gut im Meckern?
Es ist einfacher zu sagen: Wir haben kein Problem. Wer mich kennt, weiß, dass ich ein Optimist bin. Aber wenn man das Problem nicht beim Namen nennt, bekommt man auch keine Lösung.
Werden Sie gern konstruktiv. Welche zwei Reformen würden Sie als Erstes angehen?
Aus den Schulden, die wir ohnehin machen, würde ich einen großen Teil nehmen und in die kapitalbasierte Rente stecken. Man sollte die Kapitalerträge daraus zunächst ins heutige System einspeisen. Der Vorteil: Irgendwann stirbt der, der eingezahlt hat, aber der Kapitalstock bleibt stehen. Nach ein, zwei Generationen sind Sie dann in einer kapitalbasierten Rente. So würden wir wenigstens mal ein Jahrhundertproblem konsequent angehen.
Und das zweite Thema?
Bei der Infrastruktur müssen wir einen großen Plan entwickeln. Es bringt uns nicht vorwärts, jedes Straßenloch zu reparieren. Stattdessen sollten wir vorrangig einige wirklich wichtige Themen wie Energienetze angehen. Die Netzgebühren sind mittlerweile höher als die Kosten der Stromproduktion. Das belastet die Wettbewerbsfähigkeit massiv.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) verzeichnet niedrige Zustimmungswerte, dabei hatte gerade die Wirtschaft viel von ihm erwartet. Sind Sie vom Bundeskanzler enttäuscht?
Was er im Wahlkampf gesagt hat, würde er tun, wenn die Union die alleinige Mehrheit hätte. Die hat sie aber nicht, also gibt es ein zähes Ringen um Kompromisse.
Das heißt, die SPD ist das Problem?
Ich glaube schon, dass die SPD derzeit vor allem ihrer DNA der Umverteilung folgt und Themen angeht, bei denen man sagen muss: Das ist doch gar nicht das, was Arbeiter oder die viel zitierten ‚ganz normalen Leute‘ heute bewegt. Viele dieser Leistungsträger unseres Landes ärgert beispielsweise, dass sich die SPD nicht für die Missbrauchsbekämpfung von Sozial- und Transferleistungen starkmacht. Schauen Sie doch auf die Wahlergebnisse: Knapp über der Fünfprozenthürde in einigen Bundesländern, das hat mit Volkspartei nicht mehr viel zu tun.
Auch die Union hat deutlich verloren. Ist es nicht die Aufgabe des Kanzlers, die Regierung zur Räson zu bringen?
Friedrich Merz kann nicht bei jedem Thema seine Richtlinienkompetenz ziehen. Das wäre der Koalition auch nicht dienlich. Wir können uns nicht leisten, dass diese Regierung nicht bis zum Ende durchhält.
Vita Martin Brudermüller
Martin Brudermüller wird 1961 in Stuttgart geboren. Er studiert Chemie und beginnt seine berufliche Laufbahn 1988 bei BASF. 2006 steigt er in den Vorstand des Chemiekonzerns auf, ist dort unter anderem für die Region Asien-Pazifik verantwortlich. Zwischen 2018 und 2024 ist Brudermüller Vorstandsvorsitzender von BASF. Er treibt in dieser Zeit etwa Investitionen in China voran.
Parallel zu seiner Tätigkeit bei BASF wird Brudermüller 2021 Aufsichtsratsmitglied bei Mercedes-Benz. Kurz nachdem er bei BASF ausgeschieden ist, wird er im April 2024 zum Aufsichtsratsvorsitzenden des Autobauers gewählt. Brudermüller sitzt außerdem in den Aufsichtsräten der Beratungsfirma Accenture sowie des Familienunternehmens Bitzer.
Merz schlägt vor, dass die Deutschen länger arbeiten müssen. Wie bewerten Sie das?
Wir müssen darüber reden, wie wir in Deutschland zu wettbewerbsfähigeren Arbeitskosten kommen. Arbeit ist bei uns im internationalen Vergleich zu teuer geworden. Einen Produktivitätsvorteil gegenüber wichtigen Wettbewerbern haben wir nicht mehr.
Was schlagen Sie vor?
Es gibt zwei Stellschrauben. Entweder Sie kürzen die Gehälter oder es wird länger gearbeitet für das gleiche Gehalt. Das Erste ist in der Praxis nicht zumutbar. Wie wollen Sie einkommensschwachen Familien mit Kindern erklären, dass sie 20 Prozent weniger bekommen? Es ist aber in unserer schwierigen Situation absolut zumutbar, wieder länger zu arbeiten. Wir sollten ernsthaft die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche angehen.
So etwas soll derzeit bei Mercedes diskutiert werden. Wie stehen Sie denn zu einer längeren Lebensarbeitszeit?
Wenn die Menschen heute glücklicherweise älter werden, dann sagt der wirtschaftliche Verstand, dass unser System ohne längere Arbeitszeit in sich nicht finanzierbar ist. Länger zu arbeiten, leistet einen Beitrag, im hohen Alter gesund und aktiv zu bleiben. Arbeit gibt den Menschen außerdem Struktur, Teilhabe und Sinn im Leben.
Erklären Sie es Ihren Beschäftigten am Band. Oder Handwerkern, die körperlich schwere Arbeit verrichten.
Da kann man ja durchaus differenzieren: Jemand, der im Büro sitzt, kann wirklich länger arbeiten. Natürlich sollte man mit 70 Jahren kein Dach mehr decken. Aber man kann sich überlegen, im Alter noch einmal etwas anderes zu machen.
Sind der Bevölkerung so unbequeme Entscheidungen zu vermitteln?
Wenn man zehn Jahre älter wird, aber nicht entsprechend länger einzahlt, reicht die Rente eben nicht mehr so lange. Das ist doch ganz einfache Mathematik, und die versteht man, wenn man will. Ich glaube, man muss den Menschen ehrlich und verständlich erklären, worum es geht, was die Fakten sind und wie die Konsequenzen verschiedener Optionen sind. Hätte die Politik ein überzeugendes Zukunftsbild für unser Land, dann könnte es gelingen, eine Mehrheit auch von unangenehmen Maßnahmen zu überzeugen.
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Müssen nicht auch die Unternehmen mehr tun, um den Standort zu retten? Wie andere auch streicht Mercedes hierzulande Stellen und baut Produktion etwa in Polen und Ungarn auf.
Das ist einfach gesagt. Der direkte Kosten- und Leistungsvergleich mit anderen Ländern spricht oft eine klare Sprache. Es ist vollkommen selbstverständlich, dass wir unsere Werke und Beschäftigung in Deutschland gerne erhalten wollen. Aber wir brauchen dafür Rahmenbedingungen, mit denen wir wettbewerbsfähig sein können – und das ist immer schwieriger. Wir müssen in Deutschland die höheren Kosten wettmachen. Und leider haben andere Länder bei der Produktivität aufgeholt. In Deutschland sind wir eben nicht dreimal produktiver als in Ungarn.
Von all den Problemen profitiert die AfD. Die Partei ist in Umfragen stärkste Kraft. Stellen Sie sich darauf ein, dass die AfD bald Teil der Regierung ist?
Die Verschiebung in der Wählergunst macht mir große Sorgen. Vor allem, dass sich viele Industriearbeiter der AfD zuwenden, ist eine Katastrophe. Die regierenden Parteien der vergangenen Legislaturen sollten sich fragen, wie weit entfernt von den Lebensrealitäten der Bürger sie Politik machen.
Haben Sie ein Beispiel?
Eines der wichtigsten Themen, die Industriebeschäftigte haben, ist die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes. Die Politik sorgt aber eben nicht überzeugend dafür, dass das auf breiter Front möglich ist. Die hart arbeitende Bevölkerung und die Leistungsträger haben vielmehr den Eindruck, dass sie bei den aktuellen politischen Reformen überall die Zeche zahlen müssen für noch mehr Umverteilung. Die Menschen haben davon die Nase voll. Die Fleißigen sind gleichzeitig die Dummen der Nation.
Was muss sich ändern?
Die etablierten Parteien müssen den Bürgern wieder besser zuhören, damit sich die Menschen von ihnen besser vertreten fühlen. Das ist ihre größte Chance. Die AfD hat keine Lösungen, die unserem Land helfen. Diese Partei muss entlarvt werden.
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Wie kann das gelingen? Als Teil einer Landesregierung?
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die AfD in Ostdeutschland bald in Regierungsverantwortung kommen könnte. Womöglich muss das in einem kleineren Bundesland sogar mal passieren, damit die Warnglocken bei den Menschen angehen. Mit so einer Erfahrung könnte man womöglich verhindern, dass noch Schlimmeres auf Bundesebene passiert.
Ein Konkurrent, der unseren Wohlstand bedroht, ist China. Herr Brudermüller, Sie als ausgewiesener Chinakenner: Wie blicken Sie auf den Wettstreit zwischen China und Deutschland in der Autobranche?
Der deutschen Automobilindustrie kann man sicherlich vorwerfen, dass sie spät mit der Elektromobilität begonnen hat. Aber mit den neuen Modellen muss sie sich nicht verstecken. In China gibt es mehr als 100 Automarken, oft staatlich gestützt. Über kurz oder lang wird es zu einer Konsoli
À surveiller
Perspective IA — des possibilités, pas des certitudes
Große Ernüchterung, wenn das Wachstum an Deutschland vorbeigeht.
Probable · Moyen terme
AfD könnte in Ostdeutschland Regierungsverantwortung übernehmen.
Possible · Moyen terme
Questions ouvertes
- Wird die Bundesregierung die geforderten Reformen umsetzen?
- Wie wird sich die deutsche Wirtschaft entwickeln, wenn keine Reformen stattfinden?
- Welche konkreten Maßnahmen werden ergriffen, um die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken?





