Russischer Künstler Semjon Skrepezki in Polen erschossen
L'essentiel
- Der russische Künstler Semjon Skrepezki, der wegen seiner Kritik am Kreml in Polen im Exil lebte, wurde in Biala Podlaska erschossen.
- Zuvor erhielt er eine Drohung von Kadyrows Umfeld.
- Ein Verdächtiger mit georgischem Pass wurde festgenommen.
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Der russische Künstler Semjon Skrepezki lebte seit fünf Jahren im Exil in Polen, nachdem er sich kritisch über die russische Regierung geäußert hatte. Seine Kunst zeigte oft politische Persönlichkeiten in satirischer und teils vulgärer Weise.
Berlin. Am Montagmorgen teilte Semjon Skrepezki auf dem Messengerdienst Telegram eine Nachricht, die er kurz zuvor erhalten hatte. Nach dem Krieg werde ihn der tschetschenische Machthaber Ramsan Kadyrow auf Befehl des russischen Präsidenten Wladimir Putin persönlich vergewaltigen, drohte ihm jemand. Seinen Aufenthaltsort ausfindig zu machen, sei ein Kinderspiel.
Die weitergeleitete Drohung war Skrepezkis letztes Lebenszeichen. Anderthalb Stunden später war er tot. Der russische Künstler, der wegen seiner Kritik am Kreml seit fünf Jahren in Polen im Exil lebte, wurde am Montag von einem Unbekannten in der ostpolnischen Kleinstadt Biala Podlaska aus nächster Nähe erschossen. Er hinterlässt eine Frau und fünf Kinder.
Die örtliche Polizei hat im Zusammenhang mit dem Mord in der Nähe des belarussischen Konsulats zwei belarussische Staatsbürger festgenommen, später aber wieder freigelassen. Ob es sich bei einem der beiden um den Schützen handelt, ist nicht bekannt. Am Donnerstag verkündeten die polnischen Behörden, dass ein Verdächtiger festgenommen wurde. Der Mann mit georgischem Pass sei möglicherweise an der Tat beteiligt gewesen, sagte Ministerpräsident Donald Tusk gegenüber der Nachrichtenagentur PAP.
Zu den möglichen Hintergründen der Tat gibt es bisher keine offiziellen Angaben. Polnische Medien sprechen jedoch von einem politischen Motiv. Skrepezki soll schon länger Drohungen aus dem Umfeld Kadyrows erhalten haben. Sowohl der tschetschenische Gewaltherrscher als auch Russlands Präsident Putin sind bekannt dafür, aus machtpolitischem Kalkül oder aus persönlicher Rache Gegner auch im Ausland zu verfolgen.
Semjon Skrepezki war ein Pseudonym. Mit bürgerlichem Namen hieß der Mann aus der sibirischen Region Altai Robert Kusokow. Weder in Russland noch im Exil war er einem breiteren Publikum bekannt. Feinde hat er sich mit seiner Kunst dennoch gemacht.
Seine surrealen Bilder zeigen fast ausschließlich politische Persönlichkeiten, die in absurder Darstellung ins Lächerliche gezogen werden. Kadyrow hat auf den meisten Bildern eine Schweinsnase, Putin trägt Häftlingskleidung oder Mäuseohren, sitzt auf Stalins Schoß oder saugt an der Brust einer Heiligenfigur.
Nicht selten ist die Bildsprache derb, teils auch vulgär. Auf einem Bild penetriert Putin Kadyrow, ein anderes zeigt Kadyrow bei sexuellen Handlungen mit einer Ziege. Neben Putin, Kadyrow und weiteren Personen aus dem Zentrum der Macht nahm Skrepezki aber auch Gegner des Kremls aufs Korn, etwa die Witwe des verstorbenen russischen Oppositionellen Alexei Nawalny oder den Exilpolitiker Ilja Jaschin. Der Künstler kritisierte die russische Opposition unter anderem für ihr Versäumnis, mit dem Nationalismus zu brechen.
Den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine verurteilte Skrepezki klar. Trotzdem hatte er auch in der Ukraine Feinde. Wegen abschätziger Äußerungen zur ukrainischen Armee und der politischen Führung des Landes wurde er auf der Webseite „Mirotworez“ geführt. Die aus den USA verwaltete Plattform listet echte und vermeintliche Staatsfeinde der Ukraine auf, teilweise sogar mit Anschrift.
Skrepezkis wichtigstes Thema war aber immer Russland. Er verstand sich als Konzeptkünstler, nicht nur als Maler. Zusammen mit dem Kollektiv Pussy Riot, das ebenfalls für sexuell konnotierte Tabubrüche bekannt ist, protestierte er an der Biennale in Venedig gegen die Präsenz eines russischen Pavillons.
Für seine letzte Aktion reiste er vergangene Woche nach Berlin. Am 12. Juni, dem russischen Nationalfeiertag, stellte er sich dort in einer absurden Verkleidung vor die russische Botschaft. Dass in Berlin gleichzeitig ein Kongress der russischen Exilopposition stattfand, dürfte kein Zufall gewesen sein.
Skrepezki trug eine Militärjacke mit Orden, eine Fellmütze und russische Bauernfinken. Seine Hose hatte hinten ein Loch, in das er eine russische Flagge gestopft hatte. Diese zog er vor laufender Kamera heraus und warf sie in einen Mülleimer.
In seinem Kanal beim Messengerdienst Telegram schrieb er anschließend, er habe gehofft, von der deutschen Polizei wegen Verunglimpfung staatlicher Symbolik verhaftet zu werden. Das sei aber leider nicht geschehen. Kurz nach seiner Rückkehr nach Polen wurde er erschossen.
Der für die Region von Biala Podlaska zuständige Abgeordnete Przemyslaw Czarnek von der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) sagte am Dienstag: „Sollte tatsächlich der russische Geheimdienst hinter dem Mord stecken, treten wir in eine neue Zeit im Leben des polnischen Staates ein.“
Auch in anderen europäischen Ländern ist der russische Geheimdienst bereits gewaltsam tätig geworden. In Deutschland wurde 2019 der sogenannte Tiergarten-Mord an einem tschetschenischen Separatisten verübt. In Großbritannien gab es 2018 einen Giftanschlag gegen den ehemaligen russischen Geheimdienstagenten Sergei Skripal.
Zudem geht der Kreml gerichtlich gegen künstlerische Kritik vor. Im April verurteilte ein Gericht in Moskau den deutschen Skulpteur Jacques Tilly in Abwesenheit zu einer achteinhalbjährigen Haftstrafe. Tilly hatte für den Karneval in Düsseldorf Umzugswagen mit Putin-Thema kreiert.
À surveiller
Perspective IA — des possibilités, pas des certitudes
Weitere Festnahmen im Zusammenhang mit dem Mord.
Probable · En quelques semaines
Verschärfung der diplomatischen Spannungen zwischen Polen und Russland.
Probable · En quelques mois
Questions ouvertes
- Wer ist der tatsächliche Schütze?
- Welche Rolle spielten die belarussischen Staatsbürger?
- Wie tief ist die Verwicklung russischer Geheimdienste?


