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Tschernobyl-Katastrophe: Die Fehler der UdSSR
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Tschernobyl-Katastrophe: Die Fehler der UdSSR

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Die Welt
Yayıncı
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Drei Tage Schweigen – und dann erst einmal kleinreden: So reagierte die UdSSR auf die überraschende und dennoch absehbare Katastrophe. Das allerdings konnte nicht wirklich erstaunen, denn dieses Muster war und ist typisch für Diktaturen. Im Fall Tschernobyl verschlimmerte es die Folgen zusätzlich, vor allem für die Menschen vor Ort.

In der Ausgabe vom 29. April 1986 hatte WELT gemeldet: „Teile Schwedens, Finnlands und Norwegens waren gestern erheblicher radioaktiver Strahlung ausgesetzt, die nach offiziellen Angaben aus den drei Ländern möglicherweise aus einem defekten sowjetischen Atomreaktor stammt.“ Das Dementi wurde gleich mitgeliefert: „Die sowjetische Atomenergie-Behörde erklärte hingegen der schwedischen Botschaft in Moskau, ihr lägen keine Informationen über einen derartigen Zwischenfall vor, von dem sie in jedem Fall Kenntnis haben müsse.“

Dabei waren sich die meisten westlichen Experten schon nach den ersten Indizien sicher, dass es in der Ukraine tatsächlich zu einem „größten anzunehmenden Unfall“ in einem Kernkraftwerk gekommen war – also einer Kernschmelze. Sie behielten Recht, wie die WELT-Ausgabe vom 30. April 1986 zeigte.

Am Montag, dem 28. April 1986, hatten die hochempfindlichen Messgeräte auf dem Areal des Kernkraftwerks Forsmark, rund 100 Kilometer nördlich von Stockholm, erhöhte Radioaktivität festgestellt. Bald meldeten auch andere kerntechnische Anlagen in Schweden erhöhte Werte, ebenso die finnischen, norwegischen und dänischen Behörden.

Die schwedische Botschaft in Moskau fragte daraufhin bei den sowjetischen Aufsichtsbehörden nach, ob ein Zwischenfall bekannt sei. Die Antwort: „Wir wissen von nichts – und wenn etwas wäre, würden wir es wissen.“ In Wirklichkeit herrschte zu dieser Zeit in Tschernobyl nördlich von Kiew das blanke Chaos.

Zur Katastrophe hatten mehrere Faktoren geführt, die jeder für sich allein schon schlimm gewesen wären, in der Kombination allerdings unkalkulierbar waren. Alle konnten so nur in einer Diktatur wie der UdSSR kombiniert auftreten.

Der Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl nahe der Retortenstadt Prypjat war schon rein technisch verantwortungslos: Um einen möglichst seriell herzustellenden, billigen Reaktortyp zu haben, hatten die Konstrukteure beim mit Graphit statt mit Wasser moderierten Modell RBMK-1000 auf Sicherheitsmaßnahmen wie ein massives Containment aus Stahlbeton, faktisch einen Bunker um den „heißen Kern“, verzichtet. Der erste Fehler.

Im Falle eines Falles konnte es aufgrund eines nicht vorhergesehenen Effektes bei der technisch vorgesehenen Schnellabschaltung zunächst sogar zu einer Steigerung der Aktivität kommen. Doch als ein Störfall an einem der ersten RBMK-1000-Reaktoren nahe des damaligen Leningrads 1975 beinahe zu einer Kernschmelze führte, wurden die Erkenntnisse darüber strikt geheim gehalten und nicht einmal den Ingenieuren der anderen RBMK-Kraftwerke zur Kenntnis gegeben – die deshalb nicht daraus lernen konnten. Der zweite Fehler.

Für die Tagschicht in Block 4 in Tschernobyl war am Freitag, dem 25. April 1986, ein Sicherheitstest geplant, ein simuliertes Versagen der Kühlung und dessen Behebung durch Notstromaggregate. Doch dann fiel ein anderes Kraftwerk im Raum Kiew aus, sodass der Test von 14.15 Uhr Ortszeit an diesem Freitag auf die Nacht zu Samstag verschoben wurde. Als es dann so weit war, hatte die Nachtschicht übernommen, die wenig bis nichts über das vorgesehene Experiment wusste. Der dritte Fehler.

Trotzdem begann der Test. Auch als der Reaktor aufgrund der wegen der Geheimhaltung des Störfalls in Leningrad unverstandenen kerntechnischen Effekte anders reagierte als erwartet (statt auf 70 Prozent der Nennleistung zu gehen, sank der Energiefluss auf weniger als fünf Prozent), brach man nicht ab. Vielmehr wurden zur Wiedererhöhung der Leistung fast alle Steuerstäbe herausgezogen. Der vierte Fehler.

Denn nun begann, noch dazu im unteren Teil des Reaktors, die Leistung kontrolliert anzusteigen. Das Wiedereinfahren der Steuerstäbe trieb das sogar noch an, denn an deren Spitze saßen Bauteile aus Graphit, die vor Eintreten der Regelungswirkung aufgrund des erstmals 1975 beobachteten Effektes die Leistung kurzzeitig steigerten. Der fünfte Fehler.

Um 1.23.04 Uhr Ortszeit schaltete die Nachtschicht die Hälfte der Kühlmittelpumpen ab, um das automatisierte Anspringen der Notversorgung zu testen. Der sechste Fehler, denn innerhalb weniger Sekunden steigerte sich die Kernspaltung im unteren Teil von Block 4 so sehr, dass es zu einer Verzehnfachung der Energieabgabe kam – und der Reaktor um 1.23.40 Uhr explodierte.

Da der RBMK kein Containment hatte, sondern nur einen Stahldeckel, wurde dieser abgesprengt, das zerstörte die Turbinenhalle und das Dach des Kraftwerks. Zugleich wurde etwa ein Viertel des hochradioaktiven Graphits und des Kernbrennstoffes herausgeschleudert. Obwohl die Katastrophe unmittelbar erkennbar war, erging kein Großalarm – der siebte Fehler.

Stattdessen hielt die Kraftwerksleitung, aus Sorge vor den Folgen für die eigene Karriere, das Desaster zuerst geheim. Erst in den frühen Morgenstunden des 27. April, mehr als 24 Stunden nach der Detonation, wurde Prypjat evakuiert – die Bewohner waren also viel länger als nötig der Strahlung des aus dem Reaktor geschleuderten Materials ausgesetzt. Der achte Fehler.

Durch das der Katastrophe folgende Schweigen wurde mögliche Soforthilfe unmöglich. Doch die UdSSR und speziell das Politbüro der KPdSU wollten sich den anstehenden höchsten Staatsfeiertag, den 1. Mai, nicht verderben lassen. Der neunte Fehler.

Wie viele Menschen durch die Explosion von Block 4 in Tschernobyl starben, ist übrigens vollkommen unklar. Fest steht: 30 Todesfälle gab es in den ersten Stunden und Tagen aufgrund akuter Strahlenkrankheit; weitere 60 kamen in den folgenden Monaten und Jahren hinzu. Ob allerdings weitere 4000 oder 16.000, vielleicht sogar bis zu 60.000 an Krebs durch die Strahlung aus Tschernobyl starben, ist offen.

Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Anfang Mai 1986 erlebte er in West-Berlin die Panik mit, die die Nachrichten über die Katastrophe von Tschernobyl auslösten.

This article was originally published by Die Welt.

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