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Venedig Biennale: Künstler fordern Streichung von Stimmzetteln für Publikumspreise
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Die Welt·2 sa önce·🇩🇪Germany·Culture

Venedig Biennale: Künstler fordern Streichung von Stimmzetteln für Publikumspreise

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Die Welt
Yayıncı
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Die Kunstbiennale von Venedig schafft es weiterhin, weniger durch die Kunst von sich reden zu machen als durch Versuche, die Kunstbetrachtung politisch zu beeinflussen und zu kontrollieren. Das ging schon im März 2026 los, als ein offener Brief von Künstlern und Kuratoren die Biennale aufforderte, den israelischen Pavillon und damit auch den dort ausstellenden Künstler zu boykottieren. Ende April legte dann die Biennale-Jury nach: Nur einen Tag nach ihrer Benennung erklärten ihre fünf Mitglieder, Länder wie Israel und Russland von der Preisvergabe ausschließen zu wollen. Nach öffentlicher Kritik trat die Jury wenig später geschlossen zurück.

Die Biennale selbst reagierte darauf mit einer ebenso verlegenen wie populistischen Notlösung und ersetzte die klassischen Preise – die Goldenen und Silbernen Löwen gelten als wichtigste Auszeichnungen des Kunstbetriebs – durch „Visitors’ Lions“, also Publikumspreise. Diese sollen von den Biennale-Besuchern per Stimmzettel vergeben und erst nach Ende der Ausstellung im November bekanntgegeben werden.

Mehr als 70 Künstler der zentralen Ausstellung „In Minor Keys“, dazu prominente Namen aus den nationalen Pavillons wie die Extremperformerin Florentina Holzinger, Yto Barrada oder Lubaina Himid, erklärten daraufhin in einem offenen Brief, sie hätten die Biennale-Leitung bereits am 20. Mai aufgefordert, ihre Namen von den Stimmzetteln zu streichen. Von Präsident Pietrangelo Buttafuoco habe es weder „eine Antwort noch eine Empfangsbestätigung“ gegeben, weshalb man nun – wie im Kunstbetrieb üblich – über die Plattform „e-flux“ an die Öffentlichkeit gehe.

Das ist die nächste Anmaßung in einer Kette von Anmaßungen. Die Künstler offenbaren eine Haltung, die nur als Kontrollgeste zu verstehen ist. Nachdem zunächst Aktivisten und dann die Jury den ästhetischen Wettbewerb politisch vorab konditionieren wollten, versuchen nun die Künstler selbst, auch noch die Besucher zu disziplinieren. Mehr noch: Es ist nahe an der Verachtung des Publikums. Bei der Biennale 2024 wurden rund 700.000 Eintrittskarten verkauft.

Natürlich hat jeder Künstler das Recht, einen ihm verliehenen Preis auszuschlagen. Niemand ist verpflichtet, Kulturpreise anzunehmen, wenn er mit dem Reglement, der verleihenden Institution oder der Auszeichnung an sich nicht einverstanden ist. Berühmtestes Beispiel: Jean-Paul Sartre, der sogar den Literaturnobelpreis ablehnte. Im vorliegenden Fall wollen die Künstler der Biennale aber nicht erst so lange warten, bis sie möglicherweise ausgezeichnet werden. Sie wollen sich schon der Möglichkeit entziehen, gewählt zu werden.

In ihrem Brief schreiben die Künstler, sie hätten „grundsätzlich nichts gegen die Idee, Besucher über Preise abstimmen zu lassen“. Die Einführung der Publikumspreise lenke aber von der Rücktrittserklärung der Jury ab und widerspreche dem Verfahren, dem sie bei der Annahme der Einladung zugestimmt hätten: „Damit wollen wir nichts zu tun haben.“ Tatsächlich sprechen sie damit den Besuchern implizit die Fähigkeit ab, eine freie ästhetische Wahl jenseits der politischen Aufladung der Biennale zu treffen. Ebenso unerfreulich handelt die Biennale-Leitung, wenn sie die Künstler als Absender dieses Briefs schlicht ghostet.

„Besucher-Löwen“ einzuführen, war von Anfang an die falsche Entscheidung – ob aus Verlegenheit, Panik oder Ratlosigkeit. Ein Publikumspreis ist kein Ersatz für eine unabhängige Jury. Aber der Versuch, diese Notlösung nun von Künstlerseite moralisch noch einmal zu unterlaufen, macht die Sache nur noch absurder. Der im Kulturbetrieb um sich greifende Boykott erweist sich vor allem als Methode der Bequemlichkeit.

Wer es ernst meint, müsste konsequenter handeln. Wer die Biennale in ihrer aktuellen Form für untragbar hält, sollte gleich seinen Beitrag zurückziehen. Jetzt wäre dafür sogar der bequemste Zeitpunkt: Die Eröffnung ist vorbei. Die Bilder der Kunst sind um die Welt gegangen. Das geneigte Fachpublikum der Kuratoren, Vermittler, Galeristen und Sammler war schon zur Preview in Venedig. Und die Verträge über eine kommerzielle Verwertung der Kunstwerke dürften geschlossen sein.

This article was originally published by Die Welt.

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