Wissenschaft und normatives Engagement: Eine Kritik der Wertfreiheit
L'essentiel
- Der Artikel kritisiert die These der Wertfreiheit in der Wissenschaft und argumentiert, dass normatives Engagement, insbesondere in präskriptiven Disziplinen wie Philosophie und Rechtswissenschaft, wissenschaftlich legitim ist.
- Er unterscheidet dies von Dogmatismus und epistemischer Arroganz.
Résumé généré par IA
Pourquoi c'est important
Der Artikel setzt sich kritisch mit der Forderung nach Wertfreiheit in der Wissenschaft auseinander, die von Konrad Liessmann unter Berufung auf Max Weber vertreten wurde. Er argumentiert, dass normative Disziplinen durch ihre Interpretationen die Welt verändern und normatives Engagement legitim ist.
Zu den vielen falschen Thesen von Marx gehört auch die berühmte 11. Feuerbach-These: ,,Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern.“ Das ist falsch, weil zumindest die normativen Disziplinen (nicht nur) innerhalb der Philosophie durch ihre Interpretationen eben diese Welt verändern wollten und verändert haben. Nichts ändert die Welt so sehr wie unsere Deutung.
Gleichwohl hat vor kurzem Konrad Liessmann in dieser Zeitung den von ihm sogenannten „Aktivismus“ mancher Wissenschaftler kritisiert. Er beruft sich dabei auf Max Weber, der den „entscheidenden Aspekt“ der Wissenschaftsfreiheit benannt habe; es gehe darum, „die wissenschaftliche Forschung von Werturteilen frei zu halten.“ Weit über hundert Jahre nach dem ersten Werturteilsstreit und auch lange nach dem Positivismusstreit erscheint das erstaunlich naiv. Nicht nur ist die geforderte Wertfreiheit der Wissenschaft, wie schon Popper konstatiert hat, selbst ein Wert, so dass, wer eine absolute Wertfreiheit fordert, sich in einen performativen Widerspruch begibt; ja, überhaupt nach Erkenntnis unter den Bedingungen von Objektivität, Offenheit usw. streben zu wollen, ist ein Wert. Vor allem aber gibt es nicht nur deskriptive, sondern auch präskriptive Wissenschaften und damit auch normatives Engagement, das wissenschaftlich legitimiert ist.
Wenn etwa Kant für ein republikanisch organisiertes, liberales Staatswesen argumentiert, dann sagt er: so soll es sein. Er behauptet die Existenz naturrechtlicher Normen, und indem er sie wissenschaftlich verteidigt, handelt er und engagiert sich. Um Beispiele aus der gegenwärtigen Philosophie zu geben: Christine Bratus Einsatz gegen Sexismus (einer ihrer Vorträge heißt „Sexismus verstehen, Sexismus bekämpfen“) ist ebenso legitim wie Markus Gabriels normatives Engagement für einen ethischen Kapitalismus. Denn solches Engagement ist zwingend in die normativen Wissenschaften eingebaut; eine normative Theorie ist selbst als solche bereits normative und politische Praxis. Gewiss ist dieses aktivistische Element nicht das gleiche wie etwa der Besuch einer Demonstration oder die Unterschrift unter eine Petition; und dennoch ist es der Qualität nach auf derselben Ebene ‒ Engagement für ein Gut oder eine Norm. Übrigens ist ja auch Liessmanns Beitrag genau dies: normatives Engagement für die Freiheit der Wissenschaft, das aus seiner Wissenschaft (der Philosophie) erwächst.
Epistemische Arroganz
Nicht nur die Philosophie ist eine normative Wissenschaft. Wenn Frauke Brosius-Gersdorf als Rechtswissenschaftlerin bestimmte Thesen zur Abtreibungsthematik vertritt, dann ist dies normatives und auch politisches Engagement, gegen das nicht nur nichts einzuwenden ist, sondern das sich zwingend aus ihrer Tätigkeit als normativer Wissenschaftlerin ergibt. Umgekehrt ist daher aber auch Brosius-Gersdorfs oft wiederholte Feststellung, sie habe sich doch nur „als Wissenschaftlerin“ geäußert, irreführend, wenn damit suggeriert sein soll, ihre Äußerungen wären unpolitischer Natur oder irgendwie neutral.
Dieses aktivistische Element wird besonders deutlich in der Lehre. Alle oder zumindest sehr viele, die an Universitäten normative Wissenschaften unterrichten, werden eine bestimmte Theorie vertreten und damit normative Appelle an die Studierenden richten und sie ja auch beeinflussen (wollen). Daran ist nichts verkehrt, solange die epistemischen Tugenden eine regulative Funktion haben; insbesondere müssen alternative Theorien zugelassen, wahrgenommen und diskutiert werden, ebenso wie die möglichen Schwächen und Nachteile der eigenen Theorie. Zu kritisieren ist also, anders als Liessmann denkt, nicht, dass es überhaupt normatives Engagement in den Wissenschaften gibt. Kritikwürdig ist der oft und zurecht kritisierte Dogmatismus und die epistemische Arroganz mancher sogenannter „Agendawissenschaftler“, die aus der linken Orthodoxie erwachsen, wie sie in vielen Disziplinen vorherrscht. Homogenität und Intoleranz sind Gift für die Wissenschaft; sie gilt es zu bekämpfen, nicht den angeblichen „Aktivismus“.
Gegen normatives Engagement in den Wissenschaften könnte man einwenden, dass zwar die deskriptive Erkenntnis von Normen und Werten (etwa in der Soziologie) Wissenschaft ist, dass genuin normative Disziplinen aber gar keine Wissenschaften sind. Nun denke ich nicht, dass Liessmann (auch wenn er zuweilen so redet) in naturalistischer Manier diejenigen Disziplinen, die keine Natur- oder deskriptiven Sozialwissenschaften sind, aus dem Kreis der Wissenschaften ausschließen möchte ‒ gerade auch seine eigene nicht, die Philosophie. Wenn es aber normative Wissenschaften gibt, die als solche genuin an der Erforschung von Normen und Werten beteiligt sind und damit auch am Engagement für deren Realisierung, ist Wertfreiheit in „der“ Wissenschaft eine Chimäre. Die Philosophie und in ihr etwa die Staatsphilosophie oder die Ethik sind, wie gesagt, ihrem Wesen nach darauf ausgerichtet, bestimmte Normen und Werte nicht nur zu erkennen, sondern mit und ausgehend von dieser wissenschaftlichen Fundierung auch umzusetzen. Das gilt zumindest für diejenigen Varianten, die im Sinne eines moralischen Realismus Normen und Werte in einem subjektunabhängigen Sinne für existent, erkennbar und gebietend halten.
Einen Punkt allerdings hätte Liessmann machen können: Das in der Wissenschaftsfreiheit angelegte Recht auf normatives Engagement haben normative, nicht deskriptive Wissenschaften. Der Aktivismus-Vorwurf wird also oft genug berechtigt sein; ein Mathematiker hat als Mathematiker nichts über die Ungerechtigkeit des Gazakrieges zu sagen. Wann und ob eine Disziplin normativ sein darf, ist aber nicht in Stein gemeißelt. Die oft als aktivistisch inkriminierten Genderwissenschaften können beides sein, deskriptiv und präskriptiv, und sie sind jedenfalls legitimerweise engagiert, wenn sie innerhalb genuin normativer Wissenschaften wie der Ethik positioniert sind.
Questions ouvertes
- Wie können die Grenzen legitimen normativen Engagements klar definiert werden?
- Welche Rolle spielen epistemische Tugenden bei der Abgrenzung von Dogmatismus?
- Wie beeinflusst die institutionelle Verankerung normativer Wissenschaften deren Akzeptanz?






