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WM 2006: Ein Sommermärchen, das im Halbfinale endete
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WM 2006: Ein Sommermärchen, das im Halbfinale endete

L'essentiel

  • Die WM 2006 in Deutschland bot eine friedliche Stimmung und begeisterte Fans, doch das Halbfinale gegen Italien endete in Enttäuschung.
  • Trotz des Ausscheidens bleibt das Turnier als "Sommermärchen" in Erinnerung.

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Die Fußball-WM 2006 in Deutschland war geprägt von einer positiven, gemeinschaftlichen Stimmung, die jedoch im Halbfinale gegen Italien in Enttäuschung umschlug. Der Artikel reflektiert die Diskrepanz zwischen der friedlichen Atmosphäre und ausfallendem Fanverhalten.

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Im Moment der Niederlage verfielen die Freunde, bei denen die Welt angeblich zu Gast war, in alte Gewohnheiten. Andrea Pirlo, der große Stratege mit dem Gesicht eines Melancholikers, hatte in der 119. Minute des WM-Halbfinales am 4. Juli 2006 den Pass gespielt, Fabio Grosso kühl vollendet, Deutschland lag 0:1 gegen Italien zurück – und alle auf den Rängen in Dortmund wussten: Es ist vorbei. Das 0:2 durch Alessandro Del Piero eine Minute später? Unerheblich.

Wer danach durchs nächtliche Berlin ging, hörte Bierflaschen splittern und jenes Gegröle, mit dem ein Teil der Fans einem schon häufig den Gang ins Stadion vermiest hatte: „Schwule Itaker, Schalalalala!“ und Verwandtes. Echte Freunde des Spiels fragten sich, wie diese Typen einfach alles fahren lassen konnten, was sie in den Wochen zuvor so stolz vor sich hergetragen hatten.

Noch trauriger machte die Angelegenheit, dass es im Deutschland der WM 2006 Dinge zu erleben gab wie kaum je zuvor. Zwar kann einen bis heute ein Kichern überkommen, mit welcher Verbissenheit der Leitartikler-Adel hierzulande pries, wie unglaublich locker die Deutschen doch geworden seien; aber die friedliche Stimmung in den Stadien, die Fans unterschiedlicher Länder, die sich in den Armen lagen, der Gemeinsinn beim Public Viewing (etwa auf der großen Fanmeile am Brandenburger Tor in Berlin, die am 5. Juli 2006 auf der WELT-Titelseite abgebildet war) – das waren eben keine Erfindungen.

Am Niveau des Fußballs lag es nicht. 2004 waren die Griechen unter dem deutschen Trainer Otto Rehhagel mit grausamem Defensivgekicke Europameister geworden; bei den Außenseitern der WM führte das zu der Einsicht, dass sie mit Zerstörung auf einen langen Verbleib im Turnier hoffen durften. Einzig das deutsche Trainergespann Jürgen Klinsmann und Joachim Löw war zu der Überzeugung gelangt, dass Angriff die besten Aussichten auf Erfolg eröffnen würde.

Die Erkenntnis beruhte auf simplen Beobachtungen. Bei der EM 2000 war die DFB-Elf in der Vorrunde nach einem 0:3 gegen die dritte Mannschaft Portugals ausgeschieden. Die Vizeweltmeisterschaft von 2002 unter Rudi Völler zählte nur so halb: Losglück und der Umstand, dass offensichtlich niemand außer den Brasilianern den Titel wollte, hatten die Mannschaft ins Finale gebracht. 2004 war bei der EM wieder in der Vorrunde Schluss. So ging es nicht weiter.

Die Neuen verjüngen deshalb den Kader. Ballhalten ist mit diesem Kindergarten ausgeschlossen. Also können sie auch gleich ganz auf Attacke setzen. Mit wechselnden Ergebnissen: Nicht nur nach dem 1:4 gegen Italien kurz vor der WM treten Ex-Spieler als Großkritiker auf – und der größte ist der Bayer Paul Breitner. Voller Wonne wiederholt der Weltmeister von 1974 nach jedem fragwürdigen Auftritt in allen Variationen sein Mantra: „Des is a Schmarrn! Ich weiß gar nicht, wie der Klinsi des machen will!! Es ist ja nicht mehr viel Zeit!!!“

Die Bundesrepublik ist schon zu Beginn des Jahrtausends das Image des „Kranken Mannes Europas“ losgeworden, das ihr in den 90er-Jahren anhing; 2006 ist kein halbwegs Seriöser mehr zu finden, der die Stärke des Landes grundsätzlich infrage stellt. Und die Deutschen legen los: 4:2 gegen Costa Rica, 1:0 gegen Polen bei erdrückender Überzahl an Chancen, 3:0 gegen Ecuador.

Spieler wie Lahm, Klose und vor allem das Duo Schweinsteiger/Podolski erobern einen Platz im Herzen von Menschen, die sonst lieber staubsaugen, als sich mit Fußball zu beschäftigen. Drumherum tut sich die Konkurrenz schwer, obwohl sie teilweise mit deutlich größeren Namen besetzt ist. Im ZDF analysiert Jürgen Klopp, damals noch Trainer in Mainz, und lacht sich gern kaputt. Den Sound zu all dem gibt nicht der Nationalbarde Herbert Grönemeyer mit „Zeit, dass sich was dreht“ vor, sondern die Sportfreunde Stiller mit der Hymne „54, 74, 90, 2006, darin stimmen wir alle ein…“

Das Achtelfinale, ein souveräner Sieg: 2:0 gegen Schweden. Müssen wir die Geschichte des Viertelfinales gegen Argentinien hier aufwärmen? Unbedingt! Vor dem Spiel hält Klinsmann eine besonders ausgefuchste Kabinenpredigt: „Dann schlagen wir zu! Aber, brutal, ne, brutal schlagen wir dann zu!“ Nach 120 Minuten steht es 1:1. Elferschießen, die fieseste Erfindung, die der Sport kennt. Und ein Bild, das jedes deutsche Scheitern überlebt hätte.

Bis kurz vor dem Turnier glaubte Oliver Kahn, Beiname „Titan“ und Torhüter des FC Bayern München, er werde in der Heimat für die Nationalelf auflaufen. Doch Klinsmann und Löw eröffneten ihm Wochen vor dem Turnier, sie gäben Jens Lehmann den Vorzug, Beiname „Mad Jens“ und Torhüter des Londoner FC Arsenal. Angeblich mögen die beiden Keeper sich wie Ali und Frazier während ihrer Trilogie im Boxring. Vor den Strafstößen jedoch geht Oliver Kahn neben seinem Konkurrenten auf dem Rasen von Berlin in die Hocke und reicht ihm die Pranke; ein Bild voller Schönheit. Lehmann hat einen Zettel im Stutzen mit Informationen über die argentinischen Schützen. Er hält zwei Elfmeter, Deutschland feiert – mehr „Sommermärchen“ war nie.

In einer idealen Welt für die Deutschen wäre damit der Titel geholt gewesen. So muss die Republik durch den Jammer des verlorenen Halbfinales inklusive mancher Ausraster selbsternannter Fans. Faire Zuschauer überwinden den Schmerz recht gut, Italien war an diesem Abend in Dortmund die bessere Mannschaft. Im Spiel um Platz 3 geht es gegen Portugal – es ersetzt kein Finale, aber der 3:1-Sieg wärmt.

Die größte Story des Turniers auf dem Platz bietet das Spiel Frankreich gegen Italien: Frustriert von den ewigen Provokationen seines Gegenspielers Marco Materazzi, rammt Zinedine Zidane, der größte Fußballer seiner Generation, den Kopf gegen das Brustbein. Selbstverständlich fliegt er vom Platz, seine letzte Aktion auf dem Rasen überhaupt. Den Titel gewinnen die Italiener. Noch heute diskutieren die Fans weltweit, ob seine Irrsinnstat Zidane größer oder kleiner macht: größer, weil sie urmenschlich war, kleiner, weil er sich nicht im Griff hatte.

Die Deutschen mussten auf ihren Weltmeistertitel noch bis 2014 warten. Auf ein mythisches 7:1 im Halbfinale gegen Brasilien folgte ein weiteres Dreckspiel gegen Argentinien – endlich jubelt die Republik mit Lahm, Schweinsteiger und Klose. Seinen Platz in der Erinnerung hat das Turnier von 2006 trotzdem sicher. Es waren Wochen, in denen ein Land Glück empfand, das sich sonst oft schwer damit tut.

Im Sommer 2006 konnte Philip Cassier von Fußball nicht genug bekommen. Heute treibt ihn das Thema weniger um – der übergroße Kommerz und die politischen Interessen im Hintergrund beschädigen seiner Ansicht nach den Sport.

Questions ouvertes

  • Wie hätte sich das Spiel gegen Italien anders entwickeln können?
  • Welche langfristigen Auswirkungen hatte das "Sommermärchen" auf die deutsche Gesellschaft?

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This article was originally published by Die Welt.

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