Wolfgang Ischinger: Europa muss sich bei KI zwischen USA und China entscheiden
L'essentiel
- Wolfgang Ischinger, Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, warnt vor Europas schwacher Rolle im globalen KI-Wettlauf.
- Er fordert transatlantische Zusammenarbeit, kritisiert US-Exportkontrollen und betont die Notwendigkeit europäischer Alternativen zu US-Technologien wie Starlink.
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Pourquoi c'est important
Wolfgang Ischinger, langjähriger Diplomat und Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, äußert sich besorgt über Europas Position im globalen KI-Wettlauf und die Abhängigkeit von US-Technologien.
Der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz spricht über von den USA gesperrte KI-Modelle, Risiken des Drohnenkriegs – und die Starlink-Satellitenantenne auf seinem Haus. Philipp Alvares de Souza Soares 10.07.2026 - 04:00 Uhr Artikel anhören
Palo Alto. Wolfgang Ischinger hat als Diplomat und Chef der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) sein Berufsleben der transatlantischen Allianz gewidmet. Nun erlebt er ein geschwächtes Europa, das sich bei Schlüsseltechnologien wie Künstlicher Intelligenz (KI) zwischen den USA und China entscheiden muss.
Das Handelsblatt hat den 80-Jährigen in Palo Alto getroffen. Am Vorabend diskutierte er hier an der Stanford-Universität mit Experten und Forschern über die Herausforderungen, die aus der KI-Revolution erwachsen. Seine Konferenz will Ischinger künftig noch stärker auch auf technologische Themen ausrichten und dazu regelmäßig ins Silicon Valley reisen.
Ein Gespräch über Regulierung, Mut und europäische Alternativen zu US-Angeboten wie Palantir und Starlink.
Lesen Sie hier das Interview mit Wolfgang Ischinger.
Herr Ischinger, im Wettrennen um Künstliche Intelligenz führen die USA, China holt auf – nur Europa spielt keine wesentliche Rolle. Welche Risiken erwachsen daraus?
Europa spielt noch nicht die Rolle, die es spielen sollte – nämlich die eines aktiven Mitspielers. Geostrategisch entwickelt sich eine Rivalität zwischen den USA und China. Da wir davon ausgehen müssen, dass Peking diese Entwicklung in großen Schritten weiter vorantreibt, dürfen wir nicht im Nirgendwo zwischen den beiden Großmächten landen. Wir müssen transatlantische Anknüpfungspunkte suchen, damit wir nicht abgehängt werden. Da gab es gerade einen großen Schreckmoment, als entschieden wurde, die neue Software von Anthropic erst einmal nicht zur Verfügung zu stellen – auch nicht den Europäern.
Sie meinen Claude Mythos 5, das leistungsfähigste KI-Modell des Start-ups. Eine Exportkontrollverfügung der US-Regierung stoppte im Juni die Freigabe. Seit vergangener Woche ist zumindest die abgespeckte Variante Fable 5 wieder verfügbar. War die Sperre der Auftakt zu Schlimmerem?
Bisher lautete die europäische Kritik: In Amerika wird nichts reguliert, man lässt KI-Stars wie Sam Altman machen, was sie wollen. Jetzt hat die Regierung erkennen lassen, dass sie sich doch kümmert. Nur hat das Kümmern ausgerechnet diesen Exportstopp mit sich gebracht. Das ist ein Schock. Für uns Europäer bedeutet das: Wenn die Amerikaner das einmal gemacht haben, können sie es auch noch einmal machen. Wir brauchen einen möglichst ungehinderten Zugang zu solchen Technologien im gesamten westlichen Raum.
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Auf Einsicht in Washington können sich die Europäer kaum verlassen. Wie kann der Kontinent seine Lage verbessern?
Ich will nicht drohen, aber es ist doch klar: Unter der Hand wird man den Amerikanern sagen: Hütet euch, uns auszuschließen, sonst kaufen wir solche Technologien notfalls in Peking – und darunter leidet die transatlantische Partnerschaft. Die Chinesen werden nichts lieber tun, als sich da zu engagieren. Dabei ist unsere Ausgangsbasis gut: Wir sollten den technologischen Wandel auch transatlantisch gestalten – so, wie wir seit 80 Jahren die Nato gemeinsam machen.
Elon Musk: Es könne nicht sein, dass 450 Millionen Europäer von Musks gutem Willen abhängen, sagt Ischinger. Foto: AP Photo/Mark Schiefelbein
Vor sechs Jahren sagten Sie dem Handelsblatt, vor Schlagworten wie „Souveränität“ und „Autonomie“ hätten Sie „etwas Angst“. Heute plädieren Sie für digitale Unabhängigkeit. Warum dieser Sinneswandel?
Das Wort Autonomie nehme ich immer noch mit Vorsicht in den Mund. Wir dürfen es nicht als antiamerikanischen Streitbegriff definieren. Ich sehe eher die Notwendigkeit, dass Europa allzu große Abhängigkeiten – technologische, militärische, rechtliche, bei Rohstoffen – vermeiden muss. Es kann nicht sein, dass 450 Millionen Europäer, der größte Wirtschaftsblock der Welt, am guten Willen von Elon Musk hängen.
Inwiefern?
Er kann entscheiden, ob die Satellitenkommunikation mit Starlink funktioniert. Das heißt nicht, dass man Starlink nicht weiter nutzt – ich nutze es selbst auf meinem kleinen Bauernhaus. Aber es wäre mir wohler, wenn ich aus zwei oder drei Anbietern wählen könnte, von denen einer vielleicht Europäer ist. Diese Art Autonomie – besser: Resilienz – muss das Ziel sein.
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Wäre chinesische Technik wirklich eine Lösung, falls sich die Beziehung zu den USA weiter verschlechtert?
Keine wirklich gute. Aber wenn du gar keine Alternativen hast, bist du ausgeliefert. Gibt es Alternativen – und die chinesische gibt es jetzt schon –, sieht unsere Verhandlungslage grundsätzlich besser aus. Wünschenswert ist das nicht, im Gegenteil: Wir müssen sehr sorgfältig darauf achten, keine Zugänge zu sensiblen Daten zu ermöglichen.
An welche Bereiche denken Sie?
Laut Fachleuten besteht besonders bei Telekommunikationstechnik zumindest die Möglichkeit von Hintertüren – und das Risiko, dass China die Geräte theoretisch abschalten könnte. Bei Strom- und Kommunikationsnetzen verstehe ich diejenigen, die sagen: Solche Abschaltmöglichkeiten und Abhängigkeiten von Dritten sollten wir möglichst kategorisch ausschließen.
Wolfgang Ischinger
Der 80-Jährige ist ein deutscher Karrierediplomat. Von 2001 bis 2006 diente der gelernte Jurist als deutscher Botschafter in Washington. Danach vertrat er Deutschland in gleicher Funktion zwei Jahre in London. 2008 übernahm Ischinger die Leitung der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC), die er 2022 an Christoph Heusgen übergab. Nach dem Rücktritt Heusgens ist Ischinger erneut der Vorsitzende der MSC.
Die Münchner Sicherheitskonferenz ist das wichtigste sicherheitspolitische Treffen der Welt und fand 2026 zum 62. Mal statt. Fast 500 Politiker, Militärexperten und Wissenschaftler aus aller Welt kamen dazu ins Hotel Bayerischer Hof in München. Darunter waren fast 50 Regierungschefs.
Gilt das auch für Hintertüren in US-Produkten?
Grundsätzlich ja, aber ich sehe in Sachen Risiko da nach wie vor einen großen Unterschied.
Die US-Regierung wirbt für eine „Pax Silica“ – ein Bündnis, das die KI-Lieferketten der USA und ihrer Partner sichern soll, von Chips über Rechenzentren bis zu den Modellen. Sollte Europa mitmachen – oder zementiert das die Abhängigkeit?
Es ist ja nicht so häufig heutzutage, dass die USA Vorschläge zur Zusammenarbeit vorlegen. Wenn wir prinzipiell transatlantisch bleiben wollen – und das sollten wir aus übergeordneten Gründen –, sollten die Europäer sich dem nicht verschließen. Ich finde es erfreulich, dass wir ein Projekt vor uns haben, bei dem die USA sagen: Macht doch bitte mit. Das ist im Prinzip kein schlechtes Zeichen.
Amerikanischer Optimismus und europäischer Skeptizismus sollten zusammenfinden.
Das Silicon Valley ist mit Beginn der zweiten Amtszeit Donald Trumps nach rechts gerückt – und mächtig wie nie. Tech-Größen wie Elon Musk oder David Sacks erhielten sogar politische Ämter. Wie souverän ist die US-Regierung angesichts dieser Machtkonzentration?
Das kann ich nicht genau beurteilen. Prinzipiell erscheinen mir beide Sphären nach wie vor unabhängig genug zu sein. Die jüngsten technologischen Sprünge sind ohne Zutun der amerikanischen Regierung passiert. Mir ist nicht bekannt, dass Washington mit US-Steuergeldern Sam Altman, Anthropic oder andere Firmen finanziert hat. Die haben sich das Geld von privaten Investoren geholt.
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Der Staat ist einer ihrer wichtigsten Kunden – und investiert mitunter auch direkt. Das Softwareunternehmen Palantir hat zum Beispiel früh Geld von der CIA bekommen.
Das mag so sein, aber Palantir ist weltweit tätig und hängt nicht einfach bloß am Tropf von Washington. Mein Eindruck aus den Gesprächen hier ist folgender: In klassischer amerikanischer Weise heißt es, der Staat soll sich bitte raushalten – wir Unternehmen machen das, was wir können, selbst, und wir finden auch Geldgeber dafür. Die europäische Herangehensweise ist dagegen ganz altmodisch: Da muss der Staat ran – wo sind bitte die Milliarden aus dem Bundeshaushalt? Sonst können wir gar nicht anfangen. Eine vollkommen andere Welt.
Baustelle im Industriegebiet „High-Tech-Park“ in Sachsen-Anhalt: Hier wollte unter anderm Intel ein Werk errichten. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
Woran liegt das? US-Unternehmer gelten gemeinhin als optimistischer.
Ja – hier im Silicon Valley herrscht großer Optimismus, Tech-Begeisterung. Dieser Optimismus ist aber nicht überall in Amerika verbreitet. In Brüssel oder Berlin höre ich auch vor allem die Bedenkenträger: Wo kann KI im schlimmsten Fall hinführen? Was ist, wenn die Maschine klüger ist als der Mensch und sich an seine Stelle setzt? Da stellen sich gewaltige Fragen, gerade auch im militärischen Bereich. Deswegen setzen wir das Thema auch ganz vorn auf die Tagesordnung der Münchner Sicherheitskonferenz. Amerikanischer Optimismus und europäischer Skeptizismus sollten zusammenfinden – für gemeinsame Regeln, die sich hoffentlich international verankern lassen.
Welche Art von Regulierung halten Sie für sinnvoll?
Die USA haben mit China vor zwei Jahren zum Beispiel verabredet, die Entscheidung über den Einsatz von Nuklearwaffen nicht der Künstlichen Intelligenz zu überlassen. Entsprechende Sorgen gab es in Peking wie in Washington. Was bedeutet das in anderen Bereichen militärischen Handelns? Was ist, wenn wir in wenigen Monaten, etwa im Ukrainekrieg, Drohnenschwärme oder andere Waffen erleben, mit ganz anderen Koordinierungsmöglichkeiten dank modernster KI? Ich wäge meine Worte sehr genau: Ich sehe eine Revolution militärischer Handlungsoptionen auf uns zukommen, die alles in den Schatten stellt, was seit der Erfindung des Schießgewehrs passiert ist. Hier sollten wir wieder vor die Welle kommen, bevor es zu spät ist.
Palantirs Software wird zur Kriegsführung und von Geheimdiensten genutzt. Können die Europäer in derart sensiblen Bereichen US-Unternehmen weiterhin vertrauen – oder sollten sie auf eigene Lösungen setzen?
Aus Transparenzgründen: Palantir ist Partner und Sponsor der Münchner Sicherheitskonferenz, ich bin mit der Sachlage einigermaßen vertraut. Ich persönlich vertrete die Auffassung: Man muss abwägen, was wichtiger ist. Solange die Experten sagen, es gibt nichts Besseres als diese Software, sollten wir das Risiko auf uns nehmen, dass Daten über Terrorismus oder Kriminalität womöglich auf einem Server in Palo Alto landen. Wenn wir damit einen Terroranschlag stoppen können, ist das ein Preis, den man zahlen sollte.
Aber?
Eine deutsche oder europäische Software, die das genauso kann, wäre natürlich wünschenswert. Nach allem, was ich höre, reichen die vorhandenen europäischen Angebote aber noch nicht aus und bleiben hinter den Erwartungen zurück. Ohne Palantir hätte die Ukraine übrigens ihren Verteidigungskampf nicht so erfolgreich führen können. Ein Verbot wäre also womöglich ein Schuss ins eigene Knie.
Will Europa denn wirklich etwas Eigenes schaffen – oder sind das bloß Lippenbekenntnisse, die mit viel zu wenig Geld untermauert werden?
In Europa fehlt es eigentlich nicht an Geld. Es ist da – nur können wir es nicht in sinnvoller Weise voll nutzen. Meine Gesprächspartner aus der Finanzbranche sagen mir seit langen Monaten: Wir müssen die Kapitalmarktunion endlich vollenden.
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Warum geschieht das nicht?
Es gibt erfreulicherweise jetzt Bewegung in Brüssel, aber die Interessen der Banken in der EU sind sehr unterschiedlich. Eine spanische Großbank sieht manches anders als zum Beispiel eine deutsche Sparkasse. Die Vollendung der Kapitalmarktunion wäre ein Befreiungsschlag für Europa. Die Unternehmen bekämen leichter Zugang zu privatem Kapital. Es erscheint mir abwegig, dass bei uns der Staat Steuergelder aufbieten muss, damit eine amerikanische Firma eine Chipfabrik in Deutschland baut.
Sie spielen auf die gescheiterte Ansiedlung des US-Konzerns Intel in Sachsen-Anhalt an.
Ja, genau. Knapp zehn Milliarden Euro wurden Intel damals als Subvention angeboten. Und am Ende hat es noch nicht mal funktioniert. Ich finde es furchtbar.
Mehr: Wie der Anthropic-Gründer seinen Erzrivalen abhängt
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Europa wird gezwungen sein, eigene KI-Alternativen zu entwickeln, um nicht ins Hintertreffen zu geraten.
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Die transatlantische Partnerschaft wird durch die KI-Rivalität weiter auf die Probe gestellt.
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Questions ouvertes
- Wie wird Europa seine technologische Souveränität sichern?
- Welche konkreten Maßnahmen sind für eine stärkere europäische KI-Entwicklung geplant?
- Wie wird sich die transatlantische Partnerschaft angesichts der KI-Rivalität entwickeln?
