Die Balearen: Ein wachsender Kunstmarkt in Arbeitsteilung
Am Hafen von Mahón, der Hauptstadt Menorcas, stapeln sich morgens noch die Kisten mit Hummer, als das erste Boot einige Kunstinteressierte hinüber zur Illa del Rei fährt. Die Galerie Hauser & Wirth hat dort im Jahr 2021 eine ehemalige Marineklinik in eine Dependance ihrer globalen Kunsthandlung umbauen lassen. Das anfangs belächelte Wagnis scheint sich mittlerweile auszuzahlen.
Auf Ibiza dröhnen nachts die Bässe für die Party-Touristen, an einem Sommerwochenende lädt die CAN Art Fair sie ein, Kunstsammler zu werden. Die größte Insel der Balearen, Mallorca, vertraut derweil auf ihre renommierten Institutionen; die kleinste, Formentera, auf wenige konzentrierte Wochen für die Kunst im Spätsommer. Die ungleichen Inseln formen ein Archipel – und einen wachsenden Kunstmarkt, der sich in Arbeitsteilung übt. Ein Überblick.
Mallorca
Die Galería Pelaires sitzt seit 1969 am Carrer de Can Verí in der Altstadt von Palma de Mallorca – in Galeriejahren ist das eine Ewigkeit. Der Künstler Miquel Barceló ist ihr historischer Anker: international etabliert, lokal verwurzelt. Was Pelaires ohne Events, ohne pompöse Effekte über Jahrzehnte aufgebaut hat, kommt bei der Gallery Red von außen: Drew Aaron, amerikanischer Unternehmer und Sammler, eröffnete 2018 an der Plaça Frédéric Chopin eine Galerie, die Palmas Potenzial nicht erst entwickeln musste. Er engagiert sich in führenden Kunstinstitutionen, unter anderem in Gremien des Whitney Museum of American Art, und vermittelt auf Mallorca vor allem Klassiker des Sekundärmarkts – Warhol, Basquiat, Hirst.
Laia Ventayol García wurde 1984 in Artà auf Mallorca geboren. Sie hat die Insel verlassen, um in Nürnberg, Karlsruhe und Münster Kunst zu studieren. Zurückgekehrt ist sie als jemand, der in der Ferne denkt, aber regional arbeiten möchte. Die Künstlerin macht Videos, Performances, Installationen. Zeit, Bewegung, Wahrnehmungsverschiebung sind ihr Material. Im Jahr 2024 wurde ihre Soloshow „Ecotrò“ in der Fundació Miró Mallorca gefeiert. 2025 war Ventayol García Teil der Biennal B im Es Baluard – dem Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Palma, das seit seiner Eröffnung 2004 zu den wichtigsten Ausstellungshäusern der Insel gehört. Vertreten wird sie von der Galería Maior in Pollença.
Im Es Baluard ist auch Susy Gómez vertreten. Sie ist in Pollença aufgewachsen, lebt und arbeitet in Palma und wird von der Baró Galeria vertreten. Ihre Werke befinden sich in den Sammlungen des Museo Reina Sofía und des IVAM – dem Institut Valencià d’Art Modern am spanischen Festland. Für Es Baluard schuf sie zuletzt „Gesto contra el olvido“, eine großformatige Wandarbeit, die Erinnerung als kollektiven Raum begreift. Auch sie arbeitet multidisziplinär, im Kern jedoch autobiografisch: Alltägliche Objekte – Kleider, Herzen, Boote, Strandkarten – werden zu Metaphern dessen, was vom Leben übrigbleibt, wenn man aufhört, es zu besitzen.
Gerade bereitet Es Baluard das Projekt „Intersticios. Donde el sol dibuja el tiempo“ von Aina Albo Puigserver vor, die im mallorquinischen Selva lebt. Ausgangspunkt ist eine elementare Geste: die Beobachtung der Sonne. Daraus entwickelt die Künstlerin eine visuelle Erkundung, in der Licht zum Maß, zur Materie und zur Schrift der Zeit wird. Das Analemma – jene achtförmige Kurve, die den Sonnenlauf über ein Jahr aufzeichnet – zieht sich als Leitfaden durch die Ausstellung.
Die Balazsi Gallery im Viertel Pere Garau setzt einen anderen Ton, weit weg von der Galeriemeile in der Altstadt. Gegründet 2023 von dem schwedisch-mallorquinischen Künstler Axel Balazsi, der am Goldsmiths College in London Kunst studiert hat. Im April nahm der Galerist an der ersten Art Cologne Palma Mallorca teil – die mit 88 Galerien aus 20 Ländern, darunter 19 von den Balearen, mehrere Tausend Besucher in vier Tagen anzog. Diesen Sommer bespielt Lydia Blakeley seine Galerie unter dem Motto „Aftersun“. Blakeley war zuletzt Artist in Residence im Ausstellungszentrum CCA Andratx. Sie lässt sich vom Strom des gegenwärtigen Lebens inspirieren. Urlaubseindrücke, Sehnsüchte und Social-Media-Posts verarbeitet sie malerisch.
Auch die Galerie Kewenig war dabei, die ursprünglich aus Köln kommt, seit Langem in Berlin ansässig ist und seit einigen Jahren auch eine Dependance in Palma hat. Sie vertritt internationale Positionen mit Gewicht und stellt damit eine Frage, die der balearische Markt nicht beantworten kann: Stärkt eine solche Galerie die lokale Szene? Oder zeigt sie nur saisonal Flagge für ihren internationalen Kundenstamm?
Menorca
Die Insel Menorca war lange der unsichtbare Dritte im Kunstbetrieb der Balearen. Bis Hauser & Wirth auf der Illa del Rei festmachten. In diesem Jahr geht die Galerie dort bereits in ihre sechste Saison. Das bedeutet nicht weniger, als dass es dem Schweizer Großunternehmen auf Menorca längst nicht nur um ein spektakuläres PR-Gastspiel geht, sondern um Bestand in der lokalen Kultur.
Zurzeit zeigt Hauser & Wirth eine Ausstellung des britischen Konzeptkünstlers und Turner-Preisträgers Martin Creed. Er passt gut in die menorquinischen Räume, weil seine Kunst sie nicht dekoriert, sondern verändert. Gezeigt wird Creeds berühmtestes Werk. „Half the Air in a Given Space“ wurde 1998 konzipiert und seither weltweit umgesetzt; es besteht aus unzähligen Ballons, die die Hälfte der Luft eines Raums enthalten. Die Besucher sind dazu eingeladen, sich in dieser Installation zu bewegen.
Ab dem 21. Juni übernimmt der US-Künstler Rashid Johnson mit der Schau „Directionless“, an der unter anderem Cristina Iglesias, Firelei Báez, Julie Mehretu und Mona Hatoum beteiligt sind. Hauser & Wirth zeigt damit, dass sie auf Menorca die Energien unterschiedlichster Künstler aufeinandertreffen lassen kann – experimenteller, als es an anderen Galeriestandorten möglich wäre.
Das Gegenmodell liegt im Ort Alaior, der im Inneren der Insel gelegen ist. Die Privatsammlung Lôac Alaior Art Contemporani hat ebenfalls im Jahr 2021 eröffnet und sich als fester Bezugspunkt der Kultur auf Menorca etabliert. Gezeigt wird ein konzentrierter Querschnitt durch die spanische Nachkriegsmoderne. Zusätzlicher Anziehungspunkt ist die Capella Abramović, die von der Performancekünstlerin Marina Abramović eingerichtet wurde. In diesem Jahr wird Lôac um einen neuen Raum für Künstler aus Alaior erweitert, initiiert von der lokalen Galerie Pinzellades d’Art und unterstützt von der Regionalverwaltung. Der Schritt ist klein, aber kulturpolitisch klug: Menorca gibt dem Kunst-Archipel eine gewisse Tiefe.
Ibiza
Die 2022 gegründete Kunstmesse CAN Contemporary Art Now am Rand von Ibiza-Stadt hat der Insel etwas gegeben, das sie lange nicht hatte: einen Event, der nicht vom Nachtleben abgeleitet ist. Rund dreißig Galerien, ausschließlich auf Einladung, kuratiert von dem kroatischen Kurator und Kunstjournalisten Saša Bogojev: „Wir bauen etwas mit Sorgfalt, nicht nach einem Schema. Ibiza gibt uns diese Freiheit.“ In der Praxis bedeutet das viel Malerei als kommerzielles Rückgrat, aber ohne Scheu vor ambitionierten Positionen. Wichtig sei es, dass Galerien und Künstler in den Austausch kommen, Netzwerke entstehen – nicht nur am Stand, sondern auch in den Partynächten danach. Das Off-Programm der Messe beginnt bereits Ende Mai und verteilt sich über die Insel – in Leuchttürme, Festungsräume, Mühlen.
Das institutionelle Gegengewicht dazu liefert das Museu d’Art Contemporani d’Eivissa, untergebracht in einem Militärgebäude aus dem 18. Jahrhundert innerhalb der Mauern von Dalt Vila, dem historischen Kern der Inselhauptstadt. 1969 eröffnet, ist es eines der ältesten Museen für zeitgenössische Kunst in Spanien. Die Sammlung reicht zurück in die Ibiza-Avantgarde der 1960er, als die Insel für Künstler ein Arbeitsort war und noch kein Spiegel ihrer eigenen Attraktivität. Im Sommer sollen historische Fotografien von 1953 ausgestellt werden, die Ibiza und Formentera zeigen, bevor sie zu dem wurden, was sie heute sind.
Formentera
Die kulturelle Infrastruktur der Nachbarinsel Formentera ist überschaubar. Doch auch die Sala d’Exposicions in einem Gemeindehaus macht in diesem Jahr auf sich aufmerksam: Alberto García-Alix, 1956 in León geboren, wurde bekannt als der Dokumentarist der Movida Madrileña – er fotografierte seine Freunde und das Madrid der späten 1970er- und 1980er-Jahre in all seiner Energie und zersetzenden Dynamik. Heute gilt er als einer der bedeutendsten spanischen Fotografen der Gegenwart.
Auf Formentera stellt er nun seinen Balearen-Zyklus „Lo más cerca que estuve del paraíso“ vor: Aufnahmen, die zwischen 1991 und 2010 in Formentera, Ibiza und Mallorca entstanden. Er fotografierte aber keine touristischen Destinationen, sondern Menschen, bewegte Körper, Motorräder, das Nachtleben – direkt, unsentimental, nie dekorativ. Der Maßstab passt zu Formentera: klein, konzentriert, ohne Pose. Und doch gibt es auch hier einen starken Partner in seinem Rücken: García-Alix’ Galerist ist der einflussreiche Pariser Kamel Mennour.
Zusammen verkaufen diese vier Inseln des balearischen Archipels längst nicht mehr nur Sonne, Sommer und Sehnsucht. Mallorca steht für gewachsene Struktur, Menorca sorgt für Gravitas, Ibiza bringt das Tempo mit und Formentera bietet Intimität. In der Summe ergibt das keinen homogenen Kunststandort, aber vielleicht ein ernstzunehmendes Modell für einen Kunstmarkt, der sich nach den globalen Höhenflügen nun stärker regionalisiert.