Passanten in Darmstadt: Unmut und Frust über Deutschlands Lage
Es ist ein Mittwoch im Mai, vormittags. Wir sind unterwegs in der Fußgängerzone in Darmstadt und sprechen zufällig ausgewählte Passanten an. Immer wieder hören wir Unmut oder Frust. Jeder hat seine eigenen Gründe.
Achim, 78 Jahre, Rentner
Deutschland geht es nicht gut. Ich glaube allerdings, dass die Medien und manche Parteien die Lage schlechter darstellen, als sie wirklich ist. Frau Reiche ist eine Bremserin der Umstellung auf erneuerbare Energien. Was Deutschland macht, ist nicht ausreichend, und das hat auch gerade ein Expertenrat bestätigt. Ich glaube, dass der Klimawandel sehr wichtig ist. Und dass er sich gut in Einklang bringen würde mit unserer wirtschaftlichen Situation. Jetzt, wo Öl und Gas teuer werden, müsste man doch gerade die Regenerativen fördern.
Und was macht die Regierung? Das Wort „Klima“ kommt bei Herrn Merz überhaupt nicht mehr vor. Es geht um Wirtschaftswachstum – das ist ja auch okay, aber man muss das in Einklang bringen mit dem Klimawandel. Deutschland hat hier eine Chance, es könnte eine Führungsposition erarbeiten. Persönlich geht es mir sehr gut. Ich wäre auch dafür, mehr Steuern zu bezahlen, ich bin aber natürlich auch privilegiert.
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Katrin, 52 Jahre, hat in der Gastronomie und Pflege gearbeitet
Deutschland geht es ganz beschissen. Die Politiker denken nicht zuerst an uns. Das ganze Geld geht ins Ausland, aber für Deutschland wird viel zu wenig getan. Ich habe einige Krankheiten, aber ich bekomme keinen Platz für eine Bewegungstherapie, alle sind überlastet. Ich muss von Duisburg jedes Mal hierher nach Darmstadt zum Podologen, weil ich dort über ein Jahr lang keinen Termin bekommen habe.
Als die Ukraine-Flüchtlinge kamen, wurden dort die Bedürfnisse gedeckt – und nicht bei uns. Ich wurde selber beim Amt hintangestellt. Wenn ich einen Antrag gestellt habe, dauerte es zwei Monate. Aber bei mir zwei Häuser weiter sind Flüchtlinge eingezogen, da war sofort alles da. Und da kann man die Leute schon verstehen, dass da ein Hass aufkommt.
Remzo 50 Jahre, Chemiefacharbeiter
Ich kenne mich gut aus in Europa, aber ich weiß nicht, wo es schlechter ist. Hier sieht es nur noch von außen gut aus. Wenn man aber mal etwas wirklich braucht, dann ist nichts da. Ich habe 25 Jahre lang gearbeitet und gut verdient. Ich wusste nicht, wo das Arbeitsamt ist. Dann kam Corona, ich lag zwei Monate im Koma, ich habe nur noch 50 Prozent Lungenkapazität, mir geht es gesundheitlich immer noch sehr schlecht. Ich musste zum Arbeitsamt, und die Leute waren dort so unfreundlich, ganz schlimm.
Ich hatte früher eigentlich immer das Gefühl, dass hier alles gut läuft. Aber jetzt, wo ich Hilfe brauche, bin ich sehr enttäuscht. Ich kam aus Bosnien hierher, als Flüchtling. Ich habe mich ganz schnell integriert, gearbeitet, war Schichtmeister. Ich habe immer eingezahlt. Jetzt brauche ich Hilfe, aber fühle mich erniedrigt, im Amt, im Krankenhaus, in der Reha.
Martin, 49 Jahre, Kanzler (der TU-Darmstadt)
Es geht uns besser, als die meisten denken. Auf der Skala von 1 bis 10, wenn 10 super und 1 schlecht wäre, stehen wir bei 4. Aber wir hätten es auch in der Hand, bis zu 7 zu kommen. Wenn wir eine Politik hätten, die zukunftsgewandt ist und der Bevölkerung vermittelt, dass es ein Zutrauen in Zukunft gibt. Die Medien und sogenannten sozialen Medien tragen dazu bei, dass es insgesamt eine Faszination für das Negative gibt. Ich glaube, dass es einen Einfluss auf unser Selbstwertgefühl als Gesellschaft hat, wie über Dinge berichtet wird.
Konkret müssen meiner Meinung nach drei Dinge passieren für eine bessere Entwicklung Deutschlands: Die Energiewende muss kommen. Wir brauchen eine nachhaltige Politik, die uns auch noch 2040 ein Klima ermöglicht, in dem wir leben können. Eigentlich ist das ein No-Brainer, aber ich sehe nichts, was mich glauben lässt, dass das von der Politik verstanden wurde. Zweitens müssen wir die Umverteilungsdebatte weiterführen. Das ist sehr schwierig, aber für die Enkeltauglichkeit ist soziale Gerechtigkeit genauso wichtig wie Klima. Ich nehme derzeit wahr, dass eher schwache Gruppen gegeneinander ausgespielt werden, statt dass die Politik einen gesamtgesellschaftlichen, solidarischen Blick hat, der mit der Gesellschaft eingeübt wird.
Drittens muss Deutschland mit der globalen Situation und dem Erstarken von Autokratien umgehen – und ich würde sagen, dass die Politik da einen ganz guten Job macht. Zum Schluss noch eins, aber das ist wichtig: Ich glaube, ich bin auch deswegen zuversichtlich, weil ich Christ bin.
Mutter Margarete, 88 Jahre, und Tochter Andrea, 66 Jahre
Margarete: Mich nervt in Deutschland, wenn die Leute abgewiesen werden. Das kann ich nicht haben. Bei mir unten wohnen welche, die Frau putzt und der Mann hilft mir, wenn was zu Schrauben ist. Die kommen aus Russland, aber die sind so nett zu mir – und so bin ich auch zu denen. Die haben kleine Kinderchen, backen samstags Kuchen, und da bringt sie mir ein Stück hoch. Ich verstehe nicht, wieso viele Ältere so blöd schwätzen über Ausländer. Meine zwei Enkel sind beide dunkelhäutig.
Andrea: Aber als der eine 18 Jahre alt war, ist auf dem Fußballfeld gekrischen worden: Holt den Nigger raus! Ich bin in Rente, ich bekomme nicht viel, und ich habe große Probleme mit den Augen. Wenn ich jetzt bei den Medikamenten mehr zuzahlen muss, dann wird das für mich sehr teuer. Schon jetzt musste ich Hunderte Euro dazubezahlen. Ich bekomme mit, dass viele Leute nicht zufrieden sind. Weil sie das Gefühl haben, dass sich einfach zu wenig um sie gekümmert wird.
Danny, Techniker
Wir waren mal ein Vorzeigeland, ein Land, wo die Leute gerne hinwollten. Jetzt ist es nicht mehr so, wir wandeln finanziell am Abgrund entlang. Ich habe das Gefühl, dass du hier mehr und mehr als arbeitender Mensch ausgebeutet wirst. Ich komme zwar mit meinem Geld über die Runden, aber es gibt Leute, die weniger verdienen. Für die lohnt es sich gar nicht mehr, arbeiten zu gehen. Es wird alles teurer, und wenn du nicht arbeiten gehst, bist du von vielem befreit. Du kriegst, Verzeihung, den Arsch abgewischt, wenn du keinen Bock hast zu arbeiten, aber der Steuerzahler soll das alles ausgleichen, dem wird als tiefer in die Tasche gegriffen.
Und Rente mit 70 Jahre? Wie soll das denn gehen, wenn du Fliesenleger bist, mach das mal! Es wird weniger werden an Rente, das ist mir klar. Aber dass die Rente jetzt nur eine Grundabsicherung sein soll – die Rentner sammeln doch jetzt schon Pfandflaschen! Wenn ich höre, dass sie die Einkommensteuer für mittlere und niedrigere Einkommen entlasten wollen – dann weiß ich jetzt schon, dass es an anderer Stelle wieder erhöht wird. Ich mache mir keine Sorgen um meine Zukunft, sondern die meiner sieben und elf Jahre alten Töchter.
Dmytro, 17 Jahre, Schüler
Ich bin aus der Ukraine geflüchtet – und der deutsche Staat hat uns aufgenommen. Ich bin sehr dankbar dafür, und die Ämter haben uns sehr gut unterstützt. Wir haben eine Wohnung bekommen und Bürgergeld. Ich sehe Deutschland und auch meine Zukunft deshalb sehr positiv.
Ich möchte gerne in Deutschland bleiben und eine gute Ausbildung machen, am liebsten als Lagerist oder Mechatroniker. Wirtschaftlich steht Deutschland vielleicht gerade nicht so gut da, aber ich glaube, das wird sich in Zukunft ändern.
Claus, 77 Jahre, Wilfried, 72 Jahre, und Elke, 72 Jahre
Elke: Ich sehe viel Unzufriedenheit. Weil heute etwas verkündet wird, was am nächsten Tag zerredet oder rückgängig gemacht wird.
Claus: Es wird aber auch in der Presse zu wenig positiv berichtet. Im Verhältnis zu dem, was gut ist, kommt das Schlechte zu gut weg.
Wilfried: Mir fällt auf, dass alle eigentlich immer nur mehr fordern. Niemand ist bereit, zu verzichten. Aber dass wir das alle müssen, steht für mich außer Frage. Wir jammern auf sehr hohem Niveau.
Claus: Bestimmte Gruppen haben aber natürlich ein Recht zu jammern. Wenn man eine Rente von 1200 Euro bekommt, wie soll man denn da leben, man kann ja gerade mal die Wohnung bezahlen! Ich finde, wer mehr hat, der kann auch ein bisschen verzichten. Ich bekomme eine gute Pension, ich spendiere aber auch manchmal aweng mehr. Eine Reichensteuer fände ich gut. Die Benzinfirmen sacken täglich 85 Millionen Euro ein!





