Prostitution: Between PR and Reality
Rund um den „internationalen Hurentag“ startete diese Woche eine konzertierte Werbeaktion zugunsten des horizontalen Gewerbes – mit „Bordellbesichtigungen, Kiezführungen, Fragerunden, Ausstellungen und vielem mehr“. So warb der „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen“. In ganz Deutschland wurde die Prostitutionsszene gefeiert – ob durch Solidaritätstreffs mit Kaffee und Kuchen, erwähnte Führungen oder eine Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle über die Geschichte der Sexarbeit. Klingt anregend, oder?
Ist es aber nicht. Mit Verlaub: Solch schönmalerische Puff-PR verzerrt die Realität in kaum zu ertragender Weise. Nehmen wir die Bonner Ausstellung „SEX WORK“. Sie erzählt laut Bundeskunsthalle die Kulturgeschichte der Sexarbeit „gemeinsam mit einem Kollektiv forschender Sexarbeiter*innen“. Dort wird „sichtbar gemacht, dass Sexarbeiter*innen auch eine schöpferische, künstlerische Rolle einnehmen“ – die Prostituierte als wahre Künstlerin sozusagen. Wer hätte das gedacht?
Bloß kein Moralisieren – und bloß keine Moral?
Ganz bewusst setzt sich die Ausstellung auch ab „von moralisierenden Diskursen“. Dass es auch nichtmoralisierende, sondern moralische Kritik an der Puff-und-Strich-Welt geben könnte, kommt da nicht vor. Stattdessen wird Prostitution in die Nähe einer gesellschaftlichen Befreiungsbewegung befördert, die „oft in Solidarität mit der queeren Community“ gekämpft habe. „Trans*Sexarbeitende standen an vorderster Front der queeren Bürgerrechtsbewegung. Für Sexarbeitende“ sei „diese Erfahrung von Gemeinschaft entscheidend“.
Die freie Hurerei als Bürgerrechtsbewegung und Quell künstlerischer Finesse? Das mag die eine oder andere Prostitutions-Aktivistin ehrlich glauben. Vor allem aber könnte sich die Bordellbetreiber-Szene bessere Werbung kaum ausdenken. Und siehe da: Der organisierende „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen“ arbeitet auch mit genau dieser Szene zusammen – in Form des „Bundesverbands Sexuelle Dienstleistungen“ oder des „Verbands deutscher Laufhäuser“. Zufälle gibt’s!
Diesen Eindruck bestätigt auch eine Studie der Sozialwissenschaftlerin Elke Mack und des Verfassungsrechtlers Ulrich Rommelfanger. Sie belege, so Mack, dass „Menschen in der Prostitution tagtäglich und während ihrer ganzen Tätigkeit schwere Körperverletzung durch gewalttätige Freier und Zuhälter erdulden“ müssten. Sie litten „deshalb unter Traumatisierungen, wie wir sie sonst nur von Folteropfern und Kriegsveteranen kennen. Es geht häufig um Menschenhandel in Verbindung mit organisierter Kriminalität, die die Beschaffung der Frauen aus dem Ausland regelt“. Harmoniert das mit dem Bild von der freien Hure? Ist die Warnung vor „moralisierenden Diskursen“ da angebracht?
Die schaurigen Details
Von „recht brutalen Freiern“ berichtet in der Studie auch der Gynäkologe Wolfgang Heide. „Die psychische Traumatisierung kann oft nur mit Medikamenten, Alkohol und Drogen ausgehalten werden.“ Der gesundheitliche Zustand der Prostituierten sei „in aller Regel katastrophal“, viele seien deutlich vorgealtert. Seine Kollegin Liane Bissinger beschreibt Krankheitsbilder: „Kahle Kopfhautstellen, durch ausgerissene Haare; chronische Magen-Darm-Entzündungen auch aus Ekel vor erzwungenem Spermaschlucken. Entzündete Kiefergelenke durch zu lange Überdehnung des Gelenks beim Oralverkehr.“ Dazu alle vorstellbaren sexuell übertragbaren Krankheiten, wie Syphilis, Hepatitis und HIV.
Verzeihen Sie, werte Leser, die schaurigen Details. Aber da gilt die alte Schulhof-Entschuldigung: Die anderen haben angefangen. Wenn eine Welt voller Schmerz und Leid so schamlos zur Kunst-und-Freiheits-Bewegung umfrisiert wird, muss man dagegenhalten. Bleiben wir also noch einen Moment bei besagter Studie: Die erfahrene Psychotherapeutin Michaela Huber berichtet darin aus ihrer Praxis: „Suizid-Neigungen haben praktisch alle Frauen aus der Prostitution, die ich kennenlernen konnte.“ Deshalb kommt sie zu dem Schluss, die sogenannte „freiwillige Prostitution“ sei „ein Mythos“.
„Am Anfang stand fast immer Vergewaltigung und Missbrauch!“
Gleichwohl beteuern vor allem Grüne, SPD und Rotlicht-Größen, viele Frauen gingen diesem Gewerbe freiwillig nach. Aber wie viele? Die Frage ist naturgemäß schwer zu beantworten bei einem derart ins Dunkel drängenden Milieu. Zudem nötigt die Szene zur Lüge. Vor einem Jahrzehnt versuchte zum Beispiel ein von den NRW-Grünen initiierter „Runder Tisch Prostitution“, die Zahl freiwilliger Prostituierter in etwa zu erfassen. Zu dem Zweck befragten Abgesandte des Runden Tisches Frauen in einigen Bordellen, ob sie aus freiem Antrieb anschafften. Das war an Naivität kaum zu überbieten. Was antwortet eine Prostituierte darauf wohl in Gegenwart ihres Bordell-Betreibers? Die Recherche wurde schließlich (wohl wegen erwiesener Nutzlosigkeit) aufgegeben.
Deswegen müssen wir aber nicht auf Schätzungen verzichten. Schließlich gibt es Prostituierten-Hilfsorganisationen wie „Solwodi“. Deren verstorbene Gründerin Lea Ackermann sagte einmal (stellvertretend für viele), in über drei Jahrzehnten habe sie Tausende Prostituierte kennengelernt. Keine einzige habe freiwillig angeschafft. „Manche haben im Erstgespräch behauptet, sie gingen aus freien Stücken anschaffen, aber irgendwann haben sie sich geöffnet und erzählt, wie es wirklich war. Am Anfang stand fast immer Vergewaltigung und Missbrauch.“ Zudem wagen die prostitutionskritischen Experten vom Deutschen Institut für angewandten Kriminalitätsanalyse (DIAKA) nach jahrelanger Forschung zumindest eine Schätzung. Rund 90 Prozent der Frauen würden demnach zum Anschaffen genötigt. Aber selbst wenn es 50 Prozent wären – dieses Elend darf man nicht verklären.
