Der Sohn des Oligarchen: Ein mysteriöser Tod in London
Fantasiebegabte Kinder stellen sich häufig vor, ihre Eltern seien gar nicht ihre Eltern. Sie malen sich aus, sie selbst seien Prinzen und Prinzessinnen, die als Säugling adoptiert wurden: Ihre wahren Eltern seien Königliche Hoheiten, die nie miteinander streiten, keine Geldsorgen kennen und in herrlichen Schlössern wohnen. Welche Fantasiewelten aber bewohnen Kinder, die tatsächlich von Königen abstammen?
Gewiss, im buchstäblichen Sinn war Zac Brettler kein Königssohn. Aber sein Großvater Hugo Gryn war doch der berühmteste Rabbiner in Großbritannien. Rachelle und Matthew, Zacs Eltern, waren zwar nicht superreich, aber doch wohlhabend; er wuchs in einer schönen Wohnung in einer der besseren Gegenden von London auf. Er ging auf eine gute Schule. Er hatte Freunde, war beliebt. Trotz alledem muss es sich für ihn so angefühlt haben, als sei er ein Armeleutekind. Denn als Jugendlicher erfand Zar Bretter sich einen aristokratischen Stammbaum ganz eigener Art – er verleugnete seine Eltern und log wie ein Weltmeister. Allerdings kam das erst heraus, nachdem die Leiche des 19-Jährigen aus der Themse gefischt worden war.
Der amerikanische Journalist Patrick Radden Keefe hat über den mysteriösen Tod des Zac Brettler ein Buch mit dem Titel „Der Sohn des Oligarchen“ geschrieben, das sich liest wie ein Mittelding von True-Crime-Podcast und einem Roman von Charles Dickens. Beginnen wir mit dem tragischen Tod des jungen Mannes: Am frühen Morgen des 29. November 2019 sprang er vom Balkon einer Luxuswohnung am Ufer der Themse. Dass er sprang und nicht gestoßen wurde, steht außer Zweifel – die Frage ist aber, unter welchen Umständen er sprang.
Anfangs wussten die Eltern nicht, dass ihr Sohn tot war. Er wohnte längst nicht mehr bei Ihnen. Aber eines Tages klingelte ein großer, kahlköpfiger, schwarzer Mann im Anzug an Rachelle Brettlers Tür und fragte, ob Zac da sei. Während er das fragte, hielt er sein Smartphone in der Hand. Rachelle sagte, nein, Zac sei nicht da; mit wem sie denn spreche? „Und wer sind Sie?“, fragte der schwarze Kahlkopf zurück. Sie sei Zacs Mutter, antwortete Rachelle. Aus dem Smartphone des Mannes war eine tiefe Männerstimme zu vernehmen. Das könne nicht sein, sagte die Stimme, Zacs Mutter sei in Dubai.
Eine Hochstapler-Geschichte
Rachelle bekam es mit der Angst zu tun. Hatte ihr Sohn sich mit gefährlichen Leuten eingelassen? Panisch rief sie ihren Mann an, der gerade auf Geschäftsreise in Amerika war. Später entdeckte sie eine Botschaft auf dem Anrufbeantworter: Hier sei Dave, sagte eine Stimme. Zac möge sich doch bei ihm melden. Rachelle erkannte die Stimme; sie hatte sie zuvor aus dem Smartphone vernommen.
Rachelle telefonierte alle Freunde ihres Sohnes ab. Einer von ihnen konnte ihr die Nummer eines gewissen Akbar Shamji geben, eines reichen Mannes, mit dem Zac sich oft herumgetrieben hatte. Gesehen hatte Rachelle ihn noch nie. Als Matthew wieder in London war, vereinbarten die drei ein Treffen in der Lobby eines Fünf-Sterne-Hotels.
Akbar Shamji erwies sich als gut aussehender 47-Jähriger, und als sie sich mit ihm unterhielten, fielen sie aus allen Wolken: Zac hatte sich gegenüber Akbar als Zac Ismailov ausgegeben. Seine Mutter sei ein Schweizer Model, sein Vater ein Multimilliardär aus Kasachstan. Irgendwann hatte er geschwindelt, sein Vater sei plötzlich gestorben. Herzinfarkt. Er werde ein Vermögen von mehr als 200 Millionen Pfund erben.
Allerdings, so Akbar Shamji, sei dann wohl etwas schiefgegangen, die Familie der Mutter habe offenbar versucht, Zac um sein Erbe zu bringen. Er sei obdachlos geworden. Akbar habe die Idee gehabt, ihn zeitweise bei seinem Freund Verinder Sharma, unterzubringen, einem einflussreichen älteren Geschäftsmann, der auch als „Dave“ bekannt sei. Die Stimme auf dem Anrufbeantworter! Verinder Sharma, so Akbar, sei Geschäftsmann, seine Geschäfte bewegten sich auf dem schmalen Grat zwischen Legalität und Illegalität. Er habe Zac unter seine Fittiche genommen, den Oligarchensohn vor bösen Einflüssen beschützt.
Just in diesem Augenblick klingelte Akbar Shamjis Smartphone, und Sharma war am Apparat. Dass Zac in sein Leben getreten sei, betrachte er als Segen, orgelte er. Kurzum: Akbar Shamji und „Dave“ benahmen sich, als seien sie Zacs beste Freunde gewesen und hätten seine Lügen nie durchschaut.
Lesen Sie auch
London war in den 1990er Jahren eine Spielwiese russischer Oligarchen geworden. Putins Freunde kauften hier Luxuswohnungen als Geldanlage, und sie schickten ihre Sprösslinge mit Vorliebe auf englische Privatschulen. Zac hatte seine russischen Mitschüler bewundert. Zum Entsetzen seiner Eltern erklärte er, dass Wladimir Putin ein genialer Staatsmann sei. Aus der Bewunderung war also Nachahmung geworden; das Ganze endete damit, dass er eines frühen Morgens in der Dunkelheit auf den Balkon der Wohnung von Verinder Sharma – „Dave“ – trat, ans Ende des Balkons und wieder zurückrannte und dann von der Mitte aus sprang.
Was war da geschehen? „Dave“ behauptete, er habe alles verschlafen. Er sei entsetzt über den Tod des jungen Mannes.
Wer infolge der Lektüre englischer Detektivromane noch Illusionen über Scotland Yard, also die Metropolitan Police von London, hegte, der wird sie bei der Lektüre von Patrick Radden Keefes Buch verlieren. Die Polizisten benahmen sich von Anfang an wie Volltrottel. Sie neigten zu der Theorie, Zac sei heroinsüchtig und depressiv gewesen. Eine Anhörung vor dem Coroner, bei der es um die Todesursache ging, wurde zur Farce: Die vorsitzende Richterin bremste mit aller Gewalt die Anwältin der Familie Brettler aus, als die Aklbar Shamji strenger ins Gebet nehmen wollte. Mittlerweile war klar geworden, dass der in einem entscheidenden Punkt gelogen hatte: Akbar Shamji war an jenem Morgen, an dem Zac starb, am Tatort gewesen. Er hatte just an der Stelle ins Wasser gestarrt, wo Zac gesprungen war.
Das Versagen der Polizei
Die Polizei nahm auch eine Botschaft nicht ernst, die „Dave“ kurz vor Zacs Tod an Akbar geschickt hatte: Er „mache jetzt die Messer heiß“. Mit alldem folgte Scotland Yard einer ehrwürdigen Tradition. Wenn in London russische Oligarchen aus Fenstern stürzten, wurde dies schnell als unverdächtiger Selbstmord eingestuft.
Dabei war Verinder Sharma der Polizei kein Unbekannter. In den 1990er-Jahren hatte er als „Indian Dave“ als Türsteher für verschiedene Clubs gearbeitet. Im Nebenberuf hatte er Schutzgelderpressung betrieben, auch war er vermutlich an Auftragsmorden beteiligt. Eine Zeit lang verschwand er nach Südfrankreich; erst als alter Ganove kehrte er nach London zurück. Auch Akbar Shamji war kein unbeschriebenes Blatt. Sein Vater hatte als Betrüger im Gefängnis gesessen, er war in die Fußstapfen seines Vaters getreten und finanzierte einen aufwendigen Lebensstil mit Schulden, die er nie zurückzahlte.
Leider war es bald nicht mehr möglich, den Mann, der „Indian Dave“ war, nach den näheren Umständen von Zac Brettlers Tod zu befragen. Er verübte Selbstmord; eine Überdosis. Und Akbar Shamji wurde nie wegen irgendeines Vergehens angeklagt.
Lesen Sie auch
Weltplus ArtikelOpioid-Krise in den USA
Patrick Radden Keefe, der aus seinen investigativen Recherchen immer wieder preisgekrönte, packend zu lesende Sachbücher macht (zuletzt etwa zur Opioid-Krise in den USA und der Verantwortung des Sackler-Konzerns), lässt in seinem neuesten Buch die Frage offen, ob die Polizei einfach nur dumm war oder ob in der Schlamperei etwa Methode steckte: Handelte es sich bei „Indian Dave“ um einen Informanten, der von höherer Stelle gedeckt wurde?
Ziemlich klar ist jedoch, was am frühen Morgen des 29. November 2019 geschah. „Zac hatte sich als russischer Oligarchensohn mit Zugriff auf ein gewaltiges Vermögen ausgegeben. Er war an zwei Männer geraten, die ihm ans Geld wollten – an einen Scharlatan, der gerade Insolvenz angemeldet hatte, und an einen Gangster, der für seinen Ruhestand noch einen großen Coup brauchte. Irgendwann begriffen die beiden, dass man sie übers Ohr gehauen hatte, und Zac war mit dem Gangster in der Wohnung eingesperrt.“
Der Königssohn, der keiner war, wollte nicht Selbstmord begehen: Er wollte sich durch einen Sprung in die Themse retten. Als Akbar Shamji und Devinder Sharma gegenüber Rachelle und Matthew Brettler so taten, als suchten sie nach Zac, wussten die beiden längst, dass er tot war. Möglicherweise war all dies nur normal in einer Stadt, die längst den Spitznamen „Londongrad“ trägt, weil sie sich mitsamt all ihren Hochhaustürmen an die mörderische Clique verkauft hat, die Russland regiert.
Patrick Radden Keefe: Der Sohn des Oligarchen. Über die globale Macht der Superreichen und den Niedergang einer Weltstadt. Aus dem Englischen von Hannes Meyer. Hanser, 444 Seiten, 29 Euro.

