Deutschlands Finanzen: Datenanalyse zeigt hohe Risiken
Hızlı Bakış
- Eine Datenanalyse des Handelsblatts enthüllt erhebliche Risiken in Deutschlands Staatsfinanzen.
- Steigende Zinskosten, hohe Kreditaufnahme und eine Konzentration der Ausgaben auf wenige Bereiche deuten auf eine akute Schieflage des Bundeshaushalts hin.
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Germany is planning significant new debt by 2030 to improve infrastructure and defense. While its current debt-to-GDP ratio is below the EU average, data analysis reveals increasing financial risks. The article highlights seven alarm signals from the federal budget.
Hoher Kreditanteil, steigende Zinskosten, große Finanzlöcher – und in wenigen Jahren dominieren drei Ausgabenblöcke den Etat. Eine Datenanalyse offenbart die Risiken in Deutschlands Finanzen. Martin Greive, Jan Hildebrand, Hendrik Wünsche 18.05.2026 - 07:29 Uhr Artikel anhören
Lars Klingbeil nach der Sitzung des Stabilitätsrats: „Wir achten auf die Tragfähigkeit unserer Finanzen“, verspricht der Finanzminister. Foto: Michael Kappeler/dpa
Berlin. Mit fast einer Billion Euro neuer Schulden plant Lars Klingbeil (SPD) bis zum Jahr 2030. „Die höhere Verschuldung ist notwendig“, verteidigt der Bundesfinanzminister seine Haushaltspolitik. Die Infrastruktur und die Verteidigungsfähigkeit des Landes sollen verbessert werden. „Nicht zu investieren, wäre langfristig viel teurer.“
Klingbeil weiß, Rekordschulden verursachen ein mulmiges Gefühl. „Wir achten auf die Tragfähigkeit unserer Finanzen“, sagte der Vizekanzler jüngst und verwies auf den geringen Schuldenstand Deutschlands. Ende vergangenen Jahres lag er bei 63,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Der EU-Durchschnitt beträgt 87,8 Prozent, viele Industrieländer wie die USA liegen längst jenseits der 100-Prozent-Marke.
Tatsächlich bietet Deutschlands Schuldenstand aus Sicht der meisten Ökonomen und Organisationen wie des Internationalen Währungsfonds keinen Anlass zur Sorge. Stand jetzt. In einigen Jahren könnte das anders aussehen. War der deutsche Staat in den vergangenen 20 Jahren laut vielen Expertinnen und Experten zu sparsam, schlägt das Pendel nun in die andere Richtung.
Die Finanzrisiken des deutschen Staates würden sich jetzt erhöhen, nachdem er nun „so massiv in die Verschuldung geht“, sagte Thiess Büttner, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des Stabilitätsrats, eines Gremiums, das über die deutschen Staatsfinanzen wacht. Er warnte, Deutschland könne schon bald mit den EU-Defizitregeln in Konflikt kommen – und dass „auch eine nachhaltige Entwicklung der Schuldenquote nicht mehr abzusichern ist“.
Das Handelsblatt hat Klingbeils Haushaltsplanung analysiert und ist dafür tief in die Daten des Etats eingestiegen. Das Ergebnis: Verschiedene Indikatoren weisen darauf hin, dass der Bundeshaushalt schon in wenigen Jahren in eine akute Schieflage geraten dürfte. Diese sieben Grafiken zeigen die Alarmsignale:
Grafik 1 – Ausgaben des Bundes: Steiler Anstieg
Die Ausgaben des Bundes werden sich in nur 20 Jahren verdoppeln. Pendelten sie zu Beginn des vorigen Jahrzehnts um die 300 Milliarden Euro, sollen sie bis 2030 auf 625 Milliarden Euro steigen.
Auffällig ist vor allem der Bruch ab 2020. Entwickelten sich die Ausgaben im vorigen Jahrzehnt recht moderat, änderte sich das mit der Coronapandemie: In nur zwei Jahren stiegen die Ausgaben des Bundes um 200 Milliarden auf 557 Milliarden Euro.
In einer großen Krise ist ein solcher Anstieg durchaus normal. Nur wurden die Ausgaben nach dem Abflauen von Corona nicht auf das vorherige Maß heruntergefahren, sondern blieben um 100 Milliarden Euro höher als vor dem Ausbruch der Pandemie. Und von diesem deutlich höheren Niveau aus steigen die Ausgaben durch das 2025 aufgelegte Schuldenpaket bis 2030 noch einmal um 20 Prozent an.
Grafik 2 – Nettokreditaufnahme: Milliardenschulden als neue Normalität
Im vorigen Jahrzehnt stand Deutschland finanziell glänzend da. Von 2014 bis 2019 erreichte der Bund sechsmal in Folge eine „schwarze Null“, fuhr sogar Milliardenüberschüsse ein. Dass diese genutzt wurden, um Schulden zu tilgen, anstatt die öffentlichen Investitionen hochzufahren, brachte Deutschland international aber viel Kritik ein.
Mit Corona änderte sich die Schuldenpolitik grundlegend. Um die Folgen der Pandemie abzudämpfen, nahm Deutschland in nur drei Jahren zusätzliche Schulden in Höhe von 460 Milliarden Euro auf. Als 2022 der Ukrainekrieg ausbrach, schuf die Ampelkoalition zudem ein schuldenfinanziertes, 100 Milliarden Euro großes Bundeswehr-Sondervermögen.
2025 leitete Deutschland dann endgültig einen finanzpolitischen Paradigmenwechsel ein. Die schwarz-rote Koalition schuf ein 500 Milliarden Euro schweres Infrastruktur-Sondervermögen. Zudem lockerte sie die Schuldenbremse und kann seitdem für Verteidigungsausgaben unbegrenzt Schulden machen. Dadurch wird sich die Nettokreditaufnahme bis 2030 jährlich bei um die 200 Milliarden Euro bewegen. So hoch war die Verschuldung sonst nur auf dem Höhepunkt der Coronapandemie.
Grafik 3 – Zinskosten: Von vier auf 80 Milliarden Euro
Im vergangenen Jahrzehnt fielen Deutschlands Zinskosten auf einen historischen Tiefststand. Da Deutschland sechs Jahre gar keine neuen Schulden mehr gemacht und die Europäische Zentralbank die Zinsen auf ein Rekordtief gesenkt hatte, musste der Bund 2021 gerade noch vier Milliarden Euro für den Schuldendienst ausgeben.
Mit dem Rekorddefizit und der Zinswende während der Coronapandemie kehrte sich dieser Trend um. 2023 sprangen die Zinskosten auf fast 40 Milliarden Euro. Durch das nach der Bundestagswahl beschlossene Schuldenpaket steigen die Zinskosten weiter stark an und werden sich bis 2030 auf fast 80 Milliarden verdoppeln.
Grafik 4 – Zins-Steuer-Quote: Immer mehr Steuereinnahmen für den Schuldendienst
Mit den steigenden Zinskosten sind auch immer mehr Steuermittel nur für den Schuldendienst gebunden. Wie sehr, zeigt die „Zins-Steuer-Quote“. Gerade viele linke Politiker und Ökonomen argumentieren, man solle auf diesen Indikator anstatt auf die Schuldenquote schauen, weil die Zins-Steuer-Quote aussagekräftiger sei.
Gab der Bund 2021 nur 3,6 Prozent seiner Steuereinnahmen für Zinskosten aus, steigt der Indikator in den nächsten Jahren rapide an: von 7,1 Prozent im Jahr 2025 auf 18,1 Prozent 2030. Fast jeder fünfte Steuer-Euro fließt also 2030 in Zinskosten. Höher war die Quote nur 2004. Ökonomen halten ein Überschreiten von 15 Prozent für bedenklich, ab 20 Prozent drohe ein Land in einen sich selbst verstärkenden Schuldenstrudel zu geraten.
Grafik 5 – Mittelverwendung: Beispiellose Konzentration auf drei Bereiche
In den 2020er-Jahren kommt es zu einer beispiellosen Umschichtung im Bundeshaushalt. 2030 werden 80 Prozent aller Mittel in nur drei Bereiche fließen: Soziales, Verteidigung und Zinskosten. 2020 machten diese drei Aufgabenblöcke nur 46 Prozent aus.
Die Umschichtung erklärt sich zwar stark mit den massiv steigenden Verteidigungsausgaben, die eine Investition in die äußere Sicherheit Deutschlands sind. Der Anteil der Verteidigungsausgaben am Haushalt steigt binnen zehn Jahren von neun auf 29 Prozent. Dennoch ist es problematisch, wenn so viele Mittel sich auf so wenige Ausgabenbereiche konzentrieren, die zudem überwiegend keine Investition darstellen.
„Die Versteinerung des Haushalts wird die Handlungsfähigkeit des Bundes in den kommenden Jahren spürbar einschränken, zukunftsorientierte Investitionsausgaben drohen zunehmend verdrängt zu werden“, sagt Ökonomin Silke Übelmesser, Professorin für Finanzwissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Grafik 6 – Kreditfinanzierungsquote: Von einem Extrem ins andere
Wie stark Deutschland bei der Staatsverschuldung von einem Extrem ins andere driftet, zeigt auch die Kreditfinanzierungsquote. Sie gibt an, wie viele seiner Ausgaben der Bund über Kredite finanziert. Im vorigen Jahrzehnt lag die Quote viele Jahre bei null, weil Deutschland keine Defizite machte.
Während der Coronakrise stieg die Quote auf 37,6 Prozent an, mehr als jeder dritte Euro im Haushalt wurde über Kredite finanziert. Dies ist in Krisenzeiten nicht ungewöhnlich. Schließlich brechen dann häufig die Steuereinnahmen weg, während der Staat zusätzliche Ausgaben, etwa für Hilfs- und Unterstützungsleistungen, schultern muss.
Nach Corona normalisierte sich die Quote kurzzeitig. Die eigentlich interessante Entwicklung zeigt sich in den Jahren ab 2025: Von da an werden 30 Prozent der Ausgaben des Bundes über Schulden finanziert, obwohl keine akute Krise vorliegt. Viele Ökonomen halten das dauerhaft für nicht tragbar.
Grafik 7 – Handlungsbedarfe: Immer größer werdende Haushaltslücken
Trotz Schuldenbremsen-Reform und Infrastruktur-Sondervermögen klaffen im Kernhaushalt weiter große Löcher. Für das Jahr 2027 muss die Bundesregierung ein Haushaltsloch von 20 Milliarden Euro schließen. Dazu hat sie sich grundsätzlich auf Sparmaßnahmen geeinigt, etwa bei Wohn- und Elterngeld. Sie müssen aber noch im Detail ausgearbeitet und beschlossen werden.
Für 2028 beträgt die Haushaltslücke Stand heute noch 54 Milliarden, 2029 rund 60 Milliarden und 2030 sogar 80 Milliarden Euro. Wenn die Koalition ihre Sparmaßnahmen wie geplant umsetzt, würden sich die Lücken um die 20 Milliarden Euro reduzieren. Es blieben also trotzdem ab 2028 noch immer größer werdende Löcher. Von denen ist bisher völlig unklar, wie sie geschlossen werden sollen.
Gelänge es der Bundesregierung nicht, die Lücken zu schließen, würde sie gegen die Verfassung verstoßen, weil mit Ausnahme der Verteidigung die Schuldenbremse für den übrigen Haushalt nach wie vor gilt.
Die Bundesregierung hofft darauf, einen Teil der Lücken durch ein stärkeres Wachstum und damit einhergehende höhere Steuereinnahmen schließen zu können. Zuletzt erfüllten sich diese Hoffnungen jedoch nicht. Laut jüngster Steuerschätzung wird der Staat in den nächsten Jahren weniger einnehmen als bislang erwartet.
Eine andere Option wäre, die Schuldenbremse nochmals zu reformieren und etwa Investitionen von der Schuldenbremse auszunehmen. Die Bundesregierung hat eine Expertenkommission eingesetzt, die einen Vorschlag erarbeiten soll. Derzeit sieht es aber nicht danach aus, als ob sich die Kommission einig würde.
Fazit
Auch wenn die Schuldenquote im internationalen Vergleich nach wie vor gering ist, zeigen viele andere Indikatoren, wie stark Deutschland weite Teile des Haushalts über Schulden finanziert. Und das vor allem über einen ungewohnt langen Zeitraum.
Dies kann noch gravierende Konsequenzen für die Steuerzahler haben, wenn die Politik nicht gegensteuert und etwa die Schuldenbremse so reformiert, dass Verteidigungsausgaben nicht vor allem über Kredite finanziert werden. „Die nationalen Haushaltsregeln erweisen sich als nicht ausreichend wirksam, um einen weiteren Anstieg der Schuldenquote zu begrenzen“, sagt Ökonomin Übelmesser.
Andernfalls könnte selbst Deutschlands Topbonität in Gefahr geraten. Das Schuldenprogramm wurde zunächst positiv aufgenommen, weil es das Wachstum, so die Gelder richtig eingesetzt werden, dauerhaft stärken kann. „Der Bund muss diesen eingeschlagenen Weg verlassen, sonst droht ein Verlust der Bestnote der Rating-Agenturen mit in der Folge weiter steigenden Zinsen“, sagt der Ökonom Lars Feld.
Zwar hat die Ratingagentur Standard & Poor’s Deutschlands Topbewertung erst Ende April bestätigt. In ihrer Analyse schreibt Standard & Poor’s aber auch: „Deutschlands fragile wirtschaftliche Erholung hängt maßgeblich von dem im vergangenen Jahr eingeführten umfangreichen Konjunkturpaket ab.“ Zudem verliefen „die Bemühungen der Regierung um Strukturreformen bisher schleppend“.
Sollte sich – anders als erhofft – weiter kaum Wachstum einstellen, könnten die Ratingagenturen Deutschlands Topbonität auch infrage stellen, was die Zinsen für die Aufnahme neuer Schulden nach oben treiben würde. Dann würde noch mehr Geld als jetzt schon in Zinsausgaben fließen: Muss der Bund ein Prozent mehr auf neue Schulden zahlen, kostet ihn das mittelfristig 17,3 Milliarden Euro zusätzlich im Jahr.
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Erstpublikation: 17.05.2026, 18:13 Uhr.
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