German Grid Operators Pessimistic About Energy Transition Goals
Die Betreiber der Stromverteilnetze in Deutschland blicken pessimistisch auf die Energiewende. Nach Auffassung von 75 Prozent der Unternehmen ist das gesetzlich definierte Ziel, den Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch bis 2030 auf 80 Prozent zu erhöhen, ohne strukturelle Änderungen nicht erreichbar. Weitere 16 Prozent stimmen dieser Aussage „teilweise“ zu. Damit summiert sich der Anteil der Zweifler auf 91 Prozent.
Die Zahlen sind das Ergebnis einer Umfrage, die der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) unter seinen Mitgliedsunternehmen durchgeführt hat. Sie liegt dem Handelsblatt vor.
Verantwortlich für die Stromverteilnetze sind in Deutschland rund 850 Netzbetreiber, darunter viele Stadtwerke. Davon zu unterscheiden sind die Stromübertragungsnetze. Sie werden in Deutschland von den vier Unternehmen 50Hertz, Amprion, Tennet und Transnet BW betrieben. Sie bilden die „Stromautobahnen“ des Systems und transportieren deutschlandweit große Strommengen.
Die Ursache für den Pessimismus der Stromverteilnetzbetreiber steht in engem Zusammenhang mit der Regulierung durch die Bundesnetzagentur. 79 Prozent der Unternehmen bewerten die jüngsten Festlegungen der Bundesnetzagentur „insgesamt negativ“ oder „sehr negativ“.
Der Fokus der Netzbetreiber liegt dabei auf der sogenannten „Nest“-Regulierung. „Nest“ steht für „Netze. Effizient. Sicher. Transformiert.“. Unter diesem Sammelbegriff hatte die Bundesnetzagentur Ende vergangenen Jahres ein großes Regulierungsvorhaben abgeschlossen. Es regelt, wie viel Geld die Netzbetreiber in Zukunft verdienen dürfen. Für Stromnetze gelten die Regeln ab 2029, für Gasnetze ab 2028.
Dabei hat die Agentur versucht, die Balance zwischen den Interessen der Netzbetreiber und ihrer Kunden zu halten. Höhere Netzerlöse für die Betreiber bedeuten höhere Preise für Strom- und Gaskunden. Das betrifft Haushalte und die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen. Doch höhere Netzerlöse sind zugleich auch ein Anreiz, die Netze schneller auszubauen, um Solaranlagen oder Rechenzentren anzuschließen.
Zugleich arbeitet die Netzagentur aktuell am sogenannten „Agnes“-Prozess, den Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller vor einem Jahr eingeleitet hat. Agnes steht für „Allgemeine Netzentgeltsystematik Strom“. Bis Ende 2026 sollen die Reformpläne abgeschlossen werden und ab Januar 2029 in Kraft treten. Die Reform soll dazu beitragen, knappe Netzkapazitäten mit einem Preis zu versehen, eine flexible Nutzung der Netze anzureizen und die Kosten des Netzausbaus zu dämpfen.
VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing sagte dem Handelsblatt, die Nest-Regulierung belaste die Betreiber erheblich. Daher komme es jetzt darauf an, „die Rahmenbedingungen im Agnes‑Prozess so weiterzuentwickeln, dass Investitionen nicht ausgebremst, die finanziellen Lasten des Netzausbaus fairer verteilt und netzdienliches Verhalten angereizt werden“.
Die Stromverteilnetze spielen eine Schlüsselrolle für die Energiewende. Sie sorgen für den Stromtransport auf regionaler und lokaler Ebene und tragen die Energiewende damit bis zum Hausanschluss. Die Betreiber stehen vor der Herausforderung, eine stark wachsende Zahl von Stromerzeugungsanlagen, etwa Windparks oder Photovoltaikanlagen, in die Netze zu integrieren. Zugleich steigt die Zahl der Stromverbraucher aufgrund der zunehmenden Elektrifizierung industrieller Prozesse, aber auch durch Rechenzentren. Auch die Ansprüche der privaten Haushalte an das Stromverteilnetz steigen, etwa durch elektrische Wärmepumpen und Ladestationen für E-Autos.
Die Probleme in den Stromverteilnetzen sind seit Jahren bekannt. Zwar sind in den kommenden Jahren Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe geplant. Allerdings stößt der Ausbau an vielen Stellen an Grenzen, etwa wegen langwieriger Planungs- und Genehmigungsverfahren.
Das spiegelt sich auch in der Umfrage wider. 66 Prozent der Unternehmen nannten den bürokratischen Aufwand bei der Planung der Netztrassen als Hauptgrund für Verzögerungen. Das ist der Spitzenplatz. Auf den Plätzen zwei und drei folgen Lieferengpässe (54 Prozent) sowie lange Genehmigungs- und Umweltverträglichkeitsprüfungen (48 Prozent).
Die Bereitschaft der Unternehmen, in den Ausbau ihrer Netze zu investieren, ist grundsätzlich vorhanden. Der Umfrage zufolge gehen 85 Prozent der Unternehmen davon aus, dass sie ihre Investitionen bis 2045 im Vergleich zu heute verdoppeln oder gar verdreifachen.
Ob sie diese Investitionen allerdings auch tatsächlich werden stemmen können, steht auf einem anderen Blatt. Eine Ende 2025 veröffentlichte Analyse der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC kommt zu dem Ergebnis, dass Stadtwerke und Regionalversorger bis 2045 rund 535 Milliarden Euro in die Transformation zur Klimaneutralität investieren müssen. Der größte Einzelposten sind dabei Investitionen in die Stromverteilnetze. Doch diese Summe können die Unternehmen größtenteils nicht selbst aufbringen: Laut PwC klafft eine Finanzierungslücke von 346 Milliarden Euro.




