Lego und Pokémon kündigen Kooperation für neue Spielsets an
Wer glaubt, dass Kinder heutzutage nichts mehr lernen wollen, der frage einmal Sechsjährige, wie viele Pokémon sie denn kennen. 2001, als es noch 150 Pokémon gab, konnte man da als Erwachsener noch mitkommen. 25 Jahre später wird diese Aufgabe ungleich schwerer. Inzwischen gibt es mehr als 1.000 Pokémon. Und sie faszinieren Kinder noch immer. Genauso wie der dänische Klemmbausteinhersteller Lego, wenn Sie den Beweis dafür wollen, fragen sie die gleichen Sechsjährigen mal nach den Hintergründen des Spinjitzus auf der Insel Ninjago.
Insofern ist es eine bemerkenswerte Ankündigung, die Lego und Pokémon heute veröffentlichten: Beide Unternehmen tun sich zusammen, zwölf Sets bringen sie gemeinsam für Kinder heraus, die ab August zu kaufen sind. Die neuen Sets enthalten auch die besonderen »Smart Bricks«, die neuartigen, schlauen Legosteine, die Lego bereits im Januar auf der Unterhaltungselektronikmesse CES in Las Vegas vorgestellt hatte. Die weltweit wertvollste Spielzeugmarke tut sich mit dem weltweit umsatzstärksten Medienfranchise zusammen, für ein Spielzeug, das auch in der digitalen Gegenwart noch begeistern soll. Da mussten wir natürlich einmal Probespielen.
Das Pikachu aus schlauen Legosteinen lacht, wenn man es am Bauch kitzelt. Es schnarcht, wenn man es hinlegt, macht »mjam mjam mjam«, wenn man ihm ein Sandwich hinhält. Mit einem Schütteln startet es seine Blitzattacke. Es fühlt sich ein bisschen wie ein Lego-Tamagotchi an. Die Sounds sind weder die aus dem Anime, noch aus den ursprünglichen Spielen, das dürfte den meisten Kindern aber auch gar nicht so wichtig sein. Hauptsache, Pikachu wird zum Leben erweckt.
Erwachsene Fans brachten Lego zurück
Es sind nicht die ersten Sets, die Lego und Pokémon zusammen herausbringen, aber die ersten, die sich vor allem an Kinder richten. Anfang dieses Jahres waren drei detaillierte Figuren erschienen, etwa ein Pikachu, das aus einem Pokéball springt. Das waren allerdings mehr Modelle als Spielzeug, vergleichbar mit den aufwendigen Sets vom Todesstern aus Star Wars, dem Eiffelturm oder dem Tempel aus dem Film Indiana Jones. Sie zielten auf die Gruppe, die für Lego in den vergangenen Jahren zum wichtigen Umsatztreiber wurde, die Lego sogar einst gerettet hatten: nostalgische Erwachsene.
Denn Ende der Neunziger stand Lego schlecht da. Die Umsätze hatten nachgelassen, die Produktionskosten waren gestiegen, Lego machte Verluste. Die Unternehmensführung versuchte gegenzusteuern: mit Computerspielen, den Themenparks und mit digitalem Spielzeug wie dem programmierbaren Lego Mindstorms, das mehr in die Gegenwart der Millennial-Kinder zu passen schien. Das Gegenteil war der Fall, die Lizenzen für Star Wars und Harry Potter waren teuer, die Verluste wurden größer. Lego stand nah an der Insolvenz. Dann kam 2004 ein neuer Chef, erstmals ließ die Eigentümerfamilie einen Außenstehenden ran. Jørgen Vig Knudstorp führte das Unternehmen zurück in die Gewinnzone – auch wegen der AFOLs.
Die Abkürzung meint die Adult Fans of Lego, erwachsene Lego-Spieler. Lange Zeit hatte Lego skeptisch auf erwachsene Fans geblickt, die sich bis heute oft auch als lautstarke, steinheldenhafte Kritiker des Konzerns verstehen. Mit Knudstorp änderte sich das, er setzte stattdessen auf Partnerschaft. Das ging auf. In einem Interview sagte ein Lego-Manager 2021, dass ein Fünftel der Lego-Verkäufe inzwischen von Erwachsenen komme, die Sets für sich selbst kauften. Für die AFOL-Produkte verlangt Lego meist höhere Preise: 650 Euro kostete das teuerste Pokémon-Set, das in diesem Jahr erschienen ist und sich an erwachsene Fans richtet.
Natürlich gab es auch immer Sets für junge Käufer, doch bei all den Blumen, Dinosaurierskeletten, Herr-der-Ringe-Szenerien, Mona Lisas und Rennrädern, die Lego in den vergangenen Jahren auf den Markt brachte, konnte man sich zuletzt schon fragen: Wo bleiben eigentlich die Kinder?


