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Papst Leo XIV. will Kirche als ethischen Kompass in KI-Debatte etablieren
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Handelsblatt25.05.2026Religion5 dk okumaGermany

Papst Leo XIV. will Kirche als ethischen Kompass in KI-Debatte etablieren

Hızlı Bakış

  • Papst Leo XIV. veröffentlicht seine erste Enzyklika zur Künstlichen Intelligenz und positioniert die Kirche als ethischen Orientierungspunkt.
  • Er warnt vor der "oligopolistischen Kontrolle" von Tech-Konzernen und sucht Allianzen mit Unternehmen wie Anthropic, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen.

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Papst Leo XIV. veröffentlicht seine erste Enzyklika, die sich mit den ethischen Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz befasst. Die katholische Soziallehre, die Ende des 19. Jahrhunderts als Antwort auf die industrielle Revolution entstand, soll nun als Leitfaden für die KI-Entwicklung dienen.

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Rom. Mit seiner ersten Enzyklika will Papst Leo XIV. die Kirche als ethischen Orientierungspunkt in der KI-Debatte etablieren und Wege aufzeigen, wie negative Auswirkungen von KI vermieden oder eingeschränkt werden können.

Enzykliken sind päpstliche Lehrschreiben, die in der katholischen Kirche Orientierung geben in Fragen des Glaubens, der Moral und der Gesellschaft. Die erste Enzyklika eines Papstes hat einen besonderen Stellenwert: Sie gilt als Regierungserklärung, mit der er sein Selbstverständnis erklärt, darlegt, an welchen Themen ihm liegt und in welche Richtung er sein Pontifikat entwickeln möchte.

Die Aufmerksamkeit für die Enzyklika, die der Papst an diesem Pfingstmontag vorlegt, wird über die weltweit 1,4 Milliarden Katholiken hinausreichen. Auch Entscheider aus der US-Tech-Branche interessieren sich dafür, was der Papst zum Thema Künstliche Intelligenz zu sagen hat.

Denn die Branche befindet sich in einer Phase der Neuorientierung. Zum technischen Wettlauf um die effizientesten Sprachmodelle kommen immer mehr ethische Fragen hinzu. Denn je mehr Menschen KI-Chatbots in ihrem Alltag nutzen, desto mehr stellt sich die Frage, an welche Verhaltensregeln sich die virtuellen Gesprächspartner halten sollen.

Kann die Kirche helfen? Leo XIV. stellt KI ins Zentrum seines Pontifikats – angefangen bei seiner Namenswahl: Zwei Tage nach seiner Wahl im Mai 2025 erklärte Leo, dass er seinen Namen deshalb ausgesucht habe, weil eine neue industrielle Revolution bevorstehe, und er glaube, dass die katholische Soziallehre darauf „und auf die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz“ eine Antwort habe.

Die katholische Soziallehre entstand Ende des 19. Jahrhunderts als Antwort auf die industrielle Revolution, welche zwar ein hohes Tempo an Innovation und Fortschritt erzeugte, gleichzeitig aber zu entsetzlichen Bedingungen für die Arbeiter in den neuen Fabriken führte. Der damalige Papst stellte sich mit der Enzyklika „Rerum novarum“ an die Seite der Arbeiter. Sein Name war Leo XIII. In seiner Tradition sieht sich Leo XIV.

In welche Richtung es nun im aktuellen Pontifikat gehen könnte, zeigen die bisherigen Äußerungen des Papstes zur KI. So schrieb er, dass es sich bei KI nicht mehr nur um eine rein technologische, sondern um eine anthropologische Herausforderung handele: Es gehe nicht darum, „die digitale Innovation aufzuhalten“, sondern sie zu „lenken“ und sie im Sinne der Achtung der Menschenwürde zu formen.

Leo kritisierte außerdem die großen Tech-Konzerne, indem er vor ihrer „oligopolistischen Kontrolle über algorithmische Systeme und Künstliche Intelligenz“ warnte, „die in der Lage sind, das Verhalten subtil zu lenken und sogar die Geschichte der Menschheit, einschließlich der Geschichte der Kirche, neu zu schreiben, oft ohne dass man sich dessen wirklich bewusst wird“.

Daher forderte er, ein „gesundes“ Bündnis mit der Technologie zu schmieden, bei dem die Menschenwürde an erster Stelle steht.

Was unter Leo XIII. die Arbeiterfrage war, ist für den neuen Leo nun die KI und die Herausforderungen, die sie „für die Wahrung der Menschenwürde, der Gerechtigkeit und der Arbeit mit sich bringt“.

Entstanden ist sie nicht nur in isolierten Schreibstuben im Vatikan. Die Enzyklika basiert auch auf einem jahrelangen Austausch zwischen dem Vatikan und dem Silicon Valley, der schon unter Leos Vorgänger Papst Franziskus begonnen hatte.

Wie wichtig dem Papst dieses Thema ist und wie eng die Verbindungen in die US-KI-Labore sind, zeigt schon die Konferenz zur Vorstellung der Enzyklika. Dabei gibt es gleich zwei Neuheiten: Erstens stellt der Papst das Dokument persönlich vor. Das hat es zuvor noch nie gegeben. Und zweitens wird ein Unternehmer dabei neben ihm sitzen: Christopher Olah, Mitgründer des KI-Unternehmens Anthropic.

Das lässt sich leicht als politisches Statement interpretieren: Denn Anthropic gilt in den USA als kritischer Akteur gegenüber Präsident Donald Trump, nachdem das Unternehmen der US-Regierung untersagt hat, sein KI-Modell Claude für die Steuerung autonomer Waffensysteme einzusetzen. Und auch Leo war in den vergangenen Monaten mit Trump wegen dessen Aussagen zum Irankrieg aneinandergeraten.

Giovanni Tridente, der an der Päpstlichen Università della Santa Croce in Rom KI und Kommunikation unterrichtet, glaubt indes nicht, dass Olahs Anwesenheit ein Seitenhieb in Richtung Trump ist. Vielmehr suche der Papst nach Alliierten im Bereich KI, nach Unternehmen, die eine ähnliche Weltsicht haben.

Und: „Anthropic war nach eigenen Angaben von Beginn an darauf bedacht, eine KI zu schaffen, bei der der Mensch im Zentrum steht“, sagt Tridente. Das Unternehmen sei darum bemüht, die Auswirkungen der KI auf den Einzelnen im Blick zu behalten. Daher stünden sich der Vatikan und Anthropic in dieser Hinsicht sehr nahe.

Zudem existiert die Verbindung zwischen dem Vatikan und Anthropic bereits länger als der Konflikt mit Trump: Olah hat in der Vergangenheit an den Minerva Dialogues teilgenommen, zu denen der Vatikan seit Jahren führende Personen aus der Tech-Welt sowie Theologen zu Debatten über das Verhältnis von Innovation, Ethik und Gemeinwohl einlädt.

Olah verantwortet bei Anthropic heute die ethischen Aspekte von Claude. Wie das US-Magazin „The Atlantic“ schreibt, hat er die „Verfassung“ von Claude geschrieben oder das „Seelen-Dokument“, wie es die Mitarbeitenden nennen.

Es definiert, an welchen ethischen Grundsätzen sich das Modell orientieren soll. Geholfen haben ihm dabei unternehmensinterne Philosophen und externe Experten – zu denen ein katholischer Priester, ein Bischof und ein Theologe zählen. In dem Artikel beschreibt Olah, der selbst Atheist ist, das KI-Modell als ein „denkendes, fühlendes Wesen, das eine ‚moralische Erziehung‘ brauche“. Und genau an dieser Stelle hofft der Vatikan, helfen zu können – nicht nur Anthropic, sondern der gesamten KI-Branche.

In einer Zeit, in der die Kirche in der westlichen Welt zusehends an Bedeutung verliert, könnte KI eine Gelegenheit für die Kirche sein, diesen Trend umzukehren: als globale Institution, die einen moralischen Kompass in einem Kontext stiftet, der heute vielen Menschen Sorgen macht und sich in eine unbekannte Zukunft entwickelt.

Der Theologe Nicholas Hayes-Mota unterrichtet an der Santa Clara University – „der Jesuitenuniversität des Silicon Valleys“ – Sozialethik. Er glaubt, dass die gesellschaftliche Verunsicherung über die Entwicklung von KI „eine einmalige Gelegenheit“ für die Kirche sei, in diesem Bereich Führungsstärke zu zeigen. Denn: „Alle machen sich Sorgen über die KI und es ist unklar, wer eine Führungsrolle übernehmen kann“, sagt er.

Dabei wünschten sich nicht nur normale Bürger eine Orientierungshilfe. Auch viele Mitglieder der Tech-Branche – „insbesondere die KI-Entwickler“ – hoffen, dass die Kirche dazu beiträgt, dass die ethischen Fragen bei der Entwicklung von KI-Modellen bedacht werden. Dabei handle es sich nicht überwiegend um gläubige Katholiken, sondern auch konfessionslose Menschen, die „in dieser unglaublich schwierigen und sich rasant entwickelnden Landschaft der KI-Technologie nach Orientierung und moralischen Grundsätzen suchen“, sagt Hayes-Mota.

Açık Sorular

  • Wie werden die ethischen Richtlinien der Kirche in der Praxis umgesetzt?
  • Welche konkreten Maßnahmen werden von den Tech-Unternehmen erwartet?
  • Wie wird die Akzeptanz der kirchlichen Positionierung in der breiten Öffentlichkeit und in der Tech-Branche sein?
  • Welche Rolle spielen andere Religionen und Weltanschauungen in der globalen KI-Ethik-Debatte?

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