Şeyda Kurts Roman „Zeit der Monster“: Wenn die alte Welt stirbt
Hızlı Bakış
- Şeyda Kurts Roman „Zeit der Monster“ greift Antonio Gramscis Krise als Metapher für gesellschaftliche Umbrüche auf.
- Das Buch, eine „Gegenerzählung“ zu autofiktionalen Zuschreibungen, spielt in einem als „Sumpf“ bezeichneten Kölner Viertel und beleuchtet dessen Historie sowie die Suche nach der verschwundenen Nabu.
Yapay zekâ özeti
Neden Önemli?
Şeyda Kurts Roman „Zeit der Monster“ greift Antonio Gramscis Definition der Krise als „Zeit der Monster“ auf, um eine „Gegenerzählung“ zu schaffen, die sich von autofiktionalen Zuschreibungen für migrantische Autorinnen abgrenzt. Das Buch spielt in einem an Köln-Kalk erinnernden Viertel, das als „Sumpf“ bezeichnet wird und gesellschaftliche Missstände beleuchtet.
Wer heute von Monstern spricht, könnte Antonio Gramsci (1891–1937) zitieren. Der von Mussolini inhaftierte Kommunist hat die Krise seiner Zeit so definiert: „Die alte Welt stirbt, und die neue Welt ringt um ihre Geburt: Jetzt ist die Zeit der Monster.“
Unser Wort „Monster“ kommt vom lateinischen „monstrare“, „zeigen“. Obwohl lange auch das, was wir heute, von Alien bis Godzilla, so nennen, als Zeichen einer höheren Macht galt, dachte Gramsci weniger an gruselige Fantasiewesen. Von „fenomeni morbosi“, Krankheitssymptomen, sprach er in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, der Oktoberrevolution und dem Aufstieg des Faschismus. Şeyda Kurt, 1992 geborene Sachbuch- und jetzt auch Romanautorin, wusste das, als sie ihr erstes belletristisches Buch – nach den Non-Fiction-Bestsellern „Radikale Zärtlichkeit“ von 2021 und „Hass“ von 2023 – „Zeit der Monster“ nannte.
Im Schweizer Magazin „Republik“ hat sie ihren Roman als eine „Gegenerzählung“ bezeichnet. „Auch zu den Genrezuschreibungen, die über migrantische Autorinnen in den letzten Jahren viel gemacht wurden: dass sie nur autofiktional schreiben und sich auf eine persönliche Nabelschau beschränken dürfen.“ Kurts Großeltern kamen in den 1960er-Jahren als „Gastarbeiter“ nach Köln.
Das Ausscheren aus der Norm galt immer wieder als „monströs“. Was die Literatur angeht, hat schon Horaz seine Leser mit dem Schreckensbild eines Textes geschockt, der einem Wesen mit menschlichem Kopf, Pferdebrust und Vogelfedern gleicht. Kurts Roman monströs zu nennen, wäre zwar übertrieben. Doch die in knappen Abschnitten erzählte Geschichte, die streckenweise so gesetzt ist wie ein Prosagedicht, wird nicht allen Erwartungen an herkömmliche Romankunst gerecht. Mit Autofiktion hat sie, obwohl sich der größte Teil der multiperspektivisch erzählten Story in einem Viertel abspielt, das an den Kölner Stadtteil Kalk erinnert – da ist Şeyda Kurt aufgewachsen –, aber wirklich nicht zu tun.
Als „herrlich und monströs“ bezeichnet eine der Erzählstimmen das Viertel übrigens selbst. Seine Einwohner nennen es schlicht „Sumpf“. Die Medien auch. In einer „alten Zeitung“, die Nabu, eine der Protagonistinnen, „aus dem Schlamm“ zieht, liest sie: „ein Drogensumpf, ein Elendssumpf, ein Krawallsumpf, ein verkommenes Sumpfviertel“.
Schlüsseljahr 2008
Nabu ist verschwunden. Im Streit hat sie die Sieversstraße 20 verlassen, wo sie mit ihrer nach einer assyrischen Königin benannten Mutter Shamiram, ihres Zeichens Besitzerin des „Muskelpalasts McBurn“ und emsige Schreiberin von Briefen, die der deutschen Kanzlerin die Missstände im Viertel nahebringen („Bist du dumm oder was?“), ihrem Bruder Yousip samt Kind und ihrer Adoptivschwester Sanya gewohnt hat. Grund für den Streit war, dass Shamiram das Gerücht eines nahenden Weltunterganges verbreitet hat – sie hofft, dass das zu einem Aufstand im Viertel führen wird.
Und immer chaotischer, abgründiger, grundstürzender wird es wirklich, wenn Kurt ihrer Heldin Sanya und einer mysteriösen, zunächst so namens- wie geschlechtslosen Person an ihrer Seite auf der Suche nach Nabu folgt. Da haben türkische Rechtsradikale einen Auftritt und eine „Brigade Karl Küpper“, benannt nach dem Kölner Karnevalisten, der sich gegen die Nazis stellte.
Einem Armenpfarrer werden es zu viele Menschen in seinem Gotteshaus: „Angelo wusste nicht mehr, wo sein eigener Atem aufhörte und der Atem der anderen begann.“ Währenddessen gräbt sich Nabu Schicht für Schicht durch die Historie des Viertels und geht dabei unserer gegenwärtigen Krise auf den Grund. Ein Grund: „Im Rückblick bleibt 2008 als das Jahr in Erinnerung, das zeigt, dass die freien Märkte nicht von selbst funktionieren.“
Dann geht es weiter, in die Zeit, die auch Gramsci vor Augen hatte, die Zeit also des Zerfalls des Osmanischen Reiches und der imperialen Neuordnung des Nahen Ostens, bevor – quasi als Ur- und Frühgeschichte von Shamirams Familie – die Historie des Zweistromlandes Thema wird. Angebunden ist das geschichtlich näher Liegende dabei an Köln-Kalker Geschichte.
Da geht es um die Ermordung eines Jugendlichen im Wirtschaftskrisenjahr 2008, die das Viertel in Aufruhr versetzte. Oder um die Chemische Fabrik Kalk, seit 1993 geschlossen. Auf deren ehemaligem Grund und Boden steht heute eine Mall – „die neueste Colossal Curl Bounce Mascara in Very Black von Maybelline New York, die man in jeder dritten Chaya-Handtasche unseres Viertels findet“, ist ebenso wichtig für die Welt, die Kurt kreiert, wie die Haupt- und Staatsaktionen. Siehe: „Was 2008 noch passiert: Beyoncé feiert mit Single Ladys einen Hit. Alle singen mit, selbst die Vergebenen.“
So ist „Zeit der Monster“ auch ein Heimatroman – nicht nur wegen „In unserm Veedel“ von den Bläck Fööss: Kein leicht zu lesender, aber ein sehr lesenswerter Heimatroman, der zugleich daran erinnert, was das ist, Heimat, und der das Zeug dazu hat, unsere Vorstellungen von Heimat über den Haufen zu werfen.
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- Wie entwickelt sich die Suche nach Nabu im Detail?
- Welche Rolle spielen die türkischen Rechtsradikalen genau?
- Welche weiteren historischen Schichten des Viertels werden beleuchtet?


