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Unternehmenskonzentration: Ein Jahrhundert wachsender Umsätze, aber stabiler Beschäftigung
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Unternehmenskonzentration: Ein Jahrhundert wachsender Umsätze, aber stabiler Beschäftigung

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Als Adam Smith „The Wealth of Nations“ verfasste, beschrieb er eine dezentral organisierte Wirtschaft, in der kleine Produzenten wie Metzger, Brauer oder Bäcker ihre eigenen Interessen verfolgen und so zum allgemeinen Wohlstand beitragen. Er hielt große Unternehmen für schwer führbar und unflexibel. Preise und die Wirtschaftsordnung entstünden durch die „unsichtbare Hand“ des Marktes, nicht durch zentrale Planung oder große Organisationen.

Mit der Industrialisierung entfernte sich die wirtschaftliche Realität zunehmend von der von Smith beschriebenen dezentralen Wirtschaftsordnung. Der Aufstieg großer Unternehmen rückte damit Fragen nach Größe, Kontrolle und Macht wirtschaftlicher Organisationen ins Zentrum der ökonomischen Debatte. Karl Marx etwa beschrieb einen Prozess, in dem große Unternehmen unweigerlich immer weiter wüchsen und sich das Kapital zunehmend konzentrieren würde. Lenin übersetzte dies in ein konkretes politisches Programm, wonach die gesamte Wirtschaft als „ein Büro und eine Fabrik“ organisiert werden solle, denn nur so könnten die größten Effizienzvorteile erzielt werden.

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Wie hat sich die Unternehmenskonzentration seit 1900 entwickelt?

Fragen nach der Rolle großer Unternehmen blieben auch im 20. Jahrhundert ein zentrales Thema für Ökonomen unterschiedlichster Schulen. In den letzten Jahren haben diese Fragen durch empirische Forschung neue Aufmerksamkeit erfahren. Demnach vereinen die größten Unternehmen einen wachsenden Anteil der Wertschöpfung auf sich. Eine eindeutige Erklärung für diese Konzentrationsprozesse steht bislang aus. Als mögliche Einflussfaktoren werden Veränderungen in Technologie, Handel, Wettbewerbspolitik und Demografie diskutiert. Bisher blieb unklar, ob es sich bei der Expansion großer Unternehmen um ein Phänomen der letzten zwei bis drei Jahrzehnte handelt oder um einen längerfristigen Wandel der Organisation wirtschaftlicher Produktion. Viele der zuvor formulierten Erklärungsansätze würden bei einem längerfristigen Trend zu kurz greifen.

Ein neues Forschungsprojekt von Ökonominnen und Ökonomen des Kiel Instituts, der Universität Chicago und der Northwestern Universität rekonstruiert und analysiert nun erstmals die weltweite Entwicklung der Unternehmenskonzentration seit 1900 und schließt damit eine Lücke, da Unternehmenskonzentration bislang meist nur über kurze Zeiträume betrachtet wurde.

Grundlage sind neu digitalisierte Daten aus historischen Steuerstatistiken und Unternehmenszählungen aus zehn marktwirtschaftlich geprägten Volkswirtschaften in Europa, Nordamerika, Asien und Australien. Als Maß dient der Anteil von Umsatz, Gewinnen, Kapital oder Beschäftigung, der auf die größten Unternehmen entfällt. Die zugrunde liegenden Daten stammen oftmals aus denselben Quellen, auf denen auch die Ungleichheitsforschung von Thomas Piketty aufbaut. Sie erfassen die Zahl der Steuerzahler nach Einkommens- oder Umsatzgröße und erlauben es so, Verteilungen zu schätzen, ohne Informationen zu jedem einzelnen Unternehmen oder Steuerzahler erheben zu müssen. In Deutschland etwa reichen vergleichbare Umsatzsteuerstatistiken bis 1926 zurück.

Ein Jahrhundert wachsender Umsatz- und Kapitalkonzentration

Die historischen Daten zeigen, dass über das vergangene Jahrhundert hinweg die Konzentration von Umsätzen, Gewinnen und Kapital weltweit zugenommen hat. So entfielen in den 1920er-Jahren auf die größten ein Prozent der Unternehmen in Deutschland rund 50 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Umsätze. Heute ist dieser Anteil auf etwa 75 Prozent gestiegen. Vergleichbare Entwicklungen finden sich auch bei Gewinnen und Kapital.

Besonders aufschlussreich ist der internationale Vergleich. Trotz unterschiedlicher Wirtschaftsstrukturen zeigt sich überall dasselbe Muster. Das wiederum ist ein Hinweis auf einen allgemeinen Entwicklungstrend, der sich nicht durch länderspezifische Besonderheiten oder einzelne wirtschaftspolitische Maßnahmen erklären lässt.

Das Muster steigender Konzentration zeigt sich nicht nur auf gesamtwirtschaftlicher Ebene, sondern auch innerhalb einzelner Sektoren. Allerdings setzte dieser Konzentrationsprozess je nach Sektor zu unterschiedlichen Zeiten ein. In früh industrialisierten Ländern wie den USA, Großbritannien und Deutschland stieg die Bedeutung großer Industrieunternehmen bereits im frühen 20. Jahrhundert stark an, blieb danach aber vergleichsweise stabil. In später industrialisierten Volkswirtschaften wie Südkorea dokumentieren die Autoren einen ähnlich ausgeprägten Aufstieg großer Unternehmen in der jüngeren Vergangenheit. Im Dienstleistungssektor und im Handel setzte der Konzentrationsprozess ebenfalls später ein und beschleunigte sich vor allem seit den 1970er-Jahren.

Die zunehmende Konzentration der Unternehmen führte jedoch nicht, wie von Marx prognostiziert, zu einem parallelen Anstieg der Vermögensungleichheit. Im Gegenteil: Diese ging zunächst deutlich zurück und steigt erst in den letzten Jahrzehnten wieder an. Ein wichtiger Grund dürfte sein, dass Unternehmensbesitz heute breiter gestreut ist als vor hundert Jahren.

Wo die Konzentration ausbleibt

Wer expandiert, produziert mehr und benötigt dafür in der Regel mehr Kapital und mehr Arbeit. Die langfristige Perspektive zeigt jedoch, dass dieser Zusammenhang auf gesamtwirtschaftlicher Ebene schwächer geworden ist. Während Umsätze, Gewinne und Kapital zunehmend konzentriert sind, ist die Konzentration der Beschäftigung im historischen Vergleich relativ stabil geblieben. Für die Gesamtwirtschaft entfallen auf die größten ein Prozent der Unternehmen vor 100 Jahren genau wie heute rund 50 Prozent der Beschäftigten. Die wirtschaftliche Bedeutung großer Unternehmen hat deutlich zugenommen, ohne dass sich ihre Rolle als Arbeitgeber im gleichen Maß verändert hat.

Auf Branchenebene zeigt sich dasselbe Muster in der Industrie. Eine Ausnahme bildet der Handel, wo die Beschäftigungskonzentration nahezu ebenso stark gestiegen ist wie die Umsatzkonzentration. Anschaulich zeigt sich das am Wandel der größten deutschen Arbeitgeber. Zu den traditionellen Industriegiganten wie Siemens oder Volkswagen sind heute Supermarktketten wie Aldi, Edeka, Lidl und Rewe getreten.

In gängigen ökonomischen Modellen gelten Kapital und Arbeit als komplementär. Wächst ein Unternehmen, wird es beide Produktionsfaktoren zugleich ausweiten. Dies sollte dazu führen, dass sich auch die Konzentrationsmaße parallel bewegen. Empirisch driften sie jedoch immer weiter auseinander. Die Autoren sehen eine Erklärung in der zunehmenden Automatisierung von Prozessen. Wachstum erfolgt vermehrt über Investitionen in Maschinen, Software und datenbasierte Prozesse, die zusätzliche Arbeitskräfte ersetzen. Große Unternehmen können die hohen Fixkosten solcher Investitionen eher tragen und die daraus resultierenden Skaleneffekte nutzen. Da Maschinen und Technik im Zeitverlauf immer günstiger und leistungsfähiger geworden sind, schreitet die Automatisierung weiter voran.

Wo sich Prozesse stark automatisieren lassen, wie in der Industrie, expandieren führende Unternehmen vor allem kapitalintensiv. In diesem Fall steigen Umsatz-, Gewinn- und Kapitalkonzentration stärker als die Beschäftigungskonzentration. Wo sich Tätigkeiten bislang schwerer automatisieren lassen, etwa im Handel, greift die Komplementarität zwischen Kapital und Arbeit weiterhin. Dort geht das Wachstum großer Unternehmen mit steigenden Umsätzen und Beschäftigung einher, sodass auch die Beschäftigungskonzentration zunimmt.

Warum andere gängige Thesen zu kurz greifen

Eine alternative Lesart wäre, in den Beobachtungen eine Geschichte wachsender Marktmacht zu sehen. Wer höhere Preise durchsetzen kann, vereinnahmt mehr Umsatz, ohne mehr Personal zu brauchen. Doch diese Erklärung greift zu kurz, denn ein Anstieg der Gewinnaufschläge ist erst ab den 1980er-Jahren dokumentiert, der Konzentrationsanstieg setzt jedoch bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein. Vor allem aber erklärt Marktmacht nicht, warum auch der Kapitalbestand in ähnlichem Ausmaß in den größten Unternehmen gebündelt ist, während die Beschäftigungskonzentration stabil bleibt. Und sie erklärt nicht, warum im Handel, anders als in der Industrie, die Beschäftigungskonzentration parallel zur Umsatzkonzentration steigt.

Auch Outsourcing erklärt den ausbleibenden Beschäftigungsanstieg nicht. Lagerten Großunternehmen zunehmend Tätigkeiten und Beschäftigung an Zulieferer aus, müsste sich das in den volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen zeigen. Mehr Vorleistungen zwischen Unternehmen würden den Bruttoproduktionswert relativ zur Wertschöpfung steigen lassen, was in den untersuchten Ländern jedoch nicht der Fall ist. Schließlich greift auch der Verweis auf internationale Wertschöpfungsketten zu kurz. Denn die Konzentration steigt bereits in Phasen, in denen die heutige Form globaler Produktion nicht die gleiche Rolle spielte.

Größe ist nicht mit Marktmacht gleichzusetzen

Steigende Konzentration bedeutet aber nicht, dass in einer Volkswirtschaft zwangsläufig weniger Wettbewerb herrscht. Eine lange Forschungstradition zeigt, dass Größe und Konzentration keine verlässlichen Indikatoren für Marktmacht sind. Denn ein Unternehmen kann gesamtwirtschaftlich groß sein, ohne in einem bestimmten Markt ein Monopolist zu sein. Umgekehrt kann ein lokales oder spezialisiertes Monopol gesamtwirtschaftlich klein sein. Zudem können monopolpolitische Eingriffe auf Marktebene durchaus wirksam sein, auch wenn ihre Effekte in gesamtwirtschaftlichen Konzentrationszahlen kaum sichtbar werden.

Auch bedeutet ein Anstieg der Konzentration nicht automatisch, dass die Wirtschaft weniger dynamisch ist. Die seit 1955 veröffentlichte Fortune-Liste der größten amerikanischen Unternehmen zeigt eine hohe Fluktuation: Nur etwa 30 Prozent der damaligen Spitzenunternehmen sind dort heute noch vertreten. Auch die durchschnittliche Verweildauer eines Unternehmens im S&P 500 ist im Zeitverlauf deutlich gesunken. Eine ähnlich hohe Fluktuation ist auch unter den größten Unternehmen anderer Länder zu beobachten.

Größe im Zeitalter der KI

Der Anstieg der Unternehmenskonzentration ist kein Phänomen der vergangenen Jahrzehnte, sondern ein längerfristiger Trend. Vieles spricht dafür, dass langfristige, länderübergreifende Kräfte wie der technologische Wandel die Organisation wirtschaftlicher Produktion grundlegend verändern. Auf die 1000 größten US-Unternehmen entfällt heute etwa die Hälfte der Unternehmensumsätze. Die Wirtschaft unterscheidet sich somit stark von der Welt kleiner Metzger, Brauer oder Bäcker aus „The Wealth of Nations“. Die wachsende Konzentration bei Umsatz, nicht jedoch bei Beschäftigung, verschiebt das wirtschaftliche Gewicht zugunsten der größten Unternehmen, während Arbeitsplätze weiterhin breiter verteilt bleiben.

Für den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft bleibt das nicht folgenlos. Wenn Wachstum verstärkt in großen Unternehmen konzentriert ist, aber kaum neue Stellen schafft, könnte es einen Teil seiner integrativen Wirkung verlieren. Der jüngste Entwicklungsschub der Künstlichen Intelligenz verleiht der Frage nach der Rolle großer Unternehmen neue Aktualität. KI ermöglicht es Unternehmen, Umsatz und Produktivität auszuweiten, ohne im gleichen Maße zusätzliche Arbeitskräfte zu binden.

SAP, das wertvollste Unternehmen im DAX, erzielte 2025 mit rund 110.000 Mitarbeitern einen Umsatz von 37 Milliarden Euro. Das 2021 gegründete KI-Unternehmen Anthropic erzielt nach Schätzungen einen annualisierten Umsatz von ähnlicher Größenordnung, beschäftigt aber nur einige Tausend Menschen. Die entscheidende Frage ist somit, ob sich die Schere des vergangenen Jahrhunderts nun weiter öffnet: ob Umsatz und Kapital sich noch stärker bei wenigen Unternehmen bündeln, ohne dass deren Anteil an der Beschäftigung entsprechend mitwächst.

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