Bosch-Werbung spaltet die Türkei: Debatte über "Hundemütter"
نظرة سريعة
- Eine Bosch-Werbung zum Muttertag in der Türkei, die einen Hund als "Söhnchen" zeigt, hat den Zorn der Regierung auf sich gezogen.
- Kritiker werfen dem Unternehmen "Propaganda für Hunde statt Kinder" vor und sehen einen Affront gegen traditionelle Familienbilder.
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Eine Bosch-Werbung zum Muttertag in der Türkei, die einen Hund als "Söhnchen" zeigt, hat zu heftigen Reaktionen der türkischen Regierung und konservativer Kreise geführt. Die Regierung kritisiert den Spot als "Propaganda für Hunde statt Kinder" und als Angriff auf die "heilige türkische Familie".
Hunde als Familienmitglieder Wie eine Bosch-Werbung die Türkei spaltet
Mit einer Reklame zum Muttertag hat der deutsche Elektrowarenhersteller Bosch den Unmut der türkischen Regierung auf sich gezogen. Nun streitet das Land über »Hundemütter« und traditionelle Familienbilder.
Von Anna-Sophie Schneider
16.05.2026, 09.49 Uhr
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Treffen sich zwei Frauen in der Staubsaugerabteilung und geraten ins Plaudern. Sagt die eine zur anderen: »Sie sind wohl auch Mutter?« Nickt die andere und antwortet: »Er ist vier«. Beide scheinen sich einig, dass der angebotene Handstaubsauger sich hervorragend eignet, um Schmutz vom jüngsten Parkbesuch zu Hause zu beseitigen. »Kinder eben!«, seufzt eine der beiden. So beginnt eine Werbekampagne des deutschen Elektrowarenherstellers Bosch in der Türkei. Über die Pointe des zum Muttertag geschalteten Spots konnte die türkische Regierung allerdings nicht lachen.
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Die zweite Szene zeigt, wie eine der beiden Frauen mit dem noch verpackten Staubsauger nach Hause kommt. Sie ruft nach ihrem »Söhnchen«. Statt eines vier Jahre alten Jungen läuft ihr jedoch ein schwanzwedelnder Border Collie mit Teddy im Maul entgegen. Die Werbung schließt mit einem Muttertagsgruß an »alle Mütter«. Für konservative Kreise im Land ist das ein Affront.
Die islamistische Tageszeitung »Yeni Şafak« sieht in dem Werbespot einen Angriff auf die Familie. Das Blatt, das als Sprachrohr der Regierung gilt, kritisierte die Reklame in einem Leitartikel als »Propaganda für Hunde statt Kinder«. Wenig später schaltete sich dann die Medienaufsicht RTÜK ein. Mehmet Daniş, der Chef der Behörde, kritisierte die Reklame als »Entwürdigung des Mutterbegriffes« – und erkannte gar einen »Verstoß gegen den verfassungsrechtlichen Schutz der Familie« und eine Entweihung der »heiligen türkischen Familie«. Diese, so sei man sich im Land eigentlich einig, bestehe aus »Vater, Mutter, Kind«. Schließlich mischte sich auch Familienminister Mahinur Özdemir Göktaş ein.
Jede Liebe sei wertvoll, schrieb sie in einem Post auf der Plattform X. Der so hohe Wert der Mutterliebe dürfe jedoch nicht für eine kommerzielle Kommunikationsstrategie aufgeweicht werden. Das Ministerium kündigte rechtliche Schritte an. Der Ton war damit gesetzt. Doch warum sorgt ein 49-sekündiger Werbespot für derart heftige Reaktionen in Ankara?
Hintergrund ist die Familienpolitik von Recep Tayyip Erdoğan. Der Präsident nannte die sinkende Geburtenrate im Land erst kürzlich ein »nationales Sicherheitsproblem«. Mindestens drei Kinder solle jede Frau bekommen, so fordert es das türkische Staatsoberhaupt seit Jahren. Stattdessen steigt die Scheidungsrate im Land, das Heiratsalter ebenfalls, und die Zahl der Kinder nimmt stetig ab. Als Initiative dagegen hatte Erdoğan das Jahr 2025 zum »Jahr der Familie« erklärt und dehnte das Ganze später sogar auf ein »Jahrzehnt der Familie« aus. Mit einer Reihe von Maßnahmen sollen die Türkinnen wieder geburtenfreudiger werden, darunter eine Verlängerung der Elternzeit, mehr Kindergeld und zinslose Kredite für frisch verheiratete Paare. Wirkung zeigen die Maßnahmen bisher nicht.
Ärger der Regierung sorgt für Spott unter Kritikern
Viele Frauen in der Türkei möchten sich nicht mehr allein auf eine traditionelle Mutterrolle festlegen lassen. Vor allem in säkularen Kreisen wird die Einmischung in die Familienplanung als übergriffig und gestrig empfunden. Der Ärger über den Bosch-Werbeclips sorgt bei Regierungskritikern für Spott.
Journalistin Nevsin Mengü, bekannt für ihre oppositionelle Haltung, riet der Regierung in ihrer Youtube-Sendung »Bugün ne Oldu?«, sie solle sich besser um echte Probleme kümmern, statt sich über eine Reklame zu ärgern. Als Beispiele nannte sie Kinderarmut und die Wirtschaftskrise im Land. Wenn ein Staubsauger-Clip ausreiche, um die jahrtausendealte türkische Familienstruktur zu zerstören, sei diese Struktur ohnehin nicht besonders stabil, sagte sie. Andere, überwiegend junge Frauen, posteten Bilder von ihren »tierischen Kindern.« Auch Dilek İmamoğlu, die Ehefrau des inhaftierten Istanbuler Oberbürgermeisters Ekrem İmamoğlu, mischte sich ein.
Auf Instagram postete sie ein Bild eines Hundes und ein Foto, das ihren Ehemann mit einer Katze auf dem Schoß zeigt. Sie sei stolz, ihre Mutter zu sein«, schrieb Dilek İmamoğlu dazu. Die Frage, ob die Tiere als Familienmitglieder zählen, berührt noch einen weiteren sensiblen Punkt in der türkischen Gesellschaft.
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