Daniel Cohn-Bendit: "Ich bin stolz darauf, ein Verräter zu sein"
نظرة سريعة
- Daniel Cohn-Bendit spricht in einem Interview über seine Memoiren, seine Kindheit in Deutschland, seine politische Karriere, seine Haltung zum Pazifismus und die deutsche Linke.
- Er betont, dass er stets Antikommunist war und sich als "Verräter" an revolutionären Linien versteht, was er als Stärke betrachtet.
ملخص مُنشأ بالذكاء الاصطناعي
لماذا يهم
Daniel Cohn-Bendit, a prominent figure from the 1968 student protests, discusses his life and political evolution in an interview coinciding with the release of his memoirs. He reflects on his childhood experiences in Nazi Germany, his anti-communist stance, and his views on contemporary political issues.
Herr Cohn-Bendit, Sie haben vor Kurzem Ihre Memoiren veröffentlicht. Darin beschreiben Sie, wie Sie als Dreizehnjähriger mit Ihrer Mutter nach Frankfurt kamen: Sie hatten Angst vor Deutschland.
Mein Vater war aus dem Exil nach Deutschland zurückgekehrt, er arbeitete als Anwalt in Frankfurt. Und er war sehr krank, hatte Lungenkrebs. De facto waren meine Eltern getrennt. Aber das, was sie zusammen im Krieg erlebt haben, ging über die normale Bindung in einer Ehe hinaus. Deswegen war es selbstverständlich, dass meine Mutter kam, um ihn zu pflegen. Sie wusste, dass er eine Geliebte hat. Und die Geliebte wusste auch, dass meine Mutter kam. Das war alles gut so. Aber ich wollte auf keinen Fall nach Deutschland. Für mich war Deutschland ein Horror. Ich war ein Pariser Junge, was sollte ein Pariser Junge in diesem Nazi-Deutschland?
Was hat Ihnen in dieser Situation geholfen?
Die Odenwaldschule, dieses Glück, dass ich auf diese Schule gehen konnte. Einer der Lehrer dort war Ernst Jablonski, der als Résistance-Kämpfer den Namen Ernest Jouhy trug. Auch er hatte, wie meine Eltern, Kindern während der Zeit des Kriegs geholfen. Ich wollte auf keinen Fall auf eine deutsche Schule, aber die Odenwaldschule war für mich eine Art No Man’s Land. Heute zittert wegen der Missbrauchsfälle jeder, wenn man davon spricht. Aber man muss dabei auch den Kontext der Zeit berücksichtigen.
Sie wurden dann auch gleich deutscher Staatsbürger.
Bis dahin war ich staatenlos. In Frankreich war es so, dass jedes Kind, das auf französischem Boden geboren wurde, egal welcher Staatsangehörigkeit, sechs Monate das Recht hatte, Franzose zu werden. Doch meine Eltern waren, als ich 1945 auf die Welt kam, unsicher, wie es weitergeht. Meine Mutter wäre gerne nach Israel gegangen. Mein Vater dachte über Amerika nach, hatte aber Angst, eine neue Sprache lernen zu müssen. Und zum französischen Staat hatte er kein gutes Verhältnis. Weil er Deutscher war, hatte man ihn, den geflüchteten Juden, in sechs verschiedene Internierungslager gesteckt. Also zögerten meine Eltern – und dann waren die sechs Monate verstrichen.
Aber wieso entschieden Sie sich ausgerechnet für einen deutschen Pass?
Das war die Idee meines Vaters. Und es hatte mit Franz Josef Strauß zu tun. Der CSU-Politiker hatte als Verteidigungsminister beschlossen, dass Kinder von NS-Verfolgten nicht zur Bundeswehr eingezogen werden. Darum sage ich heute immer so gerne: Ich bin vermutlich der Einzige, der Deutscher geworden ist, um nicht zum Militär gehen zu müssen. Mittlerweile habe ich neben dem deutschen schon lange auch den französischen Pass. Aber am allerliebsten hätte ich einfach einen europäischen Pass, das wäre das Beste.
Beim Fußball schlägt Ihr Herz sowieso für die französische Mannschaft. Warum?
Natürlich ist man für die Mannschaft, mit der man aufgewachsen ist. Ich schwärmte als Kind für den Verein Stade de Reims und für die französische Nationalmannschaft. Als Junge war ich für die Helden der „Tour de France“. Das ist eine kulturelle, aber keine nationalistische Identifikation. Sie kann aber natürlich ins Nationalistische ausarten.
An der Odenwaldschule haben Sie dann gleich etwas Neues eingeführt: einen Wahlkampf um den Posten des Schülersprechers. War das der Beginn Ihrer politischen Karriere?
De facto: Ja. Aber geplant war das nicht. Ich hatte dort eine Rede gehalten, aus dem Fenster des Speisesaals im ersten Stock heraus, davor lag ein großer Platz. Ich versprach, einen Raum für die Selbstverwaltung der Schüler zu erkämpfen – und das hat auch geklappt. Mir hat das gefallen. Ich habe Wahlkämpfe immer geliebt.
Sind die nicht fürchterlich anstrengend?
Natürlich ist es wahnsinnig stressig. Und man muss sich motivieren. Jede Veranstaltung muss etwas Besonderes sein. Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen letzten Europawahlkampf im Jahr 2009. Ich hatte Hüftprobleme, ich hatte Schmerzen, es lief nicht gut an. Und dann schrieb eine Journalistin einen Artikel: Dany ist müde, der versteht Frankreich nicht, das ist alles zu viel für ihn. Und alle anderen Medien haben das übernommen. In den Umfragen lagen wir bei fünf, sechs Prozent. Doch dann kam es ins Rollen, der Wahlkampf machte Spaß, da war plötzlich eine Emotion. Wir hatten Musikgruppen, die für uns spielten, wir haben eine Stimmung geschaffen, alles hat gepasst. Am Ende erreichten wir 16 Prozent. Das ist irre, wenn es gelingt, das noch so zu drehen.
Bekanntgeworden sind Sie als Kopf der Pariser Studentenproteste im Mai 1968. Man nannte sie damals den „roten Dany“. Sie aber sagen: Ich war schon immer Antikommunist.
Ja, das war ich. Und zwar radikal, seit meiner Jugend. „Roter Dany“ nannte man mich nur wegen meiner roten Haare. Meine erste Demonstration, die ich gemeinsam mit meinem älteren Bruder gemacht habe, war 1956. Wir protestieren gegen den Einmarsch der sowjetischen Panzer in Budapest, da war ich elf Jahre alt. So antikapitalistisch ich war, so sehr war ich auch Anti-Sowjetunion. Denn man sah es doch deutlich: Der realexistierende Kommunismus basierte auf einer totalitären Ideologie.
Trotzdem wurden Sie zum Anführer dieser linken Bewegung. Ein Missverständnis?
Nein, Missverständnis ist falsch. Natürlich gab es damals trotzkistische Parteien und maoistische Parteien. Aber es gab auch eine andere, meiner Meinung nach viel größere Strömung: die Antiautoritären, die Libertären. Es gab dieses enorme Freiheitsbedürfnis, diese politisch-kulturelle Revolte gegen eine prüde und konservative Gesellschaft, gegen Lebensweisen, die uns nicht passten. Und dann war da noch diese Musik, die plötzlich hochkam. Ironisch könnte man sagen, dass die entscheidende politische Auseinandersetzung damals die Frage war: Ist man für die Beatles oder für die Stones?
Für wen waren Sie?
Die Stones, absolut. „Satisfaction“, das war meine Revolte.
Warum aber wurden Sie zur Ikone dieser Protestkultur?
Mein Talent war es, im richtigen Moment das auszusprechen, was die Menschen dachten. So wurde ich zu einem Lautsprecher einer Bewegung für ein anderes Leben. Und, ja, auch zu einem Posterboy. Das wurde für mich aber auch zum Problem. Ich war jung, 23 Jahre alt, stand im Rampenlicht und war davon überfordert. Man wollte mich zum Revolutionsführer machen, aber das war ich nicht. Ich wollte kein Che Guevara werden. Dass man mich schließlich aus Frankreich nach Deutschland auswies, war für mich auch eine Rettung. So wurde ich gezwungen, mich neu zu erfinden.
Kurz nach Ihrer Ausweisung reisten Sie noch einmal heimlich nach Frankreich, traten in einem Hörsaal der Sorbonne auf. Auf dem Rückweg verliebten Sie sich in einen Kino-Star: die Schauspielerin Marie-France Pisier.
Das war der Höhepunkt dieses Star-Moments. Marie-France hat mich in ihrem Auto über die Grenze gebracht, da ist diese Spannung zwischen uns entstanden. Ich würde sagen: Wir haben uns damals gegenseitig instrumentalisiert. Wir beide wussten, das wird nicht ewig halten. Wir waren ein Glamour-Paar: der Revoluzzer und die Schauspielerin. Und mit diesem Bewusstsein sind wir dann nach Sardinien gereist. Die Polizei hat uns beobachtet, die Paparazzi waren hinter uns her. Natürlich war das auch schmeichelhaft. Und es war der Beweis für meinen neuen Status: Hätten Marie-France und ich uns ein Jahr vorher getroffen, hätte sie mich nicht einmal angeguckt.
Als Sie Ihr Buch im proppenvollen Frankfurter Club Voltaire zum ersten Mal vorstellten, stand dort ein Mann, der dazwischenrief: In den Sechzigern warst du klüger, in den Sechzigern warst du analytischer. Trifft Sie der Vorwurf, ein Reformer statt eines Revoluzzers zu sein?
Der französische Philosoph und Ökologe André Gorz hat einmal ein Buch geschrieben: „Der Verräter“. Und ich bin der geborene Verräter. Den Vorwurf, ich verrate die revolutionäre Linie, den hörte ich von Anfang an. Auch 1968 war ich ein Reformer: Ich wollte versuchen, mehr Menschen mitzunehmen, wollte einen „Common Sense“ der Revolte formulieren. Als Antikommunist war ich Verräter. Später bei den Grünen war ich für die Radikalen um Jutta Ditfurth natürlich auch ein Verräter, ein Reform-Grüner. Und ein großer Verräter war ich für meine Partei auch, als ich im Bosnienkrieg eine militärische Intervention forderte, um den bosnischen Muslimen zu helfen. Im Grunde genommen bin ich stolz darauf, ein Verräter zu sein. Übrigens: Der Mann, der bei der Lesung dazwischenrief, kam danach noch zu mir und sagte: Dany, ich mag dich trotzdem.
Für die Grünen war Gewaltfreiheit lange ein Dogma. Ist Ihnen der Bruch mit dem Pazifismus schwergefallen?
Nein, und auch das hat mit meiner Biographie zu tun. Ich bin 1945 geboren. Gezeugt aber haben mich meine Eltern nach der Landung der Alliierten, im Juni 1944. Das heißt: Ich bin das Kind einer Militärintervention. Es gibt Momente, da braucht man Gewalt, um Menschen zu befreien. Ich erinnere mich an eine Diskussion mit einem General. Ich fragte ihn: Kann man die Frauen, die in Bosnien in Lagern gefangen gehalten und vergewaltigt werden, mit NATO-Truppen oder der Bundeswehr befreien? Und er antworte: Natürlich kann man das. Wie kann ich dann akzeptieren, dass Menschen massakriert werden, nur um meine eigene Position nicht infrage zu stellen? Ich habe den Pazifismus in Deutschland oft einen Panzer-Pazifismus genannt. Das heißt: Man baut sich einen emotionalen, politischen Panzer, um das Leiden der Opfer nicht wahrnehmen zu müssen. So ist es heute auch oft beim Krieg in der Ukraine.
Woran machen sie das fest?
Ich vermute, wenn die Historiker in 50 Jahren auf den Beginn des Ukrainekriegs und die Debatten darüber in Deutschland blicken, dann werden sie sagen: Das ist doch nicht zu verstehen. Da wurde gesagt: Wir unterstützen das Land radikal. Und dann wurden erst einmal nur Helme geliefert. Oder die Sache mit den Taurus-Raketen. Da hieß es, die können wir nicht liefern, weil die Ukraine damit Moskau angreifen könnte. Und jetzt haben die Ukrainer eigene Drohnen entwickelt, die dazu in der Lage sind, und wir wollen diese Drohnen haben. Da sieht man doch den Irrsinn.
Mit der deutschen Friedensbewegung verbindet Sie heute vermutlich nichts mehr.
De facto sind das alles Putin-Unterstützer – und deren Kopf ist Gerhard Schröder. Oder die Wagenknecht-Truppe: Wenn die nach den Landtagswahlen im Osten eine Mehrheit mit der AfD bilden können, dann werden die mit der AfD koalieren. Da bin ich mir sicher.
Einer Ihrer wichtigsten politischen Weggefährten war Joschka Fischer. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass der Unterschied zwischen Ihnen gewesen ist, dass Sie Einfluss wollten – und Joschka Fischer wollte Macht. Aber kann man das überhaupt so klar trennen?
Ihm war es wichtig, Mehrheiten zu erreichen, Minister zu werden, Vizekanzler, um Macht auszuüben. Das ist nicht verwerflich, im Gegenteil, das braucht man. Für mich aber war das Europaparlament ideal: Das war die Bühne, um Einfluss in den öffentlichen Debatten zu erlangen. Dazu kommt, dass ich immer viel zu sehr Hedonist gewesen bin. Diesem Stress eines Ministeralltags, mit all den Entbehrungen und Kompromissen, wollte ich mich nie unterwerfen.
Sie schreiben darüber, dass die französische und die deutsche Linke eines fundamental unterscheidet: das Verhältnis zum Luxus. Linke Franzosen lieben den Genuss, sind eleganter, die Deutschen puritanischer. Woran liegt das?
Als ich 1968 nach Deutschland kam, da fragte mich ein Journalist: Was ist für Sie Sozialismus? Da habe ich geantwortet: Austern für alle. Da sind die ganzen SDS-Leute völlig ausgerastet. So ein Bourgeoise, haben sie geschimpft. Dieser Unterschied hat tatsächlich etwas mit dem deutschen Protestantismus zu tun. Katholiken sind lebensoffener. Man kann über die Stränge schlagen, dann geht man beichten, und dann ist wieder alles gut.
Sie nehmen in Ihren Memoiren auch zu dem Skandal über Ihr autofiktionales Buch „Der große Bazar“ Stellung. In den Siebzigerjahren hatten Sie in Frankfurt in einem antiautoritären Kinderladen gearbeitet. In Ihrem Buch haben Sie in Ich-Form über sexuelle Annäherungen zwischen Erwachsenen und Kindern geschrieben. Die Journalistin Bettina Röhl warf Ihnen deshalb später sexuellen Missbrauch vor.
Diese Passagen in dem Buch waren sicherlich einer der größten Fehler meines Lebens. Es war ein Kurzschluss, dass ich das damals so geschrieben habe. Mir ging es darum, über kindliche Sexualität zu schreiben, ich wollte darauf hinweisen: Da gibt es ein Problem, das will man nicht angehen. Dass diese Passagen skandalisiert wurden, ist mit Recht geschehen. Mir war es wichtig, dies in meinen Memoiren zu thematisieren. Erstens hätte, wenn ich es nicht gemacht hätte, jeder gesagt: Er traut sich nicht. Und zweitens gehören zu einem Leben auch die Fehler dazu.
Ist Ihre große Lust an der Provokation ein Problem? Denken Sie häufiger mal, da hätte ich mich vielleicht zurückhalten oder vorsichtiger ausdrücken müssen?
Nur in diesem Fall, sonst nicht. Zu provozieren ist wichtig. Ich gebe Ihnen ein aktuelles Beispiel. Ich sage derzeit oft: Wer heute gegen die AfD ist, der muss auch sagen, dass in Israel Parteien wie die AfD mit an der Macht sind. Wofür der israelische Minister Itamar Ben-Gvir steht, das ist, was AfD-Politiker unter dem Begriff Remigration fordern. Ben-Gvir und auch sein Kollege Smotrich wollen Vertreibung und ethnische Säuberungen. Wenn ich das thematisiere, dann heißt es oft: Das kann man nicht vergleichen. Doch, das kann man vergleichen!
Sie sind bekannt als jemand, der den Streit und die Debatte liebt, Sie kämpfen für Meinungsfreiheit. Robert Habeck, den Sie bewundern, hat während seiner Zeit als Minister einen Mann angezeigt, der ihn als „Schwachkopf“ beleidigte. War das klug?
Nein. Da hat er die Nerven verloren. Er stand in dieser Zeit enorm unter Druck, er versuchte, die Ampelkoalition zusammenzuhalten, in diesem Moment hat er falsch reagiert. Ich habe grundsätzlich nie gegen jemanden eine Anzeige gestellt. So will ich keine Probleme lösen.
Die Hessische Landesregierung hat ein Gesetz in den Bundesrat eingebracht, das die Leugnung des Existenzrechts Israels unter Strafe stellen soll. Was halten Sie davon?
Das ist grundfalsch. Denn dabei geht es ja nicht um die Leugnung des Holocausts, sondern um etwas anderes. Den Zionismus zu kritisieren, ist per se nicht antisemitisch. Es gibt viele, die Israel scharf kritisieren, auch Israelis selbst. Das sind nicht alle Antisemiten. Zum Beispiel die Philosophin Judith Butler, die sich für die antiisraelische Boykottbewegung BDS einsetzt. Sie können sagen: Sie denkt falsch, sie ist irregeleitet. Ich selbst sage: BDS ist dumm, ist eine ideologisch völlig falsche Position. Aber trotzdem ist Butler keine Antisemitin. Im Europaparlament habe ich selbst dafür gestimmt, dass Waren aus den von Israel besetzten Gebieten boykottiert werden. Aber völlig falsch ist es, israelische Künstler, Musiker und Wissenschaftler zu boykottieren. Wir müssen gegen Antisemitismus kämpfen, aber bitte nicht mit irgendwelchen Gesetzen, die dann nur noch mehr Verwirrung produzieren. Manchmal ist das Bestgemeinte das
ما الذي يجب مراقبته
توقعات الذكاء الاصطناعي — احتمالات وليست حقائق
The Wagenknecht group will form a coalition with the AfD if they can achieve a majority in eastern state elections.
مرجح جداً · خلال أشهر
Historians in 50 years will find Germany's initial response to the Ukraine war incomprehensible.
مرجح · خلال سنوات
أسئلة مفتوحة
- What is the long-term impact of Cohn-Bendit's 'betrayal' stance on political discourse?
- How will Germany's approach to the Ukraine war evolve?
- What is the future of the German left in light of the AfD's rise?






