DFB-Elf: Die Suche nach dem zuverlässigen Torjäger für die WM 2026
In der angeblich windigen, in den vergangenen Tagen aber sehr sonnigen Stadt Chicago sind schon bemerkenswerte deutsche Sturmgeschichten geschrieben worden. Die gar nicht so bekannte, aber sehr gute von Karl-Heinz Granitza zum Beispiel, der als „King Bomber Karl“ mit Chicago Sting 1981 und 1984 amerikanischer Meister geworden ist.
Was man auch dann im gleichnamigen Buch des Journalisten Stefan Hermanns nachlesen sollte, wenn man sich gerade überhaupt für die erste – und glamourös-bunte – amerikanische Fußballepoche jener Jahre interessiert.
Drei von fünf deutschen WM-Spielen 1994 in Chicago
Oder die weithin bekannte, aber aus deutscher Sicht überhaupt nicht gut zu Ende gegangene der ersten amerikanischen Weltmeisterschaft 1994, als die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ihr Quartier in Chicago hatte und dort, im Soldier Field, auch drei von fünf Spielen absolvierte.
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Was man in der gerade erschienenen Dokumentation „Elf Helden - ein Albtraum“ des Regisseurs Manfred Oldenburg auch dann noch einmal anschauen sollte, wenn man sich dafür interessiert, was bei einem Turnier alles falsch gemacht werden kann.
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Das Einzige, worauf sich die zerstrittenen und sich im weltmeisterlichen Dünkel gefallenden Deutschen unter ihrem verlorenen und verratenen Trainer Berti Vogts halbwegs verlassen konnten, war: dass ihre Stürmer trafen.
Jürgen Klinsmann jeweils einmal beim 1:0 im Eröffnungsspiel gegen Bolivien und beim 1:1 gegen Spanien, zwei Mal beim 3:2 gegen Südkorea und dann noch ein Mal beim 3:2 gegen Belgien, und Rudi Völler, der zu diesem Sieg im Achtelfinale zwei Tore beisteuerte – die Länderspieltreffer 46 und 47 und zugleich die letzten des heutigen DFB-Sportdirektors.
Kommen bei den Deutschen verlässlich Tore heraus?
Wenn man sich nun dafür interessiert, wie weit es für die Deutschen bei der WM des Jahres 2026 gehen kann, dann ist das eine der beiden vielleicht entscheidenden Fragen, neben der nach der nötigen Seniorität im Zentrum: Ob es Julian Nagelsmann und seiner Mannschaft gelingt, ihren Reichtum an Offensivkräften und -künsten so zu arrangieren, dass auch verlässlich Tore dabei herauskommen.
Und das nicht nur gegen Finnen, Schweizer und Slowaken, sondern, wenn es sein muss, auch gegen die Franzosen, einen möglichen Gegner im Achtelfinale.
Am Mittwochnachmittag saß im Teamhotel „Waldorf Astoria“, zehn Gehminuten vom Lake Michigan entfernt, Kai Havertz vor einem Bildschirm. Es war die erste digitale Pressekonferenz des DFB nach der Ankunft in Chicago am Dienstag, Havertz war nach dem Champions-League-Finale nicht mit dem Linienflug der Mannschaft aus Frankfurt, sondern separat gekommen. Aber als was er nun dasaß, konnte – oder wollte – er selbst nicht so genau sagen.
Zwar habe er beim Nationalteam in der letzten Zeit vor allem auf der „Neun“ gespielt, aber das müsse für das Turnier nichts heißen, er sei nun mal ein vielseitiger Spieler. Was er aber schon sagen konnte und wollte: dass sich das in erster Linie auf die offensiven Rollen bezieht.
Nagelsmann und Arteta setzen auf „Neuner“ Havertz
Nagelsmann hatte ihn ja in einer Geschichte, die nicht so gut ausging, mal als Linksverteidiger ausprobiert. Was der Bundestrainer auch danach noch lange als gute Idee verkaufte, während Havertz, wenn man ihn darauf ansprach, schmunzeln musste.
Im Hier und Jetzt spricht viel dafür, dass Havertz auch bei Nagelsmann auf der Position gesetzt sein dürfte, die er zuletzt auch meist bei Mikel Arteta in London spielte und die ihm schon am liebsten ist: als „Neuner“.
Es wäre jedenfalls eine Überraschung, wenn nicht er dort beginnen würde, wenn am 14. Juni die WM für die Deutschen in Houston gegen Curaçao losgeht, aber auch schon an diesem Samstag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu DFB-Länderspielen und bei RTL) im Soldier Field von Chicago im letzten Test gegen die USA, einem Spiel, von dem Havertz sagte, dass die Mannschaft es angehen werde „wie ein WM-Spiel“.
Was zuletzt zumindest in der öffentlichen Debatte ein wenig Bewegung in die Lage gebracht hat: Dass in Havertz’ Abwesenheit Deniz Undav beim 4:0 gegen Finnland ziemlich zuverlässig das Tor fand.
Bei der EM 2024 gab es noch Niclas Füllkrug
Aber auch wenn es in Undavs Fall noch eine Art Körperverwandtschaft zu einer deutschen Stürmerlegende geben mag: Dass im Lauf dieser WM sinngemäß (und in sprachsensiblerer Form) von einem „King Bomber Deniz“ geschrieben wird, ist nicht viel wahrscheinlicher als ein „King Bomber Kai“ oder ein „King Bomber Nick“.
Einen Stürmer, wie er im Buche steht, hat der deutsche Fußball nicht mehr; er hatte ihn noch bei der EM 2024, als Niclas Füllkrug mit Havertz um die Rolle als Nummer neun konkurrierte, und er hätte ihn vielleicht haben können, wenn Tim Kleindienst rechtzeitig wieder fit geworden wäre.
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So besitzt Nagelsmann einen Kandidatenkreis, der zwar schon unterschiedliche Profile besitzt; als Havertz diese am Mittwoch beschreiben sollte, lobte er Undav für dessen „Riecher in der Box“ und die „Top-Quote“ in der vergangenen Saison, Woltemade dafür, „technisch am Ball top“ zu sein, sich selbst beschrieb Havertz als „Zwischending aus beiden“, was man auch als ein höfliches Understatement dafür betrachten konnte, dass er der kompletteste und vor allem der technisch mit Abstand beste ist.
Aber auffallender als das, was sie im Detail trennt, ist das, was sie im Kern verbindet. Alle drei haben gern den Ball am Fuß und kommen mit diesem auch mal eher aus der Tiefe des Raumes, als dass sie im Strafraum lauern: ein bisschen Stürmer, aber auch ein bisschen Schleicher.
Kein Deutscher trifft so zuverlässig wie King Kane
In Verbindung mit den anderen Offensiven, neben Florian Wirtz und Jamal Musiala neuerdings auch Lennart Karl, lässt das einerseits das Bild einer Mannschaft entstehen, die sich in dieser Breite vor keiner anderen verstecken muss.
Vor Julian Nagelsmanns Auge vielleicht sogar eine, die ähnlich wie die Bayern den Gegner mit Dominanz erdrücken soll (er entschied sich auch deshalb gegen den Konterspieler Said El Mala). Die andererseits aber in der Spitze niemanden hat, der das Tor so zuverlässig findet wie King Harry Kane. Auch wenn Havertz zuletzt mit seinem wunderbaren Führungstreffer gegen PSG beinahe schon sein zweites Champions-League-Finale entschieden hätte.
Da ist es für die Story dieses Sommers vielleicht ganz gut, dass er mit dem FC Arsenal auch noch als Gewährsmann für etwas anderes stehen kann: die Bedeutung der Standardsituationen, von der viele Experten sagen, dass sie bei dieser WM größer denn je werden könnte, wegen der hohen Temperaturen und der Belastungen insgesamt.
Das erinnert dann wiederum an eine ziemlich gute Geschichte, die nicht in Chicago und nicht in den Vereinigten Staaten, sondern in Brasilien spielte. Wobei zum guten Gefühl der Deutschen in jenem Sommer 2014, daran sei zumindest erinnert, auch ein Mann namens Miroslav Klose beitrug. Einer, der zwar schon ein bisschen Schleicher, vor allem aber doch ein spitze Stürmer war.




