MAN-Motoren: Deutsche Hightech-Produkte landen trotz Sanktionen auf russischen Militärschiffen
In einem Interview mit einem russischen Internetportal im April 2025 erklärte Leonid Grabowez, der heutige Eigentümer der Werft, sein Unternehmen erhalte „kontinuierlich Aufträge vom russischen Verteidigungsministerium und den Grenztruppen des FSB der Russischen Föderation“. Vor allem für den Bau von Schwimmkränen für die russische Marine – und für Patrouillenboote der Küstenwache des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB. Und genau in so einem Schiff sollen nach Informationen der Süddeutschen Zeitung und des Londoner Dossier Center, einer von Kremlkritiker Michail Chodorkowskij finanzierten Online-Rechercheplattform, jüngst zwei Zwölf-Zylinder-Aggregate des Münchner Motorenbauers MAN gelandet sein. Und das, obwohl Teile für das russische Militär und die Geheimdienste seit Moskaus Angriffskriegs auf die Ukraine mit strengen Sanktionen belegt sind.
Aus der Türkei über Hongkong nach Russland: Die Route für Sanktionsumgeher
Das fragliche Schiff, in dem die Maschinen Made in Germany, Typ V12-2000, ihren Dienst tun sollen, gehört zum Projekt „12200 Sobol“. Dabei handelt es sich um Hochgeschwindigkeits-Patrouillenboote, die der FSB etwa zum Abfangen kleiner Schiffe und für operative Einsätze in der Ostsee nutzt. Aber auch im Krieg gegen die Ukraine sind Schiffe dieses Typs im Einsatz. In der Nacht zum 30. April wurde ein FSB-Boot der„Sobol“-Klasse nahe der Brücke von Kertsch von einer ukrainischen Seedrohne getroffen und versenkt.
Nach Informationen von SZ und Dossier Center waren die beiden jeweils 2000 PS starken MAN-Schiffsdiesel eigentlich für den Einbau in einer Luxusyacht einer türkischen Werft vorgesehen. Doch stattdessen landeten die Maschinen, vermutlich über den Umweg Hongkong, bei der russischen Militärwerft in St Petersburg – offenbar ohne das Wissen von MAN. Das geht aus russischen Zoll- und Steuerunterlagen hervor. Außerdem wurden die Vorgänge von einer hochrangigen Quelle bestätigt, die mit den Hintergründen des Weiterverkaufs der Motoren von der Türkei nach Russland vertraut ist.
Russland, sagen hiesige Sicherheitsbehörden, sei auch im Jahr fünf seines Angriffskrieges gegen die Ukraine abhängig von deutschen Produkten, um seine Kriegsmaschine am Laufen zu halten. „Vor allem im High-Tech-Bereich, bei Computerchips, in der Maschinenbautechnologie, aber auch bei Labortechnik ist Russland auf westliche Importe, auch aus Deutschland, angewiesen“, so ein Experte. Offenbar auch auf hochmoderne Schiffsmotoren: Wie aber kamen die MAN-Aggregate in den Besitz der St. Petersburger Militärwerft?
Rückblick: Die Vicem-Werft, im Istanbuls Industrieviertel Tuzla gelegen, baut seit den 1990er-Jahren klassische Luxusyachten zwischen 13 und 46 Metern Länge. Die Firma ist mit bislang rund 150 weltweit ausgelieferten Schiffen einer der größten Hersteller von Luxusyachten in der Türkei. Einer ihrer Bestseller ist die Vicem 107 Cruiser. Das 32,5 Meter lange Boot kann je nach Ausbau einen zweistelligen Millionen-Dollar-Betrag kosten.
Am 10. Dezember 2024, einem Dienstag, bestellt Vicem um die Mittagszeit per Mail zwei Motoren des Typs V12 2000 plus Zubehöre bei MAN-Türkei. Kein unüblicher Auftrag, immerhin liefern die Münchner schon seit längerem immer wieder mal Antriebe für den türkischen Schiffsbauer. Es sind vielleicht ein Dutzend im Jahr.
MAN, die „Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg“, verkauft seit fast 130 Jahren Schiffsmotoren. Heute baut das Unternehmen auch Motoren zur Stromgewinnung, für Bau- und Landmaschinen – und natürlich Lkw und Busse. Vor 15 Jahren übernahm der Volkswagenkonzern den Motorenbauer, seitdem gehört MAN zur VW-Nutzfahrzeuge-Holding Traton Group.
MAN schreibt explizit eine „No-Re-Export-to-Russia“-Klausel in seine Verträge
RussiaRegelmäßig lässt sich MAN bestätigen, dass ihre Motoren auch tatsächlich in der Türkei bleiben, inklusive einer Klausel „No Re-export to Russia“, keine Weiterleitung nach Russland. Beides unterschreibt Vicem, auf den Dokumenten prangt der Firmenstempel. Ende Juli 2025 sind die beiden Aggregate fertig , werden in München verladen und per Lkw in die Türkei gebracht, wo sie am am 24. September bei Vicem ankommen. Wert der Lieferung: rund 550 000 Euro.
Nach Informationen von SZ und dem Dossier Center hat Vicem die Motoren aber nach Auslieferung nicht selber verbaut, sondern stattdessen offenbar direkt weiterverkauft – auf verschlungenen Pfaden. Über einen türkischen Zwischenhändler sollen die Motoren an die Firma TPO Kronstadt im russischen St. Petersburg gegangen sein, einen Zulieferer für die Schiffsbau- und Ölindustrie. Aus russischen Handelsdaten geht hervor, dass Kronstadt sie dann an den Patrouillenboot-Bauer Almaz weiterverkaufte, für rund 760 000 Euro. Ein satter Sanktionsumgehungs-Aufschlag zum ursprünglichen Preis. Ob die Motoren inzwischen, wie von einer Quelle behauptet, schon in einem „Solbol“-Boot ihren Dienst tun, ist unklar. Fakt ist aber, dass die St. Petersburger Werft vor Jahren tatsächlich mal Geschäftsbeziehungen zu MAN unterhielt. Almaz kaufte vor 2014 bisweilen 16-Zylinder-Dieselaggregate in München für ihre Schnellboote.
Von der SZ mit ihren Recherchen konfrontiert, startet MAN Mitte April eigene Ermittlungen. Sie schicken mehrere Mitarbeiter zu Vicem nach Istanbul, doch die stoßen dort auf eine Mauer des Schweigens. Nur so viel kriegen sie zu hören: Die Motoren seien nicht mehr in der Türkei, man habe sie weiterverkauft. Alles was die Türken vorlegen, sind zwei Zolldokumente. Demnach wären die beide Maschinen am 24. September 2025, also noch am Tag ihrer Ankunft aus Deutschland, an eine Scorpion’s Holding Limited weiterverschifft worden. Eine Briefkastenfirma in Hongkong, wie sich herausstellt.
Und was für eine: Seit Mitte September vergangenen Jahres steht die Scoprion’s Holding auf den Sanktionslisten von Briten und Ukrainern, wegen „Unterstützung und Mithilfe bei der bewaffneten Aggression gegen die Ukraine“. So soll, unter anderem, der illegale Export einer österreichischen Werkzeugmaschine für die russische Rüstungsindustrie über Scorpion’s abgewickelt worden sein.
Was auch zu dem Fall passt: Westliche Geheimdienste gehen davon aus, dass einer der Wege für den russischen Import von Sanktionsware neben Dubai und Kasachstan vor allem über die Türkei führt – und über Hongkong. Und fast immer in die Beschaffung involviert sind Putins Geheimdienste. Es spricht also vieles dafür, dass auch die MAN-Motoren über die Türkei und Hongkong letztlich ihren Weg nach St. Petersburg fanden.
MAN jedenfalls hat seine Geschäftsbeziehungen zu Vicem inzwischen gekappt. Man habe schon vor dem Vorfall „die Kontrollmaßnahmen in den vergangenen Jahren noch mal deutlich verschärf“, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. So prüfe man „Geschäftspartner in für Umgehungsgeschäfte bekannten Ländern zusätzlich mit einer sehr detaillierten Due-Dilligence“. Im Zweifel verzichte man auch auf ein Geschäft, „um keinerlei Risiko einzugehen.“ Die Einhaltung gesetzlicher und interner Vorgaben „hat bei uns allerhöchste Priorität“, heißt es aus München. Zur Aufklärung des Sachverhalts habe man zudem unverzüglich eine interne Compliance-Untersuchung eingeleitet. Vicem dagegen ließ Fragen zu den Vorgängen unbeantwortet, ebenso wie der russische Vermittler Kronstadt und die Almaz-Werft.
Womöglich sind die beiden Zwölfzylinder, die der deutsche Traditionsbetrieb vergangenes Jahr an Vicem geliefert hat, aber nicht die einzigen Motoren, die statt in türkischen Luxusyachten in russische Militärschiffe landeten. Ende Januar 2026 lieferte MAN vier weitere Schiffsdiesel an die Werft in Istanbul. Und auch sie sind, allem Anschein nach, von den Türken weiterverkauft worden. Stattdessen tauchte ein weiteres Dokument auf, ausgestellt von der Zolldirektion Derince in der türkischen Marmararegion. Danach hat Vicem am 25. Februar vier weitere MAN-V-12 2000-Motoren „plus Zubehör“ an eine Firma namens Hongkong Pokwing Business CO Ltd verschifft. Haupt-Exportland der Firma ist laut internationalen Handelsdatenbanken: Russland. Nutzte die St. Petersburger Militärwerft etwa diese neue Honkong-Firma zur Sanktionsumgehung, weil Scorpion’s schon im Visier von Behörden war?
Dazu passt die Aussage eines Insider gegenüber dem Dossier Center. Die Quelle behauptet, der Deal aus dem September 2025 sei nicht der einzige gewesen, bei dem MAN-Schiffsmotoren über den Umweg Türkei in russischen Militärschiffen landeten. „Vicem bestellt bei MAN-Dieselaggregate für Yachten. Die Motoren kommen in der Türkei an, werden aber weiter verschifft, und stattdessen werden Motoren anderer Hersteller in die Vicem Yachten eingebaut.“ Klingt nach türkisch-russischem Hütchenspielertrick – mit Hightech-Motoren made in Germany.



