Neurowissenschaftlerin: "Schmerz ist der größte Treiber für Veränderung"
نظرة سريعة
- Neurowissenschaftlerin Laura Wünsch erklärt, warum Menschen und Gesellschaften oft erst durch Schmerz zu Veränderungen bereit sind.
- Sie kritisiert die deutsche Politik für mangelnde Klarheit und betont die Wichtigkeit von Geschichten und Vorbildern für echten Wandel.
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Die Deutschen sind gelähmt von den vielen Krisen, müssen sich aber verändern. Das gelingt oft erst durch Schmerz, sagt die Neurowissenschaftlerin – und der muss noch größer werden. Kirsten Ludowig, Sven Prange 02.06.2026 - 14:58 Uhr Artikel anhören
Düsseldorf. Frau Wünsch, gerade wirken viele Krisen auf die Menschen im Land ein. Wir haben kaum Wirtschaftswachstum, Reformstau, eine AfD im Höhenflug und ein geopolitisches Umfeld, das angespannter kaum sein könnte. Sie sind Neurowissenschaftlerin, was geht gerade in den Köpfen der Deutschen vor?
Viele Menschen haben Angst und sind gestresst, weil unser Gehirn 1.0 auf eine Welt 4.0 trifft. Es gibt Studien, die zeigen, dass unsere Vorfahren aus dem Mittelalter in ihrem gesamten Leben so viele News erhalten haben wie wir heute in einer Stunde. Ich nenne das Push-Nachrichten vom Säbelzahntiger. Unser Gehirn kann mit der schieren Masse an Informationen nichts anfangen. Ein Großteil ist auch gar nicht wichtig für uns oder betrifft Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben. Das ist ein Dilemma.
Liegt das an der Menge oder daran, dass unser Gehirn ständig alarmiert ist?
Beides hängt zusammen. Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen einer realen Gefahr vor der eigenen Haustür und einer abstrakten Bedrohung wie dem Ukrainekrieg, der Tausende Kilometer entfernt passiert. Die Stressreaktion ist in beiden Fällen ähnlich.
Dazu fällt mir ein Spruch ein, den ich mal vor vielen Jahren auf einer Hauswand gelesen habe: Angst entsteht im Kopf durch die Fantasie, die die Situation schafft.
Ja, die schlimmsten Dinge, die uns je in Gedanken passiert sind, sind im wahren Leben gar nicht passiert. Und viele unserer Ängste und Sorgen sind nicht neu. Wir hatten sie gestern, vorgestern, und wir werden sie morgen wieder haben.
Was tun Sie selbst, um in dieser Welt 4.0 mit Ihrem Gehirn 1.0 zurechtzukommen?
Ich bin ein großer Fan der Stoiker. Die antiken Weisen wussten schon: Ich kann weder die Welt noch andere Menschen verändern. Also muss ich meine eigene Umgebung so gestalten, dass sie meinem Steinzeit-Gehirn guttut. Ich habe alle sozialen Medien gelöscht. Ich schaue nur einmal morgens kurz Nachrichten, weil ich es für meinen Beruf brauche. Ich schlafe ausreichend, bin viel draußen, bewege mich und suche echte Verbindungen zu Menschen. Das klingt vielleicht merkwürdig. Aber es funktioniert.
Neurowissenschaftlerin Wünsch: „Die Realität ist ernüchternder, als viele Politiker und Manager es wahrhaben wollen.“ Foto: Klaudia Taday
Sind wir Deutschen besonders pessimistisch, Stichwort „German Angst“?
Ich bin nicht die Psychologin der Nation, aber wir haben alle die gleichen Gehirne. Der Säbelzahntiger stresst uns alle, genauso wie soziale Medien. Es hängt eher von der Persönlichkeit ab. Es gibt auch viele relaxte Deutsche und ängstliche Amerikaner, zum Beispiel sogenannte Prepper, die Vorräte horten und Schutzräume bauen.
In Deutschland herrscht gerade eine zentrale Erzählung vor: Jeder und jede Einzelne muss sich grundlegend verändern, damit es wieder aufwärtsgeht. Es klingt bei Ihnen aber so, als sei das gar nicht so einfach möglich ...
Die Realität ist ernüchternder, als viele Politiker und Manager es wahrhaben wollen. Objektiv betrachtet sind wir sehr privilegiert. Wir leben in Sicherheit, haben Zugang zu medizinischer Versorgung und Bildung, wir sind mobil. Das Gute überwiegt de facto immer noch das Schlechte. Aber unser Gehirn versteht das nicht. Es ist anders trainiert.
Der größte Treiber für echte Veränderung ist nicht Hoffnung, nicht Vernunft, nicht sachliche Einsicht – es ist Schmerz. Laura WünschNeurowissenschaftlerin
Haben Sie ein Beispiel?
Schauen wir auf unsere Ernährung: Wir bekommen Heißhunger auf Süßes und Fettiges, weil das für den Neandertaler überlebenswichtig war. Evolutionär macht das Sinn, heute ist es schlecht für unsere Gesundheit. Genauso ist es mit Veränderungsbereitschaft. Der Mensch ist grundsätzlich neophob ...
... fürchtet also das Neue.
Genau. Wir brauchen Kontrolle, wir haben unsere kleinen Rituale. Das gibt uns Halt und Kraft. Deshalb neigen wir dazu, Veränderung so lange aufzuschieben, wie wir können. Mark Twain soll gesagt haben: Der einzige Mensch, der Veränderung will, ist ein Baby mit vollen Windeln. Wir Deutschen sind Gedankenriesen, aber Umsetzungszwerge.
Vita Laura Wünsch
Laura Wünsch studierte Neuropsychologie in Konstanz und promovierte an der Uni Duisburg-Essen. Sie erforschte, wie sich Gehirn, Immunsystem und Psyche gegenseitig beeinflussen.
Sie gibt Workshops zu psychischer Gesundheit und coacht Führungskräfte zu emotionaler Resilienz.
In ihrem Buch „Kopfsalat und Bauchgefühl“ gibt sie Tipps gegen Stress, belastende Gedanken und Krisen.
Würde es helfen, wenn wir als Gesellschaft – in den Medien, in der Politik, in Gesprächen, im Alltag – bewusst mehr das Positive hervorheben?
Studien zeigen das, aber es ist unfassbar schwer umzusetzen. Worüber reden Menschen? Über Probleme, Streit, Klatsch. Das ist keine Frage des Charakters, das ist die Mechanik unseres Gehirns. Wir brauchen Drama, zu viele Fakten langweilen uns. Und genau so funktionieren auch die sozialen Medien: Empörung und Aufregung erzeugen mehr Klicks, mehr Reaktionen, mehr Reichweite.
Trotzdem schaffen es Menschen, Unternehmen oder auch Gesellschaften, sich zu verändern – wie gelingt das?
Der größte Treiber für echte Veränderung ist nicht Hoffnung, nicht Vernunft, nicht sachliche Einsicht – es ist Schmerz. Oder genauer: ein ausreichend hoher Leidensdruck. Wir wissen aus der Medizin, dass Menschen, die mit einem Herzinfarkt auf dem Operationstisch lagen, aus dem Krankenhaus entlassen werden und sich erst mal eine Zigarette anzünden. Der Mensch ist kein Homo oeconomicus. Der Mensch ist ein Homo bananicus, wie ich gern sage. Wir handeln selten rational.
Instagram, Tiktok, Snap
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Das klingt, als müsste es Deutschland und uns noch viel schlechter gehen, bevor sich wirklich was bewegt?
Das ist leider die logische Konsequenz aus dem, was wir wissen. Ich bin mit sehr vielen Mittelständlern im Gespräch, und viele sagen mir: „Wir spüren in Deutschland schon lange, dass etwas nicht stimmt. Wir haben viel geredet – mit Merkel, mit Scholz, mit Merz. Aber es passiert nichts.“ Die Regierung verhält sich wie in einer kaputten Ehe: Beiden ist klar, dass es so nicht weitergeht, aber keiner spricht es aus.
Das heißt, Union und SPD müssten zur Paartherapie?
Ja, wenn es dafür nicht zu spät ist. Viele Ehen scheitern, wenn die Kinder aus dem Haus oder beide in Rente sind – und die Ehepartner sich wirklich miteinander beschäftigen müssen.
Geschichten sind alles. Das wissen wir schon sehr lange – und trotzdem nutzen wir diese Erkenntnis wenig. Laura WünschNeurowissenschaftlerin
Welche Rolle spielen Geschichten bei Veränderung – also Narrative? Das Wirtschaftswunder war ja auch ein Narrativ, das damals gezogen hat.
Geschichten sind alles. Das wissen wir schon sehr lange – und trotzdem nutzen wir diese Erkenntnis wenig. Geld ist eine Geschichte. Religion ist eine Geschichte. Grenzen sind Geschichten. Nationen auch. Die AfD macht das sehr konsequent auf Tiktok – einfache Botschaften, klare Bilder, das Gefühl von: „Ich bin dein Kumpel.“ Je simpler und emotionaler die Geschichte, desto besser.
Müssen wir uns auch mehr unangenehme Wahrheiten zumuten?
Ja, das ist der Schlüssel – klare und ehrliche Kommunikation, eingebettet in eine Geschichte, die Menschen mitnimmt.
Angela Merkel beim CDU-Parteitag 2026: „Merkel hat Kontrolle vermittelt. Man wusste, was man bekommt“, sagt Laura Wünsch. Foto: Kay Nietfeld/dpa
Angela Merkel war eher das Gegenteil davon – keine mitreißende Erzählerin, nüchtern. Trotzdem war sie 16 Jahre Kanzlerin. Wie erklären Sie sich das?
Das ist komplex, aber entscheidend war: Merkel hat Kontrolle vermittelt. Man wusste, was man bekommt. Und das hat dem Gehirn etwas Wichtiges gegeben – Sicherheit. In Zeiten, in denen es wirtschaftlich vergleichsweise gut lief, reichte das.
Warum fällt es Deutschlands Führungskräften, ob in Politik oder Wirtschaft, so schwer, Klartext zu reden?
Wer Dinge offen ausspricht, macht sich angreifbar. Wer eine konkrete Entscheidung trifft, trägt die Verantwortung dafür. Deswegen wird drum herum geredet. Das sehen wir nicht nur in der Politik, sondern auch in Unternehmen. Die Regierung sagt: „Der Staat muss sparen“, aber sie sagt nicht, wo. Das Unternehmen sagt: „Wir bauen Tausende Stellen ab“, aber es sagt nicht, wer seinen Job verliert. Das führt zu Misstrauen und Fatalismus. Dazu kommt das Bedürfnis des Staates zu kontrollieren, also Bürokratie.
Spricht da die Unternehmerin?
Es ist zermürbend, was in der Selbstständigkeit an Schreibtischarbeit auf dich zukommt. Du hast ständig Angst, falsche Angaben zu machen oder was zu übersehen. Das ist maximal lähmend, so können keine neuen Ideen und Innovationen entstehen. Dafür braucht es ein vertrauensvolles und spielerisches Umfeld – und das sehe ich hier in Deutschland nicht.
Wird das dadurch verschärft, dass Deutschland eine relativ alte und immer älter werdende Gesellschaft ist?
Nicht unbedingt. Viele glauben, alle Alten sind gleich. Die Forschung zeigt aber, dass es keine Kohorte gibt, die so unterschiedlich ist. Junge Erwachsene haben zum Beispiel viel mehr gemeinsam. Was wir wissen, ist: Du wirst als alter Mensch extremer, als du jetzt gerade bist. Wenn du kreativ bist, wirst du noch kreativer. Wenn du konservativ und kontrollierend bist, wirst du noch mehr zum „Kontrolletti“.
Menschen fotografieren Singapur bei Nacht: Das Land mute seinen Bürgern viel zu und sei so zu einem der reichsten der Welt geworden, sagt Laura Wünsch. Foto: Bloomberg
Wenn ich als Managerin oder Politiker weiß, wie irrational Menschen sind und wie stark sie sich an das klammern, was sie haben, zum Beispiel ihren Wohlstand: Was müsste ich dann tun, wenn ich sie wirklich dazu bringen will, sich zu verändern?
Das Wichtigste ist: Ruhe ausstrahlen. Wer führt und Sicherheit vermittelt, gibt den Menschen um sich herum etwas, woran sie sich festhalten können. Und dann, wie gesagt: eine Geschichte erzählen. Nicht kompliziert, nicht mit Vorbehalten und Konjunktiven, sondern direkt und verständlich. Selbst ein Vorbild sein und sich Vorbilder – andere Länder, andere Unternehmen – suchen nach dem Motto: „Wenn wir uns genauso anstrengen, dann können wir es auch schaffen!“ Singapur zum Beispiel mutet seinen Bürgern viel zu und ist damit zu einem der reichsten Länder der Welt geworden.
Das müssen Sie genauer erklären.
Wenn man als Ausländer in Singapur seinen Job verliert, dann muss man innerhalb kürzester Zeit entweder einen neuen Arbeitgeber finden oder das Land verlassen. Wer seinen Kaugummi nicht in den Müll, sondern auf die Straße spuckt, muss mehrere Hundert Euro Strafe zahlen. Das muss man nicht gut finden, aber es sind klare Regeln, die für alle gelten. Wir wissen nämlich auch: Fairness und Egalitarismus, also die Vorstellung von der Gleichheit der Menschen, führen zu mehr Zufriedenheit.
Ich bin Optimistin, aber auch Realistin. Uns geht es noch zu gut, um wirklich aufzuwachen. Laura WünschNeurowissenschaftlerin
Kommt dann nicht das Argument, dass sich die Extrameile nicht mehr lohnt?
Ja, aber dem würde ich widersprechen. Die meisten Menschen wollen von der Gesellschaft wertgeschätzt werden – und das werden sie nur, wenn sie etwas leisten. Wir wollen ein Geben und Nehmen.
Glauben Sie daran, dass Deutschland es raus aus der Krise schafft?
Ich bin Optimistin, aber auch Realistin. Uns geht es noch zu gut, um wirklich aufzuwachen. Den einen notwendigen Schock wird es nicht geben – es werden viele Schocks auf einmal passieren müssen.
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Nämlich?
Wahrscheinlich müssen noch mehr Fachkräfte das Land verlassen, noch mehr Menschen ihren Job verlieren und noch mehr AfD-Politiker in Landtage einziehen. Ich hoffe, dass diese Schocks uns dazu zwingen, uns endlich ehrlich miteinander auseinanderzusetzen. Wie in der kaputten Ehe, die kurz vor dem Scheitern steht: Manchmal ist genau dieser Moment der Beginn von etwas Neuem.
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Erstpublikation: 15.05.2026, 04:00 Uhr.
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